1. Infos zur Heimatstube, 2. "Feldpostbriefe, 3. Geschichte der Kirche Band 5 und 6, 4. Kirchturmgeschichte, 5. Willkommen Ämilia!

Die Seydaer Heimatstube und das Seydaer Heimatmuseum... 

befinden sich in Seyda in der Triftstraße 39 über den Räumen der
Arbeiterwohlfahrt;
Geöffnet von Monatag bis Donnerstag von 13.00 - 15.00 Uhr;
Dienstags von 13.00 bis 17.00 Uhr oder nach Vereinbarung; Tel.
035387/42027oder 42237;
Die Stadt Seyda stellt dem Heimatverein die Räume zur Verfügung.;
1995 wurde eine Heimatstube eingerichtet und;
1996 ein kleines Museum eröffnet.;
In Zusammenarbeit mit der Grundschule wird eine Kindertrachtengruppe
betreut.;
Alles zusammen betreibt der Seydaer Heimatverein e.V. teils
ehrenamtlich; teils über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.;
In den Wintermonaten lädt der Heimatverein zur Chronik - Lesung mit
Kaffee und Kuchen ein (Termine werden in der Tagespresse bekannt
gegeben).;
Das Museum umfasst mehrere kleine Abteilungen:; - Urgeschichte; -
Stadtgeschichte  - Chronik der Stadt Seyda; - Vereinsgeschichte; -
Schulgeschichte und Ausstellung von Klassenfotos ab 1884; -
Haushaltswäsche und -gegenstände; Elektrogeräte ab 1920; -
Kinderspielzeug; - Arbeitsmittel aus Handwerk und Landwirtschaft; -
Heimatgeschichtliches Archiv (befindet sich im Aufbau); 
Vorbereitet wird eine Ausstellung zur Entwicklung der Landwirtschaft
Ansprechpartner für das Museum: Bärbel Schiepel 035387/42027 oder; Dr.
Alexander Bauer; Vereinsvorsitzender  035387/42237
B. Schiepel

Tolle Sonderausstellung 2003: "Was war das für ein Leben auf unserer LPG"!

 

 

 

 

„Lieber Herr Pastor!“

 

Feldpostbriefe

aus

dem

Ersten Weltkrieg

von Gadegastern und Zemnickern.

 

Eine Mahnung zum Frieden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsübersicht

 

Zum Geleit

Verzeichnis der Soldaten

Kleine Chronologie des Ersten Weltkrieges

 

Kriegsbeginn im Westen (Reinhold Richter aus Zemnick)

Im Schützengraben (Karl Gresse aus Gadegast)

Verwundet im Lazarett, Not in der Heimat (Otto Danneberg aus Gadegast)

Auf Heimatbesuch (Ernst Geyer aus Gadegast)

Schwer verwundet (Ernst Hecht aus Gadegast)

Im Stellungskrieg (Otto Klebe aus Gadegast und Reinhold Kynast aus Zemnick)

In Rußland (Wilhelm Kynast aus Zemnick und Richard Pötzsch aus Gadegast)

Im Granatenhagel (Albert Richter aus Gadegast)

In Elsaß-Lothringen (Otto Rülicke aus Gadegast)

Verschollen (Otto Thiele aus Zemnick)

An wechselnden Fronten fern der Heimat (Albert Wägener aus Gadegast)

 

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Geleit

Am 11. November 1918, vor 80 Jahren, ging der Erste Weltkrieg zuende. Es war der erste Krieg, der den ganzen Erdball überzog und der mit einer vorher nie dagewesenen Brutalität geführt wurde. Erstmals sind moderne Waffen wie Maschinengewehre und Panzer und auch Massenvernichtungsmittel eingesetzt worden.

Väter, Brüder und Söhne aus unseren Dörfern mußten in diesen Krieg ziehen. In den vorliegenden Briefen spiegelt sich sowohl die Begeisterung des Anfangs als auch die Verarbeitung der grausamen Realität wider.

Pastor Theodor Voigt, der seit 1903 in Gadegast tätig war, schrieb monatlich an alle Soldaten. Er schickte ihnen die „Heimatgrüße“, jenes Evangelische Monatsblatt des Kirchenkreises, was er selbst herausgab, und fügte mehr oder weniger persönliche Sätze hinzu. Einen großen Teil der Männer hatte er selber aufwachsen sehen und dabei über Schule, Konfirmandenunterricht und Jugendabend begleitet.

So gibt dieses Zeugnis der Zeitgeschichte auch Auskunft über die Arbeit des Seelsorgers, vor allem aber über die persönlichen Erlebnisse der Soldaten, ihre Charakterstärken und -schwächen und ihr Gottvertrauen. Die Briefe werden hier ohne Kürzung wiedergegeben, es werden jeweils alle von einem Soldaten erhaltenen Schriftstücke im Wortlaut abgedruckt.

Die Herausgabe dieser Briefe soll zum Frieden rufen und zeigen, was für ein Geschenk es ist, daß wir heute mit den meisten der damals feindlichen Länder in Freundschaft, mit allen aber in Frieden und in gegenseitiger Achtung leben.

Vielen Dank Frau Grützbach aus dem Pfarrarchiv Seyda für das Abschreiben der Briefe.

Verzeichnis der Soldaten

79 Gadegaster, davon 8 gefallen, einer vermißt, zwei gefangen, vier schwer und sechs leicht verletzt

21 Zemnicker, davon sieben gefallen, einer vermißt.

 

Arndt, Friedrich Hermann (Zemnick)

Arndt, Otto (Zemnick)

Arndt, Paul (Zemnick)

Becker, Franz (Gadegast, einberufen 18.8.14)

Becker, Paul (Gadegast, einberufen 5.8.14)

Bernholz, Gottfried (Gadegast, einberufen 3.8.14)

Bernholz, Otto (Gadegast, einberufen 2.8.14)

Clemens, Gottlob (Gadegast, einberufen 1.3.17)

Clemens, Hermann Paul (Gadegast, gefallen)

Clemens, Paul (Gadegast, 5.6.16, gefallen)

Clemens, Reinhold (Gadegast, einberufen 3.8.14, schwer verwundet)

Danneberg, Gustav Otto (Gadegast, einberufen 5.8.14, gefallen)

Danneberg, Reinhold (Gadegast, einberufen 5.9.16)

Fenske, Eduard (Gadegast, einberufen 28.2.15, leicht verwundet)

Freydank, Hermann (Gadegast, einberufen 31.10.14)

Freydank, Otto (Gadegast, einberufen 23.8.14)

Freydank, Richard (Gadegast, einberufen 23.2.15)

Freydank, Richard (Gadegast, einberufen Winter 1917)

Fromm, Paul (Gadegast, einberufen 20.9.17)

Fromm, Richard (Gadegast, einberufen 27.3.15)

Fromm, Richard (Gadegast, einberufen 4.11.15)

Geyer, Ernst (Gadegast, einberufen 4.12.14, gefallen)

Geyer, Reinhold (Gadegast, einberufen 4.10.14, gefangen)

Göritz, Hermann (Gadegast, einberufen 2.8.1914)

Gresse, Ernst (Gadegast, verwundet)

Gresse, Friedrich Otto (Gadegast, einberufen 3.8.14, gefallen)

Gresse, Gottlieb Reinhold (Zemnick, gefallen 1.11.14 Warneton)

Gresse, Karl Friedrich (Gadegast, einberufen Jahreswechsel 1914/15, leicht verwundet)

Gresse, Otto (Zemnick)

Hecht, Ernst (Gadegast, einberufen 3.8.14, schwer verwundet)

Hecht, Reinhold (Gadegast, einberufen 4.8.15, leicht verwundet)

Heinrich, Richard (Gadegast, einberufen 1.1.15, leicht verwundet)

Herler, Gottfried (Gadegast, einberufen 31. Juli 1914)

Herler, Richard (Gadegast, einberufen 28.2.15)

Hesse, Karl (Gadegast, einberufen 2.1.15)

Höhne, Gottfried (Gadegast, einberufen 12.11.15)

Junkert, Paul (Gadegast, einberufen Winter 1917)

Klebe, Otto (Gadegast, einberufen 5.8.14)

Kohl, Max (Gadegast, einberufen 6.1.17)

Korpien, Alwin (Zemnick)

Krüger, Paul (Gadegast, einberufen 30.4.15)

Krüger, Otto (Gadegast, einberufen 1.6.17)

Küver, der Lehrer (Gadegast, einberufen 6.8.14)

Kynast, Reinhold (Zemnick)

Kynast, Wilhelm (Zemnick)

Lange, Gustav (Gadegast, einberufen 5.1.15)

Lange, Gottfried (Gadegast, einberufen 4.12.15)

Lange, Hermann (Gadegast, einberufen 5.6.16, gefangen in England)

Lange, Paul (Gadegast, einberufen 9.9.17, gefallen Aug. 1918)

Letz, Wilhelm (Gadegast, einberufen 1.11.15)

Löbnitz, Ernst (Gadegast, einberufen 2.12.14, vermißt)

Löbnitz, Gottlob (Gadegast, einberufen 7.8.14)

Löbnitz, Richard (Gadegast, einberufen 2.8.14)

Loos, Bonaventura August (Zemnick-Wolfwinkel, gefallen in Seamentea/Ukraine am 28.11.18)

Matthies, Otto (Gadegast, einberufen 4.12.14)

Matthies, Richard (Gadegast, einberufen 4.3.15, gefallen)

Meister, Albert (Zemnick)

Meister, Reinhold (Zemnick, gefallen 19.4.18)

Müller, Ernst (Gadegast, einberufen 3.12.14)

Müller, Hermann (Gadegast, einberufen 1.8.16)

Müller, Richard (Gadegast, einberufen 1.5.15, gefallen)

Müller, Richard (Zemnick, vermißt an der Somme 5.7.16)

Muths, Gustav Hermann (Zemnick)

Pötzsch, Friedrich Reinhold (Zemnick, gestorben im Lazarett Bielefeld am 13.10.18)

Pötzsch, Richard (Gadegast, einberufen 30.1.15)

Richter, Albert II (Gadegast, einberufen 1913, leicht verwundet)

Richter, Otto (Zemnick)

Richter, Reinhold (Zemnick)

Rietdorf, Erich (Gadegast, einberufen 2.8.14, leicht verwundet)

Rietdorf, Franz (Gadegast, einberufen 14.9.14)

Rietdorf, Gottfried (Zemnick)

Rietdorf, Otto (Gadegast, einberufen 20.10.15, schwer verwundet)

Rietdorf, Richard (Gadegast, einberufen 3.8.14, schwer verwundet)

Rülicke, Gustav (Gadegast, einberufen 15.6.17)

Rülicke, Hermann (Gadegast, einberufen 1.8.16)

Rülicke, Otto (Gadegast, verwundet)

Rülicke, Reinhold (Gadegast, einberufen 4.12.14)

Schlüter, Gustav (Gadegast, einberufen 6.9.16)

Schneider, Reinhold (Gadegast, einberufen 15.6.17)

Schuck, Hermann (Zemnick)

Schuck, Otto (Zemnick, gefallen 30.11.17 in Cambrai)

Schuck, Otto Reinhold (Zemnick, gefallen 13.11.16 in Puisieux)

Schuck, Willi (Zemnick)

Schulze, August (Gadegast, 1917 mit 21 Jahren)

Schulze, Otto (Gadegast, einberufen 13.4.15)

Strauß, Wilhelm (Gadegast, einberufen 16.8.15)

Thiele, Friedrich Otto (Zemnick, gestorben im Kriegsgefangenenlager Montauban am 9.10.14)

Thiele, Reinhold (Zemnick)

Wäldchen, Richard (Gadegast, einberufen 2.4.16)

Wäldchen, Paul (Gadegast, einberufen 1.10.15)

Wägner, Albert (Gadegast, einberufen 4.8.14, verwundet)

Wegner, Karl (Gadegast, einberufen 6.9.14)

Wägner, Reinhold (Gadegast)

Wegner, Richard (Gadegast, einberufen 1.10.15)

Wenzel, Gottfried (Gadegast, einberufen 17.9.14)

Wucke, Reinhold (Gadegast, einberufen 15.9.17)

Zuzel, Ernst (Gadegast, einberufen 3.8.14)

Zuzel, Ernst (Gadegast, einberufen 5.11.14)

Zuzel, Reinhold (Gadegast, einberufen 2.1.16)

Zuzel, Richard (Gadegast, einberufen 1912, gefallen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleine Chronologie des Ersten Weltkrieges

 

Auslöser: 28. Juni Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo. 28. Juli 1914 Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. 29./30. Juli Mobilmachung Rußlands. Wegen Beistandsverpflichtungen: 1. August 1914: Deutsche Mobilmachung und Kriegserklärung an Rußland. 3. August 1914: Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich; 3./4. August: Einmarsch deutscher Truppen in Belgien. Deshalb 4. August Ultimatum Englands = Kriegserklärung. August: Japan erklärt Deutschland den Krieg. 6. April 1917: Kriegserklärung der USA an Deutschland.

9. November 1918: Revolution in Berlin, Bekanntgabe des Thronverzichts Wilhelm II., Ausrufung der Republik. 11. November 1918: Waffenstillstand.

 

Der Krieg im Westen

1914 Bewegungskrieg, französische Offensive gegen Elsaß-Lothringen.

18. August Angriff des Schwenkungsflügels über Belgien: Sept. 1914: Fünf deutsche Armeen stehen zwischen Paris und Verdun.

Winter 1914: Stellungskrieg beginnt.

Febr./März 1917: Rückzug der Deutschen in die vorbereitete „Siegfriedstellung“.

 

Der Krieg im Osten

1914 wird Ostpreußen von Russen teilweise besetzt und dann zurückerobert.

 

Außerdem: Seekrieg auf den Meeren, besonders U-Boot-Krieg; (kleiner) Luftkrieg, Kolonialkrieg (Deutschland verliert die Kolonien), Nebenkriegsschauplätze in der Türkei, auf dem Balkan, in Italien.

Kriegsbeginn im Westen

 

Reinhold Richter aus Zemnick

Mit 23 Jahren in den Krieg gezogen.

Gestorben 1950 in Zemnick.

 

Musketier, Bursche b. Hr. Ltn. Schirmer, Reg. Stab.

4.     Res. Korps

7. Res. Divis.

Res. Inf. Reg. 72

Masch. Gew. Komp.

 

Gruß aus dem Felde am 25.11.14

Werter Herr Pastor!

Ihren werten Brief vom 6.11. habe ich erhalten und mich sehr gefreut, das auch in der Heimat auch an uns gedacht wird. Vielen Dank für die Heimatgrüße und für die Liebesgabe (vgl. Anmerkung 3) auch. Vielen Dank für die Liebesgaben, die wir sonst erhalten. Es freut mich, daß in meiner Heimat so viel für uns gegeben wird.

Mit großer Freude habe ich die Heimatgrüße gelesen und auch meine Kameraden. Wir freuen uns immer, wenn wir mal aus der Heimat was hören, und ein jeder wartet immer, bis die Post ausgeteilt wird, ob für ihn was bei ist, und ist was bei, so ist die Freude groß, und wenn es auch nur eine Karte ist.

Werter Herr Pastor, Ihrem Wunsch entsprechend nachzukommen, werde ich Ihnen ein paar Zeilen von meinen Kriegserlebnissen mitteilen. Als wir am 9.8. von Torgau abfuhren, wurden wir mit großer Freude überall begrüßt. Am 11.8. wurden wir in Düsseldorf ausgeladen. Von hier aus war nun alle Tage Marsch von früh bis abends spät. Am 15.8. überschritten wird die belgische Grenze mit einem lauten Hurra. (vgl. Anmerkung 1) Hier hörte man schon den Kanonendonner von weiter Ferne und so alle Tage. Alle Mann freuten sich auf das erste Gefecht, jedoch war es hier ein trauriger Anblick, wenn man durch ein Dorf kam, was vollständig niedergebrannt war, weil die Bewohner aus dem Hause geschossen hatten. Am 23.8. überschritten wir die französische Grenze, wo auch dasselbe Leid erschien, nur einige Dörfer und Städte waren verschont, auch waren hier die meisten Bewohner geflüchtet aus Furcht vor den französischen und englischen Soldaten und kehrten auch schon wieder zurück und freuten sich, daß unsere Truppen einwirkten.

Am 26.8. kamen wir zum ersten Mal ins Gefecht mit Engländern, es war doch anders, wie man sich das gedacht hatte, wenn die Kugeln immer über den Kopf pfeifen. In der Nacht vom 26. - 27. bezogen wir Quartier in einem einzelnen Gehöft und am nächsten Morgen ging es weiter. Am nächsten Tag nahmen wir eine Patrouille von 54 Mann Engländern gefangen, welche sich in einem Gehöft versteckt und auf unsere Truppen geschossen hatten, und so hatten wir noch mehrere kleine Gefechte. Am 5.9. kamen wir in ein Gehöft, wo wir 1 Division gegen eine starke Übermacht kämpften. Es sollen 7 Armeekorps gewesen sein. Wir haben den Feind zurückgeschlagen und noch ein Dorf vom Feinde geräumt. Am späten Abend zogen wir uns zurück, wo uns das 2. Armeekorps zur Hilfe kam, denn wir waren bis auf 30 km vor Paris.

Und vom 6.9.-11.9. waren wir 50 km ab, und diese Stellung hielten wir, bis uns ein anderes Regiment ablöste.

Wir hatten wohl viele Verluste, aber immer siegreich geschlagen, und jetzt sind wir 100 km von Paris ab. Wir mußten uns zurückziehen, weil die anderen Armeekorps noch nicht so weit waren. Hoffentlich geht es bald wieder vorwärts. Ich will nun schließen, weil man Bücher voll dessen schreiben könnte. Ich bin noch gesund, was ich auch von Ihnen hoffe. Nochmals besten Dank und viele Grüße sendet Reinhold Richter. In Eile, denn die Post fährt jetzt ab. Viele Grüße an meine lieben Eltern und an die Gemeinde.

 

 

 

 

13.12.14

Werter Herr Pastor!

Ihre werte Postsendung vom 25.11. habe ich erhalten und vielen Dank dafür. Vielen Dank den Zemnicker Kindern für die Strümpfe, sie passen gut. Auch habe ich aus den paar Zeilen gesehen, daß Sie schon die 4. Sendung geschickt haben, ich habe aber erst diese als die 2. erhalten, und daß Sie noch keinen Brief erhalten haben, ich habe auf die erste Sendung geschrieben. Hoffentlich erhalten Sie meinen Brief. Viele Grüße sendet Reinhold Richter.

(Feldpostkarte)

 

29.12.14

Werter Herr Pastor nebst Familie,

sende Ihnen die herzlichsten Grüße zum neuen Jahr. Ihre werten Briefe habe ich erhalten, und wofür ich Ihnen meinen besten Dank für mich schreibe. Hier hat man immer massig Zeit zum Lesen, nochmal viele Grüße sendet R. Richter.

(Karte Herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahre)

 

25.7.15

An Herrn Pastor Voigt

 

Werter Herr Pastor, Ihre lieben Briefe habe ich erhalten und mich sehr gefreut, und wofür ich meinen besten Dank dafür schreibe. Ich bin noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen hoffe. Viele Grüße sendet Reinhold Richter.

(Karte mit Friedhof)

(vgl. Anmerkung 8)

 

 

 

 

 

 

Im Schützengraben

 

Karl Gresse aus Gadegast, Ersatzreservist

 

Mit 31 Jahren zum Jahreswechsel 1914/15 eingezogen.

 

4. Reservekompanie

22. Reserveinvanteriedivision

43. Reserveinfanteriebrigade

Reserveinfanterieregiment 94

 

Reservelazarett

Offenbach a. Main

Lazarett 14.

 

Geschrieben am 9. Juli 1915

im Schützengraben b. Morsäin

Geehrter Herr Pastor!

Ihren Brief mit Karte und Zeitungen habe ich am 7. Juli erhalten. Ich sage hiermit meinen herzlichsten Dank. Wir sind seit dem 22. März hier in Frankreich und zum 4. Male im Schützengraben. Unsre Stellungen sind bei Houri und Morsäin. Es liegt  vielleicht 14 Kilometer nach rechts von Soissans. In der Houri Stellung hatten wir schweres Artilleriefeuer, und zwar am 6. und 8. Juni. Da lagen die Granatsplitter wie Hagelkörner im Schützengraben herum. Unsere Wohnungen waren arg zugerichtet. Unsere Kompanie hatte 22 Mann Verluste in der Stellung, darunter 4 Tote. Ich bin Gott sei Dank mit Gottes Hilfe gesund und munter davon gekommen. Wir wollen auch hoffen, daß wir, so Gott es will, wieder gesund und munter in die Heimat zurückkehren können. Es werden jetzt auch viel Minen nach den Schützengräben geschossen. Die Dinger haben eine Schwere bis zu 2 Zentner und 40 Pfund, die ganz schweren werden aber nur bei Angriffen verwendet. Am Tage geht es immer noch, da sieht man sie geflogen kommen und kann sich in Sicherheit bringen. Aber des nachts, da ist es gefährlich. Es hat schon mancher durch den Schock Gehör und Sprache verloren. Wir haben jetzt wieder viel Arbeit mit Unterstände bauen. Die zuerst gebauten sind nicht mehr sicher genug. Es geht jetzt 3 - 4 Meter tief in den Erdboden hinein. Die Erde muß alle in Säcken rausgetragen werden, dann das viele Holz, was dazu gehört. Wir haben gestern einen fertig gemacht, da sind ziemlich 70 zwei Meter lange Stämme eingebaut. Was in den Schützengräben für eine Unmasse Holz steckt, da kann sich keiner einen Begriff davon machen. In 50 Jahren wächst nicht wieder so viel Holz heran, was jetzt hier abgeschlagen wird. Frankreich wird es wohl nachher sehr bereuen, was sie für eine Dummheit begangen haben, aber zu spät kommt oft die Reue. Wir wollen hoffen, daß der Männer mordende Krieg bald ein Ende hat. Wir können aber darüber nicht bestimmen, sondern wollen aushalten, bis es endlich wieder Frieden wird und der Feind besiegt ist. Wir müssen alles dem lieben Gott überlassen, wie er unsere Geschicke lenkt. Ich werde nun hiermit schließen und hoffe, daß Sie, Herr Pastor, die paar Zeilen bei guter Gesundheit antreffen, wie sie mich verlassen. Viele Grüße sendet aus Frankreich an alle Gadegaster und an Ihre Familie

Karl Gresse

Auf ein fröhliches und gesundes Wiedersehn.

(Feldpostbrief)

 

Ansichtskarte aus Trosly-Loire (Aisne)

Kapelle mit Gedenkstein auf dem Militärfriedhof

Gruß aus Frankreich

Feldzug 1914 - 1915?

Geschrieben am 21.Juli 1915

Geehrter Herr Pastor!

Auf Ihre Briefe, die ich erhalten habe, sende ich zur Antwort eine Ansichtskarte. Ich bin noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen hoffe. Wir sind jetzt in Ruhe. Viele Grüße sendet aus Frankreich Karl Gresse

Grüßen Sie auch bitte meine Kameraden.

Auf Wiedersehn

 

Feldpostkarte mit Fahne und Adler

In deinem Fluge deutscher Aar,

Sei Führer uns´rer Völkerschar!

Geehrter Herr Pastor!

Habe den Brief gestern erhalten und sage unsern besten Dank. Ich bin noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen hoffe. Lieber Herr Pastor, Sie werden verzeihen, wenn die Antwort nicht so pünktlich erscheint, wir müssen uns nach dem Dienst des Vaterlandes richten.

Viele Grüße sendet aus Frankreich Karl Gresse

Auf Wiedersehen

 

St. Legern Ferne ?, den 28.9.1915

Geehrter Herr Pastor!

Sämtliche Briefe und Grüße aus der Heimat habe ich erhalten und sage hierdurch meinen besten Dank. Herzlichen Dank auch für die Gratulation für meinen jüngsten Sohn. Hoffentlich ist alles gesund und munter. Wir sind jetzt wieder in Ruhe, wir waren bei Morsäin in Stellung. Die Franzosen waren wieder ziemlich lebhaft. Wir bekamen alle Tage so etliche 50 Granaten von ihnen herübergesandt. Aus meiner Gruppe ist auch einer gefallen. Ich bin Gott sei Dank noch gesund und munter. Ich hoffe, daß in Gadegast noch alles gesund und munter ist. Urlaub habe ich auch eingereicht, ist auch genehmigt. Aber wann das ist, weiß ich noch nicht. Ich denke, daß wir uns bald gesund wiedersehen. Bei uns ist hier in Frankreich herrliches Wetter, ein bißchen warm, wenn man das ganze Gepäck auf dem Rücken hat. Ich will nun hiermit schließen, hoffe, daß Sie der Brief bei guter Gesundheit antrifft. Viele Grüße sendet aus Frankreich Karl Gresse

Auf Wiedersehn

(Feldpostbrief)

 

Story, den 28. November 1915

Geehrter Herr Pastor!

Den Brief von Ihnen habe ich erhalten. Wir liegen jetzt in Armeereserve. Am 22. Oktober sind wir von unserer Stellung abgelöst worden und sind weiter nach links gekommen. Zuerst waren wir 10 Tage in Ruhe, dann waren wir 10 Tage zur Ablösung in der Champagne bei den 102.. Jetzt liegen wir zwischen Rehtel und Amange. Ich bin bis jetzt immer gesund und munter durchgekommen und wollen hoffen, daß wir wieder mit Gottes Hilfe gesund und munter in die Heimat können zurückkehren. Bei uns hier in Frankreich ist seit einigen Tagen starker Frost, was bei Euch in der Heimat auch der Fall sein wird. Die Weihnachtsfeiertage rücken nun auch mit heran. Es wäre besser, wir könnten sie in der Heimat verleben und der Krieg wäre vorbei. Die Aussichten sind aber vorläufig noch nicht da, und es wird wohl auch so schnell noch nicht gehen.

Viele Grüße sendet aus Frankreich an Sie und Ihre Familie und alle Gadegaster

Karl Gresse

Auf Wiedersehn

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben, den 21.2.1916

Geehrter Herr Pastor!

Die beiden Briefe mit Zeitungen und Heimatgrüßen habe ich erhalten. Ich sage hiermit meinen besten Dank. Ich bin noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen in der Heimat von allen hoffe und wünsche. Wir sind jetzt wieder in Ruhe. Meine Verwundung ist wieder geheilt. Viele Grüße an Sie und Ihre Familie und alle Gadegaster von Karl Gresse aus Frankreich

Auf ein gesundes Wiedersehen in der Heimat

(Feldpostkarte)

 

Offenbach, den 9. Juli 1916

Geehrter Herr Pastor!

Ihre beiden Briefe mit Zeitung und Sonntagsblättern habe ich gelesen. Mit dem Urlaub wird es wohl so schnell noch nicht gehen. Der Arm ist ja ziemlich heil, aber der Kopf noch nicht. Die Ärzte sagen alle: "Sie haben aber Glück gehabt mit Ihrem Kopf, etwas tiefer und das Leben wäre alle gewesen". Mir ist immer noch so schwindlig beim Laufen. Granatensplitter sind ja auch schon herausgeschworen. Wir können unserm Gott noch danken, daß wir sämtliche Gliedmaßen noch haben.

Viele Grüße sendet aus Offenbach Karl Gresse

Auf ein gesundes Wiedersehen in der Heimat

Die Wunde ist dicht hinter dem rechten Ohr, welches auch noch gelitten hat.

Bin am 11. Juni bei Sumiers beim Ablösen verwundet worden.

(Feldpostbrief vom Reservelazarett 16, Offenbach am Main, Bürgelschule)

 

Postkarte - Ansichtskarte von Offenbach a. M., Schloßvorhalle mit Blick zur Schloßkirche

Offenbach, den 24. Juli 1916

Geehrter Herr Pastor!

Habe den Brief erhalten,  meinen besten Dank. Die Verlegung nach einem Heimatlazarett muß von der Heimat aus eingereicht werden an die Offenbacher Lazarettverwaltung und vom Arzt aus der Heimat unterschrieben sein, daß man Aufnahme findet. (vgl. Anmerkung 9)

Viele Grüße sendet aus Offenbach

Karl Gresse

Auf Wiedersehn

 

Offenbach, den 31. August 1916

Geehrter Herr Pastor!

Ihren Brief mit Zeitungen habe ich erhalten. Das Verlegungsgesuch ist vorige Woche auch angekommen.  Wie es wird kommen, habe ich noch nicht erfahren. Meinen aufrichtigen Dank für ihre Bemühungen. Meine Wunden sind zugeheilt, aber habe jetzt am linken Unterarm den zweiten Furunkel mit Hautentzündung, die ganze Haut geht runter. Wir haben heut wieder Regenwetter. Viele Grüße sendet aus Offenbach an Sie und Ihre Familie Karl Gresse

Auf ein gesundes Wiedersehen in der Heimat

(Feldpostbrief aus Offenbach)

 

Wittenberg, den 11. September 1916

Geehrter Herr Pastor!

Ihre Bemühungen mit der Verlegung waren von Erfolg. Ich bin seit acht Tagen in Wittenberg, bin mit meinem Bruder und Reinhold Clemens zusammen. Meine Familie war am Sonntag hier zu Besuch. Ich fühle mich ganz wohl. Meinen besten Dank für Ihre Bemühungen.

Viele Grüße sendet aus Wittenberg

Karl Gresse

Auf Wiedersehen

(Feldpostbrief aus Reservelazarett Muth, Wittenberg)

 

Quoilli, den 19. August 1918

Geehrter Herr Pastor!

Den Brief von Ihnen habe ich erhalten und sage hiermit meinen besten Dank. Wir sind jetzt wieder in Ruhe auf 10 Tage. Diesmal war es in unserer Stellung verhältnismäßig ruhig. Wir waren jetzt wieder in Huori, wo wir vergangenes Mal viel Artilleriefeuer hatten. Ich bin bis jetzt mit Gottes Hilfe immer gesund und munter davongekommen. Ich will auch hoffen, daß ich gesund wieder in die Heimat kann zurückkehren. Mein Bruder Ernst ist durch einen Granatsplitter am linken Bein verwundet. Er war in Rußland beim Landwehrregiment Nr. 72 bei der 5. Kompanie. Wo er hingekommen ist, weiß ich auch nicht. In Rußland geht es ja jetzt erfreulicherweise vorwärts. Aber von Frieden ist immer noch keine Aussicht. Wenn es in Rußland beendet ist, wird es wohl bei uns losgehen, da wird aber wohl noch mal Blut fließen müssen. Die Witterung war hier in Franken sehr unbeständig, fast alle Tage Gewitter, da war es im Schützengraben wieder ganz hübsch .... Wir sind jetzt wieder beim Sachen ausbessern und waschen, damit alles wieder in Ordnung ist, wenn es wieder nach den Schützengräben geht. Diesmal kommen wir wieder nach Marsäin? in Stellung. In Gadegast wird doch hoffentlich alles noch in schönster Ordnung sein, es wird ja viel Arbeit geben, aber es geht nun mal nicht anders, der Krieg fordert seine Kräfte. Ich bin noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen und Ihrer Familie hoffe und wünsche. Wenn Sie, Herr Pastor, meine Familie mal treffen, können Sie ja mal grüßen von mir. Heut ist mein Sohn sein Geburtstag.

Viele Grüße sendet aus Frankreich Karl Gresse

Auf ein frohes und gesundes Wiedersehen

 

 

 

Verwundet im Lazarett, Not in der Heimat

 

Otto Danneberg aus Gadegast

Mit 34 Jahren zog er am 5.8.1914 in den Krieg, hatte vor vier Jahren geheiratet. Er ist gefallen am 11. September 1918 im Alter von 38 Jahren.

 

Treuenbrietzen d. 7.3.15

 

Lieber Herr Pastor!

Bin nun schon 8 Tage in Besitz Ihres werten Briefes und noch nicht zum Schreiben gekommen. Wir hatten gerade Zugänge bekommen, als ich Ihren Brief bekam, und zwar von August... teils verwundet, teils krank und das schlechteste dabei sind die erfrorenen Füße, welches fast nicht zum Ansehen ist. Die Wunden heilen, wenn sie auch noch so schlecht aussehen, doch, wenn´s einigermaßen ist, aber erfrorene Glieder nicht. Maurers Richard ist also auch verwundet, ich hatte gedacht, er würde hier mit bei den Zugängen sein, aber sie kommen nicht von Ostpreußen, wie ich erwartet hatte, hoffentlich ist er auf dem Wege der Besserung. Mir ist es immer fatal, wenn ich an die Kameraden draußen denke, und ich bin hier in der Heimat. Aber der Herr Inspektor hat mich immer noch gehalten mit Erlaubnis des Arztes wegen den alltäglichen Gängen, wegen denen ich auch nicht nach Gadegast kommen kann. Denn ich bin von früh zeitig bis abends spät auf den Beinen und hatte mehr Dienst, als das Landsturmbatt(a)llion, welches bis vor 14 Tagen hier war. Ich tue es aber gern, wenn ich weiß, das ich meine Pflicht nachkommen kann und die meinen zu Hause eine Sorge weniger haben.

Paul Becker hat mir jetzt noch nicht wieder geschrieben, habe ihm noch einmal Cigarren geschickt. Er wird wohl denken, das ich bald wieder komme. Werde gleich eine Karte an ihn schreiben. Wie steht es denn mit den Brotkarten, werden die Kinder mit Erwachsenen gleichgerechnet? (vgl. Anmerkungen 2 und 12) Hier in der Stadt habe ich so gehört. Doch wir sollen ja nicht sorgen, denn unser Heiland hat es ja selbst gesagt, aber auch nicht verschwenden und leicht darüber hinwegdenken, wie es beides von Anfang des Krieges geschah, wo die Bewohner von den Nachbarorten des Wartelagers nicht so viel wegholen konnten, als weggeworfen wurde. Nun die gerechte Strafe.

Und mancher muß unschuldig darunter leiden. Wie mancher in der Nacht wird zur einfachen Hausmansskost zurückkehren und ... meiden müssen. Das alles sind Gottes Fügungen, er möge uns vor Ärgernis bewahren. Herzliche Grüße, Ihr ergebener Otto Danneberg.

 

 

 

 

 

 

 

Auf Heimatbesuch

 

Ernst Geyer aus Gadegast, Armierungssoldat

Am 4.12.1914 einberufen, am 3. Oktober 1915 mit 24 Jahren in Nordfrankreich gefallen.

 

35. Armierungsbatallion

5. Kompanie

Feldpoststation 6

6. Armee

(Westen)

 

Frankreich, den 20.7.1915

Liebe Familie Pastor!

Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß ich die beiden Briefe mit der Predigt erhalten habe, worüber ich mich sehr gefreut habe. Und wie ich aus der Karte las, wollten Sie für mich ein Urlaubsgesuch einreichen, aber ich will das Beste hoffen, daß ich Urlaub bekommen werde. Ich glaube, daß Sie jetzt alle feste bei der Ernte sind. (vgl. Anmerkung 11) Bei uns gibt es nicht viel zu sehen von der Ernte, denn hier ist alles vernichtet. Ich glaube, bei Euch ist es viel wärmer als bei uns, denn hier hat es bis jetzt fast alle Tage geregnet. Es ist nicht so wie bei uns in der Heimat, aber wir wollen es hoffen, daß wir bald wieder in die Heimat einziehen können. Sonst bin ich und meine Kameraden noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen allen hoffe. Bei uns ist bis jetzt noch kein Unglück vorgekommen, wir wollen es auch nicht hoffen, denn es will doch ein jeder in seine Heimat gesund und munter zurückkehren. Ich sage meinen herzlichsten Dank für die Predigt und die Karte. Und bleiben Sie alle gesund, auf ein baldiges Wiedersehen.

Viele Grüße sendet Ihnen aus der Ferne Ernst Geyer

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben, den 15.8.1915

Liebe Familie Pastor!

Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß ich zweimal bei Ihnen war, aber der Herr Pastor war alle beide Male nicht zu Hause. Am Freitag um 1/4 10 sind wir von Elster abgefahren und am Sonnabendnachmittag um 9 waren wir schon wieder in Frankreich. Und am Sonntag hatten wir gleich Kirchgang, da sind wir alle dort gewesen, denn wir hatten gerade frei, das war ganz schön. Da haben wir uns können ausruhen von der Reise, denn es war doch ganz schön in der Heimat. Aber das nutzt alles nichts, man muß doch wieder fort, aber man hat doch wieder mal die Heimat gesehen. Lieber Herr Pastor, ich sage meinen herzlichsten Dank für das Urlaubsgesuch, das Sie für mich eingereicht haben. (vgl. Anmerkung 9) Bleiben Sie alle gesund und munter. Auf ein baldiges Wiedersehen

Viele Grüße aus der Ferne sendet Ihnen Ernst Geyer

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben den 9.9.15

Liebe Familie Pastor!

Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß ich heute einen Brief erhalten habe, worüber ich mich sehr gefreut habe, wenn man von der Heimat etwas bekommt. Es war in dem Brief Schreibpapier und eine Predigt zum Lesen, und ich sage meinen herzlichsten Dank dafür. Ich glaube, Sie haben schon lange auf Antwort von mir gewartet, aber ich hatte bis jetzt immer noch keine Zeit gehabt zum Schreiben, weil wir immer am Tag arbeiten müssen. Und wenn wir dann des Abends nach Hause kommen, dann sind wir müde. Aber das schad alles nichts, das muß man gewohne werden. Aber sonst sind wir alle noch gesund und munter, was wir auch von Ihnen allen hoffen. Bleiben Sie alle gesund und munter, auf ein gesundes und baldiges Wiedersehen.

Viele Grüße aus der Ferne

sendet Ihnen Ernst Geyer

(Feldpostbrief)(vgl. Anmerkung 12)

Schwer verwundet

 

Ernst Hecht aus Gadegast, Unteroffizier

Einberufen am 3.8.14.

 

Eilenburg

Inf. Reg. 72

2.     Rekr. Depot

2. Ers. Batl.

 

Wesel, d. 13.9.14

Lieber Herr Pastor!

Sage meinen innigsten Dank für erhaltenen lieben Brief. Wie freut mann sich doch, wenn sogar der Seelsorger an seine Jungens im Felde denkt. Ich möchte ja so gern etwas mehr schreiben, aber es geht noch nicht. Der rechte Arm fängt dabei an zu zittern, und mann kann dann nicht mehr schreiben. Ich hab doch eine Kugel durch den rechten Oberarm, rechte Schulter, die sich am Rückgrat feste gemacht und von wo sie die Ärzte rausgeschnitten haben. Und dann hat mir noch ein großes Stück Eisen von einem Schrappnellgeschoß die rechte Seite ein wenig eingequetscht. Was mir bis jetzt die meisten Schmerzen verursacht. Aber mann kann Gott nicht genug danken, das er uns so gnädig gewesen ist. Denn wie viele liegen hier, wo der Arm entzwei ist, oder gar die ganze Hand ab ist. Auch die Eltern machen sich viel zu viel Sorgen zu Hause, die können nicht schlafen. Wo uns doch Gott, der Herr, schützt und führt. Er weiß am besten, was uns fehlt. Wir werden nun bald mit Gottes Hilfe in unsere Heimat kommen. Es grüßt und bedankt sich vielmals: Euer Ernst Hecht. Auf Wiedersehen!

 

Oberhausen, 20.9.14

Lieber Herr Pastor!

Sage hiermit meinen innigsten Dank für erhaltenes Schreiben, was hier in Oberhausen nicht mehr so rar ist, als in Wesel. Hier ist es tausendmal besser. Denn hier werden wir behandelt wie im Frieden. Das Essen ist ganz besonders gut. In Wesel dagegen müssen viele hungern. Trotzdem ein Kranker nicht so viel braucht, als wie ein gesunder Mensch. Ich liege hier in einem kath(olischen) Krankenhaus, aber die Ev(angelischen) werden so gut behandelt als die Kath. Trotzdem die Kath. frommer sein wollen, als die Ev. Denn die Schwestern, die beten hier um ½ 6 Uhr morgens, um 11 Uhr mittags und abends 9 Uhr eine ... halbe Stunde lang. Hier steht auch jeden Korridor der Heiland, ziemlich in Lebensgröße, und den beten sie an. Die Kranken, die nicht so schwer verwundet sind, können in die Stadt gehen und können da kaufen, was sie wollen. Auch können sie sich Pakete von zu Hause schicken lassen, wird hier alles angenommen. In Wesel dagegen war alles verboten. Hoffentlich kommen wir bald näher, oder ja ganz nach Hause bei den Eltern, denn da ist es doch noch besser. Aber ich habe Geduld, denn ich tröste mich immer mit den Worten, die mir ein Feldprediger in Frerennsville vorgelesen hat: Befiehl Du Deine Wege u.s.w.

Ich wollte aber, ich könnte bald wieder nach Frankreich. Denn 40 km waren wir bloß noch ab von Paris, und ich hätte doch gern die Gellen, die Sch.. und die Russen mit helfen lernen Tango tanzen. Denn bei den Belgiern, Engländern und Franzosen haben wir es meistenteils schon gemacht. Ich freue mir sehr, daß in Gadegast alles gesund ist und (sie) feste Muß kochen. Vielleicht bin ich dann beim Essen auch bald dabei. Aber eine Weile wird wohl noch vergehen. Aber nur immer Geduld. Gott wird schon alles zum Besten wenden. Ich schließe in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. Es grüßt vielmals Euer dankbarer Ernst Hecht.

Adr. wie immer: Nur jetzt im kath. Krankenhaus, Oberhausen, Rheinland. Ich werde auch meinen Eltern noch einen Brief schreiben... Ich habe Ihnen gestern erst einen geschrieben.

 

22.9.14

Kön. Preuss. Kriegsminiserium, Heeressache.

An das ev. Pfarramt in Gadegast bei Seyda, Bz. Halle, Prov. Sachsen.

„Hier liegt bis jetzt keine Meldung vor. Kriegsministerium Zentral-Nachweise Bureuau. Referat 1.“

(ist ein Stempel)

 

9.10.14

Lieber Herr Pastor!

Habe Euren lieben Brief gestern erhalten. Habe mich sehr gefreut, daß Ihr Alle noch gesund und munter seid. Habe auch daraus gesehen, das meine lieben Eltern schon acht Tage auf Nachricht von mir warten. Das kann gar nicht stimmen, ich hab doch immer geschrieben, also müssen sie eine Karte nicht erhalten haben. Anders kann ich mir das nicht denken. Ich komme auch hoffentlich morgen wieder etwas näher der Heimat zu. Denn meine Wunden sind jetzt vollständig verheilt, werde nun bald mit Gottes Hilfe wieder können ins Feld gehen.

Aber vorläufig bin ich nach dem Garnisionslazarett Torgau überwiesen worden. Denn es ist doch noch nicht alles so, wie zuvor. Die rechte Hand, die zittert, überhaupt beim Schreiben. Ich fahre aber auf meinem Rückweg bei meinem Onkel nach Oberröblingen mit vor, werde auch eine Nacht dableiben, denn es sind doch wenigstens 14-16 Stunden Bahnfahrt bis Torgau. Wir haben ja mit Gottes Hilfe schon vielmehr ausgehalten. Wir sind in Frankreich vom Feldlazarett bis Lambrai von abends ½ 7 Uhr bis nachts um 1 Uhr mit einem Auto gefahren und von da bis Wesel 50 Stunden mit der Bahn. Es war nicht schön, aber alles zum aushalten, nur immer Geduld. Wenn ich nun erst in Torgau bin, dann werde ich doch hoffentlich bald mal können nach Gadegast fahren. Es schließt nun in der Hoffnung auf ein baldiges gesundes Wiedersehen: Euer dankbarer Ernst Hecht.

 

 

 

 

Eilenburg d. 29.11.15

Sehr geehrter Herr Pastor!

Sage Ihnen hiermit meinen innigsten Dank für erhaltene zwei Briefe. War sehr erfreut darüber, mal wieder aus der lieben Heimat und Umgegend etwas lesen zu dürfen. Ich wollte, ich könnte wieder unter all den Lieben und Bekannten in der lieben Heimat leben. Hoffentlich geht der schreckliche Krieg bald zu Ende. Nun ist das liebe Weihnachtsfest schon wieder mal ran, aber noch ist kein Ende zu ersehn. Es wird wohl wieder ein recht trauriges Fest werden, denn ein jeder möchte doch Weihnachten gerne mit seinen Lieben all zusammen sein. Aber wir stellen alles in Gottes Hand. Er muß´s mit meinen Sachen, nach seinem Willen machen.

In der Hoffnung auf ein baldiges, gesundes Wiedersehn, verbleibe ich Ihr ergebenster Ernst Hecht.

Die Adresse von meinem Bruder ist folgende: Fahrer R. Hecht 3. Abt. 8. Battr. Feldartb. Rgt. N. 17. 4. Preuß. Inftr. Div. 2. Armeekorps. Hoffentlich kehrt Er gesund zurück.

 

 

 

Im Stellungskrieg

 

Otto Klebe aus Gadegast, Gefreiter

Einberufen am 5.8.14, hatte am 5.7.14 geheiratet!

 

7. Reservekorps

7. Reservedivision

Reserveinfanterieregiment 72

 

Soisonns, den 21.10.14

Geehrter Herr Pastor Voigt!

Im Besitz von Ihrer freundlichen Spende, wofür ich Ihnen sowie allen Gadegastern meinen herzlichsten Dank dafür schreibe. Daß Sie mich, wo ich in so kurzer Zeit in Eurer Mitte weilte, so beschenkt und sie sich darum so bemühen, kann ich Ihnen gar nicht Dank genug darüber schreiben. Was mir noch leid tut, daß Sie verschiedenen Kameraden das Abendmahl gegeben haben, was ich erst nach dem Kirchgang erfahren habe. Aber Sie legten mir zu meiner Trauung den schönen Spruch ans Herz und gaben mir mit auf dem Wege: „Siehe, ich bin bei dir und will dich behüten, wo du hinziehest". Somit habe ich nun meine liebe Frau, Eltern und alle Angehörigen, mein Heim und mein Vaterland verlassen. Wer hätte das gedacht, daß es so schnell kommen sollte, denn es hatte schon immer geheißen, daß der große Weltkrieg uns bevorsteht, trotzdem unser deutscher Kaiser schon von allem Abstand genommen hatte. (vgl. Anmerkung 10) Aber er war jetzt gezwungen, die falschen hinterlistigen Mächte haben ihn hintergangen. Sie werden es vielleicht noch mal bereuen. So Gott will, wird er uns noch helfen weiter zu siegen und uns beschützen. Man hat schon manche Strapazen mit durchgemacht. Wenn man zurückdenkt, wir wurden am 10. August Nachmittag um 2 Uhr ausgeladen in Düsseldorf-Gersheim, erhielten Speisen und Getränke vom Roten Kreuz, hatten dann noch einen anstrengenden Marsch, es war ziemlich heiß, hatten viele Schlappsein, sind auch 2 man an Hitzschlag gestorben. Wir machten unterwegs mal halt, bis etwas kühler wurde, kamen dann abends um 9 Uhr abgespannt in Buderrich? an, wurden hier einquartiert. Die Bewohner nahmen uns alle gut auf, hatten dann jeden Tag Marsch und wurden immer wieder einquartiert. Die Bewohner verpflegten uns alle gut. Von Tag zu Tag fiel einem der Marsch schon leichter und schon am 15ten Nachmittag um 2.30 überschritten wir mit Gottes Hilfe und Stärke die belgische Grenze, marschierten durch Aachen und Jülich und nahmen in Montzen Unterkunft. Nun hörte es mit den guten Quartieren auf, wurden nun wieder verpflegt von unserer Feldküche, die immer bei uns ist. Ehe wir die Grenze überschritten, mußten wir baden, und sicher: es erging in jedem Mann ein heimliches Gefühl, aber immer noch eine heitere Kriegsgesinnung. Man bekam hier schon einen ganz anderen Anblick. Der Bürgermeister wurde verhaftet, es wurden viele Gewehre und Munition bei ihm gefunden. Über Sonntag hatten wir Ruhe, marschierten dann zum Montag wieder weiter, überall ein schauriger Anblick, verschiedene Dörfer waren in Trümmern. Die Bewohner hatten auf unsere vormarschierenden Truppen stets geschossen, und das war die Folge davon. Einen recht rührenden Anblick machte es einem, eine armselige Familie stand vor ihrem Häuslein so recht betrübt. Nahmen am 18. Unterkunft an Tangens?, die Bewohner machten soweit einen netten Eindruck, aber falsch und hinterlistig, wie man so in ganz Belgien sah. (vgl. Anmerkung 1) Hatten uns kaum zur Ruhe gelegt, so wurden unsere Truppen auf dem Marktplatz vom Kirchturm aus beschossen. Es entspann sich nun ein furchtbarer Straßenkampf, alles eilte zur Waffe. Es dauerte aber nicht lange, so wurden verschiedene verhaftet, dann war wieder Ruhe. Suchten dann unser Nachtlager in den Häusern auf dem Marktplatze. Die Bewohner mußten ihr Bett verlassen. Die Unschuldigen mußten unter den Schuldigen mit leiden. Unsere Kompanie nahm in einem Bäckerladen Unterkunft. Am andern Morgen marschierten wir wieder weiter. Unsere vormarschierten Truppen hatten die Belgier bei jedem Gefecht zurückgeschlagen. Vom Feinde bekamen wir nichts zu sehen. Hatten immer Marsch, durch Brüssel sind wir auch marschiert, es war alles friedlich. Es gab keine Ruhe mehr, nun am 24. überschritten wir die französische Grenze, hier sah es nicht ganz so schaurig aus wie in Belgien, nur einzelne Gebäude waren niedergebrannt. Dicht vor der Grenze hatte ein alter Greis auf unsere vorbeimarschierenden Truppen geschossen, lag nun mit seinem Jagdgewehr in der Hand vor seinem Hause und die ganzen Wirtschaftsgebäude standen in Flammen. Im allgemeinen kam einem die französische Bevölkerung nicht ganz so falsch vor wie in Belgien. Dann und wann stellten sie uns Wasser raus, wo wir durchmarschierten. Auch hatten wir hier genügend Wein zu trinken, etliche Einwohner waren geflohen. Nun, am 26. August, kam unsere Kompanie schon ins Gefecht bei Langsar. Abends um 6 Uhr wurde hier eingeschoben, es dauerte schon von vormittag um 8 Uhr an. Unsere Kompanie entwickelte sich und ich bin als Krankenträger. Der Hauptmann rief uns, wir mußten die Verwundeten sammeln und nach dem Verbandsplatz bringen. Die armen Kameraden jammerten, es ging einem durch Mark und Bein. Die Granaten schlugen rechts und links von uns ein. Die Kugeln pfiffen über uns weg. Aber Gott hat uns beschützt und beschirmt. Es wurde Nacht, wir verloren unsere Kompanie, wir schlossen uns den 4. Jägern an und suchten mit ihnen Nachtquartier. Todmüde, eine Ruhepause gefunden, kamen wir um 11 Uhr nachts an und hatten Hunger. Es war eine Gastwirtschaft. Der Besitzer war geflohen. Wir fanden noch eine Büchse mit Waffeln und tranken ein Glas Bier zu. Wir waren kaum richtig eingeschlafen, da mußten wir wieder mit abrücken, es war früh 3 Uhr. Wir fanden dann unsere Kompanie wieder. Wir verfolgten den Feind, hatten auch etliche gefangene Engländer. Sie haben alles im Stich gelassen, bekamen keinen Feind mehr zu sehen. Unsere Kompanie blieb nun vom 3. bis 9. September in Albert zur Artillerie-Munitionsbewachung. Wir marschierten nun auch wieder weiter, kamen am 13. Sept. wieder ins Gefecht, hatten nun 5 Leichtverwundete. Am 14. kamen wir wieder zum Batallion, welches auch schon schwer gelitten hatte, verschanzten uns bei Nuv... Zum 20. machte unser Korps einen Angriff, wo es viel Menschenopfer gekostet hat. Wir Krankenträger mußten nun die Verwundeten wieder sammeln. Es war ein schauriger Anblick, wir konnten es gar nicht schaffen. Die Granaten schlugen immer dicht vor uns ein. Aber Gottes Engel hat uns beschirmt, geschützt und geleitet. Unser Batallion hat furchtbar gelitten, von 1.050 Mann sind wir noch 300 Mann. Wir wurden auf etliche Tage abgelöst, hatten zweimal Feldgottesdienst, es ist einem gleich wieder leichter, wenn man wieder von Gottes Wort und Trost hört. Wir liegen nun hier schon wieder seit 2. Oktober, unsere armen Kameraden kommen nicht sehr aus den Schützengräben raus. Dann und wann beschießt uns die feindliche Artillerie wieder mal, hat uns aber noch nichts geschadet. Man merkt von Tag zu Tag, daß bald die Entscheidung fallen soll.

Nun geehrter Herr Pastor, hätte sonst weiter keine Wünsche, bedanke mich noch vielmals und hoffe auf ein frohes und gesundes Wiedersehen.

Unter vielen Grüßen Ihr Otto Klebe

Sende auch Grüße an Ihre Familie, Emma, Vater und alle Angehörigen

(Feldpostbrief)

 

Chawigny b. Soissans, den 14.11.14

Geehrter Herr Pastor Voigt!

Erhielt nun gestern das Paket mit Zigarren, wofür ich Ihnen für Ihre Bemühungen, sowie der Gemeinde meinen herzlichsten Dank für die freundliche Spende schreibe. Wir saßen so recht gemütlich an unserem Kameradschaftstisch zusammen, wo es mir ein Kamerad verabreichte. (vgl. Anmerkung 3)

 

Reinhold Kynast aus Zemnick, Musketier

Mit 23 Jahren einberufen.

 

4. A.K.

7. Inf. Div. 14. Brig.

II.    Armee, Westen; Inf. Reg. 165

 

Frankreich, 24.5.15

(Feldpostkarte von Arras, Markt)

Lieber Herr Pastor, den lieben Brief habe ich erhalten, worüber ich mich sehr gefreut habe. Vor allem aber auch, das Sie hier in Feindesland an uns dachten, und sage nun für Alles meinen besten Dank. Mir geht es Gott sei Dank immer noch ganz gut, was ich auch von Ihnen hoffe. Viele herzliche Grüße R. Kynast.

 

Lieven, d. 10.7.15

Sehr geehrter Herr Pastor!

Vor allem sage ich dem Herrn Pastor meinen besten Dank für die gütige Übersendung der beiden Karten sowie der Zeitungen, welches ich mit großem Interesse gelesen habe. Es kann uns, die wir hier soweit von der geliebten Heimat entfernt sind, wohl nichts mehr erfreuen, als ein paar liebe Zeilen aus der Heimat oder Zeitungen, worin man wieder ein Bild von den Verhältnissen daheim erblickt. Gerade hier in dieser Mattereike sehnt man sich nach etwas Neues aus der Heimat, und mit Sehnsucht erwartet man das Austeilen der Postsachen. Ist uns die Post gnädig gewesen, so geht man mit erneuter Lust, mit den Gedanken an die Lieben zu Hause, in den Schützengraben, um das geliebte Vaterland vom Feinde frei zu halten. Der Gedanke an unsere Lieben in der Heimat und das Vertrauen auf Gott ist es auch, welches unseren Truppen die Kraft und Ausdauer verleiht, diesen bösen männermordenden Krieg ein Ende zu bereiten und der Welt einen dauerhaften Frieden, den sie so nötig braucht, wieder zu geben. Hier an der Lorettohöhe wird wohl auch die Entscheidung in diesem Krieg fallen, denn tagtäglich finden hier mehrere Angriffe unserer Gegner statt. Jedenfalls wollen sie gern diese für sie wertvolle Industriegegend für sich zurückholen. Solang aber noch Deutsche hier sind, werden wir mit Gottes Hilfe nicht zurückgeben, da auch für uns die Bergwerke ihren Wert haben.

Mit den Wunsche, daß Gott uns einen baldigen, für unser liebes Vaterland günstigen Frieden geben möge, seien Sie und Ihre werte Familie vielmals gegrüßt von Ihrem dankbaren Reinhold Kynast. Auf gesundes Wiedersehn, das walte Gott.

 

Frankreich, den 22.7.15

(Farbpostkarte von Lille)

(Dank und Grüße, schlecht leserlich, da Bleistiftschrift verwischt)

 

Hanies, den 3.8.15

(Postkarte von Lille)

Sehr geehrter Herr Pastor.

Ihren werden Brief habe ich erhalten, worüber ich mich vielmals bedanke, die Freude ist doch immer groß, wenn man was bekommt aus der lieben Heimat. Es ist immer wenig Zeit zum Schreiben. Sonst geht es Gott sei Dank gut, was ich auch von Ihnen hoffe. Viele herzliche Grüße, Reinhold Kynast.

 

(Postkarte von Santes mit Bild von der Kirche)

Geschrieben den 1.11.15

Sehr geehrter Herr Pastor,

Ihren werten Brief mit Zeitungen habe ich erhalten, worüber ich mich vielmals bedanke. Sonst bin ich Gott sei Dank gesund und munter, was ich auch von Ihnen bestens hoffe. Viele herzliche Grüße, Reinhold Kynast.

 

Harriens, den 4.11.1915

Sehr geehrter Herr Pastor,

ich will Ihnen mitteilen, daß ich Ihre werte Briefe erhalten habe, worüber ich mir vielmals bedanke, denn die Freude ist doch immer groß, wenn man was bekommt aus der lieben Heimat und darinnen steht, daß es den Lieben immer noch gut geht in der Heimat, was wir auch immer hoffen und worüber wir nur Gott danken können, das er unser liebes Vaterland soweit vom Feinde freigehalten hat und woll´ es auch wieder hoffen, bis da, wo er uns seinen ... Frieden schenkt.

Sonst geht es mir Gott sei Dank gut, was ich auch von Ihnen bestens hoffe.

Viele herzliche Grüße aus Feindesland, Reinhold Kynast.

Auf Wiedersehn, das walte Gott!

 

Geschrieben d. 14.3.16

Feldpost

(Karte mit Eisernem Kreuz und dem Spruch „Doch eines Mannes Tugend erprobt allein die Stunde der Gefahr.)

Sehr geehrter Herr Pastor,

Ihre werten Briefe habe ich erhalten, dafür sage ich meinen besten Dank. Mir geht es Gott sei Dank ganz gut, ... herzliche Grüße R. Kynast.

 

In Rußland

 

Wilhelm Kynast aus Zemnick, Armierungssoldat

Ist mit 31 Jahren in den Krieg gezogen.

 

46. Armierungsbatallion

4. Kompanie

17. Korparalschaft (Osten)

 

Geschrieben den 24.24.10.15

Geehrter Herr Pastor!

Ihnen zur Nachricht, daß ich nun auch in Rußland bin, den Ort darf ich nicht schreiben. Es ist eine sehr schlechte Gegend hier, da wissen Sie und unsere Lieben daheim gar nicht, wie Sie leben in unserer lieben Heimat. Das Dorf, wo wir hier sind, ist fast ganz niedergebrannt, nur die Kirche und etliche Häuser stehen noch, es sind aber alles alte Strohhäuser, solche schlechte Buden sieht man in unserer Gegend nicht mehr. Da sehen die Schweineställe bedeutend besser aus. Ich bin nun drei Wochen schon hier. Ich bin nun 3 Wochen schon hier herumgekommen, nun bin ich erst an Ort und Stelle, wir bauen hier Wege.

Sonst grüßt nun vielmals Euer Ergebener Wilhelm Kynast

Auf Wiedersehen

(Feldpostkarte mit Stempel K.D. Feldpoststation Nr. 145)

 

Geschrieben d. 28.11.15

Geehrter Herr Pastor!

Ihnen zur Nachricht, daß ich Ihren Brief mit den Zeitungen und die Karte erhalten habe, worüber ich mich sehr gefreut habe. Auch vielmals meinen besten Dank, denn die Freude ist groß, wenn man etwas aus der lieben Heimat bekommt, Die Sonntägliche Predigt habe ich gleich den selben Abend noch gelesen, denn einen Gottesdienst gibt es, wie es den Anschein hat, bei den Armierungssoldaten nicht. Hier heißt es bloß alle Sonntage von früh 6 Uhr bis Mittag arbeiten, um 1 Uhr bekommt man Mittagessen, dann hat man zu tun mit Sachen reinigen, denn hier gibt es sehr viel Ungeziefer, wenn man da nicht hinterher ist, dann kann man sich zuletzt nicht mehr retten vor solchem Zeug. Wer hier noch keine Läuse bekommen hat, lernt sie kennen in Rußland. Dieses Land müßte anstatt Rußland Läuseland genannt werden. Wanzen und Flöhe fehlen auch nicht, die gehören mit zur Tagesordnung hier, sind aber nicht so häßlich wie die Läuse. Unser Herr Feldwebel sagte mal beim Appell, seid nur hinterher hinter die Läuse, er fragt uns auch, ob wir welche kennen, da kannte sie noch keiner. Aber jetzt kennen wir sie alle. Es ist aber auch kein Wunder hier in diesen Buden, wenn bloß die Sache bald wollt ein Ende nehmen, daß man könnte Rußland den Rücken zudrehen. Diese Sache will ich nun abbrechen. Etwas Neues kann ich Ihnen auch noch mitteilen. Vor acht Tagen sind in unsrer Nähe zwei Landsturmleute vom Landsturmbattallion Meißen ermordet aufgefunden worden, diese sollen von Spionen, die sich hinter unserer Front in Zivil umhertreiben, ermordet worden sein. Das ist aber traurig sowas, denn dieses Battallion ist bei Warschau in einem Gefecht mit vorne gewesen, da hat es den Verlust von bloß zwei Toten gehabt. Nun ist es zur Besatzung nach Kapaki gekommen und sind die tapferen Kameraden so um ihr Leben gekommen. Vom 34. Armierungsbattallion ist auch ein Adjutant nicht wieder zurückgekehrt, dieser soll auch auf solche Weise umgekommen sein. Wir haben auch acht Tage in dieser Nähe gelegen, den einen Abend hatten wir Kaffee geholt, unser Haus lag nämlich ganz allein etwas ab von der Küche mitten im Walde, da ist auch ein Schuß gefallen auf zwei meiner Kameraden, die Kugel haben sie hören zwischen sich durchsausen, da ist auch Glück und Unglück beisammen gewesen. Jetzt sind wir 18 km nordwestlich gekommen, in einem Dorfe hier liegen wir etwas sicherer. Hier ist mehr Freiheit, nicht so viel Wald. Hier ist auch nicht abgebrannt von den Russen. Diese Gegend ist auch mehr bevölkert hier. Wir bauen hier Wege in einem Sumpf. Sonst weiß ich nun nichts mehr neues mitzuteilen.

In der Hoffnung, daß Sie diese Zeilen bei bester Gesundheit antreffen mögen und herzlichen Grüßen verbleibe ich auf ein baldiges und gesundes Wiedersehen

Euer ergebener Wilhelm Kynast

Mir geht es sonst noch gut, was ich auch von Ihnen hoffe.

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben den 5.12.15

Geehrter Herr Pastor!

Ihnen zur Nachricht, daß ich Ihren zweiten Brief mit den Zeitungen erhalten habe, worüber ich mich sehr gefreut habe, denn es ist immer wieder eine schöne Erinnerung von der lieben Heimat. Sonst geht es mir noch gut, was ich auch von Ihnen hoffe. Heute haben wir mal einen freien Sonntag, es ist nämlich der Tag des einjährigen Bestehens der 4. Kompanie des 46. Armierungsbattalions. Um 12 Uhr mußten wir antreten, da hat unser Kompanieführer, der Herr Leutnant Neumann eine kurze, aber sehr würdige Rede gehalten. Er erwähnte nämlich, daß es unsere tapferen Heere durch Gottes Hilfe so weit gebracht haben, daß unsere deutschen Grenzen vom Feinde befreit sind, und brachte ein dreimaliges Hurra auf unsern obersten Kriegsherrn, Kaiser Wilhelm den Zweiten, aus. Danach haben wir mit Musik das Lied "Deutschland, Deutschland über alles" gesungen, denn wir haben auch eine kleine Musikkapelle in unserer Kompanie. Dann sprach er auch ein Lob aus über unsere Kompanie, daß sie sich bei allen Arbeiten, die sie bis jetzt gemacht hat, stets ein hohes Lob von unsern höheren Vorgesetzten erhalten hat, und wir sollten so weiter machen bis Ende des Krieges. Hoffentlich nimmt die Sache bald ein Ende, denn sehnt sich wohl ein jeder danach, denn dieser Krieg hat nun schon Opfer genug gekostet.

Nun wünsche ich Ihnen ein fröhliches und gesundes Weihnachtsfest, denn ich werd es wohl hier in Rußland feiern. Da macht es ja keine große Freude, aber man muß sich trösten mit so vielen Kameraden, die Hauptsache ist, das wir es gesund feiern können.

Sonst weiß ich Ihnen nichts Neues mitzuteilen, in der Hoffnung, daß Sie diese Zeilen bei bester Gesundheit antreffen mögen.

Sonst nun viele Grüße, auf ein baldiges und gesundes Wiedersehen

von Wilhelm Kynast

Viele Grüße an alle Freunde und Bekannte in Zemnick

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben d. 1.1.16.

Geehrter Herr Pastor!

Heute zum neuen Jahr erlaubt es mir die Zeit, daß ich Ihnen ein paar Zeilen von mir wieder mitteilen kann. Vor allem wünsche ich Ihnen ein recht segenreiches und fröhliches neues Jahr. Nun will ich Ihnen mitteilen, wie ich das heilige Weihnachtsfest in Rußland verlebt habe. Am Heiligabend haben wir bis 12 Uhr gearbeitet. Um 4 Uhr war antreten zum Kirchgang, dann ging es in eine alte Scheune. Da brannte ein Christbaum, wie es in unsrer lieben Heimat der Fall ist. Dann haben wir das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen. Dann hielt unser Herr Baumeister eine kurze, aber sehr rührende Rede. Da waren die Gedanken nur in der lieben Heimat und das Herz wurde einem schwer, wenn man das schönste Fest das Jahres in Feindesland so fern von unsern Lieben daheim feiern muß. Aber man muß sich doch trösten mit den lieben Kameraden, die nun das zweite Weihnachtsfest in Feindesland gefeiert haben. Nach dieser Rede haben wir das Lied "Es ist ein Ros entsprungen" gesungen, zum Schluß folgte das Gebet des Herrn. Nun folgte die Armee- und Liebesgabenbescherung unsrer Kompanie, das war eine sehr dankenswerte und reichliche Bescherung. Es war mindestens ein Wert von 6 Mark, das war ja nun wieder eine große Freude. Nun kam das schönste noch, um 6 Uhr mußte ich nun mit auf Wache ziehen bis zum ersten Feiertag 6 Uhr abends. Und dann die schlechte und kalte Witterung noch dazu, nämlich tüchtiger Ostwind und Schneegestöber an diesem ersten Weihnachtstag, da werde ich wohl manchmal dran denken, wenn ich wieder sollte gesund nach Hause kommen. Am zweiten Feiertag waren wir dienstfrei. Nun wollen wir hoffen, daß uns unser lieber Herrgott im neuen Jahr einen baldigen und ehrenvollen Frieden schenken wird. Sonst nun viele Grüße, auf ein baldiges und gesundes Wiedersehn 

vom Armierungssoldat

Wilhelm Kynast

Schipp Schipp Hurra

im Osten

(Feldpostbrief)

 

Geschr. d. 23.2.16

Geehrter Herr Pastor!

Ihnen zur Nachricht, daß ich Ihre Briefe mit den Zeitungen erhalten habe, worüber ich mich nun vielmals bedanke, denn die Freude ist groß, wenn man etwas aus der lieben Heimat bekommt. Wie ich nun aus Ihren Zeilen erfahren habe, sind Sie krank gewesen. Da können wir uns nun beide trösten, denn ich war auch fußkrank, konnte bald nicht mehr laufen, habe 10 Tage keinen Dienst können machen. Jetzt ist es nun wieder besser. Wir sind jetzt auch wieder gewandert, haben einen Marsch gehabt von 27 Kilometern, das machte keinen Spaß. Da ist man froh, wenn man an Ort und Stelle ist. Das ist schlechter, als wenn man zu Hause 2 Tage arbeitet. Jetzt arbeiten wir in einem Walde, das ist ein schöner Wald. Die Fichten sind 20 bis 25 Meter lang, auch viele Tannen gibt es hier, die sehen aus wie Weihnachtsbäume. Da macht es Spaß, drin zu arbeiten. Die Witterung ist hier jetzt so weit ganz schön, fast alle Tage trocknes Frostwetter. Etwas Schnee liegt auch noch. Es ist immer noch ziemlich kalt hier. Wie ich von zu Hause erfahren habe, soll es sehr schöne Witterung gewesen sein. Da sollen sogar die Stachelbeersträucher und Rosensträucher schon grün geworden sein. Hier ist es fast immer kalt gewesen. Am 17 Januar hatten wir 17 Grad Kälte, am 18. hatten wir 20 Grad Kälte, auch mitunter tüchtigen Sturm und Schneetreiben. Da machte es mitunter keinen Spaß mehr zu arbeiten. Sonst geht es mir nun wieder gut. Bin wieder gesund, was ich nun auch von Ihnen hoffe. Neues wüßte ich nun nicht mehr mitzuteilen. In der Hoffnung, daß Sie diese Zeilen bei bestem Wohlsein antreffen, wie sie mich nun hier verlassen. Und wir wollen nun hoffen, daß der schreckliche Krieg nun bald eine Ende nimmt, denn es hat ein jeder satt hier. Sonst nun viele Grüße, auf ein baldiges und gesundes Wiedersehn durch Gottes Wille sendet

Euer ergebener Wilhelm Kynast

Sonst noch viele Grüße an alle Freunde und Bekannte in Zemnick

(Feldpostbrief)

 

Feldpostkarte - Ansichtskarte - Gruß aus dem Soldatenheim Zozienciol (Russland)

Geehrter Herr Pastor!

Ihnen zur Nachricht, daß ich die Zeitungen erhalten habe, wofür ich meinen innigsten Dank sage.

In diesem Soldatenheim war ich am Sonntag, es ist eine halbe Stunde von unserm Ort. Sonst geht es mir noch gut, was ich nun auch von Ihnen hoffe. Sonst nun viele herzliche Grüße, auf ein baldiges und gesundes Wiedersehen von Wilh. Kynast

(Stempel: K.D. Feldpoststation Nr. 113)

 

Geschr. d. 3.7.16

Geehrter Herr Pastor!

Teile Ihnen hierdurch mit, daß ich Ihre Briefe mit Zeitungen erhalten habe, worüber ich mich gefreut habe. Auch meinen innigsten Dank dafür. Will Ihnen auch mitteilen, daß bei uns in unserer Kompanie gesperrt war wegen ansteckender Krankheit, es durfte keiner auf Urlaub fahren. Vom 5. dieses Monats ist nun alles wieder aufgehoben. Sonst geht es mir noch gut, was ich auch von Ihnen hoffe. Nun noch viele herzliche Grüße von Wilhelm Kynast

Auf Wiedersehen, Wollen auch hoffen, daß uns unser lieber Herrgott bald Frieden schenkt.

(Feldpostkarte, Stempel: Königlich Preußisches Landsturm-Infanteriebatallion Glogau, K.D. Feldpoststation Nr. 114, 5.7.16)

 

 

Geschr. d. 26.12.16

Geehrter Herr Pastor!

Heute, am 2. Weihnachtsfeiertag, erlaubt es mir die Zeit, Ihnen auch mal wieder ein Lebenszeichen von mir zuzusenden. Will Ihnen auch mitteilen, daß ich die Zeitungen mit den schönen Feldgedichten erhalten habe, wofür ich auch meinen besten Dank sage. Sonst geht es mir noch gut, was ich auch von Ihnen allen hoffe. Wünsche nun Ihnen und Ihrer Familie ein fröhliches und gesundes neues Jahr. Wollen auch hoffen, daß uns das neue Jahr recht bald den lang ersehnten Frieden bringt. Sonst sendet aus fernem Osten die herzlichsten Grüße Armierungssoldat Wilhelm Kynast

Auf Wiedersehen

Feldpostkarte, vollständiger Absender:

41. Reservearmeekorps

82. Division

46. Armierungsbataillon

4. Kompanie

10. Korporalschaft

im Osten

 

Richard Pötzsch aus Gadegast, Landsturmmann

Mit 19 Jahren am 30.1.15 einberufen.

 

1. A.K.

2. Inf. Div.

Füselier Reg. 33.

I/3 (Osten)

 

Geschrieben d. 11.10.15

Geehrter Herr Pfarrer!

Ihren werten Brief habe ich heute dankend erhalten, worüber ich mich sehr gefreut habe, erhielt auch zugleich einen von meiner Frau, die schreibt, sie hätte schon 4 Wochen keine Nachricht von mir, und ich habe doch regelmäßig von hier abgeschickt, aber hier in Rußland ist es ja auch kein Wunder, denn wir sind heut hier und morgen dort. Briefsachen erhalten wir ja so einigermaßen, aber Pakete kommen schwierig her. Die ersten, die ich erhalten habe, sind gerade 5 Wochen gegangen. Nun werde ich Ihnen unsre Reise mal schildern, denn von Gefecht haben wir ja noch nicht viel gesehen, aber desto mehr von Märschen. Wir sind am 9. August in Dessau eingestiegen und sind gefahren bis Wittenberg in Ostpreußen. Sind da am 11. Aug. ausgestiegen, am nächsten Tage marschierten wir nun ab, wußten aber anscheinnach nicht recht wohin, bald dahin, bald dahin, letzt kamen wir dann am 25.7. in Bielsk an. Da wurden wir abends dem aktiven Füßilier Reg. No. 33 zugeteilt. Unser Reg. lag im Gefecht 1 km hinter der Stadt, wir konnten aber nach der Stadt schlafen bis früh um 3 Uhr, dann gings raus zur Kompanie. Als wir dahin kamen, sagten uns unsre Kameraden, daß der Ruß zurückgegangen wäre und müßten ihn erst suchen, und als wir nun da lagen, kam Befehl zum fertigmachen. Es ging aber zurück, wir dachten nun bis zur Stadt, aber es ging durch, bis es dunkel ward, dann kamen wir ins Quartier. Nun sahen wir erst, daß es unsre ganze Division war und dachten nun, wir kämen nach Westen. Wir marschierten bis Kolno und wurden da verladen. Aber anstatt nach Westen fuhren wir nach Ostpreußen rauf nach Insterburg und dann wieder über die Grenze bis 12 km vor Konono, von da aus marschierten wir nun dem Feinde entgegen und trafen ihn am 10.9. mittags. Wir marschierten auch wie alle Tage und dachten, in Quartier zu kommen, aber es kam anders. Wir lagen vor ´ner Scheune und dauerte nicht lange, da erhielten wir schon Schrappnelfeuer, da hatte uns der Polack schon bemerkt, wir schwärmten nun aus, aber war wieder getürmt, nur Artillerie war noch zurückgeblieben. Und gegen abend, als wir uns sammelten, erhielten wir ein Schrappnelfeuer, daß wir alle Minuten konnten gewärtig sein, daß wir getroffen wurden. In der 4. Komp., welche 100 m von uns lag, schlug ein Schrappnell ein, 5 Mann tot und 3 verwundet, einem von unsern Dessauern wurde ein Arm und Bein abgerissen. Nun vergingen wieder Tage, ehe wir ihn fanden, bis am 14.9. kamen wir an einen Fluß, die Wilian, dahinter hatte er sich festgesetzt. Da keine Brücke da war, mußten wir bis unter die Arme durchbaden. Wir verfolgten ihn nun bis 100 km östlich Wilna. Da wurden wir wieder abgelöst und sind wieder zurückmarschiert und liegen nun 20 km vor Dünaburg in Reserve, hoffentlich wird das Marschieren nun mal aufhören, denn es war eine hübsche Thur mit dem völligen Kriegsgepäck.

Viele Grüße auf ein gesundes Wiedersehen     R. Pötzsch

(Brief von der Ostfront)

 

Geschrieben d. 14.12.15

Geehrter Herr Pfarrer!

Ihre Briefe, bis jetzt 5 an der Zahl, habe ich dankend erhalten, Hier kann man nicht viel schreiben, denn in unsern Häusern hat der Maurer die Fenster vergessen, da ist es am Tag so dunkel wie die Nacht und kein Licht haben wir nicht. P. Becker und O. Danneberg sind weit rechts von uns, da liegen wir weit nördlich.

Viele Grüße, auf Wiedersehn, Rich. Pötzsch

(Feldpostkarte, Stempel: K.D. Feldpostexped. der 2. Infanterie-Div.)

 

Geschr. im Schützengraben d. 13.4.16

Lieber Herr Pastor!

Die gestrige Post brachte mir außer mehreren Briefen von meinen Lieben auch Ihre lieben Heimatgrüße, die ich regelmäßig erhalte und mich mit meiner lieben Heimat verbinden! In No. 43 fand ich nun einen recht lieben Brief meines Heimatortes, welchen ich mit großem Interesse gelesen habe! Der Verfasser, der Herr Sanitätsunteroffizier R. L. schildert darin in ausführlicher Weise das Leben hinter der Front, da, wo Gott sei gedankt, keine Flintenkugeln hinkommen, wo man des nachts ungestört unter Dach und Fach durchschnarchen kann, auch von Kanonendonner nichts sieht und hört! Ja, wir Fronttruppen sind uns alle darüber einig, 20 - 40 Jahre alt, verheiratet und nicht verheiratet, daß das Leben an der Front, mit dem der Etappe gar nicht verglichen werden kann! Die Mannschaften in der Etappe haben einen Himmel auf Erden! Außer in der steten Lebensgefahr, in der wir schweben, wenn uns die Kugeln um die Ohren sausen und die Granaten mit fürchterlicher Gewalt in unsrer Nähe, Gott sei Dank nur in unmittelbarer Nähe, eingeschlagen sind, daß der ganze Erdball erzittert und ungeheure Löcher aufwühlt! Wir also, die dem Tode viel eher geweiht sind, bekommen unsre Nahrungs- und Genußmittel oft erst dann, wenn die Kameraden von der Etappe ihr Bäuchlein schon vollgeschlagen haben. Wir Fronttruppen haben auch keinen Regenschirm, wenn uns der Regen um die Ohren peitscht, wenn der Wind uns den Schnee in die Augen jagt, oft stehen wir mit angehaltenem Atem in unserm Horchloche, da jede Unachtsamkeit die ganze Kompanie in Gefahr stürzt! (Wenn) der Pelz einen Eisklumpen bildet, haben wir so manche Nacht und manchen Tag treue Wacht gehalten, dabei ist es uns gar nicht eingefallen, diesen Dienst als schwer zu bezeichnen! Wir tun es gern, beschirmen wir doch unsre Lieben daheim! Wenn die Etappenmannschaften die Front ablösen müßten, dann würden manchem die Haare zu Berge stehen! Nur zu oft schlagen die die große Pauke, die am wenigsten davon wissen!

Nun will ich, lieber Herr Pastor, meinen Brief schließen und hoffe, daß Sie diese meine Zeilen bei bester Gesundheit antreffen mögen.

Wünsch Euch von Herzen aufs allerbest

ein gesundes und frohes Osterfest.

Ich hoffe auf ein Wohlergehn

und auf ein baldig Wiedersehn.

Den Namen werde ich nicht nennen.

Ich geb mich heut nicht zu erkennen.

Schreib lieber dann, weil´s grade paßt.

Ein Landsturmmann aus Gadegast.

 

Geschrieben d. 14.8.1916

Lieber Herr Pastor!

Gesund und munter bin ich hier wieder angekommen. Ihren Brief vom 2.8. habe ich mit Freuden dankend erhalten. Nun sind wir bald an dem prophezeiten Friedensdatum, aber unsre Freude wird wohl vergebens sein. Hoffentlich dauert es aber nicht mehr lange, denn was einen Anfang hat, muß doch auch mal ein Ende haben.

Viele Grüße, Auf Wiedersehen sendet Ldstr. Pötzsch

(Feldpostkarte, Poststempel: K.D. Feldpostexped. der 2. Infanterie-Div.)

 

Geschrieben d. 22.12.1916

Lieber Herr Pastor!

Ihren lieben Brief vom 15.12. habe ich mit Freuden dankend erhalten, auch die Weihnachtsliebesgabe in Zigarren und sage hiermit Ihnen und den treuen Gebern meinen besten Dank. Eben habe ich den Brief vom 18.12. erhalten mit dem schönen Weihnachtsbüchlein, da habe ich nun Weihnachten zu lesen.

Nochmals vielen Dank und herzliche Grüße

Landsturmmann Rich. Pötzsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Granatenhagel

 

Albert Richter aus Gadegast, Pionier.

Mit 23 Jahren in den Krieg gezogen (war schon seit 1913 bei den Soldaten), heiratete am 23. Januar 1916 in Gadegast, leicht verwundet zurückgekehrt.

 

4. A. K.

7. Divis.

Divis. Brückentrain 7.

 

Vor Arras, den 30.10.1914

Viele Grüße sendet von einem Pflichtpatroillengang aus einer kleinen Vorstadt von Arras

Pionier Albert Richter

den Brief mit den Zeitungen erhalten, Auf Wiedersehen

(Ansichtskarte: Arras - Le Musée et la Cathédrale)

 

Atsies vor Arras, den 13.11.14

Mein lieber Pastor!

Ich finde hier gerade noch eine Ansicht vom Eingang des Lunaparks in Brüssel, die ich Ihnen hiermit zur Ansicht und Andenken schicke. Vor diesem Eingang sind wir vorbeimarschiert mit Regimentsmusik und Gesang, wo die Menschenmenge uns mit vielem Staunen empfing. Wir bekamen beim Durchmarsch mehrere Speisen und Getränke. Einen Brief zu schreiben habe ich jetzt wenig Zeit. Grüßen Sie auch, wenn möglich, meine Eltern. Viele Grüße an meine ... Familie

(Ansichtskarte: Brüssel - Exposition de Charleroi Luna Gardens)

 

Im Felde, d. 9.12.1914

Mein lieber Pastor!

Teile Ihnen mit, daß ich den Brief vom 3.12. erhalten habe, der mich recht erfreute. Ich möchte ja gerne einen Brief schreiben, habe aber leider zu wenig Zeit. Wir müssen Tag und Nacht arbeiten, damit wir unsere Stellung halten. Wir liegen nordöstlich von Arras in den Vorstädten und auch vor Arras auf dem Felde. In den Häusern und Gebäuden können wir garnicht so viel befestigen, wie uns die Franzmänner kaputtschießen. Aber wir sind immer mit frohem Mut, beschießt uns die Artillerie, so verschwinden wir tief unter der Erde. Ich muß nun schließen.

Mit vielen Grüßen und der Hoffnung auf baldiges Wiedersehen.

(Feldpostkarte: 7. Inf. Division)

 

Bei Arras d. 14.10.1914

Mein lieber Pastor und Seelsorger!

Muß meinem lieben Pastor die freudige Mitteilung machen, daß ich einen Brief und das Päcken mit den schönen Zigarren erhalten habe, was mich höchst erfreut und worüber ich meinen besten Dank sage. Es ist eine wirkliche Wohltat, mal wieder solch eine Zigarre rauchen zu können. Es ist nämlich schon lange her, als ich das letzte Mal geraucht habe, denn hier in Frankreich bekommt man überhaupt keine Zigarren zu sehen. Tabak findet man ja mitunter, aber der ist nicht zum rauchen. Wir liegen jetzt drei Kilometer vor Arras, der großen Stadt. Unsere Companie zur Besetzung des Rohnedammes in nordöstlicher Richtung von Arras ist bloß noch schwach bestellt, es sind uns jetzt noch zwei Maschinengewehre zugeteilt. Ich bin heute morgen eben gekommen über Nacht von Vorposten. Gestern abend, ehe ich abrückte, habe ich das Paket erhalten. So will ich nun heute morgen gleich ein paar Zeilen schreiben. Viel Zeit habe ich ja nicht. Ich muß in einer Stunde wieder auf Vorposten ziehen. Vorgestern Nacht war ich mit meinem Kamerad und einem Unteroffizier so nahe an den feindlichen Posten, daß wir zusammen sprechen konnten. Wir schlichen uns wieder ein Stückchen zurück und verschanzten uns schnell ein bißchen mit unserem großen Spaten. Wir lagen kaum in unserer Stellung, da ging mir schon eine Kugel durch die linke Achselklappe, woran der Schanzzeugriemen befestigt war. Das flog alles weg, mit samt dem Spaten. Aber es dauerte gar nicht lange, da hatten wir die sechs Rothosen aufs Korn und alle lagen in den Rüben. Heute morgen um drei Uhr mußten wir uns zurückziehen nach unserm von uns besetzten Bahndamm und mußten uns kräftig verteidigen. Eine ganze Division Rothosen wollte durchbrechen. Da haben wir denn, unsere Kompanie, mit den zwei Maschinengewehren und einer französischen Kanone, die wir beim Dorfe Haumien selbst erobert haben, zurückgeschossen. Wir hatten noch zu dem Geschütz zwei voll beladene ... mit Granaten. Zwei von schlausten und mutigsten Kameraden bedienten das Geschütz. So lagen dann heute Morgen an verschiedenen Stellen in Gruppenkolonnen die Franzmänner im Blute. Wenn die Franzosen vor- oder zurückgehen, die gehen nämlich immer in Gruppenkolonnen, so hab ich schon manchen Sturm mitgemacht. Bei ...vill haben wir, unsere Kompanie, alleine 400 Engländer gefangengenommen, die wollten uns des nachts überfallen in einem Gutshofe. Bei der Erstürmung eines Dorfes, den Namen weiß ich augenblicklich nicht, mußten wir uns auch zurückziehen, da wir zu schwach waren. Da sind welche in Kugelregen und Granatfeuer gelaufen, daß man dachte, jetzt bleibt keines über. Da stürzten die armen Kameraden immer rechts und links von einem. Die Kugeln kamen gefallen, als wenn einen einer immer mit Händen voll kleiner Steine bewirft. Da konnte man bloß Gott, seinem Schöpfer danken, wie er jede Kugel gelenkt und geführt hat, daß man glücklich ist wieder davongekommen. Aber wir lassen den Mut nicht sinken: Eine feste Burg ist unser Gott.

Mein lieber Herr Seelsorger, ich muß jetzt aufhören, meine Stunde zur Postenablösung ist gekommen. Ich werde ein ander Mal mehr schreiben oder wenn ich wieder gesund sollte nach Hause kommen, dann kann ich vielleicht was erzählen von der schweren Schlacht bei ... und Arras. Diese beiden Städte, das sind die schwersten Punkte.

(Feldpostbrief)

 

 

 

Bei Arras, d. 20.10.1914

Mein lieber Seelsorger!

Muß die freudige Mitteilung machen, daß ich schon wieder ein Paketchen von meinem lieben Pastor erhalten habe, was mich höchst erfreut und ich nun wiedermal eine warme Fußbekleidung habe. Strümpfe habe ich ja vorläufig genügend. Ich habe welche bekommen von den Liebesgaben, die wir erhalten haben. Bekleidungsstücke habe ich also genügend. Es fehlt uns bloß immer an Fettigkeiten. Aber wir streuen immer Salz auf unser Brot, das macht ja auch die Wangen rot. Mitunter haben wir ja auch mal eine Flasche Rotwein, denn den gibts ja hier genügend. Bloß wir dürfen immer nicht rein nach den Dörfern, daß wir uns welchen holen. Aber, na wir werden nicht verhungern. Wir liegen nun schon so lange Zeit vor Arras zur Besetzung eines Bahndammes. Diese Stellung wollen wir halten, wenn an den andern beiden Flügeln angegriffen wird und die Rothosen ziehen sich nach der Mitte hin zusammen, dann können wir sie da vielleicht in dem Winkel gefangennehmen. Das ist ein haushoher Bahndamm, da lassen wir auch im schlimmsten Falle keinen durch. Sie greifen uns ja immer nachtens schon an. Aber wir Pioniere haben ja das schöne Stolperminenlegen gelernt. Da haben wir wenigstens 1 Kilometer länger vor dem Damm mit Mienen belegt. Wir haben ja bei der Arbeit auch immer schwere Verluste, weil wir immer furchtbar mit Granatfeuer beschossen werden. Aber wenn die Franzmänner nachtens angestürmt kommen und die Ersten fliegen an den Mienen in die Luft, dann ziehen sie sich jedesmal wieder zurück nach der Vorstadt ihrer Deckung. Wenn wir keine Minen hätten, könnten wir sie ja schließlich nicht halten, weil wir furchtbar Granatfeuer bekämen. Wir selber haben nicht viel Artillerie hier, weil alles mehr auf den Flügeln steht. Wir sollen aber jetzt die schweren Mörser bekommen hinter uns, vielleicht zur Einschießung der Stadt und alten ..., die noch vorhanden sind. Gestern haben wir erst wieder ein Lob bekommen vom Kommandierenden, da wir uns so tapfer halten. Ein Unteroffizier von uns ist durch unvorsichtiges Betreten unserer eigenen Minen in die Luft gesprengt, wovon wir weiter nichts als ein Stückchen Fleisch gefunden haben, die Minen, das ist eine sehr gefährliche Sache. So wie einer einen Draht berührt, wenn die Mine fertig gelegt ist, fliegt er schon in die Luft. Ich muß nun aufhören, ich muß wieder nach dem Damm und spannen. Wir haben fast keine Zeit, sehr wenig Schlaf.

Mit vielen Grüßen an alle Bekannten und meinen lieben Seelsorger schließe ich

Pionier Albert Richter

Was ich noch vergessen habe, meinen besten Dank für das schöne Paketchen    Albert

(Feldpostbrief)

 

Blangy bei Arras, d. 8.11.1914

Mein lieber Pastor!

Mache Ihnen die freudige Mitteilung, daß ich wieder ein Päckchen vom 31.10. von Ihnen erhalten habe. Das ist meine größte Freude, wenn ich aus der Heimat ein paar Zeilen oder einige Kleinigkeiten bekomme. Ich spreche hiermit meinen innigsten Dank aus dafür. Zu rauchen hab ich jetzt Gott sei Dank genug, das langt dies Jahr zu. Ich habe nämlich schon so viel Zigarren und Tabak bekommen von den Liebesgaben, daß ich es gar nicht mehr lassen kann. Da weiß ich gar nicht mehr, wo alles her ist. Wenn unser Bahndamm, den wir jetzt wieder besetzten, nicht von Pulverdampf raucht, dann steigen unsere eigenen Rauchwolken empor. Die Franzmänner haben die beiden Schienenstränge auf dem Damm durch Granaten zerschossen. Da sausten die Eisenstücke recht herum. Aber uns können die Halunken doch nichts tun. Wir sind ja vielleicht doch noch ein bißchen schlauer. Wenn wir Ihre Festungsgeschütze hören abschießen, dann haben wir gerade noch so viel Zeit, das wir können in unsre Unterstände schlüpfen, ehe die Geschosse ankommen. Der Bahndamm ist 25 m hoch, den verteidigen wir nun schon über 5 Wochen. Während dieser Zeit haben wir uns schöne Erdwohnungen darin gebaut, denn als Pioniere, da haben wir ja das ... zu gut gelernt, da können uns die schwersten Granaten der Franzmänner nichts tun. Zehn Minuten vor dem Damme, da liegt das kleine Dörfchen Athies, da liegen wir jetzt in Quartier. Von da aus lösen wir uns immer ab am Damm. Nun ist bloß der schwierige Gang, das rein- und rausmarschieren. Da sind schon viele verwundet von uns dabei. Da haben wir nun die sogenannten Minenwerfer oder Schleudermaschinen bekommen. Weil wir jetzt keine Artillerie da haben, die ist alle nach dem rechten Flügel. Zwischen dem Damm und dem Dörfchen ist nämlich ein ganz freies ebenes Gelände. Da beobachten uns die Rothosen ganz genau. Wenn nun ein einzelner Mann rausgeht nach dem Damm, dann kommen schon Schrappels und Granaten geflogen. Wenn wir uns nun ablösen, dann schleudern wir allemal vorher ein paar ... Sprengmunition rüber, dann können sie am Tage eine halbe Stunde lang vor Dampf nichts sehen. Wir könnten ja des nachts ablösen, aber da ist es zu hörig. Jedes Geräusch ist vermerkbar, weil wir doch zu dicht zusammen liegen. Wir hatten schon kleine Vorstädte von Arras erstürmt, konnten sie aber nicht halten, weil wir zu schwach waren und keine Artillerie. Da mußten wir uns natürlich auf dem schnellsten Wege wieder zurückziehen nach dem Damm. Von unsrer Seite aus soll nun nicht wieder angegriffen werden, bis der rechte Flügel von der Küste aus sich herunter ... hat.

Ich will nun schließen mit nochmaligem Dank und vielen Grüßen an alle Bekannte und Angehörige

Pionier Albert Richter

In der Hoffnung auf ein gesundes Wiedersehen

(Feldpostbrief)

 

Im Felde, d. 13.12.1914

Lieber Herr Pastor!

Soeben Ihren Brief erhalten, der mich recht erfreute und für den ich mich gleich vielmals bedanke, denn es ist doch schön, wenn man immer mal was zu lesen aus der Heimat bekommt. Aber ich habe bloß immer zu wenig Zeit zum Lesen und Schreiben, weil wir immer fast Tag und Nacht arbeiten, des nachts Drahthindernisse ziehen vor dem Schützengraben und am Tage .... Das Drahthindernisbauen nachtens ist eine gefährliche Arbeit. Die Franzmänner schießen auch dauern mit Leuchtkugeln, und wenn sie uns erblicken, dann dauert´s nicht lange, dann kommen Granatsplitter geflogen. Die Infanterie schießt ja nicht, wenn wir nich schießen oder unsere Infanterie, denn die Franzosen bauen ja auch immer nachtens Drahthindernisse, die wollen ja auch nicht beschossen sein. Nachtens ist es auch garnicht so gefährlich. Da wird auch meistens bloß mit Leuchtkugeln geschossen und gelauscht, ob nicht mal von beiderseits ein Durchbruch oder Überfall geschieht. Es sind ja auch nachtens immer ... fünfzig bis hundert mehr vor der Schützenlinie. Wir sind da gar nicht so ängstlich. Wir hauen unsere Pfähle mit großen Holzschlägern in die Erde und haben unsern Spaß dabei, wenn auch mal eine Kugel übern Kopf gepfiffen kommt. Und kommt schlimmes Artilleriefeuer, dann sind wir verschwunden tief in der Erde. Da haben wir am Tage Höhlen gebaut vier Meter unter der Erde, für ein und zwei Gruppen. Mitten unter dem Erdgewölbe steht eine Stufe, die auch gleichzeitig das Bein eines runden Tisches bezweckt. Da wurden ein paar Leisten angenagelt und ein paar Bretter drauf und der Tisch ist fertig. Auch Eisenröhren haben wir aus den Dörfern herbeigeschleppt und eingebaut. Da haben wir schöne warme Wohnungen. Die eine Nacht hatten wir mächtigen Regen, da ist durch die Nässe eine Höhle eingebrochen, ein Unteroffizier ist dabei zu Tode gekommen. In der Höhle war keine Stufe drin, denn sonst wäre es nicht passiert, die hatten die Infanteristen selbst gebaut. Die Höhlen sind vor Granatfeuer gänzlich gedeckt. Am Tage beim ... werden wir ja immer tüchtig beschossen von der Infanterie, weil die jeden Spaten von Erde sehen hochfliegen. Die können einem ja nicht viel tun in der Erde, aber man kann leicht einen Kopfschuß kriegen. Den einen Tag haben sie uns das ganze Spatenblatt kaputtgeschossen. Den einen Tag haben wir einen roten Sonnenschirm ausgestellt, da ist kein Fetzen stehn geblieben. Mit der einen ... sind wir fünfzig ... vor ihren Schützengraben, da werfen wir uns gegenseitig schon mit Steinen, die ... werden mit lauter Maschinengewehren besetzt, damit ein Angriff von ihrer Seite aus gar nicht möglich ist. Ich muß nun schließen, unser notdürftiges Licht geht auch zu Ende.

Mit vielen Grüßen und Wünschen auf ein Wiedersehen

Pionier Richter

 

Remij. d. 22.4.1915

Mein lieber Pastor!

Gestern Ihre beiden Briefe erhalten vom 15. und 16.4., was mich immer recht erfreut. Man liest auch gerne etwas aus der Heimat. Ich bin jetzt wieder gesund und munter und es geht mir auch jetzt wieder ganz gut. Vier Wochen war ich im Lazarett zu Cambrey. Ich habe durch den feuchten Winter hier furchtbar den Rheumatismus bekommen. Ich konnte ohne Stock gar nicht mehr laufen. Jetzt bin ich nun zum Brückentrain gekommen als Fahrer, was ja nun so leidlich geht. Wir fahren alle Tage vom Bahnhof Chrossilles Holz zu den Stellungen. Wir haben ja hier schon vor Arras eine Stellung, wo ja an Durchbrechen nicht zu denken ist, oben Draht und unten alles untermint. Über die Sache kann ich ja mehr und manches erzählen aber wohl nicht schreiben.

Mein lieber Pastor, ich haben Ihnen nun so lange nicht geschrieben. Ich konnte es und wollte es, aber ich mußte mich immer ärgern über eine Sache, wenn ich schreiben wollte, die mir von meinem Pastor jetzt in so einer traurigen Zeit nicht gefallen hat. -

Ich habe es jetzt wieder vergessen, aber wir können hoffentlich mündlich noch mal drüber sprechen. Hoffentlich dauert der Krieg nicht mehr so lange, und wir wollen aber nicht verzagen, so lange der Allmächtige König über uns ist. Ich will nun schließen, denn es wird mir dunkel und wir haben jetzt kein Licht mehr.

Viele Grüße vom Felde sendet nun der ganzen Familie Voigt

Pionier Richter, A.

Divisionsbrückentrain 7.

7. Infanteriedivision

Auf Wiedersehen

(Feldpostbrief)

 

Frankreich, den 18.6.15

Geehrter Herr Pastor!

Ihre werten Briefe und Zeitungen erhalten, worüber ich mich auch sehr freue. Sage gleichzeitig meinen vielen herzlichen Dank. Man liest ja hier gerne immer ein paar Zeilen. Ich bin immer noch gesund und munter und hoffe das gleiche auch immer von Ihnen. Ich bin jetzt auf der Loretto-Höhe, nahe der Stadt Lenz. Die Sache ist hier nicht so sehr besonders, aber wir haltens aus. Gestern haben wir wieder etliche hundert Gefangene gemacht. Ich muß jetzt schließen, man darf ja nichts wichtiges schreiben.

Nochmals vielen Dank und viele Grüße

von dem Pionier Richter II.

Auf ein Wiedersehen!

(Feldpostbrief)

 

Frankreich, den 9.7.15

Werter Herr Pastor!

Ihren Brief mit den Zeitungen und der schönen Karte erhalten, worüber ich mich recht gefreut habe, sage auch hiermit meinen herzlichsten Dank. Ich bin immer noch gesund und munter, was ich auch von ihnen stets hoffe. Ich bin jetzt in Lenz bei der Lo. Höhe. Hier macht es mitunter keinen Spaß mehr, es regnet öfters Eisen.

Viele Grüße allen vom Felde

Pionier Albert Richter

(Feldpostbrief)

 

Anny, den 21.9.1915

Ihre werten Briefe und Zeitungen erhalten, worüber ich mich auch immer recht freue, denn man liest hier draußen auch gerne. Gleichzeitig vielen Dank für alle Güte. Ich habe jetzt auch nicht viel Zeit. Ich sitze jetzt fast Tag und Nacht auf dem Wasser mit unseren Pontons im Kanal von Anny nach Lenz mit allerlei Kriegsmaterial. Es ist jetzt wieder hier ein furchtbares Treiben. Es kostet wieder viel Blut. Aber, na, Gott wird doch einmal Frieden geben. Ich bin soweit noch gesund und munter, was ich auch von Ihnen hoffe. Am Sonntag ging hier bei uns ein mächtiges Handgranaten- und Minendepot in die Luft. Es war eine unbeschreibliche Explosion.

Viele Grüße und auch frohes Wiedersehen

Pionier Albert Richter

 

Feldpost - Ansichtskarte Doual - Blick auf Rathausturm

Im Felde 18.12.15

Werter Herr Pastor!

Will Ihnen auch wieder mal ein paar Zeilen mitteilen, ich sage hiermit meinen vielen Dank für immer erhaltene Zeitungen. Sonst geht es mir immer noch gut, was ich auch von allen in der Heimat hoffe. Gott gebe es, daß wir die Heimat bald wiedersehn.

Viele Grüße vom Felde sendet Pionier Albert Richter, Wiedersehn

K. D. Feldpostexped. der 7. Infant. Div.

 

Im Felde, d. 15.2.1916

Werter Herr Pastor!

Nachdem ich schon wieder kurze Zeit hier bin in meinem alten Lager, will ich Ihnen wieder ein paar Zeilen mitteilen. Der Urlaub ist jetzt wieder aufgehoben, schon, als ich noch unterwegs war. Die Fahrt war sehr langweilig. Heute war ich nach den beiden Lazaretten 7 und 3, aber leider vergebens. Reinhold Clemens ist schon am 26.1., als ich noch auf Urlaub war, mit einem Krankentransport nach Davai gekommen. Der Lazarettinspektor sagte mir, er wird jedenfalls nach Deutschland mit reingekommen sein. Und nach Feldlazarett 9 von Richard Müller, die könnten mir keine Auskunft geben, als wie, da wäre er nicht eingeliefert worden. Und nach der 1. Kompanie kann ich jetzt augenblicklich nicht hinkommen, die liegt doch ein ganz Stück weg von uns. Auch hab ich die Depesche nicht von Müllers, weil ich den Tag, als ich mit lang ging, nicht reinkam, die Türen waren verriegelt. Aber ich will sehen, daß ich den Feldwebel der Companie bald mal sprechen kann. Sonst geht es mir noch gut, was ich auch von Ihnen hoffe. Im allgemeinen ist bei uns jetzt noch an der Front Ruhe. Vorgestern wurde wieder ein englisches Flugzeug abgeschossen. Ich will nun schließen.

Viele herzliche Grüße allen vom Felde sendet der Pionier Albert Richter

Auf Wiedersehen

(Feldpostbrief)

 

Im Felde, d. 6.9.16

Geehrter Herr Pastor!

Ihre werten Zeitungen und Karte dankend erhalten, worüber ich mich auch recht freue. Wie immer noch gesund und munter und hoffe dasselbe auch von Ihnen. Ich habe Ihnen doch seit meinem letzten Urlaub schon wieder einen Brief und eine Karte geschrieben, aber der Herr Pastor hat mir noch nicht mitgeschrieben, ob er was bekommen hat, hoffentlich doch wohl.

Viele Grüße sendet der Pionier Richter

(Feldpostkarte)

 

Feldpostansichtskarte

Zurückwerfen französischer und englischer Truppen nördlich von Ville sur Tourbe

Im Felde, d. 15.9.16

Geehrter Herr Pastor!

Ihren lieben Brief und Zeitungen erhalten, worüber ich mich recht freue und gleichzeitig vielen Dank sage. Viele Grüße vom Felde sendet der Pionier Richter

(Stempel Feldpostadresse des Absenders: Div. Brückentrain 7, Feldpost 7. Inf. Div.)

 

 

 

 

 

 

 

In Elsaß-Lothringen

 

Otto Rülicke aus Gadegast, Reservist

Mit 24 Jahren in den Krieg gezogen, verwundet heimgekehrt.

 

19 Ersatzdivision

Ersatzinfanterieregiment 32

II./6  Armeeabteilung

Kompanie Falkenhausen

 

Fremonville d. 14.X.1914 (vgl. Anmerkung 5)

Lieber Pastor!

Den 16. Oktober wurden unter uns Liebesgaben und Pakete verteilt. Meine Freude war groß, als unter den vielen Paketen auch meine Adresse war. Ich danke herzlichst für die mir zugesandten Liebesgaben und Zeitungen. Man kann sich tatsächlich freuen und getrost und mutig in die Schlacht ziehen, wenn die Angehörigen und Bekannten in der Heimat für einen sorgen, an einen denken und für einen beten. (vgl. Anmerkung 6) Ich habe mich auch sehr gefreut, daß sie mir ein Andenken von der Heimat, eine Karte mit der Kirche und Kriegerdenkmal mitgeschickt haben. Wenn in der Heimat für mich gebetet wird, so kann und will ich getrost und mutig im Glauben an Jesu Christo an der Seite meiner Kameraden in den Kampf ziehen. Ich werde auch stets bestrebt sein, meinem Namen, meiner Heimat, meinen Eltern und meinem Vaterlande keinen Schaden, sondern Ehre zu bereiten, und wenn es Gottes Wille ist, getrost und freudig mein Leben fürs Vaterland und die Heimat lassen. Es sind ja schon viele Kameraden an meiner Seite gefallen und haben ihr Leben im Felde der Ehre gelassen. Aber Gott wird uns Deutsche und auch Österreich nicht verlassen. Wir haben schon viele Gefechte hinter uns, und Gott der Herr hat uns stets den Sieg geben. Wenn er uns nun weiter zur Seite steht, so werden wir auch bald Frieden haben. Meine Kriegserlebnisse kann ich ja nun nicht alle erzählen, sonst könnte ich schon ein ganzes Buch vollschreiben. Wenn es nun Gottes Wille ist, so werde ich auch meine Heimat, Eltern, Geschwister, Bekannte und Verwandte gesund wiedersehen. Einen herzlichen Gruß aus Frankreich sendet Ihnen und Ihrer Familie, meiner Heimat und der Gemeinde und insbesondere meinen Eltern und Geschwistern auf ein baldiges Wiedersehen

Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Cirny, d. 26.X.1914

Geehrter Herr Pastor!

Den Brief von Ihnen mit den Zeitungen habe ich gestern erhalten. Ich werde mir auch heute die Zeit nehmen, um Ihnen sofort wieder zu schreiben. Da ich mich sehr gefreut habe, so sage ich auch Ihnen meinen besten Dank, denn man freut sich doch, wenn man wieder etwas von der Heimat zu hören bekommt. Ich wünsche auch Ernst Hecht gute Besserung. Nun habe ich auch noch das Glück, das ich heute meinen Geburtstag in Frankreich auf Vorposten feiern kann. Wie schnell ist die Zeit verflossen, denn es ist noch nicht lange her, als mich Herr Pastor konfirmiert hat, und heute bin ich nun schon 25 Jahre alt. Wenn es nun Gottes Wille ist, so wird er mich auch weiterhin beschützen und mich auch gesund meine Heimat und Eltern und Geschwister wiedersehen lassen. Ich wollte auch gern an der Seite meiner preußischen Kameraden in den Krieg ziehen, aber Gottes Wille war anders, und so habe ich nun bis jetzt Schulter an Schulter an der Seite meiner sächsischen Kameraden gekämpft. Vielleicht hat es seinen guten Grund, denn wir haben schon vom 21. September an kein Gefecht mehr gehabt und liegen etliche Kilometer von der Grenze in Frankreich zum Grenzschutz. Hier sollen wir das Eindringen der Franzosen in Elsaß-Lothringen verhindern. Nun müssen wir hier liegen und Posten stehen. Wie gern wollte ich mal wieder eine Schlacht mitmachen, damit es bald Frieden wird. Aber hier haben wir eine befestigte Feldstellung und sollen warten, bis uns die Franzosen angreifen. Sie sind ja öfter im Anmarsch, aber sowie unsere Artillerie das Feuer eröffnet, verschwinden sie wieder. Einen herzlichen Gruß, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, sendet Ihnen und Ihrer Familie und meinen Eltern und Geschwistern

Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Saarburg, d. 21.2.15

Geehrter Herr Pastor!

Ihre beiden Briefe habe ich erhalten und habe mich auch sehr gefreut. Zu lesen bekommen wir viel im Lazarett, damit uns die Zeit nicht so lang wird. Unser Herr General Oberarzt schickt uns alle Tage seine Zeitungen. Auch zwei Pfarrer besuchen uns oft, ein evangelischer und ein katholischer, und bringen uns die Sonntagsblätter mit. Auch haben wir ein schönes Weihnachtsfest gefeiert, welches ich auch niemals vergessen werde. Wir hatten auch einen großen Weihnachtsbaum mit vielen Lichtern und haben auch viel Geschenke bekommen. Unser Herr General-Oberarzt hat dann eine Ansprache gehalten und wir haben uns auch wirklich gefreut, ein solch schönes Weihnachtsfest erleben und feiern zu dürfen. Auch hat uns der evangelische Pastor besucht, Gottesdienstbeichte und heiliges Abendmahl abgehalten. Sonst wird für uns gesorgt an Nahrung des Leibes und auch der Seele. Wir haben hier auch eine ausgezeichnete Verpflegung, bekommen gutes Essen und werden auch gut gepflegt. Unsere Pfleger sind vom Johanniterorden in Stettin, und alles tüchtige und brave Leute. Man muß sich auch wirklich wundern über die Krankenpflege im Deutschen Reiche, denn es sind in den 16 Wochen, wo ich im Lazarett bin, nur 4 Mann an Typhus gestorben. (vgl. Anmerkung 7) Ich war ja auch schwer krank, werde aber, mit Gottes Hilfe, bald wieder gesund werden. Bis jetzt haben auch alle Typhus-Kranke Urlaub bekommen, aber jetzt soll es keinen Urlaub mehr geben, sondern ein paar Wochen in ein Erholungsheim kommen. Ob ich nun kann auf Urlaub kommen, weiß ich noch nicht. Wenn ich aber gesund bin, und noch mal gegen die Franzosen und Engländer gehen soll, dann werde ich es mit Freuden tun, denn der Gott, der mich das erste Mal behütet hat, und mich auch im Lazarett nicht verlassen hat, der wird mich auch in Zukunft nicht verlassen. Wenn ich aber dann noch mein Leben lassen sollte, werde ich es auch mit Freuden tun, denn ich weiß, es ist für mein liebes Vaterland und Euch Lieben daheim. Wenn Sie nun so freundlich sein wollen, dann grüßen Sie meine Eltern und Geschwister von mir.

Es grüßt Sie und Ihre Familie herzlichst Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Feldpostkarte - Ansichtskarte mit einem in Belgien eroberten englischen Küstengeschütz, ca. 18 Meter lang, für 30,5 cm Geschosse, von den Deutschen erobert, ehe es einen einzigen Schuß abgeben konnte.

Maybach, d. 8.3.15

Sehr geehrter Herr Pastor!

Da ich nun bald gesund bin, so bin ich nach Maybach in ein Erholungsheim gekommen. Sonst geht es mir gut und es ist immer noch möglich, daß ich noch Erholungsurlaub bekomme.

Die herzlichsten Grüße sendet Reservist Otto Rülicke

Reservelazarett Maybach

Post Friedrichsthal a. d. Saar

Rheinprovinz

 

 

Feldpostkarte - Ansichtskarte Sturmangriff bei Luneville

Maybach, d. 24.3.1915

Geehrter Herr Pastor!

Ihren werten Brief habe ich erhalten. Ich freute mich sehr und danke herzlich. Es geht mir hier ganz gut und ich werde bald gesund sein, daß ich kann auf Erholungsurlaub kommen. Die herzlichsten Grüße sendet Ihnen und meinen Eltern und Geschwistern

Reservist Otto Rülicke

Maybach, Post Friedrichsthal

a. d. Saar

(Feldpostkarte mit Poststempel: Königl. Preußisches Reservelazarett Quierschied, Abt. Maybach)

 

Maybach, d. 8.4.15

Geehrter Herr Pastor!

Ihre Briefe habe ich erhalten und danke auch herzlichst. Ich wäre ja gerne zu Ostern auf Urlaub gekommen, aber ich muß immer noch etliche Wochen hierbleiben. Vielleicht kommt Pfingsten bald ran, bevor ich von hier fortkomme, und es ist dann möglich, daß ich vielleicht kann zu Pfingsten auf Urlaub kommen. Wir haben es hier ganz gut, aber die Zeit wird mir jetzt doch bald lang. Ich war nun 18 Wochen im Lazarett in Saarburg und 5 Wochen bin ich schon wieder hier im Erholungsheim in Mayburg. Zeitungen bekommen wir ja auch alle Tage zu lesen, aber das ist bald meine einzige Arbeit den ganzen Tag, denn Dienst kann ich noch nicht mitmachen. Ich würde es ja gerne tun, denn ich kann bloß immer zusehen, wenn die anderen Kameraden exerzieren und spielen. Einmal bin ich nach Friedrichsthal mitgewesen zur Beichte und Heiliges Abendmahl und einmal zum Kirchgang daselbst. Aber ich war jedesmal froh, wenn ich wieder zu Hause war. Man kann es bald nicht glauben, wie schwach man von solch einer Krankheit wird. Aber ich will doch hoffen, daß ich mit Gottes Hilfe wieder ganz gesund werde. An die Front werde ich wohl nicht wieder kommen, aber ich will froh sein, wenn ich noch mal Garnisonsdienst machen kann. Unsre Krankenschwester sagte auch, daß ich noch ein paar Monate zur Erholung brauche. Da ist es nun kein Wunder, daß mir die Zeit bald lang wird im Lazarett, wenn die Brüder und andere Kameraden im Felde sind und ich kann hier bald gar nichts machen. Ich war ja auch schwer krank und es ist auch ein Wunder, daß ich überhaupt noch lebe. Aber der Gott, der mir bis hierher geholfen hat, der wird mir auch noch weiter helfen. Es geht mir aber schon ganz gut, und so werden wir uns, wenn Gott es will, einst gesund wiedersehen. Nochmals herzlichen Dank für den Brief und die Zeitungen.

Es grüßt Sie vielmals Otto Rülicke (Feldpostbrief)

 

Maybach, d. 20.4.15

Sehr geehrter Herr Pastor!

Ihren Brief habe ich erhalten. Ich freute mich sehr und danke auch vielmals. Das Wetter ist ja jetzt ganz gut und auch schön zum Spaziergang. Es geht mir ja schon wieder ganz gut und ich hoffe, in 8 Tagen von hier fort zu kommen, zum Ersatztruppenteil nach Dresden. Von Dresden hoffe ich, dann Urlaub zu bekommen, so daß ich in 2 bis 3 Wochen kann zu Hause sein. Ich würde mich ja auch sehr freuen, wieder mal ein paar Tage in der Heimat verleben zu können. Wir haben es ja hier sehr gut und die Verpflegung ist ausgezeichnet. Wir müssen ja auch gute Verpflegung haben, denn sonst können wir uns ja von unserer Krankheit nicht erholen. Die Gegend paßt ja auch gut zu einem Erholungsheim, denn es sind auch viel Berge hier und auch viel Wald. Der Wald ist alles Laubwald und die Vögel singen jetzt schon ganz schön. Wie wird es dann erst im Sommer sein, wenn die Bäume alle grün sind. Die Typhuskrankheit hat ja sehr schnell nachgelassen, daß jetzt nicht mehr viel Typhusgenesende hier sind. Darum werden wohl in nächster Zeit hier Verwundete herkommen. Nun hoffe ich auf ein baldiges und gesundes Wiedersehen.

Die herzlichsten Grüße sendet Ihnen und Ihrer Familie und meinen Eltern und Geschwistern

Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Kamenz, d. 18.6.15

Lieber Herr Pastor!

Ihren Brief habe ich erhalten. Ich habe mich sehr gefreut und danke herzlichst. Hier ist es ja auch sehr trocken und hat schon lange nicht geregnet. Das Heu und Korn ist ja immer noch ganz gut, aber mit Gresse, Hafer und Kartoffeln sieht es ja schlecht aus. Wir brauchen aber die Hoffnung noch nicht aufzugeben, denn der Herr, der uns bis jetzt beigestanden hat, der wird auch weiter für uns sorgen. Wir müssen nur auf Gott vertrauen und durchhalten, bis wir Sieger sind über alle unsere Feinde. Ich freue mich ja sehr, daß ich wieder felddienstfähig bin und wieder für das Vaterland kämpfen kann. Den 25. Juni oder Anfang Juli werde ich wohl wieder ins Feld kommen. Hier in der Garnison hat man ja doch keine Ruhe, wenn die andern Kameraden im Felde sind. So will ich ja gern für meine Heimat kämpfen und wenn es sein muß, auch sterben. Es geht mir ja wieder ganz gut und ich hätte es selbst gar nicht geglaubt, daß ich würde wieder so viel aushalten. Wir haben fast alle Tage Märsche und ich habe mich gewundert, daß ich es bei der Hitze immer noch ausgehalten habe. Sie wollten nun gerne wissen, Herr Pastor, wie groß Kamenz ist und wieviel Militär hier liegt. Die Stadt ist ja nicht sehr groß und zählt 16.000 Einwohner. Militär liegt ja im Frieden nur das eine Regiment hier, aber jetzt liegt ja überall mehr Militär als im Frieden. Es ist ja leicht möglich, daß ich noch mal kann nach Hause kommen, bevor ich ins Feld komme.

Es grüßt herzlichst

Auf Wiedersehen

Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben, d. 14.10.15

Lieber Herr Pastor!

Ihren Brief habe ich erhalten. Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie auch noch an mich gedacht haben und danke herzlich. Bin schon wieder 7 Wochen hier und das Leben schon wieder gewöhnt. Ich habe mich auch sehr gefreut, daß ich wieder zu meiner alten Kompanie gekommen bin, denn ich habe noch viel alte Kameraden hier. Es geht mir gut und ich bin auch noch gesund.

Herzliche Grüße

Auf Wiedersehen

Ihr Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

 

 

Geschrieben, d. 2.12.15

Lieber Herr Pastor!

Ihren Brief habe ich dankend erhalten. Man freut sich ja immer, wenn man wieder eine Nachricht aus der Heimat bekommt. Es hat bei uns auch schon eine Zeitlang Schnee gelegen, aber jetzt ist er wieder weg und es ist auch nicht mehr so kalt. Ich bin noch gesund und es geht mir gut.

Herzlichen Gruß,

auf Wiedersehen,

sendet Ihr Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben, d. 20.12.15

Lieber Herr Pastor!

Ihren Brief habe ich dankend erhalten. Sie schreiben, ich möchte Ihnen längere Briefe schreiben. Es ist mir aber auch nicht gut möglich, denn wir wissen auch nicht viel Neuigkeiten. Bei uns ist auch jeden Tag dasselbe und alles zu alltäglich. Dann gehen die Briefe auch alle durch die Briefzensur und werden kontrolliert. Wir haben jetzt etwas Frost aber sonst ist das Wetter schön. Ich will nun hoffen, daß wir Weihnachten mit Ruhe feiern können, und daß uns die Franzosen nicht stören. Wünsche Ihnen nun ein recht gesundes Weihnachten und hoffe auf ein baldiges und gesundes Wiedersehen.

Herzlichen Gruß aus Feindesland

sendet Ihr Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Geschrieben, d. 25.2.16

Lieber Herr Pastor!

Ihre beiden Briefe habe ich bei guter Gesundheit dankend erhalten. Wir waren jetzt 3 Wochen in Ruhe. Da mußten wir hinter der Front schanzen und exerzieren. Jetzt sind wir aber wieder in dem Schützengraben angekommen. In letzter Zeit hatten wir auch sehr schlechtes Wetter, denn es regnete fast jeden Tag. Jetzt haben wir aber schon einige Tage Schnee und Frost. Es ist aber immer noch besser, wenn es ein bißchen kalt ist, als jeden Tag Regen. Die mit Schnee bedeckten Vogesenberge bieten jetzt einen schönen Anblick. Schön muß es aber auch im Frieden hier sein, in den Tälern und auf den Bergen, mit den vielen Schlössern und alten Burgen. Wollen nun auch hoffen, daß bald Frieden wird und wir gesund in die Heimat zurückkehren können.

Herzlichen Gruß aus Feindesland,

sendet Ihnen Ihr Otto Rülicke

(Feldpostbrief)

 

Geehrter Herr Pastor!

Ihre werten Briefe habe ich dankend erhalten. Es geht mir gut und ich bin auch immer noch gesund.

Herzlichen Gruß sendet Ihnen Otto Rülicke

Auf Wiedersehen

(Feldpostkarte, Stempel: Feldpostbrief S.B. 6. K.Ers.-Inf.-Rgt. 32, K.D. Feldpostexped. der 19. Ersatzdivision

Abs.: Sächs. Ers. Inf. Reg. 32

II. Batl., 6. Komp.

Arm. Abtl. A.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verschollen

 

Otto Thiele aus Zemnick

Am 9. Oktober 1914 im Kriegsgefangenenlager Montauban gestorben mit 22 Jahren. (vgl. Anmerkung 13)

Die Briefe stammen von einem Mann gleichen Namens.

 

Hornist der Reserve, 6. Komp., Montanban (Arsenal).

 

9.11.14 Karte von Pastor Voigt

an Herrn Thiele, Zemnick b. Seyda.

Wenn Sie über Ihren vermißten Sohn Näheres erfahren wollen, so können Sie sich mündlich wenden an das Referat V. des Zentral-Nachweise-Büros Berlin NW 7, Schadowstr. 9 III.

Die Auskunft wird erteilt auf Grund der aus den feindlichen Ländern eingegangenen Listen. Schriftliche Anfragen sind zu richten an das Zentral-Nachweis-Büro des Kriegsministeriums Berlin NW 7, Dorotheenstr. 48.

Für alle schriftlichen Anfragen sind die bei den Postämtern erhältlichen rosa Doppelkarten zu benutzen, die die Post portofrei befördert.

In der Schweiz können Sie sich wenden an Agence de renseignements pour prisonnieri de guerre, Genf, rue de l´Athenee 3. La croix rouge francaise Commission des prisonniers de guerre Bordeaux 56 Qai des Chartrons gibt ebenfalls Auskunft. Hoffentlich haben Sie guten Erfolg. Hochachtungsvoll P. Voigt; Zahna, d. 8. Nov. 14.

 

26.11.14 (ähnlich 13.12.14)

Comite international de la croix-rouge, Geneve (Suisse), Agence internationale des prisonniers de guerre

(Kriegsgefangenenlager)

Herrn Pfarrer Voigt, Gadegast b. Seyda, Halle - Stat. Zahna.

(gedruckt)

Wir beehren uns, den Empfang Ihres Schreibens vom 21.11.14 betr. Otto Thiele anzuzeigen.

Wir werden alle erforderlichen Schritte tun und Ihnen die gewünschten Mitteilungen sogleich machen, wenn wir eine Antwort bekommen. Wir können, ohne Verantwortlichkeit unsererseits, die Vermittlung von Briefen, persönliche Nachrichten enthaltend, von Geldsummen (bis 50 Fr.) und Paketen (bis 5 kg) an Gefangene übernehmen.

Offene Briefe und Pakete können jedoch, wenn die genaue Adresse des Empfängers bekannt ist, direkt (d.h. von Deutschland nach Frankreich oder umgekehrt) gesandt werden, unfrankiert, aber mit dem Vermerk „Kriegsgefangenen-Sendung“ versehen. Die Postanweisungen können auch an die Oberpostkontrolle in Bern (Schweiz) geschickt werden, die mit der weiteren Beförderung offiziell beauftragt wird.

Mit Hochachtung

Das internationale Ermittlungsbureau für Kriegsgefangene.

N.B. Gaben zu Gunsten unseres Werkes werden mit Dank erhalten.

 

22.12.14 (ähnlich 29.11.14)

Comite international de la croix-rouge, Geneve (Suisse), Agence internationale des prisonniers de guerre

(Kriegsgefangenenlager)

Herrn Voigt, Gadegast b. Seyda Bz. Halle a.s. Bahn-Station Zahna. Deutschland, Provinz Sachsen.

AUSKUNFT

Name: Thiele

Vorname: Otto.

Inkorporation: 3 Gardegrenadier.

Ist in Montauban interniert.

 

Comite international de la croix-rouge, Geneve (Suisse), Agence internationale des prisonniers de guerre

(Kriegsgefangenenlager)

Geneve, la 1.4.1915

An Herrn Pastor Voigt.

Wir haben Ihren Brief von 12.3.15 erhalten. Wir fürchten sehr, daß unsere Mitteilulng, Otto Thiele sei in Montauban, nicht richtig ist. Es ist ein anderer Otto Thiele, von einer anderen Kompanie. Wir richten eine Anfrage an das Rote Kreuz in Paris, aber vorher wir möchten ganz sicher wissen, bei welchen Regiment der Gesuchte Thiele diente: Gardegrenadier N. ? 7. Komp. geboren zu Zemnick b. Seyda Kr. Schweinitz, Geburtstag und - Jahr?? Wir danken im Voraus für die genau Personalien. Mit Hochachtung

(Stempel Rotes Kreuz, Kriegsgefangenenbetreuung).

 

7.4.15

An Pastor Voigt, Hochwohlgeboren in Gadegast, Bez. Halle, Allemagne. (Stempel Kriegsgefangenenlager Montauban)

Montauban, d. 7.4.15

Herrn Pastor Voigt, Hochwohlgeboren. Ich erhielt am 5.4. einen Brief, aber derselbe gehörte nicht mir, und ich sah daraus, daß es sich um einen Vermißten handelt, von dem die Eltern noch nicht wissen, wo er sich befindet. Ich habe im ganzen Lager nachgefragt, ob ein Otto Thiele aus Gadegast, Bez. Halle, hier wäre, aber es meldete sich keiner. Auch habe ich Kameraden vom 3. Garde-Reg. z. F. gefragt, aber keiner kannte ihn. Hier ist noch ein Otto Thiele vom Reg. 106 aus Leibzig, und ich mit den gleichen Namen bin vom Königin Elisabeth Garde Grenad. Regt. N. 9. Am besten erhalten Sie Auskunft vom Roten Kreuz in Genf, vielleicht befindet er sich in einen andern Gefangenenlager, wenn nicht? Dann wird wohl das Schwerste zu befürchten sein, worüber ich mein herzliches Beileid ausspreche. Hochachtungsvoll zeichnet Hornist d. Res. Otto Thiele 6. Comp. K.E.G.G. Regt. N. 9. Montauban.

 

Comite...

Geneve, den 20. April 1915

An Herrn Pastor Voigt, Gadegast b. Seyda

Wir bedauern, Sie davon benachrichtigen zu müssen, dass uns eine am 12. d. geschriebene Mitteilung zugegangen ist, nach der Grenadier Otto Thiele III. Garde Gren. Reg. z. F. 7. Komp. sich nicht im Gefangenenlager von Montauban befindet.

Wir vergessen aber Ihre Angelegenheit nicht und setzen unsere Nachforschungen nach dem Vermissten fort. Sobald wir eine Auskunft, die Ihnen von Nutzen sein könnte, erhalten haben, werden wir sie Ihnen sofort zukommen lassen. Hochachtungsvoll

(Stempel Rotes Kreuz, Kriegsgefangenenbetreuung)

 

25.8.15

An Hochwohlgeboren Herr Pfarrer Voigt, Gadegast b. Seyda, Prov. Sachsen, Bez. Halle, Allemagne.

Abs: Hornist d. Res. Otto Thiele 6. Komp. Montanban Arsenal (Stempel: Depot des Prisonniare de Guerre Montauban) (Kriegsgefangenenlager)

Hochgeehrter Herr Pfarrer Voigt! Ihren lieben Brief aus der Heimat habe ich erhalten und mich sehr gefreut, danke vielmals für die Predigt und die trostreichen Worte. Um Ihren Wunsch gewissenhaft nachzukommen, habe ich mich mit einen Sanitäts-Untfz. Gliesche in Verbindung gesetzt und hoffe, daß es uns gelingen wird, Näheres über den Entschlafenen zu erfahren. Sollte

dies jedoch nicht der Fall sein, was ja auch nicht ausgeschlossen ist, so werde ich Ihnen, wenns mir die Mittel erlauben, eine Ansicht von seiner letzten Ruhestätte besorgen, und mit nach der Heimat bringen! Mit der Hoffnung, Ihren Wunsch gewissenhaft erfüllen zu können, zeichnet Hochachtungsvoll O. Thiele.

 

 

 

 

 

 

An wechselnden Fronten fern der Heimat

 

Albert Wägner aus Gadegast, Gefreiter der Landwehr

Am 4.8.14 mit 35 Jahren in den Krieg gezogen, unverheiratet; verwundet heimgekehrt.

 

Artil. Mun. Kol. 186

17. Landw. Divis.

10. Armee (Osten; zuerst aber im Westen)

 

Louix-Loux Choumon 30.X.14

Lieber Herr Pastor, Ihr Paket und die Zeitg. u. Heimatgrüße habe ich erhalten. Ich wollte schon gerne mal schreiben, habe aber leider wenig Zeit. Des abends ist es dunkel, und in Frankreich gibt es kein Petroleum und keine Talglichter. Ich liege jetzt in Bönix-Laux-Choumon, und die Geschütze stehen in Bleivil, aber da haben wir gestern abend um 11 Uhr wieder 3 Stück Geschütze nacheinander draufgefahren, wie das heißt, weiß ich noch nicht, da waren wir erst um 2 Uhr im Quartier. Und des morgens bin ich schon wieder um 5 Uhr aufgestanden und mit meinem Zweitpferde schon wieder in die Feuerstellung geritten und habe Leutnant Ulrich sein Pferd hingeschafft. Der Leutnant Ulrich ist von Beruf Gerichtsassessor, er muß öfters auf das Kriegsgericht kommen. Dasselbe ist im Dorf Lonix-Loi-Gon. Es liegt 40 km von Arras. Wir haben meistens mit Engländern zu tun. Die 1. Batterie hat bis jetzt die wenigsten Verluste gehabt, 9 Tote und 15 Verwundete. Die 2. und 3. Batterie haben mehr, die erste Feuertaufe haben wir auch vom Engländer am 24.8. erhalten bei Euterguis. Wir hatten keine Verluste, aber die 3. Batterie hatte 4 Tote und 24 leicht und schwer Verwundete, darunter der Hauptmann und Oberleutnant leicht verwundet. Wir sind durch Belgien gekommen, da hatten wir nur zwei kleine Gefechte am 18. vor Hallendiest und am 19.8. vor Kesselo. Den andern Tag sind wir durch Löwen gekommen, das war eine der schönsten Städte und altertümlich viel schöner als Brüssel. In Brüssel haben wir des nachts auf dem Bahnschuppen Quartier gehabt. Wir sind am weitesten vor Paris gewesen. 30 km bei Meaux, am 7. bis 9.9. war die Schlacht, dann mußten wir wieder retour, denn wir waren zu weit vor. Unsere Infanterie hat aber auch immer viel Verluste gehabt, Inf. 72 u. Inf. 93 u. Inf. 159 Infanterie... 72 liegt das Dorf vor uns. Alle Tage abends oder des nachts werden sie abgelöst. Reinhold Clemens und Lehrer Füß habe ich schon öfter gesehen, auch habe ich sie schon auf dem Felde besucht. Franz Freidank aus Seyda war erst auch bei der 1. Batterie, er ist aber zu der 5. Batterie gekommen. Ich bin noch gesund und munter. Grüßt ganz Gadegast. Wir können froh sein, daß der Krieg nicht in unserm Vaterlande ist. Wir wollen gerne streiten und unser Leben wagen, denn das Vaterland ist solch Opfer wert. Es grüßt in Gott befohlen, ein gesundes fröhliches Wiedersehen.   Albert.

Wir haben schon 4 mal Gottesdienst gehabt, das 1. Mal hat er gepredigt v. Römer 12, Vers 12, (vgl. Anmerkung 4) die Lieder haben wir gesungen: "Ist Gott für mich", "Harre meine Seele".

(Feldpostbrief aus Frankreich)

 

Cambrei , den 4.2.15

Lieber Herr Pastor, ich fühle mich veranlaßt, für die Sendung eines Feldpostpakets mit Tabak und Pfeife, die ich im November erhalten habe, noch nachträglich meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Leider habe ich sie nicht können rauchen, da ich mich nicht fühlte, jetzt werde ich beinahe die Gelegenheit haben, da ich schon den 14. November ins Militärhospital Cambrei eingeliefert wurde und einer schweren Krankheit unterlag. Ich bin erst den 1. Januar aufgestanden. Ich kann bis heut noch nicht alles essen. Ich kam mit meinen 6 Kameraden hin von der ersten Batterie des 74. Artillerieregiments Torgau, drei davon sind gestorben. Nach meinen Gedanken glaube ich, daß ich angesteckt worden bin, da ich der letzte war und mit den Kameraden immer zusammen kam. Im Hospital liegen 150 Kranke mit Verwundeten. Tausende von Kameraden schlafen im Soldatengrab auf fremder Erde. Andere sanken neben uns im Lazarett dem Tod in die Arme. Uns gab er Leben und Gesundheit wieder. Darum sei in den Stunden all unser Tun und Schaffen seinem Dienste geweiht. Nun behüt mich Gott! Für meine Krankheit hätte ich lieber mit meinen Kameraden wollen streiten. Das Hospital wird wohl früher eine Burg gewesen sein. Es befinden sich unter dem Gebäude große Gänge bis zum Kanal. Am Kanal befindet sich eine große Wasser- und Dampfmühle zusammen.

Es grüßt in Gott befohlen ein gesundes Wiedersehen

Gefr. Albert Wägner

Militärhospital Cambrei

Nordfrankreich

(Feldpostbrief aus dem Militärhospital)

 

Lieber Herr Pastor, den Brief von Cambrei werdet Ihr wohl erhalten haben. Wir sind jetzt nach St. Amand in die Erholungsstätte verlegt worden, das ist ein großer Badeort. Die Karte zeigt unsern Speisesaal. Da kommt das Wasser an zwei Stellen am Bad lauwarm aus der Erde. Das ist ein sehr gesundes Trinkwasser. Es grüßt herzlich Albert Wägner

(Ansichtskarte von der Erholungsstätte St. Armand Etablissement Thermal in Nordfrankreich)

 

Fröhliche Ostern sendet Albert

Gefr. Landwehrmann Albert Wegner

1. Ersatz Batterie

Reg. 74, Torgau a.d. Elbe

(Feldpostkarte - Osterkarte, Poststempel 2.4.15 Torgau)

 

Waldynjany d. 8. März 1916

Geehrter Herr Pfarrer,

endlich ist es mir gelungen, einmal an Sie zu schreiben. Verzeihen Sie, daß ich nicht eher geschrieben habe, hatte andauernd Dienst, deshalb keine Zeit. Ihre Zeitungen habe ich dankend erhalten. Habe aus dem Sonntagsblatt vom 16. Januar meinen Konfirmationsspruch gelesen: "Gib mir, mein Sohn, dein Herz, und laß deinen Augen meine Wege wohl gefallen." In den vergangenen Jahren 1914 und 1915 war ich in Belgien und Frankreich. Auch war ich schwer krank. Aber Gott gab mir Gesundheit durch der Ärzte Kunst und der Schwestern liebe Pflege Leben und Gesundheit wieder. So stehen wir seinem Dienst geweiht. So bin ich dieses Jahr in Rußland und der liebe Gott wird mich auch glücklich wieder nach Hause bringen. Vertraut auf Gott und betet für uns. Befinde mich sonst noch gesund und munter. Am Tag gibt es viel Dienst, wir fahren Munition nach der Front. Am 25. Januar und am 3. März hat es bis jetzt hier am meisten geschneit. Es ist aber nicht allzu kalt. Die Pferde haben es schlechter als die Menschen, denn sie bekommen nicht viel Futter und gar kein Heu. Wir fahren von Maldyjany bis Stowo Zwensjany und nach Godozischki und bis Tweretsch an die Front, da stehen die Geschütze. Es ist hier nicht so gefährlich mit der Schießerei und mit den Fliegern wie in Frankreich. Dörfer und Städte sind alle gleich mit Stroh gedeckt und schlechte Straßen. Auch ist es mit Wasser schlecht bestellt, denn sie haben keine Pumpen und wir müssen die Brunnen selber herstellen. Abends spät wird aus Zeitvertreib geraucht. Es tut einem richtig wohl, nach getaner Arbeit zu ruhn. Wüßte sonst nichts neues zu berichten. Für heute genug, ein anderes Mal mehr.

Es grüßt auf baldiges Wiedersehen

Alle Gadegaster

Ihr ergebener Albert Wägner

 

Reinhold Wägner aus Gadegast, Landsturmmann

Mit 33 Jahren in den Krieg gezogen, gesund heimgekehrt.

(Westen)

4. A.K.

7. Inf. Div.

26. Inf. Reg.

Wachkompagnie

8. Korp.schaft.

 

Lieber Pastor!

Den Brief habe ich erhalten, worüber ich mich sehr gefreut habe, wenn man etwas von der Heimat bekommt. Mir gefällt es ganz gut im Westen. Es ist ja mitunter gefährlich mit den Fliegern bei Tag auf Posten, auch die Schweinebande von Engländern schicken mitunter welche in Harmeis hinein. Von unserm Transport kommen welche nach Bens, die müssen fast nur im Keller liegen. Da habe ich mit Letz noch Glück gehabt. Mit Gottfried Lange habe ich schon gesprochen, der liegt in Harmais stets in Ruhe. Es wird schon jetzt der Sommerweizen angebaut. So, Herr Pastor, laßt es Euch stets gut gehn. Besten Dank, viele Grüße und Wünsche auf gesundes Wiedersehn.

(Feldpostbrief, Poststempel vom 23.3.1916: K.D. Feldpostexped. der 7. Infant.-Div.)

 

Meinen besten Dank, Herr Pastor, Eure Zeitung habe ich erhalten. Ich bin gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe. Gestern zum ersten Mal haben feindliche Geschwader Lampen geworfen um Harais herum. Sie haben aber gar nichts beschädigt. Sie wollten jedenfalls die Bahn verletzen, aber gingen alle fehl. 7 kamen auf unsern Pionierpark, haben aber keinen Schaden gemacht, 2 vor Harnis, da waren die Scheiben gleich rausgefallen von dem Druck. Es ist jetzt im allgemeinen sehr unruhig. Die Gefangenen haben ausgesagt, sie wollten 10 mal hintereinander angreifen. Vom 26. an ist es schon sehr unruhig, nur am 3. Juli in der Nacht war es nicht so lebhaft, sonst hat es immer Trommelfeuer gegeben, aber nicht ganz wenig, das war schrecklich. Da hörte man überhaupt keinen Schuß mehr fallen, es rumpelte nur noch. Gottfried Lange ist gerade mit vorn, ich hoffe, daß er wieder gesund zurückkommt, denn Letz ist mit nach Bens. (Feldpostbrief, Poststempel: 5.7.1916, K.D. Feldpostexped. der 7. Inf. Div.)

 

Anmerkungen

 

1 Belgien war ein neutrales Land und wurde vom Deutschen Reich überfallen, um an einer überraschenden Stelle in Frankreich durchzubrechen.

 

2 Brotkarten wurden im Januar 1915 eingeführt, es folgten weitere Rationierungen, 1916 gab es auch eine Fleischkarte. In den Städten betrug die wöchentliche Ration pro Erwachsene 1916/1917: 2,5 kg Kartoffeln oder als Ersatz Kohlrüben; 1,9 kg Brot bzw. Brotersatz, 250 g Fleisch oder Wurst, 180 g Zucker, 80 g Butter und ein halbes Ei. Die Lebensmittelkarten sicherten aber nur den Anspruch, ob man es dann tatsächlich bekam, war unsicher. „Die Kartoffelmißernte 1916 verschlimmerte die ohnehin angespannte Lage weiter und führte dazu, daß die Kohlrübe als Kartoffelersatz ausgegeben werden mußte. Im „Kohlrübenwinter“ 1916/17 kam es zu schweren gesundheitlichen Belastungen, in vielen Fällen zu Hunger, Krankheit und Tod. Diese enorme Lebensmittelknappheit führte zu verschiedenen Versuchen, Lebensmittelersatz herzustellen... Ein Beispiel dafür war das Vorgehen der Berliner Eckhoff KG, Brot unter Zusatz von 30 Prozent Tierblut und 10 Prozent Pflanzenmehl herzustellen... dazu kam der Mangel in der Brennstoffversorgung der Haushalte...“ (Geschichte Sachsen Anhalts III, 77f). Dies findet auch Niederschlag in der Gadegaster Schulchronik, z.B. 1917: „Von der Reichsstelle für Gemüse und Obst GmbH Berlin W. Potsdamer Straße 75 ging für die Gadegaster und die Zemnicker eine Anzahl Flugblätter durch die Königl. Kreisschulinspektion Wittenberg "Sammelt die wildwachsenden Gemüse, Wildsalate, Tee, Ersatzpflanzen" am 21. Juni ein. Die Kinder wurden durch den Lehrer mit dem Inhalt bekanntgemacht, auch ihnen die Zweckmäßigkeit und Wichtigkeit des Sammelns klargemacht und die Blätter unter sie, so weit sie reichten, verteilt. Es waren indes nur wenige.“

 

3 Liebesgaben waren Päckchen aus der Heimat, die teils durch organisierte Transporte, teils auf privater Basis verschickt wurden. Die Liebesgaben des Gadegaster Pfarrers und seiner Gemeinde bestanden zum Beispiel in Strümpfen, Zigarren, Tabak und Pfeifen.

In Gadegast wurden auch öffentliche Sammlungen durchgeführt, noch im November 1918 rief Pfarrer Voigt dazu in den „Heimatgrüßen“ auf, wohl nicht nur aus „patriotischer Gesinnung“, sondern vor allem, weil er die Not „seiner“ Männer an den Fronten kannte.

Beispiele aus der Schulchronik 1915: „Sammlung für Lazarettzüge - Durch Sammlung wurden am 30. April von den Schülern für die Erfrischungsstellen im Ostheere und den Vereinslazarettzug "A 4" an mich abgeliefert 18,10 M,  welche ich an den Herrn Ortsschulinspektor abführte. Der Herr Pastor hat den Betrag auf 20 M abgerundet. Zur 6. Kriegsanleihe wurden als von der Schule aufgebracht 9.600 M genannt.“

In den üblichen Päckchen waren Hemden, Unterwäsche, Taschentücher, Strümpfe, Zigarren, Zigaretten, Schokoldade und ähnliche Dinge, von den Frauen freiwillig in den Sammelstellen gepackt und an die Front geschickt (Geschichte Sachsen Anhalts III, 73).

 

4  Römer 12,12: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.“

 

5  Elsaß-Lothringen: Die Taktik des deutschen Generalstabs sah vor, einen „Blitzkrieg“ gegen Frankreich zu führen, und zwar über Belgien. Durch eine Überarbeitung dieses Planes wurden jedoch starke Truppenteile in Elsaß-Lothringen stationiert, um einen Durchbruch der Franzosen in deutsches Gebiet zu verhindern.

 

6   Das Gebet in der Heimat fand in den Gottesdiensten und Häusern statt, aber auch in speziellen „Kriegsbetstunden“ in der Kirche.

Die Schulchronik berichtet zum Beispiel über die „Reformationsjubiläumsfeier:

Am 31. Oktober 1917 fand auch in hiesigem Orte eine würdige Feier des 400-jährigen Reformationsjubiläums statt. Vormittags um 9 Uhr begann der Gottesdienst in der geschmückten Kirche, in der auch ein Lutherbild aufgestellt war. Der Gottesdienst verlief nach dem von der Kirchenbehörde aufgestellten Programm. Ein Schild mit aufgezeichneter Bibel und Schwert zum Benageln wurde als Erinnerungszeichen an diese Feier gestiftet (Reformationsgedächtnisschild) und mit der Nagelung begonnen...“

Das genagelte Schild findet sich noch heute in der Gadegaster Kirche. Für jeden Nagel wurde eine Spende für die Soldaten gegeben.

 

 

7   Typhus: Infektionskrankheit, dauert meist vier bis sechs Wochen, beginnt mit Kopfschmerzen, Fieber, Mattigkeit, oft Verstopfung; später Durchfälle, Delirien, starke Abmagerung, das Nervensystem wird meist schwer geschädigt. Auf Brust und Bauch bläulichrote Flecken. Sterblichkeit damals etwa 10 bis 15 %.

 

8  Warum werden die Briefe im Laufe des Krieges immer weniger? Ein Faktor könnte die verstärkte Zensur sein, die es nicht zuließ, das Erlebte wahrheitsgemäß aufzuschreiben. Die Soldaten berichten auch häufig von Überanstrengung durch viele Einsätze.

 

9  Der Pfarrer setzte sich mehrmals in Form von Urlaubsgesuchen und Verlegungsgesuchen für Kranke in ein nahegelegenes Lazarett für seine Gemeindeglieder ein.

 

10 (Otto Klebe) Der Ausbruch des Krieges im August 1914 kam für die deutsche Öffentlichkeit trotz allem überraschend (so Geschichte Sachsen Anhalts III, 72).

 

11 (Schwere Arbeit in der Heimat) Die kräftigen Männer fehlten, was gerade in der Ernte sehr wehtat. Allein Gadegast waren 73 Männer zum Kriegsdienst eingezogen worden! Der Erste Weltkrieg brachte einen großen Schub für die Frauenarbeit, auch in den Fabriken. Frauen wurden dabei grundsätzlich geringer bezahlt als Männer, trotz gleicher Arbeit. Auch ein Geburtenausfall war mit Beginn des Krieges zu verzeichnen.

Der Gadegaster Lehrer war eingezogen, so mußten die Kinder über 1 ½ Jahre lange in Seyda zur Schule gehen, dann wurde jedoch wegen „Unzuträglichkeiten“ der Schulunterricht für drei Tage in der Woche in Gadegast abgehalten.

 

12 Im Winter 1916/1917 hatte der Erschöpfungsgrad der Bevölkerung die Grenzen des Ertragbaren erreicht (Geschichte Sachsen-Anhalts III, 79): Unterernährung, Magen- und Darmerkrankungen, Tuberkulose waren verbreitet.

Die Gadegaster Schulchronik berichtet schon für den vorhergehenden Winter: „Ferien infolge Kohlennot - Herrschender Kohlennot zufolge fiel infolge Anordnung seitens der Königlichen Regierung an den Schulen des Regierungsbezirkes der Unterricht vom 5. - 10. Februar aus.“

Schulchronik 1917: „Infolge der sehr ernsten Ernährungsfrage sind Großstadtkinder bei Gadegaster Einwohnern und in der Schule als Gäste...

1. Franz Kirchert - Vater Maschinist bei Hüfner Lange

2. Karl Neldner - Vater Schuhmacher bei Hüfner Schlüter

3. Else Kramer - Vater Milchhändler bei Hüfner Lange

4. Hildegard Göhle - Vater Steinmetz bei Pastor Voigt

5. Emil Wetzelt - Schleifer bei Tischler Lange

6. Franz Altenburg - Geschirrführer bei Hüfner Clemens

7. Helene Hoffmann - Vater Schuhmacher bei Landwirt Sommer

8. Hildegard Beyer - Vater Lohnbeamter bei Hüfner Müller

9. Frieda Kraft - Heizer bei Zimmermann Richter

Am 13. Juni kam durch Einschulung wieder ein Mädchen aus Charlottenburg hinzu. 10. Dora Rietdorf

Die Anzahl der Kinder beträgt am 14.6.1917...

gesamt: 92“

Die Schulchronik berichtet auch über die:

„Beschlagnahme der Kirchenglocken

Dieser entsetzliche Krieg, dessen Ende nicht abzusehen ist, fordert immer mehr und größere Opfer. Während im vorigen Jahre bereits alle Gegenstände aus Nickel und Kupfer beschlagnahmt wurden, z. B. auch alle Kupferkessel, werden jetzt durch Verordnung vom 20. Juni 1917 alle Einrichtungsgegenstände aus Kupfer und Kupferlegierungen (Messing, Rotguß, Tombak, Bronze) eingefordert, bzl. beschlagnahmt und zur freiwilligen Ablieferung wurde aufgefordert. Da die Beschlagnahme sich auch auf Gegenstände in kirchlichem, stiftischen, kommunalen,  Reichs- und Staatsbesitz erstreckt, so müssen auch die Kirchenglocken abgeliefert werden. Zwar werden nicht sämtliche Glocken eines Gotteshauses zugleich beschlagnahmt, doch wird auch schon die Abgabe einer oder mehrerer Glocken tiefeinschneidendes Ereignis empfunden. Dem Gadegaster Gotteshaus verbleibt nur eine Glocke. Am 24. Juni abend wurde der kleinen Glocke Abschied geläutet und den 26.6. wurde sie abgenommen. Während sie bisher dem Kindlein auf des Lebens ersten Gange, dann Braut und Bräutigam lud "Zu des Festes Glanz", dem Abgeschiedenen das letzte Geläute gab, muß sie nun in anderer Sprache, als brüllende Kanone im Weltkriege Dienste tun. Möchte sie mit ihren vielen hinausziehenden Kameraden recht bald zurückkehren, um im Frieden wieder ihr Geläute erklingen zu lassen. Die Kessel der Brauhäuser sind nicht beschlagnahmt. Bei Beschlagnahme der Kirchenglocken ist sogar auch diejenige der metallenen Orgelpfeifen angekündigt.“

„Ein großer Teil der metallenen Orgelstimmen ist ausgebaut und zur Ablieferung gelangt (September 1917).“

1918 wird in der Schulchronik Gadegast zusammengefaßt:

„Sammlungen während des Krieges: Kupfer   7 kg, Messing   2 kg, Papier    100 kg, Gummi     25 kg, Korn aus Ähren     60 kg, Kastanien     100 kg, Pflaumenkerne     100 kg, Kirschkerne      5 kg, Sonnenblumenkerne    15 kg, Brennesseln    10 kg, Windröschen     50 kg. Für Ostpreußen sind Kleidungsstücke, Reis, Kaffee.

Ludendorffspende

Für die Ludendorffspende - für Kriegsbeschädigte - brachten die Schulkinder zusammen 13,20 M, die ich sofort, am 4. Mai an den Ortschulinspektor, Herrn Pastor Voigt abgeliefert habe. Ich habe den Kindern nach Kräften die Pflicht ans Herz gelegt, die das Vaterland unseren tapferen Kämpfern, die Gesundheit und Leben für uns in die Schanze schlagen, schuldig ist. Durch Haussammlung brachten die Schulkinder später noch 89,10 M zusammen, so daß 102,35 M Ludendorffspende abgesandt werden konnten...

Weiter gesammelt wurde und wird von den Schulkindern:

Papier, Flaschen, Haare, Kirschkerne, Pflaumenkerne, Brennesselstengel, Bautheu (?)

Papier wurde bis 26. April 1918 gesammelt  110 kg, dafür gelöst 10,20, die ich Herrn Pastor Voigt... übergeben habe am 13.Juli 1918.

Bautheu wurde rund 6 Zentner gesammelt... Nach Abzug der Unkosten (Fuhrlohn) blieben 103 M, die ich am 11.Sept. an Frau Pastor Voigt gleichfalls ablieferte... Der an der Wandtafel angefertigte Bogen zeigt das Wachsen der gesammelten Gegenstände... Für gesammelte 11 Pfund Brennesseln  abgeliefert an Firma Hermann Bennecke - Zweiggeschäft in Zahna erhielten wir 2,20 M, wovon ich 20 Pf. Botenlohn dem Boten gab und 2 M an Herrn Pastor ablieferte 17.8.18...

 

Im April 1917 forderten in ganz Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen Frieden und Brot. Auch in Wittenberg fanden Streiks statt (Geschichte Sachsen-Anhalts III, 80).

Die Schulchronik berichtet:

Revolution in Deutschland

In der Nacht vom 8. zum 9. November des Jahres ist in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Überall haben Arbeit- und Soldatenräte die Gewalt an sich gerissen. Kaiser Wilhelm hat auf den Thron verzichtet und sich nach Holland begeben. Ebenso haben sämtliche Fürsten Deutschlands ihre Kronen niedergelegt und alle deutschen Staaten haben sich zu Republiken erklärt. An der Spitze Deutschlands steht ein "Rat der Volksbeauftragten" von 6 Mann, gebildet von den Sozialdemokraten und den Unabhängigen. Vorsitzender (Reichskanzler) ist Sozialdemokrat Ebert. (u. Haase). Kontrolliert wird die Regierung vom Vollzugsrat des "Berliner Arbeiter- und Soldatenrats". Der Einberufung einer "Nationalversammlung" setzten die Unabhängigen und besonders die noch radikaleren Spartakusse Widerstand entgegen. Erstere Partei hat aber doch zugestimt und so sind die Wahlen vorläufig auf den 16. Februar 1919 angesetzt. Auch in Preußen hat sich eine neue Regierung gebildet aus denselben Parteien. Das Kultusministerium verwalten die Sozialdemokratischen Abgeordneten Adolf Hoffmann und Hänisch. Als Programm haben sie die Trennung von Kirche und Schule und Staat - Kirche aufgestellt.“

 

Pfarrer Voigt blieb bis zuletzt und auch noch nach Kriegsende „kaisertreu“. Noch 1993 wurde die schwarz-weiß-rote Fahne in seinem Nachlaß gefunden.

 

13 Pfarrer Voigt hatte die traurige Nachricht vom Tod eines Soldaten der Familie persönlich zu überbringen. Für die Gefallenen wurde 1935 eine Gedenkstätte in der Dorfmitte von Gadegast geschaffen: in der Mitte ein großer Findling, außen herum für jeden der Gefallenen ein Feldstein. In Zemnick schnitzte ein Lehrer eine Gedenktafel, die noch heute in der Kirche hängt. Ein Bild mit den Fotos aller Kriegsteilnehmern wurde angefertigt, allerdings erst 1998 in die Kirche gehängt.

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

 

Bild auf der Rückseite: Aus: Der Film Im Westen nichts Neues in Bildern. Berlin, 1931, 128.

 

Die Landkarten und Statistiken: Aus: dtv-Atlas zur Weltgeschichte: Karten und chronologischer Abriss: Band 2 Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, München 1966, 22. Auflage 1987,122-129.

 

Sachinformationen in den Anmerkungen: Aus: Geschichte Sachsen-Anhalts: hrsg. vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V. unter der Redaktion von Gerlinde Schlenker, 3. Band, München und Berlin 1994, 70-80 (Mende, Roswitha: Die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt im Kaiserreich: Im Ersten Weltkrieg.).

 

Schulchronik Gadegast: vorliegend im Pfarrarchiv Seyda. Aus ihr sind auch die Beurteilung der Verwundung (leicht - schwer).

 

 

 

 

 

 

Bilder: „Heimatgrüße“, Kriegsbetstunden, Postkarten

 

Landkarten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die

Geschichte

der

Kirche

in

Seyda.

 

 

 

 

5. Die Kaiserzeit (1871-1918)

 

 

 

 

 

 

Durch das Bündnis mit Napoleon hatte Sachsen nach den Befreiungskriegen große Gebietsteile abtreten müssen. Dazu gehörte auch das Amt Seyda, was seit 1816 zur neugegründeten preußischen „Provinz Sachsen“ gehörte und aufgelöst wurde. Noch lange hielten sich die Widerstände gegen Preußen, man wollte wieder zu Sachsen zurück. Jedoch ging die Zeit über diesen Wunsch hinweg. Die Reichseinigung 1871 tat ihr übriges, man war nun Deutscher, und der preußische König war Kaiser für alle. Ein langer Traum war damit in Erfüllung gegangen: Keine Grenzen, keine Kriege mehr innerhalb Deutschlands! Noch 1866 kämpften auch Seydaer  in der „Schlacht bei Langensalza“ (Preußen siegen gegen Hannoveraner). Danach brach eine Cholera in Seyda aus, durch mitgebrachte Krankheitserreger.

 

Der gewonnene Krieg gegen Frankreich 1870/71 stärkte das Nationalempfinden. Nun gab es endlich ein einiges Deutschland! Am 25. April 1871 wurden auf dem Marktplatz in Seyda zwei Linden gepflanzt, die nördliche: die Kaiser-Linde, die südliche: die Friedenslinde. Beide wurden von dem Kaufmann Gustav Knade geschenkt.

„Mit der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzenden Gründerzeit und den nachfolgenden Jahren des 20. Jahrhunderts nahm auch Seyda einen kleinen wirtschaftlichen Aufschwung. Ab 1885 kamen durch die Einführung von Schutzzöllen bessere Zeiten für die Einwohner, die Industrie hob sich, und die Landwirtschaft erholte sich. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen von Maschinen und der Errichtung zweier Sägemühlen in der Stadt, hatte sich eine Industrie in bescheidenem Umfang entwickeln können. An handwerklichen Betrieben dominierten die holzverarbeitenden wie Tischlereien, Stellmachereien, Böttchereien.“ (Heimatbuch 52).

Deutschland wurde ein Industriestaat. Durch die fünf Milliarden Franc französische Kriegskontributionen konnte viel investiert werden. Deshalb bezeichnet man die Jahre 1871 bis 1873 auch als die Gründerjahre. Das „Stahlzeitalter“ begann, in den 80iger Jahren löste der Elektromotor die Dampfmaschine ab.

In Seyda wuchs die Bevölkerung noch einmal: 1875 zählte die Stadt 1.690 Einwohner, 1880 waren es 1.683, 1885 1.794 Einwohner. Doch dann verstärkte sich die Abwanderung in die Städte kräftig, und die Bevölkerungszahl sank allmählich.

Neben den vielen Handwerksbetrieben, den 8 Gaststätten und später fünf Tankstellen in Seyda spielte die Landwirtschaft immer noch eine wichtige Rolle. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde begonnen, den Boden künstlich zu düngen, und die Mechanisierung brachte Dampfpflüge, Drill- und Dreschmaschinen; die von kleineren Betrieben freilich nur ausgeliehen werden konnten. „In keinem anderen Gebiet Deutschlands war die Mechanisierung so weit fortgeschritten wie hier“, in der Provinz Sachsen. (G III 20).

 

Der „preußische Geist“ wurde zu einer Sache aller Deutschen. Die Sekundärtugenden wurden von Kindesbeinen anerzogen: Fleiß, Pünktlichkeit, Bescheidenheit. Ihre Ausübung schuf durch ein Heer von Arbeitern großen materiellen Reichtum. Ausdruck findet dieser „Geist“ auch in den Chorälen, wie zum Beispiel in diesem:

„Gib, daß ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret, wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet. Gib, daß ich´s tue bald, zu der Zeit, da ich soll, und wenn ich´s tu so gib, daß es gerate wohl!“

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 495, 2. Strophe; vgl. Sebastian Haffner: Preußen ohne Legende, Hamburg 1978, S. 81, bei Christian Graf von Krockow, Der deutsche Niedergang, Stuttgart 1998, S. 32.).

Freilich hatte dieser preußische Sinn auch seine Pervertierung im „bedingungslosen Gehorsam“, der Deutschland später in den Abgrund geführt hat. In dem genannten Choral soll da ein Riegel vorgeschoben werden:

„O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell guter Gaben,

ohn den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben:
gesunden Leib gib mir und daß in solchem Leib ein unverletzte Seel und rein Gewissen bleib.“
(1. Strophe, aaO).

Der Leitspruch der preußischen Könige, soweit sie fromm waren, hieß: „Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden, dass sie wandeln und nicht matt werden.“ (Aus der Bibel, Jes 40,31).

Daher kommt das preußische Wappen, der Adler, der später zum Reichs- und Bundesadler wurde und auch heute (noch!) auf unseren Münzen zu sehen ist.

 

Die Schwarz-Weiß-Rote Flagge war seit 1876 auf Betreiben Bismarcks Nationalfahne, schwarz-weiß für Preußen und rot-weiß für Brandenburg und viele Städte (auch Seyda).

 

Seyda sah damals ganz anders aus: Die Wege waren noch nicht gepflastert. „Das Stadtbild erhielt in früheren Jahrzehnten sein Gepräge durch die zum Teil recht stattlichen Birnbäume auf dem Markt, in der Jüterboger, Zahnaer, Neuen und Triftstraße. Diese Bäume verschwanden gelegentlich der Straßenpflasterung um die Jahrhundertwende.“ (Brachwitz, aus HK 5/1996, S. 4).

Die Neue Straße war tatsächlich die Neue Straße: dort war die Stadt zuende. Die Häuser waren zumeist Fachwerkhäuser, aus Lehm gebaut, mit dem Giebel zur Straße. Auf der Straße standen Pumpen, das Abwasser floß auch die Straße herunter. Viel mehr wohnten in einem Haus, in einem Zimmer, als heute! Typisch waren kleine Handwerksbetriebe mit Landwirtschaft im Nebenerwerb.

Der schwarze Storch, der seit mehreren Jahren im Jagen 112 der fiskalischen Forst bei Seyda nistete, stellte sich auf 1880 wieder ein.

(Schweinitzer Kreisblatt 13.8.38, Vor rund 60 Jahren.).

 

Der wirtschaftliche Aufschwung hatte Auswirkungen auf unsere Stadt. Zwischen 1874 und 1881 wurden in Preußen 6.000 neue Schulen gebaut. (G III, 35).

Auch in Seyda, im Jahre 1881. Genau 99 Jahre hat das Gebäude als Schule gedient, nun ist es Kindertagesstätte. Ein Drittel der Kosten trug damals die Kirchengemeinde, ein Zeichen dafür, wie eng Stadt und Kirche miteinander verbunden waren. Über der Tür in dem noch heute gut zu sehenden gemauerten Kasten stand bis zur Hitlerzeit in goldenen Buchstaben: „Marc 10,14.“ Im Markusevangelium Kapitel 10 Vers 14 sagt Jesus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes!“

Zwar lag in Preußen seit 1872 die Schulaufsicht beim Staat, das änderte in Seyda aber nichts daran, dass der Superintendent weiter „Kreisschulinspektor“ und der Pfarrer „Ortsschulinspektor“ blieben. Deshalb findet man im Kirchenarchiv auch für diese Zeit viele Dokumente zur Schule.

„Das Schulhaus ist 1881 auf dem früher Wäsch´schen Grundstücke erbaut für rund 27.000 M, wovon die Kirche 1/3 getragen hat; für dieselbe ist eine Küster-Dienstwohnung mit eingebaut, außerdem 6 Schulklassen, die eine dient als Schulsaal, in einer andern ist das „Heimatmuseum“ untergebracht, welches 1908-10 von den Herren Pfarrer Heinecke, Lehrer Fueß und Lehrer Brachwitz gegründet worden ist. Das alte Schulhaus wurde 1882 abgebrochen, und die Grundfläche nebst dazu gehörigen Küstergarten wurde dem Diakonate zugeteilt.“

(Gerhardt in Heimatbote vom 8.7.1927)

Die alte Schule stand also in dem heutigen Garten zwischen dem Haus Kirchplatz 2 und der Schulstraße.

Aus dem Kirchenarchiv:

Schulaufsicht 1895 - 1905

April 1899

Klasse I a

44 Knaben, davon Seyda 40, Mellnitz 3, Schadewalde 1

Klasse I b

38 Mädchen, davon Seyda 34, Mellnitz 1, Schadewalde 3

Klasse II a

54 Knaben, davon Seyda 47, Mellnitz 4, Schadewalde 3

Klasse II b

44 Mädchen, davon Seyda 42, Mellnitz -, Schadewalde 2

Klasse III

24 Knaben, davon Seyda 19,Mellnitz 3, Schadewalde 2

16 Mädchen, davon Seyda 15, Mellnitz 1, Schadewalde -

Klasse IV

27 Knaben, davon Seyda 24, Mellnitz 2, Schadewalde 1

20 Mädchen, davon Seyda 18, Mellnitz -, Schadewalde 2

gesamt:

267, davon Seyda 239, Mellnitz 14, Schadewalde 14

davon Seyda 130 Knaben, Mellnitz 12 Knaben, Schadewalde 7 Knaben

davon Seyda 109 Mädchen, Mellnitz 2 Mädchen, Schadewalde 7 Mädchen

 

Vom Kaiser wurde festgelegt, dass das neue Jahrhundert mit dem Jahr 1900 beginnt! Dazu kam eine Dienstanweisung aus Merseburg „Über die würdige Begehung des Jahrhundertwechsels an den Schulen“:

" Mit allerhöchster Ermächtigung bestimme ich hierauf Folgendes:

In allen Lehr- und Erziehungsanstalten ist am letzten Schultage vor den bevorstehenden Weihnachtsferien Schülern und Schülerinnen in einem festlichen Akte unter Hinweis auf die Bedeutsamkeit der nächsten Jahreswende ein Rückblick auf die großen Ereignisse des zu Ende gehenden Jahrhunderts zu geben und ihnen zum Bewußtsein zu bringen, wie es Pflicht des heranwachsenden Geschlechtes sei, mit Dank gegen Gott das von den Vätern überkommene Erbe in Treue zu bewahren und fördern zu helfen. ... Die den besonderen örtlichen Verhältnissen angemessene Ausgestaltung der Feierlichkeit im Einzelnen bleibt den Schulleitern überlassen.

Berlin, den 13. Dezember 1899

Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten

gez. Studt“

 

Wie eng Kirche und Schule verbunden waren, zeigt auch die Feier zur Schulentlassung im Jahr 1900:

„Gesang: "Ich habe nun den Grund gefunden" V. 1-3 (Evangelisches Gesangbuch Nr. 354: 1. Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält; wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, der Grund, der unbeweglich steht, wenn Erd und Himmel untergeht. 2. Es ist das ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt; es sind die offnen Liebesarme des, der sich zu den Sündern neigt, dem allemal das Herze bricht, wir kommen oder kommen nicht. 3. Wir sollen nicht verloren werden, Gott will, uns soll geholfen sein; deswegen kam der Sohn auf Erden und nahm hernach den Himmel ein, deswegen klopft er für und für so stark an unsers Herzens Tür.)

(Biblische) Schriftverlesung und Gebet

Gesang: "Ich will dich lieben, mein Meister" V. 1-2

Deklamation:

Mädchen: "Wenn du noch eine Mutter hast"

Knaben: "Wenn du noch einen Vater hast", "Das Vaterhaus"

Gesang: "Ich will dich lieben", V. 6-7

Ansprache des Lehrers

Gesang: "Ich will dich lieben", V. 8

Vaterunser und Segenswunsch

Gesang: "Ach, bleib mit deiner Treue" (Evangelisches Gesangbuch Nr. 347: Ach, bleib mit Deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott, Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.).“

 

Auch über die Lehrer geben die Akten (des Kirchenarchivs!) Auskunft:

Lehrerdiensteinkommen 1900 (Jahresgehalt)

„Fiebler, Friedrich Franz, geb. 18.5.1840, erster Mädchen- und Hauptlehrer, Küster

Dienstalter 40 Jahre, Grundgehalt 1.450 M, Mietzuschuß 140 M, Alterszulage 1.080 M,

zusammen 2.670 M,

Wagner, Friedrich Ernst, geb. 13.10.1840, erster Knabenlehrer und Kantor

Dienstalter 11 1/2 Jahre, Grundgehalt 1.300 M, Mietzuschuß 120 M, Alterszulage 240 M, zusammen 1.660 M

Träger, Max Hugo, geb. 26.6.1863, zweiter Mädchenlehrer und Küster in Mellnitz

Dienstalter 16 1/2 Jahre, Grundgehalt 1.150 M, Mietzuschuß 120 M, Alterszulage 480 M,

zusammen 1.750 M

Döhring, Franz Friedrich, geb. 26.2.1863, zweiter Knabenlehrer

Dienstalter 14 !/2 Jahre, Grundgehalt 1.000 M, Mietzuschuß 120 M, Alterszulage 360 M,

zusammen 1.480 M

Teichler, Hugo Wilhelm, geb. 26.5.1878, 5. Lehrer

Dienstalter 1 Jahr, Grundgehalt 1.000 M, Mietzuschuß 120 M

zusammen 1.120 M“

 

Was die Kinder lernten und die Lehrer leisteten, wird vom Superintendenten und Pfarrer genau überprüft:

„Bericht über die Schulrevision am 11.10.1900 in Seyda

an die Königliche Kreisschulinspektion in Zahna

1. Knabenklasse

Der Lehrer Wagner hat in der ihm anvertrauten Klasse mit Fleiß und gutem Lehrgeschick gearbeitet. Besonders anzuerkennen ist die gute Schulzucht und die ... gleichmäßige Ausbildung ...  Schüler. In der Religionssache besitzen die Kinder meistens gute Kenntnisse.

" ..." (ein Gedicht) wird mit guter Betonung vorgetragen, auch wissen die Schüler über den Inhalt des Gedichtes befriedigend Auskunft zu geben.

Die Leistungen in Raumlehre, Naturkunde und Geschichte, Geografie, Singen und Schreiben sind befriedigend.

Das Zeichnen ist ebenfalls mit Fleiß betrieben, aber es wird ausschließlich nach Vorlagen gearbeitet und zwar werden meistens Handschriften zur Vorstellung gebracht. Es müssen mehr die Anforderungen des bürgerlichen Lebens berücksichtigt, fleißig nach Körpern und auch Ornamenten gezeichnet werden. Wir verweisen hierbei auf die weiteren mündlichen Ausführungen des Revisors.

Es sind für den Zeichenunterricht ... zu beschaffen.

 

1. Mädchenklasse

Diese steht in ihren Leistungen weit hinter der ersten Knabenklasse zurück. Am meisten zu rügen ist das leise und durchaus ungeübte Sprechen der Kinder. Der Hauptlehrer Fiebler scheint nicht träge zu sein, aber es fehlt ihm an Lehrgeschick und Lehrtemperament. Er ist sehr behäbig und in derselben Behäbigkeit und Eintönigkeit spinnt sich auch der Faden seines Unterrichtes ab.

Bei der Prüfung in der Religion melden sich nur wenige Mädchen zum Antworten, die unterrichtliche Behandlung ist mechanisch und oberflächlich.

Im Rechnen ist wenig Übung und Sicherheit vorhanden. Die 2. Abteilung ist nicht einmal im Stande, eine 7stellige Zahl zu lesen. Bei einem auf der Tafel auszurechnenden Divisionsbeispiel mit 2stelligem Divisor versagen die Schülerinnen gänzlich.

Deutsch: die Lehrfertigkeit ist im Ganzen befriedigend. Bei Besprechung eines Lehrfachs zeigen sich die Mädchen sehr ungeschickt und im Sprechen wenig geübt.

Die Kenntnisse in Naturkunde sind dürftig, in Geografie ungenügend.

Der Gesang ist ziemlich befriedigend.

Im Zeichnen müßte mehr geleistet werden, übrigens ist das in Bezug auf das Zeichnen der 1. Knabenklasse gesagte auch hier zu berücksichtigen. Die Handschriften sind im Ganzen befriedigend. Es ist dafür Sorge zu tragen, daß bei dem Unterricht in weiblichen Handarbeiten feine Nadelarbeiten nicht angefertigt werden.

 

2. Knabenklasse

Der Lehrer Döring hat ..., aber doch keineswegs in der pflichtmäßigen Weise ausgenutzt.

Die Prüfung in der biblischen Geschichte führt zu einem im ganzen befriedigenden Ergebnis. Die Leistungen im Rechnen, Geografie und Naturkunde sind ziemlich befriedigend.

Die Lehrfertigkeit ist nicht befriedigend, im Beten und Sprechen ist wenig Übung vorhanden.

In Geschichte wissen die Kinder eigentlich nichts.

Die vorgelegten Handschriften und Zeichnungen sind ziemlich befriedigend.

Wir ersuchen Sie, dem Lehrer Döhring unser rechtes Mißfallen auszusprechen und ihm mit allem Nachdruck zu fleißiger Arbeit anzuhalten.

 

Die 2. Mädchenklasse, welche von dem Lehrer Träger unterrichtet wird, befindet sich in einem durchweg befriedigenden Zustand. Der ... Lehrer hat mit ... Treue gearbeitet und seinen Schülerinnen nicht nur das nötige Wissen vermittelt, sondern auch als Erzieher in ...werter Weise auf sie eingewirkt. Die Leistungen in Religion, Deutsch, Rechnen und Singen sind befriedigend, in Geschichte und Geografie gut. Die vorgelegten Handschriften und Zeichnungen sind ziemlich befriedigend.

 

Die 3. und 4. Klasse (gemischt) mit verkürzter Unterrichtszeit sind dem Lehrer Teichler anvertraut. Der genannte hat sich Mühe gegeben, seine Schüler in angemessener Weise zu fördern, aber dennoch zeigen sich einige nicht unerhebliche Lücken. Am meisten ist dies beim Rechnen in der 4. Klasse der Fall, weshalb der Lehrer ... diesem Unterrichtsgegenstand eine ganz besondere Pflege zu Theil werden lassen muß.

Die Leistungen in den übrigen Unterrichtsfächern sind ziemlich befriedigend.

 

Der Turnunterricht (Lehrer Döhring) wird ordnungmäßig betrieben; es muß jedoch das Turnen an den Geräten fleißiger geübt werden.

 

Zur Beseitigung des starken Zuges im unteren Hausflur wollen Sie dem Schulvorstande die Anbringung von 2 beweglichen Thüren aufgeben. Beim Bau des Schulhauses ist augenscheinlich eine solche Einrichtung ins Auge gefaßt gewesen zu sein, ist dann aber später wohl in Vergessenheit gerathen. Bericht zur Sache erwarten wir innerhalb 4 Wochen.

 

Die Kreisschulinspektion

Glaser   P. und Ortsschulinspektor“

 

Aber auch außerhalb der Akten gibt es Überlieferungen:

Von 1863 bis 1903 unterrichtete in Seyda der bereits erwähnte Lehrer Fiebler. Über ihn dichteten die Kinder einen Reim, der bis heute (nach 100 Jahren!) nicht vergessen ist und viel über den Schulalltag dieser Zeit aussagt:

„Alle Menschen müssen sterben,

nur der dicke Fiebler nich.

Hosen hat er zum Erbarmen,

passen keenen Menschen nich.

Wenn die Glocke achte schlächt,

kommt der Fiebler angefecht,

mit den Rohrstock unterm Arm,

schlächt die Jungens krumm und lahm...“

 

 

 

Bis 1922 wurden in Seyda Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet! Ein Höhepunkt des Jahres ist natürlich das Schul- (und Heimat)fest, bis heute!

„Es gibt Unstimmigkeiten über die Feier des Schulfestes 1901. In einer Lehrerkonferenz wurde von einem nicht Genannten geäußert: "Seyda mit seinem Rummel". So findet das Schulfest 1901 nach einem Beschluß des Schulvorstandes nicht statt. Statt dessen wird am 18. August eine patriotische Gedenkfeier und ein Bürgerfest gefeiert. Die Kosten dieses Festes sollen aus städtischen Mitteln bestritten werden. Die Feier selbst soll um 1 Uhr Nachmittag durch einen Aus- und Umzug in der Hauptstraße der Stadt erfolgen, den Kindern ein kleines Geschenk gereicht, sowie ihnen Bier (vgl. aber S. 46: alkoholfreies Braunbier!) und Kuchen auf dem Festplatz verabfolgt werden. Die Beaufsichtigung der Kinder bei der Feier, die Verteilung von Kuchen, Bier und Geschenken übernehmen die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung.

Die Gemeinden Mellnitz und Schadewalde sollen zur Theilnahme an der Festfeier eingeladen werden. Abends findet ein Einzug in die Stadt und nach demselben ein geselliges Beisammensein der Bürgerschaft bei musikalischer Unterhaltung im Schützenhause statt. ... Die Veranstaltung dieser Feier geschieht ganz besonders aus patriotischem Antriebe zur Erinnerung an die Schlachten am 15. und 18. August 1870, um die Erinnerung jener denkwürdigen Zeiten bei der Jugend wachzuhalten.

Am Abend des 17. August soll zur Einleitung der Festfeier Zapfenstreich und am 18. August früh Reveilette („Aufweckung“) stattfinden.

Die Herren Geistlichen und Lehrer sollen zur Feier eingeladen werden.

gez. Roeder      Schulze      Schlawig    Thiele

der Magistrat  Ganzert.“

Die Zuckertüte kam übrigens erst 1910 auf, zuerst in der Magdeburger Börde. (G III, 60).

 

Auch Schulschwänzerei gab es damals schon. Bei Schulversäumnis wird Strafantrag gegen die Eltern gestellt. Ein „Formular“ muß ausgefüllt werden:

"..., daß der ... wegen Schulversäumnisses seines Sohnes mit (einer) Mark bestraft worden ist und er diese Strafe an die hiesige Schulkasse gezahlt hat."

 

Finanzielle Engpässe bei der Einstellung von Lehrer werden 1903 berichtet. Da wird auf einen Antrag zur Einstellung eines Lehrers oder Schulamtskandidaten geantwortet: "..., dass wir wegen des herrschenden Lehrermangels eine bestimmte Zusage nicht machen können."

 

Interessant ist auch die Nachfrage von Amts wegen über die Kinderarbeit, die nach Erzählungen allerdings nicht ganz wahrheitsgemäß beantwortet wurde: Viele berichten, dass sie schon früh vor der Schule und auch hinterher hart arbeiten mußten.

„Bericht über die Beschäftigung von Kindern:

Seyda, den 7. December 1904

1. Im Haushalt werden in hiesiger Stadt nur einige Kinder beschäftigt. Ihre Arbeit besteht darin, daß sie einzelne Botengänge besorgen. Hierin liegt weder für die Schule noch für ihre körperliche Entwicklung irgend eine Gefahr.

2. In den landwirtschaftlichen Betrieben werden während der Herbstferien verschiedentlich Kinder beim Kartoffelausnehmen gegen Lohn beschäftigt. Die Kinder gehen dieser Arbeit gerne nach, da sie körperlich nicht allzusehr anstrengend ist. Es ist hierin wohl kaum eine Gefahr für die Gesundheit, Sittlichkeit oder den Schulunterricht zu erblicken.

gez. Röhr

Vorstehender Beurteilung schließe ich mich an mit der Hinzufügung, daß als Grund der Kinderbeschäftigung die Bedürftigkeit der Eltern anzusehen ist.

gez. Langmass    Präger“

 

Schließlich hat der Superintendent und Oberpfarrer Glaser auch das Disziplinarrecht über die Lehrer:

Lehrer Röhr erhält einen schriftlichen Verweis am 10. März 1905 wegen Veröffentlichung eines Artikels in der "Zahnaer Zeitung" und dem "Seydaer Anzeiger":

"Wir mißbilligen in hohem Maße Ihr Verhalten, welches sich nicht mit ihrer Verehrung des Offizierstandes rechtfertigen läßt, durch das vielmehr Ihr Ansehen als Lehrer und Erzieher der Jugend stark beschädigt wird. Sie haben leider schon wiederholt sowohl in Gadegast als auch in Seyda berechtigte Klagen hervorgerufen. ... Sollten Sie unserem Verbote zuwiderhandeln, so sehen wir uns genötigt, mit den schärftsten Disziplinarmitteln gegen Sie einzuschreiten und zu erwägen, ob das Disziplinarverfahren mit dem Ziele der Dienstentlassung gegen Sie einzuleiten ist.

gez. Glaser Oberpfarrer“.

(Seydaer Kirchenarchiv, Findbuch 927).

 

Im Jahre 1881 wurde auch die Orgel in der Kirche neu gebaut. Es ist schon erstaunlich und spricht für die Zeit, dass die Kirchengemeinde sich beides, Orgel und Schule, in einem Jahr leisten konnte.

Die Orgel ist eine der Stadtkirche angemessenes Instrument eines der besten sächsischen Orgelbaumeister dieser Zeit: Conrad Geissler. Seit 1994 hat die Kirchengemeinde gute Kontakte zu einem profunden Geissler-Kenner und Orgelliebhaber, Herrn Jiri Kocourek aus Dresden. Er trug viele Informationen über diesen Orgelbauer zusammen und erfreute die Gemeinde oft mit dem Orgelmusiken. Im Sommer des Jahres 2.000 fand in Seyda eine Orgeltagung anläßlich des 175. Geburtstages von Conrad Geissler statt, in der durch das Zusammentreffen verschiedener Spezialisten erstmals alle 120 Geissler-Orgeln aufgeführt werden konnten.

Die alte Orgel sollte schon lange, seit 27 Jahren, repariert werden, es fehlten die Mittel wegen nötiger Turmsanierung (1854) und Innenrenovierung der Kirche.

Die alte Orgel:

„Seyda, den 10. März 1880

Bericht über die hiesige Kirchenorgel

Die hiesige Orgel, etwas über 150 Jahre alt, ist von mir seit dem 31. Dezember 1841 gespielt worden.

Die Disposition derselben war früher folgende:

A. Pedal: 1. Subbass 16 ´  2. Violan 8´ 3. Octavbaß  8´ .

B. Hauptmanual: (1.-9.)

C. Obermanual (1.-5.)

Im Jahre 1851 wurde von mir ihr Neubau, weil sie zur wirksamen Leitung des Gemeindegesangs zu schwach war, angeregt, und es sind zu dem Ende 3 Orgelbauanschläge von Petersilie in Langensalza, Ladegast in Weißenfels und Baumgarten in Zahna eingereicht worden.

1852 wurde der Musicdirekctor Engel aus Merseburg herberufen, die Orgel zu untersuchen und ein Gutachten darüber auszustellen, was ebenfalls nur die Unzulänglichkeit des Werks zur Leitung des Kirchengesangs bestätigte. Der Neubau unterblieb aber, weil der Thurm einen Neu- und das Innere der Kirche einen Umbau nöthig machte, wodurch das Kirchenvermögen zu sehr in Anspruch genommen wurde. Bei der Wiederaufstellung der Orgel nach dem ausgeführten Thurm- und inneren Kirchenumbau blieben die Stimmen: Mixtur, Bass- und Süfflöte weg, weil viele Pfeifen defect und nicht zur Ansprache gebraucht werden könnten.

Über die noch jetzt vorhandenen 14 Stimmen ist zu bemerken:

In den Pedalstimmen ist der große Wurm, welcher große Verwüstungen angerichtet hat, so daß nur die wenigsten Pfeifen ansprechen. In den Manualen sind die zinnernen Pfeifen von schlechtem dünnem Material, sind im Tone ganz ungleich und schwach, viele sind auch angebrochen.

Die Windladen sind zu klein und ohne gehörige Windberechnung hergestellt, daher die Abnahme der Lautstärke und die scheinbare Verstimmung, wenn das ganze Werk gespielt wird.

Das Registrierwerk ist ebenfalls in desolatem Zustande. So kommt es öfter vor, daß im Hauptmanual 3 oder 4 nebeneinanderliegende Tasten zusammen niedergehen und dadurch Harmonie und Melodie (revinieren).

Eine umfassende Reparatur würde auch Geld kosten und doch nicht alle Mängel beseitigen; deshalb erscheint es nöthig, die alte Orgel durch eine neue zu ersetzen.

Wartenberg

Cantor und Organist.“

 

In den Zeitungen wurde 1880 eine Annonce aufgegeben (so im „Schweinitzer Kreisblatt“ und in der „Halleschen Zeitung“). Darauf gab es vier Reaktionen von Orgelbaumeistern.

Der Kirchenrat trat mit der Firma Geißler in Verhandlung, entschied sich  für dessen teurere Variante mit 18 Registern (der Sachverständige dagegen meinte, eine kleinere Orgel sei für Seyda völlig ausreichend).

Ein Vertrag zwischen Kirchengemeinde und Orgelbaumeister wurde am 22. August 1880 geschlossen.

Im Frühjahr 1881 sollte die Orgel fertig sein, Geißler bat um eine Verlängerung der Frist wegen Arbeitskräfteausfall. Diese wurde gewährt, bis September. Zwar wollte er dies noch einmal hinausschieben, jedoch wurde die Orgel dann zum 17. September 1881 übergeben und abgenommen, zur Zufriedenheit des Musikdirektors Stein aus Wittenberg, der als Sachverständiger wiederum ein Gutachten schrieb. Der Briefwechsel der Kirchengemeinde mit Conrad Geissler ist ein schönes Zeitdokument, er kann hier aber nur in Ausschnitten wiedergegeben werden. (Vgl. dazu auch die Publikation über die Orgeltagung: „Werk und Wirkung - Conrad Geissler, Seyda 2.000“).

Brief von Conrad Geissler, sein erstes Angebot:

„Hochwürdiger, hochzuverehrender Herr Superintendent!

Eure Hochwürden wollen entschuldigen, wenn ich mir gestatte, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. Aus dem Schweinitzer Kreisblatt habe ich erfahren, daß Ein wohllöblicher Gemeinde-Kirchenrath in Seyda beschlossen hat, eine neue Kirchenorgel zu beschaffen, da ich in der Nähe von Seyda schon mehrere neue Orgeln, zum Beispiel in der Stadtkirche zu Jessen, Stadtkirche zu Schweinitz, Gorsdorf, Trajuhn bei Wittenberg, die große Orgel in der Stadtkirche zu Torgau, so wie im vorigen Jahr, den gänzlichen Umbau der Orgel in der Stadtkirche zu Schlieben, zur Zufriedenheit der betreffenden Gemeinden ausgeführt habe, erlaube ich mir, mich bei Euren Hochwürden um den Bau der neuen Orgel zu bewerben, und ergebenst zu bitten, mir denselben gütigst übertragen zu wollen.

Recht gern bin ich bereit, selbst nach Seyda zu kommen, mit Euren Hochwürden über den Orgelbau Rücksprache zu nehmen, und mir die Räumlichkeiten und Baustyl der Kirche anzusehen, um darnach eine passende Disposition nebst Kostenanschlag und Zeichnung anzufertigen zu können.

Zu meiner Empfehlung bin ich so frei, ein Verzeichnis über die von mir gefertigten neuen Orgeln zur gefälligen Ansicht beizulegen, und bin gern auch erbötig, Zeugnisse und Revisionsprotocolle über meine größeren Orgeln von sachverständigen Revisoren zur Einsicht zu übersenden, auch würde Herr Musikdirector Stein in Wittenberg gewiß gern Auskunft über meine Leistungen geben. Auch darf ich die Versicherung aussprechen, daß es mir auch bei diesem Orgelbau in Seyda Ehrensache sein würde, ein gutes und tüchtiges Orgelwerk zur allseitigen Zufriedenheit der Kirchengemeinde aufzustellen.

Mit der ergebenen Bitte, mich bei dem Wohllöblichen Gemeinde-Kirchenrath in Vorschlag zu bringen, und mir gütigst Nachricht darüber zukommen zu lassen, verbleibe ich mit der Versicherung aufrichtiger Hochachtung

Euer Hochwürden

ergebener Conrad Geißler, Orgelbaumeister.

Eilenburg, den 24. Februar 1880.“

Andere Angebote kamen von Nicolaus Schrickel, Orgelbauer in Eilenburg, Karl Herrwagen, Orgelbauer in Benndorf-Poppel bei Eckartsberga und Friedrich, Orgelbaumeister in Wittenberg.

 

Der „Contract“ mit Geissler wird am 22. August 1880 unterschrieben.

Bedingungen:

- Bau 1881

- Abbruch der alten Orgel, so vornehmen, dass diese noch mal in einer kleineren Kirche aufgebaut werden kann

- Es wird eine Summe von Fünftausenddreihundertzweiundachtzig Mark vereinbart, 2/3  bei Abnahme, Restzahlung mit Zinsen

- Garantiezeit von 8 Jahren wird vereinbart, Mängel verspricht Herr Geissler sofort zu beseitigen, das Stimmen der Orgel wird vereinbart

- Bahntransport nach Elster und Fahrt nach Seyda trägt die Kirchengemeinde, geschieht auf Gefahr des Unternehmers

- Balgentreter für den Aufbau wird für 14 Tage von der Kirchengemeinde gestellt

- beide Parteien haben den Kontrakt unterzeichnet.

(Seydaer Kirchenarchiv, Findbuch 199).

 

Musikdirektor Stein aus Wittenberg hat die Orgel abzunehmen und schreibt ein Revisionsprotokoll am 2. November 1881:

„Revisionsprotocoll.

Am 17. September wurde in Gegenwart des Herrn Oberpredigers Rietz, des Herrn Diaconus Jentzsch und der Mitglieder des Gemeinde-Kirchenraths, die von dem Orgelbaumeister Herrn Geißler gelieferte neue Orgel in der Kirche zu Seyda durch den Unterzeichnenten revidiert und abgenommen.

Das äußere der Orgel, im besten Einklange mit den Chören stehend, giebt sich als ein besonderer Schmuck der einfachen Kirche kund, aber nicht bloß äußerlich, sondern seinem inneren Werthe nach, wird das Werk die heilige Stätte zieren...“

 

So wurde die Orgel 1881 fertiggestellt, sie hat bis heute 18 Register und ungefähr so viel Pfeifen, wie Seyda Einwohner hat.

 

Doch diese schönen Ereignisse, Schul- und Orgelbau, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, welche sozialen Verwerfungen die neue Zeit mit sich brachte. Viele waren mit großen Hoffnungen in die großen Städte gezogen und lebten nun im Elend als Industriearbeiter, fast ohne Rechte. Die Sozialdemokratie erstarkte. Bismarck versuchte mit seiner Sozialgesetzgebung, die Folgen der Industriealisierung sozial abzufedern. 1883 wurde die Krankenversicherung eingeführt, 1884 die Unfallversicherung, 1889 die Invaliden- und Altersversicherung. (G III, 30).

In unserer ländlichen Gegend freilich wurde vieles noch durch die Großfamilien und durch Nachbarschaftshilfe abgefangen. Jedoch waren auch hier zahlreiche „Tippelbrüder“ bzw. „brotlose Landarbeiter“ als Tagelöhner unterwegs, die kein Dach über dem Kopf und kaum Brot für den nächsten Tag hatten. Da entstand in Seyda ein großes christliches Liebeswerk: Die Arbeiterkolonie wurde gegründet, 1883.

 

Gustav von Diest, Regierungsrat in Merseburg, war ein Verwandter Friedrich von Bodelschwinghs, der bereits vorher durch sein diakonisches Engagement in Bethel bei Bielefeld bekannt geworden war. Er ergriff die Initative zur Gründung einer Arbeiterkolonie für brotlose Landarbeiter in Seyda.

 „In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war es aufgrund einer wirtschaftlichen Rezession zu Massenentlassungen gekommen. Die Arbeits- und Obdachlosen erhielten keine staatliche Unterstützung und vagabundierten auf der Suche nach Arbeit durch das Land. Aber es gab auch viele, die überlegten, wie diese Not zu lindern sei. Einer davon war der Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der „seinen Brüdern von der Landstraße“ durch „Arbeit statt Almosen“ zu helfen versuchte. Er gründete am 22. März 1882 die erste ländliche Heimstätte für wandernde Arbeitslose, die Ackerbaukolonie „Wilhelmshof“ (Westfalen - T.M.) und machte dort in kurzer Zeit beste Erfahrungen.“ (Heimatbuch 53).

„Auch in der Provinz Sachsen und im Herzogtum Anhalt schlossen sich Männer zusammen, um im Sinne und Geiste Bodelschwinghs zu wirken. Auf Einladung des damaligen Regierungspräsidenten v. Diest - Merseburg fanden sie sich am 9. November 1882 in Halle zu einer ersten Beratung zusammen, an der auch Pastor v. Bodelschwingh teilnahm. Am 13. Februar 1883 fand in Halle die Gründung des Vereins für die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt zur Beschäftigung brotloser Arbeiter mit Sitz in Halle statt. Das Vereinsstatut wurde beraten und ebenso die pachtweise Erwerbung eines 400 Morgen großen moorigen Geländes im Revier der Oberförsterei Glücksburg. Nachdem am 3. März eine eingehende Lokalbesichtigung stattgefunden hatte, wurde in der Vorstandssitzung am 15. März „die Anlegung der Kolonie Seyda beschlossen“. Der Grundstein wurde am 10. August gelegt. Maurermeister Zierold aus Seyda führte die Bauten zur größten Zufriedenheit aus. Nicht jeder Seydaer war mit der Gründung der „Kolonie“ anfangs einverstanden. Im Schweinitzer Kreisblatt ist nachzulesen: „... zu keiner anderen Zeit ist der Ort von einer solchen Anzahl arbeitsloser, vagabundierender Menschen heimgesucht...“, oder: „fast täglich nächtigen in der dortigen Herberge 15 bis 20 solcher Kunden“. Aber schon ein Jahr später heißt es: „..., daß hier wirklich unglücklichen... Menschen wieder soweit aufgeholfen wird, daß sie in die menschliche Gesellschaft wieder als nützliche Glieder eintreten können“.

Die Kolonisten machten die mit Erlengestrüpp und saurem Gras bewachsenen Moorländereien um Seyda nach und nach urbar. Durch Ausheben von zwei Meter breiten Gräben wurden Beete von 800 bis 1.000 m Länge und 25 m Breite gebildet. Die Gräben leiteten das Grundwasser in den zentralen „Morgengraben“, wodurch sich der Grundwasserspiegel erheblich senkte. Die Beete wurden dann planiert und mit 13 cm Sand bedeckt. In der ersten zeit wurde der Sand mit Schubkarren, später mit der Feldeisenbahn angefahren. es gab 2 km Schienen und 36 Kipploren. Obwohl die Anstalt für 100 Kolonisten gedacht war, mußte sie bald erweitert werden, denn manchmal waren es 200 und mehr. Waren die Ernten in den ersten Jahren auch noch mäßig, so wogten doch bald goldgelbe schwere Getreidefelder in der Seydaer Flur. Die Regulierung des Hauptgrabens führte zu einem Ernteertrag von 18 Zentner Gerste pro Morgen. Auf den Wiesen wuchsen saftige Gräser, und das Heu wurde im Frühling gleich an Ort und Stelle versteigert.“ (Michael Lange, Leiter des Diest-Hofes von 1984 bis 2.000, im Heimatbuch 53).

 

Durch diese Arbeiterkolonie wurde Seyda erneut über die Grenzen des Landes bekannt:

„Am südlichen Abhange des Flämings liegt im Kreise Schweinitz das kleine Landstädtchen Seyda mit 1.500 Einwohnern, welches wegen seiner von jeglichem Verkehr abgeschlossenen Lage vor 1883 selbst manchem Kreiseingesessenen wohl nur dem Namen nach bekannt war, seit dieser Zeit aber in allen Teilen der Provinz genannt wird als eine Stätte christlicher Nächstenliebe.“ (Die Provinz Sachsen in Wort und Bild, 295). Nach dem Muster der Arbeiterkolonie Seyda sind in Deutschland noch 30 solcher Anstalten entstanden, darunter noch eine in der Provinz Sachsen, in Magdeburg. (ebenda, 295).

 

Für die „Brüder von der Landstraße“  wurden Fachwerkhäuser errichtet, die auch heute noch zu sehen sind: ein Anstaltsgebäude, ein Kolonistenhaus, ein Wirtschafts- und Waschhaus. Am Giebel des ersten Gebäude zur Straße war auf einem Schild der alte hilfreiche Mönchsspruch zu lesen: „Bete und arbeite!“ Unter der Aufsicht von „frommen Brüdern der Neinstedter Anstalten“ wurde hier vielen geholfen.

Beachtenswert ist auch das Gottvertrauen, mit der die Männer um Diest dieses Werk begonnen haben. Wurde doch bei der Einweihung gesagt: Wir wissen noch nicht, wie wir es weiter finanzieren und tragen sollen, aber Gott hat uns bis hierher geholfen, er wird es auch weiter tun.

„Obwohl die Anstalt für 100 Kolonisten gedacht war, mußte sie bald erweitert werden. Manchmal mußten mehr als 200 Männer untergebracht werden. Für die Arbeitsleistung erhielt der Kolonist Verpflegung, Obdach, Wäschereinigung, Licht und Heizung, außerdem eine tägliche Arbeitsvergütung von 20 bis 50 Pfennigen.“ (Die Provinz Sachsen in Wort und Bild, 295).

Lassen wir uns hineinnehmen in das Leben in der „Arbeiterkolonie“ am Beginn unseres Jahrhunderts in einer zeitgenössischen Beschreibung:

„Rings von Kiefernwald umgeben steht das einfache, schmucklos gehaltene Gebäude inmitten der Wirtschaftsgebäude da, den Vorübergehenden durch seine in großen Lettern angebrachte Inschrift „Bete und arbeite!“ den Zweck unseres Daseins predigend. Manchem Besucher, der vielleicht nur aus Neugier die Anstalt einer Besichtigung unterzog, mag dieselbe wohl wie ein Johannes in der Wüste erschienen und ein stummer Bußprediger geworden sein. - Mit einem geheimen Schauer betreten wir den Hof. Dort unter dem Protal des Gebäudes auf einer Bank sitzt ein Greis von 70 Jahren, neben ihm ein Jüngling, der kaum die Kinderschuhe ausgezogen hat; beide sind in tiefe Gedanken versunken. Vielleicht steigt jetzt vor ihren geistigen Augen jenes Gebäude mit den undurchdringlichen Mauern und den Gitterfenstern auf, welches sie vor kurzem noch gefangen hielt. Der freudige Blick des Greises bei unserem Nahen zeigt uns, daß er sich hier unter dem Zwange der Hausordnung glücklicher fühlt, als in jener Zeit, da der Ordnungszwang zugleich als Strafe auf ihm lastete. Doch unter den „Kolonisten“ befindet sich auch mancher, der unverschuldet in Not geraten ist und Seyda aufsuchte, um nicht noch tiefer zu fallen. Zwar gehört hierzu eine Selbstüberwindung, zu der nicht jeder fähig ist, die aber für der Kolonisten späteres Leben nicht ohne Einfluß bleibt. Unter den 1898 aufgenommenen 196 Personen befanden sich 158 bestrafte und 38 unbestrafte.

Zu den beiden Kolonisten gesellen sich in kurzer Zeit noch etwa 70 andere, welche von dem Felde heimgekehrt, den Ton der Glocke erwarten, der sie zur Mahlzeit ruft. Der größte Teil der Kolonisten wird nämlich auf dem etwa 100 ha umfassenden „Koloniefelde“ mit Landarbeit beschäftigt. - Einer der drei dienenden Brüder bietet sich uns auf unsre Meldung bereitwilligst als Führer an, und wir betreten zunächst den im Erdgeschoß gelegenen Betsaal, in welchem die Morgen- und Abendandachten, sowie die patriotischen Festfeiern abgehalten werden. Einfach, aber würdig ausgeschmückt bietet dieser Betsaal mit seinen Wandsprüchen, die uns zwar aus der Bibel bekannt sind, deren tiefe Bedeutung wir aber hier erst recht erkennen, einen freundlichen Anblick.  Während wir die zahlreichen Inschriften lesen, hat der „Bruder“ vor dem Harmonium Platz genommen, und die unerwartet unser Ohr berührenden Akkorde des Chorals „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ verfehlen ihre Wirkung nicht. - Doch jetzt verkündet die Glocke, daß der Tisch gedeckt ist, und wir begeben uns unter Führung des Bruders in den geräumigen Speisesaal, in welchem die dampfenden Schüsseln auf langen Tischen zur Mahlzeit einladen. Wenn auch die Kost einfach ist, denn es können für Beköstigung pro Tag und Kopf nur 50 Pfennige verwendet werden, so sind die Speisen doch unter der Leitung einer tüchtigen Hausfrau außerordentlich schmackhaft und sauber zubereitet. Diese „große Familie“ muß in einem noch nicht ganz verdorbenen verlorenen Sohne (Lk 15) die Sehnsucht nach dem trauten Heim erwecken, wo die sorgende Mutter der Suppe die schönste Würze, die Liebe beigab. Und in der Tat kehrt ein guter Prozentsatz der Kolonisten nach ihrer Entlassung zur Familie, zum Heim zurück. Der Gedanke, daß wir uns zwischen zum größten Teil heruntergekommenen Menschen befinden, schwindet fast gänzlich, und wir lassen uns auf Einladung des Bruders hier für einige Augenblicke nieder und hören den Ausführungen desselben über Einrichtung und Hausordnung der Anstalt zu.

Die Kolonie zu Seyda hat 100 Plätze. Bis Ende Februar 1900 wurden insgesamt 6.049 Personen aufgenommen und 5.963 entlassen. Der höchste Personenbestand von 97 Personen war im Januar 1899 zu verzeichnen. Wegen Überfüllung brauchte bisher also keinem Bittenden die Aufnahme verweigert werden. Aufgenommen werden arbeitslose Leute aller Art, ohne Unterschied der Konfession und des Standes, auch erlittene Strafen schließen von der Aufnahme nicht aus; jedoch werden absolut arbeitsscheue Personen wieder entlassen. Der Eintritt geschieht durchaus freiwillig, denn die Anstalt ist kein Zwangshaus. Der Aufenthalt dauert gewöhnlich 4 Monate, auf Wunsch aber noch länger. Fügung unter die Hausordnung ist unbedingtes Erfordernis. Branntweingenuß ist streng verboten, weil viele der Insassen gerade durch Trunksucht ins Elend gekommen sind.

Die Hauptbeschäftigung der Kolonisten besteht in landwirtschaftlichen Arbeiten, Moorkultur nach Rimpauschem System; Gebäude, Hof und Garten sind Eigentum des „Vereins zur Beschäftigung brotloser Arbeiter für die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt“. Die Kosten der Kolonie werden gedeckt durch Provinzialzuschüsse, durch Kollektengelder und durch den Ertrag der Landwirtschaft, welcher sich im Jahre 1899 auf rund 38.000 Mark belief. Leiter der Anstalt ist der zweite Geistliche in Seyda. In der Kolonie wohnt als Aufsichtsbeamter ein Hausvater, dem 3 Gehilfen („Brüder“) zur Seite stehen, welche dem Bruderhause des Lindenhofes in Neinstedt angehören. Unter den Kolonisten sind viele, welche die Anstalt schon öfter als Zufluchtstätte aufsuchten. An Arbeitslohn erhält jeder Kolonist außer freier Station täglich 50 Pfennig; das verdiente Geld wird bei der Entlassung gezahlt.

Doch nun müssen wir unsere Schritte beschleunigen, um noch den Schlafsaal mit seinen sauberen Betten, die Küche mit ihren blanken Kesseln und Geschirren, die Badeanstalt mit ihren praktischen Einrichtungen und zuletzt noch die Scheunen mit ihren Maschinen und die Ställe mit ihren glatten Rindern einer Besichtigung zu unterziehen.

Man kann die Anstalt nur hochbefriedigt mit dem Wunsche verlassen, daß sie und ihr christlicher Liebesdienst auch fernerhin in Segen wirken möge.“

(Hermann Würzberg, Blönsdorf, in: Die Provinz Sachsen in Wort und Bild, 295-297; zur Arbeiterkolonie vgl. auch HG 12/1913 und HG 5/1931.).

 

„Brich dem Hungrigen dein Brot.

Die im Elend wandern, führe in dein Haus hinein!

Trag die Last der andern.

 

Brich dem Hungrigen dein Brot,

du hast´s  auch empfangen.

Denen, die in Angst und Not, stille Angst und Bangen.

 

Der da ist des Lebens Brot, will sich täglich geben,

tritt hinein in unsre Not, wird des Lebens Leben.

 

Dank sei dir, Herr Jesu Christ, daß wir dich noch haben

und dass du gekommen bist, Leib und Seel zu laben.

 

Brich uns Hungrigen dein Brot, Sündern wie den Frommen,

und hilf, dass an deinen Tisch wir einst alle kommen.“

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 418).

 

So hat einer gedichtet, der in Seyda in diesen Jahren aufgewachsen ist und das Leben der Arbeiterkolonie miterlebt hat. Sein Vater war „der zweite Geistliche in Seyda“ und mit der Betreuung der Arbeiterkolonie beauftragt. Gleichzeitig hat er in seiner Kinder- und Jugendzeit Sonntag für Sonntag vor unserem Altar gesessen, in dessen Mitte der Abendmahlstisch dargestellt ist: Sehr schön geschnitzt, Jesus mit seinen Jüngern beim Mahl. Und im Vordergrund ist auch schon alles hingelegt: Brot und Kelch, für den, der noch herzukommt. All das spiegelt sich in dem Lied wieder, was Martin Jentzsch 1951 gedichtet hat. Er wurde nach Auskunft unseres Gesangbuches (Nr. 957) 1879 in Seyda geboren, war später Pfarrer in Delitzsch und 1909 Leiter der Flußschiffermission in Berlin, 1919 Pfarrer und später Kirchenrat in Erfurt und ist dort 1967 gestorben.

 

Eine andere recht beliebte Tradition, die auch diakonische Wurzeln hat, verbreitete sich in diesen Jahren im Land: Der Adventskranz. Er geht auf Johann Hinrich Wichern zurück, von dem bereits die Rede war, als es um das Jahr 1848 ging. Wichern, der verwahrloste Jungen in einem „Rauhen Haus“ in Hamburg sammelte, hängte solch einen Kranz an die Decke, an dem das Licht in der Adventszeit bis zum Christfest immer mehr wird. Zunächst mit 24 Kerzen, später mit 4 für die Adventssonntag: Das ist allgemein bekannt geworden, und heute gibt es wohl kaum eine Familie in Seyda, die nicht solch einen Adventskranz kennt.

Auch unser Weihnachtsbaum ist noch nicht so alt. Er wurde um 1540 erstmals in Straßburg gesehen: Der neue Paradiesbaum, mit den Früchten (Kugeln) daran, der erinnert, dass durch Jesus die Tür zum Paradies wieder aufgetan ist. Am Heiligen Abend singen wir immer: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis: Der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 27 Vers 6; vgl. 1 Mose 3). Der Weihnachtsbaum wurde im 19. Jahrhundert auch in Seyda üblich; aus alter Zeit bewahrt die Familie Wahle einen besonderen Christbaumständer auf: Er dreht sich und spielt eine Melodie.

 

In Seyda finden sich auch noch andere poetische Talente: im Jahre 1884 gibt die Schriftstellerin Ottilie Ludwig aus Seyda zwei Bände „Mein Waldesleben“ heraus.

Darüber berichtet uns wieder der Heimatforscher Oskar Brachwitz: „Das Wohnhaus der Schriftstellerin und Dichterin Ottilie Ludwig in Seyda. Wenn du einmal von Wendisch-Linda oder Mügeln nach Seyda wanderst und du nach stundenlangem Marsch aus dem Walde heraustrittst, so grüßen dich rechts am Wege die ersten Häuser Seydas, die Arbeiter-Kolonie, zwei Sägemühlen und das Schützenhaus. Und dahinter wirst du ein Häuschen finden, lauschig versteckt unter einer mächtigen Linde. Eine Lärche steckt schützend wie ein Pförtner ihre Zweige über den Eingang zum Garten, Lebensbäume stehen als treue Wächter an der Seite des Fußsteiges, und dahinter duftet es von zahlreichen Blumenbeeten. Dies Häuschen ist wahrlich eine Stätte des Friedens, so recht geschaffen zum Dichten, Träumen und Sinnen. Darum, du eilender Wanderer, raste hier einen Augenblick und gedenke dabei der Schriftstellerin Ottilie Ludwig, die lange Zeit in diesem Hause ein Heim gefunden hatte.

Ottilie Ludwig wurde als Tochter des sächsischen Oberforstmeisters August von Pflugk am 19. April 1813 zu Söllichau bei Düben geboren. 1852 heiratete sie den Forstmann Ludwig zu Seyda, den sie nach 30jähriger Ehe durch den Tod verlor. In dem Nachlaß ihres Mannes fand sie forstliche Schilderungen vor, welche sie ordnete und zu Ehren des Verstorbenen herausgab. Diese fanden Anerkennung und regten die Herausgeberin zu eigenem Schaffen an. So wurde die inzwischen 70jährige Frau zur Schriftstellerin. Wöchentlich erschienen im Unterhaltungsblatt der „Saale-Zeitung“ Erzählungen „Mein Waldesleben“. 1884 erschienen sie gesammelt in zwei Bänden. Auch Gedichte und andere Kleinigkeiten fanden bei verschiedenen Veranlassungen in Journalen Aufnahme.

Wie meisterhaft diese Frau die Sprache beherrschte, wie treffend sie Bilder aus der Natur literarisch aufzeichnen konnte, beweist ein kurzer Ausschnitt aus dem o.g. Buch, wo sie einen Kiefernhochwald rechts von der Dahmschen Straße folgendermaßen beschreibt: „Vor uns ein prächtiger, masthoher Kiefernhochwaldbestand. Ein Baum so kerzengerade wie der andere strebte säulengleich dem Himmel zu, oben seinen Wipfel mit dem der nebenstehenden zu einem grünen Dach vereinigend. Unten am Boden wuchs das stets grünende Preiselbeerkraut zwischen Stellen, die durch die herabfallenden Nadeln in hellem Braun glänzten. Gelbgrünes Moos wucherte an den Stammenden der Bäume, während weiter hinauf weiße, in bläulich spielende Algen in den Borkenrissen sich zeigten. Es war still, feierlich still in diesem domartigen Hochwald. Nur ein leises Rauschen ging oben durch die Kronen. Der Dammweg mündet auf einer ausgedehnten Wiese, die überschritten werden muß, um den Lieblingsplatz zu erreichen. Hier sind die Torfwiesen. Auf der grünen Rasenfläche wächst ein gar wunderliches Gewächs, dessen grüne Halme kleine Baumwollbüschel tragen, wie weiche schneeige Watte bewegen sie sich im Luftzuge und erregen unser Staunen; es ist eine Grasart, die nur auf trofigem Grunde gedeiht, das Wollgras. Einige Schritte weiterhin stehen wir vor einer ausgetorsten Stelle, um deren Rand hohes Schilf wuchert, während in der Mitte eine freie Wasserbank glänzt. Bald darauf schwimmt aus dem Schilfe eine Ente, gefolgt von ihrer noch sehr jungen Brut. Wie schwarze Punkte umspielen die Kleinen die Mutter, die unter Locktönen begierig im Entengries schnattert. Es ist ein reizendes Bild, diese wilde Entenfamilie in ihrem harmlosen Treiben. Nur der sonst so schön gefiederte Vater sieht etwas struppig aus, weil er eben sein Federkleid wechselt. Deshalb kann er auch nicht auffliegen, als er uns wahrnimmt, sondern zieht sich eiligst mit Frau und Kindern in das hohe Röhricht zurück, und das Bild ist, so schnell wie es erschien, auch wieder verschwunden.“ (Heimatkalender 1924; Lexikon deutscher Frauen der Feder; HG 5/1913, in: HK 2/1996, S. 3, von Bärbel Schiepel herausgesucht, mit Bildern.).

 

1883 wurde die Luthereiche auf dem Kirchplatz gesetzt, gezogen aus einer Eichel der Luthereiche am Elstertor in Wittenberg, wo Martin Luther die Bannbulle verbrannte. Zum 400. Geburtstag des Reformators fanden große „patriotische“ Feierlichkeiten statt.

 

Es war die Zeit zahlreicher Vereinsgründungen. Nach dem Verbot der Sozialdemokratie durch Bismarck schossen Vereine wie Pilze aus dem Boden, um verdeckt diese Arbeit weiterzuführen. Um dem entgegenzusteuern, forderte der Oberpräsident der Provinz Sachsen persönlich in einem Schreiben vom 9. Juli 1891 die ihm untergebenen Behörden auf, dafür zu sorgen, dass sich in jeder Gemeinde ein Verein konstituiert, der den „christlich und monarchisch gesinnten Ortsbewohnern, ohne Unterschied des Standes und Besitzes und ohne Geldbeitrag den Beitritt gestattet“. (Vgl. Staatsarchiv Magdeburg, Rep. C 28 Ia I, Nr. 845, Bd. VIII. 178; in: G III, 40).

 

In Seyda gab es zu dieser Zeit schon einen „Evangelischen Männerverein“: „1890 trat ein evangelischer „Männer-Verein“ zusammen, welcher bis 1914 bestand; in den Vereinsabenden, Montags, wurden nach einer christlichen Ansprache belehrende Vorträge gehalten aus allen Gebieten des Lebens. Die vier Familienabende, welche jährlich stattfanden, füllten den Saal bis zum letzten Platze, so beliebt waren dieselben.“

(Gerhardt, Heimatbote 19.8.1927).

 

Auch die Frauen fanden sich im Verein zusammen: 1906: wurde in Seyda der „Frauenverein für Seyda und Umgegend“ gegründet. Er übte auch ganz praktische Nächstenliebe. Eine „Gemeindeschwester“ war von ihm angestellt, Frau Keller, die Kranken und Hilfsbedürftigen zur Seite stand. Auch blieb eine Mutter im Wochenbett nicht unversorgt. Der Frauenverein bestimmte dann Mitgliederinnen, die sich um das Kochen, das Versorgen des Viehs und andere notwendige Arbeiten kümmerten.

(1996 wurde in der Kirchengemeinde „90 Jahre Frauenverein“ gefeiert, der im „Gemeindenachmittag“ fortbesteht. Vgl. HG 4/1914; Heimatbote vom 19.8.1927).

 

Im Jahr 1894 fand eine große Kirchenrenovierung statt. Sie umfaßte Maurerarbeiten, zum Beispiel am Anbau an der Nordseite (Maurermeister Karl Zierold, Seyda); und Tischlerarbeiten (unser heutiges Gestühl, Arbeiten an der Empore, Mützenhaken vorn rechts im Altarraum; eine Fußbank für den Organisten, die Kanzeltreppe; durchgeführt von den Meistern Große und Freiwald.). Die Malerarbeiten führte Malermeister Seidel aus Wittenberg aus, in Zusammenarbeit mit Meister Mechel aus Seyda, der einen Sternenhimmel an die Decke brachte. Die Altarseite schmückte ein großer Fächer und zwei (angemalte) Säulen. Die Turmuhr baute die Uhrenfabrik Wenke aus Bockenem bei Hannover für 1.650 Reichsmark. Uhrmachermeister Thiele aus der Triftstraße zog sie dann jede Woche auf, sie steht noch im Turm.

Die bunten Fenster kamen in die Kirche, jeweils für 200 Reichsmark, besondere Schmuckstücke. Rechts der Gute Hirte Jesus Christus, der sein Schäfchen wiedergefunden hat und es auf den Schultern nach Hause trägt. Dieses Bild findet sich heute auch in vielen Wohnzimmern, es wurde oft zu großen Geburtstagen verschenkt: Der, der uns trägt! Der 23. Psalm kann bis heute fast jeder auswendig (auch die Konfirmanden), der hat Generationen auf ihrem Lebensweg getröstet und gestärkt, das Bild ist eine Erinnerung daran:
„Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Amen.“

Auf dem linken Glasfenster ist auch Jesus zu sehen, der an die Herzenstür klopft, wie es im letzten Buch der Bibel heißt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer mir auftut, zu dem will ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten.“ (Offb 3,20).

Eine Besonderheit in der Darstellung ist die, dass auf der Tür keine Klinke zu sehen ist. Jesus fällt nicht mit der Tür ins Haus, er klopft an. Aufmachen muß man selber, deshalb hat die Tür nur auf der verdeckten Seite eine Klinke. Eine Erinnerung daran, dass das Evangelium mit Feinfühligkeit ausgerichtet werden will - und das jeder seine Entscheidung für Jesus selbst treffen muß.

 

Schulden mußte die Kirchengemeinde für diese große Renovierung aufnehmen: 7.097,56 Reichsmark. Pro Jahr wurden 150 Reichsmark abgezahlt, die letzte Rate am 31. Dezember 1948!

Das Vermögen wurde versichert, weswegen es eine Aufstellung gibt:

Versicherungspolice des Jahres 1894:

Verzeichnis der zu versichernden Gegenstände

1.  Brustbild Luther und Melanchthon

2.  Bild des Superintendenten Hilliger

3.  ein versilberter Abendmahlskelch und Löffel

4.  eine versilberte Patene

5.  zwei ... Altarleuchter

6.  eine versilberte Taufkanne und Taufbecken

7.  zwei Kronleuchter

8.  eine rote Altar- und Kanzelbekleidung Tuch

9.  eine schwarze Altar- und Kanzelbekleidung

10. eine grüne

11. ein Altarteppich

12. zwei schwarze Vorhänge von ...

13. drei Fenstervorhänge von dem Turm und Sakristei

14. zwei Kniebänke

15. Messingleuchter 86 Stück

16. ein Baseltuch

17. ein ... desgleichen

18. zwei Schränke

19. ein Besteck für Krankenkommunion

20. zwei versilberte Abendmahlskannen

21. eine Altarbibel

22. eine weiße Altardecke

23. ein Kruzifix

24. ein kleiner vergoldeter Abendmahlskelch mit Patene

25. eine weiße Altardecke für Abendmahl

26. ein Krug (zum Gebrauch bei Taufen)

27. ein Lesepult

28. sieben ...

29. 3 ...

30. Seile (zum Begräbnis erforderlich)

31. Christbaumhalter und Leuchter

32. Liedertafeln mit Ziffern

33. drei Bücher

34.Vorrat an Lichtern

 

Immobilien

                                                  Versicherungssummen         

1. Juli 1879         Wohnhaus      4.140 Mark

                           Stallgebäude     260  "                                                                                   

20. Dez.1890      Stallgebäude   1000  "                                                                         

 

Immobiliar-Versicherung der Kirche Stadt Seyda Kirchplatz Haus-Nr. 178 1. Juli 1879

                       Versicherungssummen

Kirche            17.230 Mark 

Thurm               7.200 "         

Anbau                 140 "         

Orgel                2.000 "            (beseitigt und durch eine neue ersetzt)

Große Glocke   1.000 "        

Kleine Glocke      600 "        

Uhr                      200 "        

 

31. Dezember 1881

Orgel                5.500 "         "

 

30. November 1897

                                     Versicherungssummen

Kirche                          37.240  Mark        

Thurm und

Treppenhausanbauten   12.000  "    (laut Taxrevision)

Anbau                               680  "                                                  

Orgel                              5.500  "                 

Große Glocke                 1.500  " 

Kleine Glocke                 1.000  "                 

Uhr                                 1.800  "

 

28. Dezember 1901

Turm mit Treppenhausanbauten    11.200 "

 

1. Januar 1894

Leichenhalle                      630 Mark    Zahnaer Str. Nr. 238“

(Seydaer Kirchenarchiv, Findbuch 223).

 

Die verschiedenen Farben der Altarbehänge lassen darauf schließen, dass entsprechend des Kirchenjahres gewechselt wurde. Die Plätze in der Kirche waren eingeteilt, jeder hatte seinen Platz. Oben links auf der Empore saßen zum Beispiel die Familien des Amtshofes. Mancher kann sich noch heute an „seinen“ Platz erinnern. Dafür wurde ein „Stuhlregister“ geführt.

Im Jahre 1878 wurde die Superintendentur in Seyda aufgelöst, es entstand der Kirchenkreis Zahna, der bis 1928 Bestand hatte. Dann gehörten wir zum Kirchenkreis Jessen (bis 1998), nun zum Kirchenkreis Wittenberg.

Vor 100 Jahren waren die Pfarrstellen noch unterschiedlich dotiert. Seyda war eine begehrte Stelle. Oberpfarrer Dörge setzte sich unter 20 Bewerbern durch.

 

An den großen Festtagen war der Gottesdienstbesuch allgemein üblich. An „normalen“ Sonntagen aber werden etwa 1896 in der frisch renovierten Kirche ca. 30 Gemeindeglieder gezählt. Es ist also auch damals eine relativ kleine Gruppe gewesen, die die Kirchengemeinde mit ihrem Beten und Singen „hindurchgetragen“ hat.

Einen Bericht aus dem Jahr 1927 gibt es, der das kirchliche Leben in Seyda um das Jahr 1900 beschreibt:

 „Die Orgel ist z. Z. noch nicht wieder im Besitz der im Weltkriege eingezogenen Pfeifen, auch die eine Glocke ist noch nicht ersetzt. Das Mittag- und Abendläuten hört man nicht mehr, letzteres nur noch Sonnabends. Der Kirchenbesuch könnte und müßte eigentlich reger sein; es ist doch eine schöne Stunde der Erbauung, welche jedermann aller 2-3 Wochen wohl aufsuchen müßte. Als Kinder wurden wir zum  Kirchenbesuche angehalten, und ich weiß mich noch zu erinnern, wie voll besetzt alle Stühle und Bänke waren, bis hinter der Orgel hin, und wie der Klingelbeutel, welcher herumgetragen wurde, Mühe hatte, vor Beendigung des Gesanges herumzukommen. Ich entsinne mich auch noch sehr gute einiger alter Frauen, welche als Kopfputz eine Flügelhaube hatten, nämlich ein großes helles Tuch wurde so zusammengelegt und aufgesetzt, daß es aussah wie zwei Engelflügel. Auch ist mir noch erinnerlich, daß bei dem Namen „Jesu“ die alten Frauen die Knie beugten.“

 (Hermann Gerhardt, Seyda, im Heimatboten 1927).

 

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Seyda „Feldhüter“, die unter anderem dafür zu sorgen hatten, dass die Sonntagsruhe eingehalten wurde. Wer sonntags zum Beispiel mit einer Sense auf dem Feld erwischt wurde, mußte mit einer Strafe rechnen.

Der letzte in der Bevölkerung auch als solcher bekannte Feldhüter war Herr Gröhst, der in der Triftstraße wohnte (heute das Haus der Familie Oberländer), und den die Seyd´schen „Gröhsts Deibel“ nannten. Er hatte auch einen kleinen Laden, in dem er Waren des täglichen Bedarfs feilbot. Er starb 1926, ein Jahr vor seiner Diamantenen Hochzeit.

Feldhüter in Seyda: Haase 1796, 1801; Hense 1806 (in Seyda?); Mechel 1812, auch Handarbeiter; Müller 1837; Gröhst 1836, 1837, 1853, 1863, 1865; Wiedicke 1834, 1851.

Feldhüter in Lüttchenseyda: Schuck 1847; Wergner ca. 1850; Bröse, genannt Lehmann 1848, 1862, 1869, 1872, 1892, 1895.

Feldhüter in Mellnitz: Kappert 1863, auch Nachtwächter; Eilitz: 1865, 1866 auch Nachtwächter, 1870, 1871, 1872,1880.

Feldhüter auf Mark Zwuschen: Otte oder Otto 1765, 1783, 1784,  1786, 1801, 1804, 1806, 1811; Hache 1831; Richter 1866, 1873; Schulze 1883, 1884, 1894; Neumann 1898, 1900.

Feldhüter in Morxdorf: Lehmann 1836, 1840; Schroeder 1843, auch Handarbeiter.

Feldhüter in Zemnick: 1872.

Feldhüter in Gadegast: Wenzel 1918, Jagdaufseher und Feldhüter (da hochbetagt gestorben). (Aus den Seydaer und Gadegaster Kirchenbüchern.).

 

1894 wurde auch die Lindenallee auf dem Markt angelegt. Im Haus Markt 11, was durch seine Mehrstöckigkeit und seinen Balkon hervorragt, wohnte der Bürgermeister Ganzert mit seiner Familie. Es war gleichzeitig das Rathaus. Später wurde das Haus von dem Arzt Dr. Nekwasil gekauft.

Am Beginn des Jahrhunderts gab es in Seyda zahlreiche Handwerker, die ganze Jüterboger Straße hinauf fast in jedem Haus, und auch auf dem Markt und vereinzelt in den anderen Straßen.

Allein drei Schmiede arbeiteten hier: in der Zahnaer Straße (Schugk, heute das Haus rechts neben der Familie Busch); in der Jüterboger Straße (Brachwitz/Seiler; das kleine Haus vor der Gaststätte Zur Heide), auf dem Markt (Schmied Krüger, später GUMA, anstelle der alten Schmiede bauten Krügers ihr Haus).

Die meisten hatten nebenbei eine Landwirtschaft. 1897 machte die Nachricht von einem Aufstand der Landarbeiter in Mark Friedersdorf Schlagzeilen:

„Ein Aufstand, wie ihn unsere friedliche Gegend wohl überhaupt noch nicht gesehen hat, wurde durch das Gesinde, Knechte und Mägde, auf dem Gute Mark-Friedersdorf am Montag in Szene gesetzt. Der Gutsbesitzer Herr Marnitz war am Sonntag wegen einer Geschäftsreise nach Berlin von seinem Gute abwesend und kehrte erst am Montag zurück. Doch welch ein Bild bot sich seinen Augen! Die Familie schrie aus dem verschlossenen Hause um Hilfe, die Fenster waren eingeschlagen und die Fensterkreuze theilweise herausgerissen. Das Gehöft selbst war von dem Gesinde, welches sich am Montag geweigert hatte, die Arbeit aufzunehmen, umlagert. In der erschreckenden Weise war die Familie schon den ganzen Tag belästigt worden. Hilfe zu requirieren war der von jeglichem Verkehr abgeschlossenen Familie nicht möglich gewesen. Erst Herr Marnitz konnte nach seiner Ankunft nach dem Gendarm Schulz - Seyda schicken. Da derselbe sich aber auf einer Revisionsreise, die mehrere Tage in Anspruch nahm, befand, wurde die Hülfe des Polizeiserganten Hecht in Anspruch genommen. Die Aufrührer verließen denn auch nach hartem Kampfe das Gehöft. Jedoch kehrten dieselben am Mittwoch Morgen zurück und begannen dasselbe Mannöver. Herr Wachmeister Schulz, der sich sofort nach seiner Rückkehr am Mittwoch früh zur Feststellung des Thatbestandes nach Mark-Friedersdorf begab und jedenfalls im Glauben war, es werde sich nun wieder alles in Ordnung befinden, sah schon von ferne, wie das rohe Volk tobte und mit Hacken, Haken und anderen Wirthschaftsgeräthen bewaffnet, das Haus umzingelt hielt und alle todtzuschlagen drohte. Herr Marnitz, der sich mit seiner Familie in der größten Lebensgefahr befand, war eben im Begriff, sich mit seinem Gewehr zur Nothwehr zu setzen und hatte schon auf den Rädelsführer, den Knecht Reimann, angelegt, als er den Gendarm erblickte und so ein größeres Unglück verhütet wurde. Nun gelang es mit Hilfe eines zufällig vorüberfahrenden Handelsmannes, die sich furchtbar widersetzende Rotte zu fesseln und nach dem Gefängniß zu überführen. Außer dem Knecht Große und dem schon genannten Reimann wurde noch ein am Montag erst aus Berlin angekommener Knecht Knopp, der sich gleich, ohne die Arbeit überhaupt aufzunehmen, den Aufständischen anschloß, mit verhaftet.“ (Zauch-Belziger Zeitung vom 4. Juli 1897, in: HK 8/1996, S. 4, herausgesucht von Bärbel Schiepel, die ergänzt: „Die Gründe, warum die Knechte und Mägde diesen Aufstand inszenierten, erfahren wir leider nicht aus diesem Artikel. Die schlechten und schweren Arbeitsbedingungen der einfachen Leute auf dem Lande vor 100 Jahren sind für uns heute kaum noch vorstellbar.“).

 

Zur Oberpfarre in Seyda gehörte das „Pfarrgut Zwuschen“, und zwar von alters her. Es war der Grund, warum die Seydaer Kirchengemeinde fast nie finanzielle Schwierigkeiten hatte. Nun wurden diese 25 Hufen Land (ca. 200 Hektar) im Jahr 1908 für 107.000 Reichsmark verkauft. 67.000 Reichsmark waren eine Hypothek auf das Gut, 40.000 Reichsmark nahm der Käufer aus Staatsanleihen. Dieses Geld wurde angelegt, man hoffte dadurch, den Querelen mit den Pächtern zu entkommen und trotzdem regelmäßige Einnahmen zu haben. In der Inflation in den zwanziger Jahren aber ist das angelegte Geld verloren gegangen: Seitdem mußten auch in Seyda Kirchensteuern erhoben werden. Bisher war das - durch Mark Zwuschen - nicht nötig gewesen! Die ersten Kirchenaustritte folgten.  (Seydaer Kirchenarchiv, Lagerbuch, S. 61).

Viele Seiten im Pfarrarchiv sind mit Schriftstücken zu „Mark Zwuschen“ gefüllt.

„Mark Zwuschen ist nicht etwa vor dem Dreißigjährigen Kriege verheeret worden, wie ein Schriftstück behauptet, sondern in einem anderen blutigen Kriege, der im Churkreis große Verwüstungen angerichtet hat. Vielleicht ist aber Mark Zwuschen unter der großen Pest, die zu Zeiten Ludwig des V. 1346 Deutschland verödet hat, ein wüster Ort geworden. 1542 wird Zwuschen bereits eine wüste Mark genannt. Im Jahre 1591 waren erst 16 Hufen urbar gemacht, die übrigen Hufen waren noch mit Holz bewachsen. Die Nachricht, wann und warum die Mark Zwuschen zur Pfarre Seyda gekommen ist, ist in der langen Zeit verlorengegangen. Der Wald ist nach und nach wieder in Acker umgewandelt worden. Jede 10. Mandel wurde der Pfarre Seyda von den Bauern als Pachtzins gegeben....

Zwuschen hat, wie der Keuler behauptet, fast eine Meile im Umfang. Er brauche nachts wenigstens zwei Stunden, um das Zwuschenland zu umgehen. Es wird noch der Weg zum Keilerhaus (oder Keulerhaus) beschrieben (unter Act. de. 19. Jun. 1787)“

(Seydaer Kirchenarchiv, Findbuch 277).

Flurnamen der Wüsten Mark Zwuschen: Morlbreite, Heidefeldschmalle, Heidefeldbreite, Mittelfeldschmalle, Puhlstück, Neuefeldbreite, Mittelfeldbreite, Neuefeldschmalle, Heidestücke, Morlschmalle. (Seydaer Kirchenarchiv, Findbuch 235).

„Ablösung der Schafhutung auf der Mark Zwuschen:

Die ehemalige Königliche Domäne Seyda, im Schweinitzer Kreise, Regierungsbezirk Merseburg hatte unter andern auch auf den benachbarten Dorffeldmarken Oehna, Göhlsdorf, Seehausen, Naundorf, Mellnitz, Morxdorf, Lüttchenseyda, Schadewalde, Zemnick und Meltendorf und den wüsten Marken Friedersdorf und Zwuschen, von welchen die erstere zum Schmidtschen Canzley gute zu Seyda, die andere zur Oberpfarre daselbst gehört, nicht allein täglich während der ganzen Sommerweidezeit, sondern auch im Winter auf der Saat die Hutungs Servitut mit ihren sämmtlichen Schaafheerden ohne Beschränkung der Stückzahl, auszuüben.

1835 - Ablösungsvertrag wird geschlossen zwischen

I. Seilermeister Gottlob Lüdicke und Genossen aus Seyda, Besitzer der Domänenhutung

II. den mit der Hütung belasteten Dorfschaften und Eigenthümern der wüsten Marken

a) Oehna b) Goehlsdorf c) Seehausen d) Naundorf e) Mellnitz

der aus Pfarre/: Königlichen Patronats:/ 11 Hüfnern und 1 Häusler bestehenden Gemeinde, Richter: Martin Matthies

f) Lüttgenseyda der aus 8 Hüfnern bestehenden Gemeinde, Richter: Gottfried Dannenberg

g) Morxdorf der aus 6 Hüfnern und 3 Häuslern bestehenden Gemeinde, Richter: George Globig

h) Schadewalde der aus Schule/: Königlichen Patronats./, 8 Hüfnern, 1 Kossäthen und 1 Häusler bestehenden Gemeinde, Richter: Martin Krüger

i) Zemnick, der aus 10 Hüfnern und 1 Kossäthen bestehenden Gemeinde Zemnick, Richter: Martin Richter

k) Meltendorf

l) Kanzleigutsbesitzer Friedrich Wilhelm Schmidt als Besitzer der Mark Friedersdorf

m) der Oberpfarre zu Seyda /: Königlichen Patronats:/ als Besitzer der Mark Zwuschen, derzeitiger Oberpfarrer Superintendent Magister Camenz

- Zeichnung und Grenzbeschreibung der Hutung

- abschriftlich die Unterschriften der Vertragsunterzeichnenden (man beachte: einige Bauern unterzeichnen derzeit noch mit xxx)

Die Dorfmarken waren in drei Schläge eingeteilt, einer blieb jedes Jahr brach für die Schaftrift liegen.

 

Alte Leute erzählen noch heute - wiederum von Berichten ihrer Eltern -, wie der Oberpfarrer alljährlich in der Gastwirtschaft „Zum Roten Hirsch“ am Markt saß und dort die neuen Pachtverträge für die Mark Zwuschen ausgehandelt wurden. Im Anschluß gab es Rotwein. Zeitweise waren von der Kirchengemeinde auch „Zwuschenrichter“ eingesetzt, die das Pachten abwickelten, zum Beispiel aus der Familie Hirsch.

 

Der zweite Pfarrer in Seyda, auch Diakon genannt, wohnte am Kirchplatz 2. Er hatte verschiedene Aufgaben, wie die Akten einer Kirchenvisitation für Morxdorf und Mellnitz im Jahre 1911 kundtun:

„Der Pfarrer von Mellnitz und Morxdorf ist zugleich Diakonus in Seyda und Leiter und Seelsorger der Arbeiterkolonie Seyda, auch Synodalvertreter für Innere Mission in der Ephorie Zahna, Leiter der Synodalkolportage, Waisenrat von Mellnitz, Waisenvater und Fürsorger für Zöglinge verschiedener Anstalten, Leiter eines Jungfrauenvereins, Geschäftsführer eines  143 Mitglieder starken Frauenvereins, Vorstandsmitglied im ev. Männerverein, Vertreter im Kreisausschuß für Jugendpflege, Verwalter eines Bibeldepots für Seyda und Umgegend, Vorsitzender des Schulvorstandes für Morxdorf und Ortsschulinspektor, auch Leiter des Religionsunterrichts in Morxdorf, Agent des christlichen Zeitschriftenvereins für Seyda und Umgegend, auch Lehrer an der Fortbildungsschule in Seyda, Vertrauensmann des ev. Preßverbandes der Provinz Sachsen, Geschäftsführer der Zweigstelle der Herbergssparkasse...(Die Zweigkasse der Kreissparkasse Herzberg wurde am 1. Januar 1894 in Seyda eröffnet.)

Der Mann war sehr fleißig! Pastor Heinecke ist auch noch „Vater der Heimatgrüße“ gewesen, jenes Evangelischen Monatsblattes, was für den ganzen Kirchenkreis Zahna seit 1913 erschien und für das er auch später noch viele Beiträge leistete. Er hat das Seydaer Heimatlied gedichtet und sich auch im Heimatverein verdient gemacht.

Wollen wir in den Visitationsprotokollen auch noch schauen, wie es in Mellnitz und Morxdorf damals zuging, was von Seyda aus betreut wurde:

„Mellnitz ist reine Bauerngemeinde, alle, mit einer Ausnahme betreiben Landwirtschaft, 1 Zimmermann fährt wöchentlich nach Berlin, 1 Mann besucht nicht den Gottesdienst.

Morxdorf ist nur zur Hälfte eine Landwirtschaft treibende Gemeinde, die andere Hälfte sind Maurer und Zimmerleute, die die Woche über in Berlin arbeiten, kommen nur sonntags nach Hause, besuchen seltener als die Bauern den Gottesdienst, sind sozialdemokratisch organisiert, bis auf zwei Ausnahmen, die nicht den Gottesdienst besuchen, aber wohl nur Mitläufer. Der Kirchenälteste Fromm macht seinem Namen alle Ehre.

Ca. 8 Mal im Jahr besucht der Geistliche die Schule, nach dem Gottesdienst besucht er die Kranken.

Vergehen gegen das 6. Gebot („Du sollst nicht ehebrechen!“) kommt vor, keine eigentlichen Trunkenbolde, viel alkoholfreies Braunbier wird getrunken

Unterschiede in Tauffeiern für eheliche und uneheliche Kinder, in den Trauungen (mit und ohne kirchliche Ehren), 4 Männer besuchen den Gottesdienst nicht.“

(Seydaer Kirchenarchiv, Findbuch 1127).

 

Eine Erinnerung an das Alltagsleben um 1910: „Wenn man abends totmüde ins Bett konnte, bekam im Winter jedes Kind einen warmen Ziegelstein als Wärmflasche ins Bett. Und jedes Jahr zu Weihnachten gab´s ein Paar neue Holzpantinen.“ (Zeitungsartikel in der Luckenwalder Rundschau vom 1./2. November 1997 zu einem 90. Jubiläumszwillingspaar aus Seyda, Elsa Boldt und Minna Schwoch geb. Schuster).

 

Um die Jahrhundertwende nahm das immer mehr zu, was man später „Entfremdung“ nannte. Durch die Industriealisierung zogen immer mehr Menschen in die Städte, Familienbande und alte Traditionen rissen ab. Bisher stellte man vieles mit eigener Hand her und kannte den Entstehungsprozeß der Produkte bzw. konnte im Ort zuschauen, wie etwas vom Handwerker gefertigt wurde. Jetzt aber war die Arbeitsteilung so weit fortgeschritten, dass es dem Einzelnen oft nicht mehr möglich war, Einblick in das Herkommen von Produkten zu nehmen. Der Prozeß ging ständig weiter bis dahin, dass natürliche Lebensabläufe wie Geburt, Krankheit und Sterben aus dem natürlichen Lebensumfeld abgelöst worden sind. Die Alten blieben nicht selbstverständlich zuhause, auf dem „Altenteil“, sondern lebten an anderem Ort als die nächsten Generationen.

Von dieser „Entfremdung“ war auch die Kirche betroffen. Bis jetzt waren zum Beispiel die Gleichnisses Jesu aus der Landwirtschaft vom Säemann oder vom reichen Kornbauern unmittelbar vor Augen, nun aber wurde einem großen Teil der Menschen der Umgang mit Tieren und Pflanzen fremd.

Eine Gegenreaktion darauf war eine Neuentdeckung der Heimat, um die alten Traditionen zu bewahren und als Lebensbereicherung zu erhalten. Auch in Seyda wurde 1912 ein Heimatverein für die Stadt und die Umgebung gegründet. Der erste Vorsitzender war Oskar Brachwitz, der Heimatforscher, von dem schon so viel zu lesen war. Im Amtshaus wurde das Heimatmuseum untergebracht. Später war Pastor Heinecke Vorsitzender, der sein Amt 1914 nach einstimmiger Wahl an Pastor Voigt aus Gadegast abgab. Pastor Voigt führte auch die „Heimatgrüße“, jenes Evangelische Monatsblatt, was eine Fundgrube für Heimatfreunde ist, bis 1936 weiter.

 

1913 kam der elektrische Strom nach Seyda, ohne den unser modernes Leben wohl kaum denkbar wäre. Die Stadt hatte einen Vertrag mit der „Energieversorgung“ abgeschlossen, dass Weihnachten 1913 das elektrische Licht brennen sollte. Die Fernleitung aus Liebenwerda konnte jedoch nicht fertiggestellt werden. So wurde am Ende der Neuen Straße (bei Mechels gegenüber, wo auch heute noch der Stromverteiler steht) eine Dampfmaschine aufgestellt, um Strom zu produzieren. In der Nacht wurde auf Batterien umgeschaltet. Manche Leute hatten einfach nur eine 15 Watt-Lampe in ihrer Wohnung. Einige besuchten nun jeden Abend jemanden anders, um zuhause Strom zu sparen...

(Mündlicher Bericht von Horst Hirsch 1999.).

In den Heimatgrüßen heißt es: „Es schweben Verhandlungen, welche die Einrichtungen einer elektrischen Licht- und Heizanlage in unserer Kirche zum Ziele haben.“ Als Tag, an dem zum ersten Mal elektrisches Licht in Seyda brannte, wird der 25. November 1913 genannt. (HG 11+12/1913).

 

Im Jahr 1913 fanden umfangreiche Feiern zum 100. Jahrestag der Befreiungskriege statt. Dass Seyda ja zu Sachsen gehört hatte und dann wegen der Niederlage erst zu Preußen gekommen war, schien vergessen. Es war ein „patriotisches“ Fest, schon ganz im Sinne einer Kriegsvorbereitung mit dem „Erzfeind“ Frankreich.

Auf dem ehemaligen Sportplatz an der Jüterboger Straße wurde damals eine Eiche gepflanzt, die auch heute noch steht (vor der Mühle Rühlicke, mitten auf dem Kirchenacker!). Der Turnverein veranstaltete am Abend des 18. Oktober einen Umzug. Ein Freudenfeuer wurde abgebrannt, der Hauptlehrer Orthwein hielt eine Ansprache. In Gadegast wurde das Denkmal vor der Kirche gesetzt, bei dessen Einweihung viel Prominenz erschien. In Seyda, Morxdorf und Mellnitz wurden am 17. März 1913 „Luisenlinden“ gesetzt, zur Erinnerung an die preußische Königin Luise, die tapfer Napoleon widerstanden hatte; dazu wurde auch vom Kaiser ein Aufruf „An mein Volk“ verlesen.

 

Mit Jubel zog man in den Weltkrieg, der am 1. August 1914 ausbrach! Der Sieg schien - nach 1813 und 1871 - sicher zu sein, nur Ruhm und Ehre konnte ein Feldzug einbringen.

Doch bald zeigte sich die grausame Realität des Krieges. Pastor Voigt aus Gadegast schrieb monatlich seinen Konfirmanden, die nun „im Felde“ im Osten und im Westen fern der Heimat waren, und er bekam Antworten, die den Wandel widerspiegeln:

„Werter Herr Pastor, Ihrem Wunsch entsprechend nachzukommen, werde ich Ihnen ein paar Zeilen von meinen Kriegserlebnissen mitteilen. Als wir am 9.8. von Torgau abfuhren, wurden wir mit großer Freude überall begrüßt. Am 11.8. wurden wir in Düsseldorf ausgeladen. Von hier aus war nun alle Tage Marsch von früh bis abends spät. Am 15.8. überschritten wird die belgische Grenze mit einem lauten Hurra. (vgl. Anmerkung 1) Hier hörte man schon den Kanonendonner von weiter Ferne und so alle Tage. Alle Mann freuten sich auf das erste Gefecht, jedoch war es hier ein trauriger Anblick, wenn man durch ein Dorf kam, was vollständig niedergebrannt war, weil die Bewohner aus dem Hause geschossen hatten. Am 23.8. überschritten wir die französische Grenze, wo auch dasselbe Leid erschien, nur einige Dörfer und Städte waren verschont, auch waren hier die meisten Bewohner geflüchtet aus Furcht vor den französischen und englischen Soldaten und kehrten auch schon wieder zurück und freuten sich, daß unsere Truppen einwirkten.

Am 26.8. kamen wir zum ersten Mal ins Gefecht mit Engländern, es war doch anders, wie man sich das gedacht hatte, wenn die Kugeln immer über den Kopf pfeifen. In der Nacht vom 26. - 27. bezogen wir Quartier in einem einzelnen Gehöft und am nächsten Morgen ging es weiter. Am nächsten Tag nahmen wir eine Patrouille von 54 Mann Engländern gefangen, welche sich in einem Gehöft versteckt und auf unsere Truppen geschossen hatten, und so hatten wir noch mehrere kleine Gefechte. Am 5.9. kamen wir in ein Gehöft, wo wir 1 Division gegen eine starke Übermacht kämpften. Es sollen 7 Armeekorps gewesen sein. Wir haben den Feind zurückgeschlagen und noch ein Dorf vom Feinde geräumt. Am späten Abend zogen wir uns zurück, wo uns das 2. Armeekorps zur Hilfe kam, denn wir waren bis auf 30 km vor Paris.

Und vom 6.9.-11.9. waren wir 50 km ab, und diese Stellung hielten wir, bis uns ein anderes Regiment ablöste.

Wir hatten wohl viele Verluste, aber immer siegreich geschlagen, und jetzt sind wir 100 km von Paris ab. Wir mußten uns zurückziehen, weil die anderen Armeekorps noch nicht so weit waren. Hoffentlich geht es bald wieder vorwärts. Ich will nun schließen, weil man Bücher voll dessen schreiben könnte. Ich bin noch gesund, was ich auch von Ihnen hoffe. Nochmals besten Dank und viele Grüße sendet Reinhold Richter. In Eile, denn die Post fährt jetzt ab. Viele Grüße an meine lieben Eltern und an die Gemeinde.“ (Aus: Lieber Herr Pastor! Feldpostbriefe von Gadegastern und Zemnickern aus dem Ersten Weltkrieg. Seyda 1998.).

 

Der Ausbruch des Krieges im August 1914 kam für die deutsche Öffentlichkeit trotz allem überraschend (G III, 72). Es war der erste Krieg, der den ganzen Erdball überzog und mit einer vorher nie dagewesenen Brutalität geführt wurde. Erstmals sind moderne Waffen wie Maschinengewehre, Panzer und Massen-vernichtungsmittel eingesetzt worden. Deutschland hatte den Krieg begonnen.

Auch in der Heimat begann man bald, die Schrecken des Krieges zu spüren. 1915 wurden Brotkarten eingeführt, 1916 gab es auch eine Fleischkarte. In den Städten betrug die wöchentliche Ration pro Erwachsene 1916/1917: 2,5 kg Kartoffeln oder als Ersatz Kohlrüben; 1,9 kg Brot bzw. Brotersatz, 250 g Fleisch oder Wurst, 180 g Zucker, 80 g Butter und ein halbes Ei. Die Lebensmittelkarten sicherten aber nur den Anspruch, ob man es dann tatsächlich bekam, war unsicher. „Die Kartoffelmißernte 1916 verschlimmerte die ohnehin angespannte Lage weiter und führte dazu, daß die Kohlrübe als Kartoffelersatz ausgegeben werden mußte. Im „Kohlrübenwinter“ 1916/17 kam es zu schweren gesundheitlichen Belastungen, in vielen Fällen zu Hunger, Krankheit und Tod. Diese enorme Lebensmittelknappheit führte zu verschiedenen Versuchen, Lebensmittelersatz herzustellen... Ein Beispiel dafür war das Vorgehen der Berliner Eckhoff KG, Brot unter Zusatz von 30 Prozent Tierblut und 10 Prozent Pflanzenmehl herzustellen... dazu kam der Mangel in der Brennstoffversorgung der Haushalte...“ (G  III, 77f). Dies findet auch Niederschlag in der Gadegaster Schulchronik, z.B. 1917: Von der Reichsstelle für Gemüse und Obst GmbH Berlin W. Potsdamer Straße 75 ging für die Gadegaster und die Zemnicker eine Anzahl Flugblätter durch die Königl. Kreisschulinspektion Wittenberg "Sammelt die wildwachsenden Gemüse, Wildsalate, Tee, Ersatzpflanzen" am 21. Juni ein. Die Kinder wurden durch den Lehrer mit dem Inhalt bekanntgemacht, auch ihnen die Zweckmäßigkeit und Wichtigkeit des Sammelns klargemacht und die Blätter unter sie, so weit sie reichten, verteilt.“

 

Viele Päckchen schickte man als „Liebesgaben“ zu den Vätern, Brüdern und Söhnen an die Front, teils durch organisierte Transporte, teils auf privater Basis, zum Beispiel Strümpfe, Zigarren, Tabak und Pfeifen.

Es wurden auch öffentliche Sammlungen durchgeführt. Die Schulkinder sammelten neben Geld: Kupfer, Messing, Papier, Gummi, Korn aus Ähren, Kastanien, Pflaumenkerne, Kirschkerne, Sonnenblumenkerne, Brennnesseln, Windröschen, Flaschen, Haare; für Ostpreußen: Kleidungsstücke, Reis, Kaffee. Die „Ludendorffspende“ war speziell für Kriegsbeschädigte bestimmt.

Noch im November 1918 rief Pfarrer Voigt dazu in den „Heimatgrüßen“ auf, wohl nicht nur aus „patriotischer Gesinnung“, sondern vor allem, weil er die Not „seiner“ Männer an den Fronten kannte.

 

In der Kirche gab es neben diesen Sammelaktionen „Kriegsbetstunden“. Die „Reformationsjubiläumsfeier“ am 31. Oktober 1917 wurde zu einem Einschwören auf den Patriotismus. Die Pfarrer setzten sich auch für ihre Gemeindeglieder ein, in dem sie Urlaubsgesuche oder die Bitten um eine Verlegung in ein nahegelegenes Lazarett unterstützten. Eine der schwersten Aufgaben war es, den Eltern und Frauen die Todesnachricht von Gefallenen zu überbringen.

 

Durch eine Verordnung vom 20. Juni 1917 mußten alle Einrichtungsgegenstände aus Kupfer und Kupferlegierungen (Messing, Rotguß, Tombak, Bronze) abgeliefert werden. Das betraf auch die Orgelpfeifen und die Kirchenglocken! „Während sie bisher dem Kindlein auf des Lebens ersten Gange, dann Braut und Bräutigam lud "Zu des Festes Glanz", dem Abgeschiedenen das letzte Geläute gab, muß sie nun in anderer Sprache, als brüllende Kanone im Weltkriege Dienste tun. Möchte sie mit ihren vielen hinausziehenden Kameraden recht bald zurückkehren, um im Frieden wieder ihr Geläute erklingen zu lassen. Die Kessel der Brauhäuser sind nicht beschlagnahmt.“ berichtet die Gadegaster Schulchronik.

Pastor Dr. Graf aus Seyda schreibt über die Abgabe von Glocken und Orgelpfeifen für die Turmkugel 1929: Das war „eine Art Sacrilegium, das sich bitter rächte, denn von jener Zeit an wich der Segen Gottes von unserm Volk. Auch unsere Gemeinde Seyda musste von ihren zwei Kirchenglocken eine abliefern, sowie die Orgelpfeifen...“  1917 wurde in Seyda eine Glocke von 1717 eingeschmolzen! Auch die Blasinstrumente, sogar Konservenbüchsen mußten abgeliefert werden.

„Die Fahrradbereifungen waren bereits in der Zeit vom 12. bis 17. März 1917 restlos zur Ablieferung gelangt. Hinfort sah man Radfahrer, die sich im Schweiße ihres Angesichts auf Rädern mit Drahtspiralen abquälten. Auch die gebrauchten Flaschenkorke sammelte man ein. Am 4. Juli rief der Landrat zum Sammeln der großen Brennessel zur Fasergewinnung auf...“ (Schweinitzer Kreisblatt am 26.9.42).

Die Seydaer Orgelpfeifen sollen nicht weit gekommen sein! Ein Seydaer Werkzeugmacher will sie selbst später noch auf dem Schutt zerknickt gefunden haben. Erst nach langer Zeit konnten die Pfeifen durch Zinkpfeifen ersetzt werden, die heute noch genutzt werden. Die originalen Zinnpfeifen hatten einen weicheren Klang, eine Umrüstung (wie in Jessen) hat sich die Kirchengemeinde aber bis heute noch nicht leisten können.

 

Durch den Krieg veränderte sich die Gesellschaft. Die Männer fehlten, die Frauen hatten ihre Arbeit zu übernehmen. Im Winter 1916/1917 hatte der Erschöpfungsgrad der Bevölkerung die Grenzen des Ertragbaren erreicht (G III, 79): Unterernährung, Magen- und Darmerkrankungen, Tuberkulose waren verbreitet. In der Schule waren die Ferien verlängert worden - infolge der „Kohlennot“. Großstadtkinder werden wegen Unterernährung aufs Land, also nach Seyda und in die umliegenden Dörfer, verschickt.

Der Glaube an die Autoritäten zerbrach: der Kaiser mußte schließlich abdanken, und auch die Kirchenvertreter, die sich für den Krieg stark gemacht hatten, erlitten einen großen Glaubwürdigkeitsverlust.

 

Im April 1917 forderten in ganz Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen Frieden und Brot. Auch in Wittenberg fanden Streiks statt (G III, 80).

Die Gadegaster Schulchronik berichtet:

Revolution in Deutschland.

In der Nacht vom 8. zum 9. November des Jahres ist in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Überall haben Arbeit- und Soldatenräte die Gewalt an sich gerissen. Kaiser Wilhelm hat auf den Thron verzichtet und sich nach Holland begeben. Ebenso haben sämtliche Fürsten Deutschlands ihre Kronen niedergelegt und alle deutschen Staaten haben sich zu Republiken erklärt. An der Spitze Deutschlands steht ein "Rat der Volksbeauftragten" von 6 Mann, gebildet von den Sozialdemokraten und den Unabhängigen. Vorsitzender (Reichskanzler) ist Sozialdemokrat Ebert. (u. Haase). Kontrolliert wird die Regierung vom Vollzugsrat des "Berliner Arbeiter- und Soldatenrats". Der Einberufung einer "Nationalversammlung" setzten die Unabhängigen und besonders die noch radikaleren Spartakusse Widerstand entgegen. Erstere Partei hat aber doch zugestimt und so sind die Wahlen vorläufig auf den 16. Februar 1919 angesetzt. Auch in Preußen hat sich eine neue Regierung gebildet aus denselben Parteien. Das Kultusministerium verwalten die Sozialdemokratischen Abgeordneten Adolf Hoffmann und Hänisch. Als Programm haben sie die Trennung von Kirche und Schule und Staat - Kirche aufgestellt.“

 

„123 Krieger starben den Heldentod.“ so schreibt es Pastor Dr. Graf in die Turmkugel 1929. Die Trauer blieb, später wurde ein großer Gedenkstein auf dem Friedhof, ein Quader, gesetzt. Daneben war große wirtschaftliche Not über das ganze Land gekommen. Die alten Strukturen waren zerbrochen, die erste Demokratie in Deutschland, die Weimarer Republik, entstand 1919. Verbreitet in den Köpfen und Herzen war aber die Sehnsucht nach der „guten alten Kaiserzeit“ und, in Verkennung der Tatsachen, eine „Dolchstoßlegende“, die besagte, die neuen Machthaber wären als „Novemberverbrecher“ schuld an der schlimmen Lage in Deutschland.

Pfarrer Voigt blieb bis zuletzt und auch noch nach Kriegsende „kaisertreu“. Noch 1993 wurde die schwarz-weiß-rote Fahne in seinem Nachlaß gefunden.

 

Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis findet sich am Ende des letzten Bandes.

 

 

Die

Geschichte

der

Kirche

in

Seyda.

 

 

 

6. Die Weimarer Republik und das Dritte Reich   

    (1919-1945)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Weltkrieg, der mit solchem Jubel begonnen wurde, war verloren. Der Kaiser hatte abgedankt, große Not war im Land: und viele Männer, Väter und Söhne kehrten von den Schlachtfelder in ganz Europa nicht zurück. Die Chronik der Turmkugel nennt die Zahl von 123 für Seyda.

Eine Parteiendemokratie hatte die Herrschaft übernommen: eine neue Regierungsform für Deutschland, die von Anfang an stark angefeindet und auch abgelehnt wurde: Man schob ihr die Schuld für die Niederlage und die schwierige wirtschaftliche Lage Deutschlands zu, obwohl sie für das Geschehene gerade nicht verantwortlich war.

Mit der Abdankung des Kaisers endete auch das „konstantinische Zeitalter“, was einmal im 4. Jahrhundert begonnen hatte. Seitdem war der Kaiser Christ gewesen, und die Kirche stand unter seinem Schutz. Der letzte Kaiser war für die evangelische Kirche sogar ein „summus episcopus“: der höchste Bischof.

Das wurde nun anders, die Kirche mußte sich neu organisieren und ihren Platz in einer demokratischen Gesellschaft finden, in der sie zwar Unterstützung fand, aber nicht mehr in dem Maße, wie es bisher geschehen war. Es gab allerdings auch Stimmen in der Kirche, die diese Entwicklung begrüßten: sahen sie darin doch eine neue Freiheit der Kirche, unabhängig von den Machthabern ihrer Sache treu zu bleiben. Die allgemeine Stimmung aber, auch in Seyda, war darum bemüht, so viel wie möglich vom Alten zu retten - sogar mit der stillen Hoffnung, vielleicht wieder einen Kaiser zu haben und die „gute alte Zeit“ zurückzuholen. Auch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in der Bergstraße erinnerte daran.

 

Der Weltkrieg hatte drastische wirtschaftliche Folgen. Über die Not der Bevölkerung im Weltkrieg ist schon berichtet worden, sie zog sich noch weit in die Nachkriegszeit hinein.

Manche hoffnungsvollen Projekte, die man vor 1914 hatte, konnten nicht mehr realisiert werden. In unserer Gegend war zum Beispiel der Bau eines Kanals zwischen dem Elbknick und Berlin geplant. Er sollte zwischen Elster und Listerfehrda beginnen und an Seyda vorbeigehen. Die Pläne waren schon fertig, wurden aber nie ausgeführt.

 

Der verlorene Krieg zog auch in Seyda mancherlei Einsparungen und Kürzungen nach sich: So schlossen drei der sechs Gasthäuser: Die Brauerei Matthies (Neue Straße/Ecke Jüterboger Straße; heute: Witkowski, Bergholz, Hempel); der „Rote Hirsch“ (jetzt Schreibwaren Groitzsch; Anfang der Dreißiger Jahre benannte man dann ein anderes Lokal an der Westseite des Marktes so) und das Hotel „Zum Deutschen Kaiser“ (früher „Zum Anker“) in dem Haus in der Bergstraße 1, wo sich heute die Stadtverwaltung befindet. Dort, wo das Standesamt ist, waren auch von 1889 bis 1914 die königlichen Hengste stationiert.

Die Zeitung meldete: „Der preußische Minister des Inneren hat die Polizeistunde auf 10 Uhr angewiesen (zuvor 11 Uhr, Sonnabend 11 ½ Uhr). Eine Folge der schlechten Kohlenversorgung.

Der Reichstagsabgeordnete Hemeter fragt bei der Reichsregierung an, ob die Maßnahmen für den Heimtransport der Gefangenen aus Sibirien so beschleunigt werden können, dass sie noch vor Beginn des sibirischen Winters die Heimat erreichen.“

(Seydaer Stadt- und Landbote vom 30. März 1920).

 

Als Folge des Krieges und einer Zerstörung der alten Ordnung war auch die Zunahme von Brutalität und Verrohung zu spüren:

Im April 1920 schändeten Kinder zum wiederholten Male und „in gröbster Weise“ Grabstätten auf dem Seydaer Friedhof.  (Stadtverordnetenversammlung am 10. April 1920.).

Die schlechte Versorgungslage führte zur Wilderei. Die Forstleute suchten dem Einhalt zu gebieten. Doch ein Menschenleben schien nicht mehr so viel zu zählen - nachdem man im Krieg ja vier Jahre lang auf Menschen zielen mußte -: Der Forstpraktikant Sterz wurde 1921 in der Heide erschossen. Noch heute erinnert daran ein Grabmal, das Sterz-Denkmal. Es befindet sich ca. 6 Kilometer vom Ortseingang Seyda entfernt. Den letzten Weg links vor der Heimateiche muß man einbiegen, dann sind es noch ca. 500 Meter.

Es war eine ganze Gruppe von Wilderern gewesen, die man ausfindig machte, die aber so zusammenhielten, dass man den, der den tödlichen Schuß abgab, nicht identifizieren konnte. Es ist wohl signifikant für diese Zeit der zerbrochenen Ordnungen, dass man sich nicht zu helfen wußte und deshalb eine Hellseherin aus Berlin bestellte. Sie wurde vom Bahnhof in Linda abgeholt und ließ sich an die Unglücksstelle bringen, an dem Sterz im Morgengrauen erschossen worden war. Dann soll sie mit dem Staatsanwalt in der Kutsche durch die Heide bis nach Seyda gefahren sein, angeblich hat sie den Weg gezeigt, obwohl sie noch nie hier war. Genau vor der Tür des Schuldigen ließ sie anhalten. Aber das war natürlich (zum Glück!) kein Beweis für ordentliche Gerichte!

Danach mietete sich ein Kriminalbeamter als Forstgehilfe getarnt im Schützenhaus ein. Der Fall konnte jedoch nicht geklärt werden.

Schließlich setzte sich einer der bekannten Wilddiebe nach Amerika ab. Man nahm an, er sei es gewesen. Ein anderer Wilddieb hatte einen Streifschuß bekommen, ließ sich aber auswärts behandeln, um nicht aufzufallen.

Im Jahre 1956 hat der Schuldige seine Tat auf dem Sterbebett seinem Nachbarn gebeichtet. Er konnte mit dieser Schuld nicht sterben.

Was sagt man als Pfarrer zu dieser Geschichte? So sehr Skepsis gegenüber jemandem, der sich als Hellseherin ausgibt, angebracht ist, so ist es doch wohl so, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht erklären können. Auch das Böse hat eine große Macht. In der Bibel wird vor dem Umgang mit Hellseherei und dergleichen Dingen gewarnt aus der Erfahrung, dass dahinter tatsächlich Mächte stecken, die uns beherrschen wollen. „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ mit diesen Worten legte Martin Luther das 1. Gebot aus.

Die Geschichte zeigt aber auch, wie drückend Schuld sein kann, und wie heilsam eine Beichte ist. Dazu ist die Kirche auch da: Dass man dort solche Lasten loswerden kann. Dafür starb Jesus am Kreuz.

 

Neben diesen großen Nöten und manchem Merkwürdigen gab es natürlich das Alltagsleben. Endlich konnte wieder ein Kinderfest stattfinden! Die Schulchronik berichtet 1919: „Am 24. August, nach 6 Jahren, wieder Kinderfest. Es wurde in altgewohnter Weise gefeiert. Auf dem Festplatz sprach Bürgermeister Andrae und schloß mit einem Hoch auf unser liebes Seyda. Die Kinder bekamen Kaffee und Kuchen. Höhepunkt war die Verlosung, obwohl die Gewinne nicht sehr groß ausfielen. Nach dem Einzug das Schlußwort des Lehrers Brantin und das Lied „Nun danket alle Gott“.“

So war es bis 1956 üblich, der Einzug erfolgte vom Schützenhaus zum Markt.

 

Ein bis heute begangenes Fest sind die Fastnachten in Seyda. Das hängt auch damit zusammen, dass zu diesem Vergnügen am Ende der Winterzeit noch jedermann Zeit hatte: nämlich bevor die Arbeit in der Landwirtschaft wieder losging. Wohl weniger dachte man dabei an die „Nacht vor dem Fasten“, die Fastenzeit vor Ostern ist dabei kaum im Bewußtsein.

Es gibt Kinder-, Männer- und Jugendfastnachten. Damals fanden sie auf verschiedenen Sälen statt. Bei „Borschtes“ in der Wittenberger Straße haben die  Jugendfastnachten oft angefangen, auch bei „Pätz“ im Roten Hirsch auf dem Markt war man beieinander zur Kinder- und Männerfastnacht. Ganz Seyda war da auf den Beinen!

„Asche kehren“ hieß ein Brauch am Aschermittwoch. Die Kinder gingen mit einer Rute aus Birkenholz durchs Städtchen, an den Stock wurden die Brezeln gehängt, die sie einsammelten. Auch die Jugend ist durch die Stadt gezogen, verkleidet, mit Handwagen und mit Musik. Am Fahrrad, wenn vorhanden, war meist eine Hupe, so dass man sie schon von weitem kommen hören konnte. Auch sie bekamen Schaum-, Mohn- oder Salzbrezeln, ab und zu auch einen Groschen.

Die alten Platzmeister gingen mit einer Kiepe „zempern“. Bratwürste und Eier wurden gesammelt, und dann abends beim Zemperball im Schützenhaus gegessen. Bei diesem Besuch in den Häusern gab es Essen und Schnaps, mit den Mädchen wurde getanzt. Die Mädchen machten den Platzmeistern ein buntes Band an Hut oder Rock. Auch mit den Müttern wurde natürlich eine Runde gedreht.

Schließlich kam noch die „Polizei“ vorbei, die hat Geld gesammelt, auch für den Abend. Und da wurde dann nicht selten Polonaise auch auf den Tischen und durchs Fenster getanzt. (Erzählt beim Gemeindenachmittag 1999).

 

Doch zurück zu den Sorgen dieser Tage: Die finanziellen Engpässe wirkten sich auch ganz direkt auf die kirchliche Arbeit aus:

„Oktober 1920... Die Kirchengemeinde Seyda muß infolge der finanziellen Notlage der landeskirchlichen Behörden auf eine 2. Pfarrstelle (ist bereits seit 13.12.1916 unbesetzt) verzichten. Wegen der hohen Kosten, welche die laufende Unterhaltung der Gebäude erfordert, soll ihr Verkauf sobald als möglich erfolgen und zwar nicht gegen Bargeld, sondern gegen Austausch von Acker- oder Wiesengrundstücken.“ (Heimatkurier 10/1995, S.  3, aus: SSLB im Oktober 1920. Das Haus Kirchplatz 2 gehört uns heute noch und war im 20. Jahrhundert mit seinen vielfältigen Bewohnern ein großer Segen für die Kirchengemeinde.).

Wenn man bedenkt, was dieser zweite Geistliche, zum Beispiel Pastor Heinecke, alles geleistet hat, so war die Einsparung der 2. Pfarrstelle ein herber Verlust. Die Gemeinden Mellnitz und Morxdorf wurden nun vom „Oberpfarrer“ mit betreut. Er mußte schlimmstenfalls zu Fuß gehen, auch mit dem Rad sind die Pfarrer später gefahren, zur Kirche aber wurden sie damals meist mit der Kutsche oder später mit dem Taxi abgeholt. (Ein Taxifahrer war zum Beispiel Herr Rudolf Krüger aus der Neuen Straße 23.).

 

Wie willkommen war in dieser schweren Zeit die Verteilung der Kolonieländereien an Seydaer Bürger: also solcher Flächen, die die Beschäftigten der Arbeiterkolonie urbar gemacht hatten! Brachte ein zusätzliches Stück Land doch neue Ernährungs- und Einnahmequellen. (SSLB 10.1.1920).

 

„Nach dem 1. Weltkrieg befand sich die Arbeiterkolonie nach 39 Jahren in einer sehr schlechten wirtschaftlichen Lage und stand 1924 vor dem Zusammenbruch. Die Provinzialverwaltung in Merseburg übernahm die Anstalt in Seyda, nahm umfangreiche Um- und Ausbauten vor, um eine „Landwirtschaftliche Lehranstalt“ zu eröffnen. Sie bot 90 schulentlassenen Fürsorgezöglingen ein neues Zuhause und eine Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Beruf.“

(Bärbel Schiepel: Abschlußarbeit im Rahmen der Sonderpädagogischen Zusatzausbildung, Vorstellung des Diest-Hofes, 24. März 1998.).

In der „Landwirtschaftlichen Lehranstalt“ konnten die „Zöglinge“ versäumte Schulkenntnisse nachholen sowie in einer großen Gärtnerei mit der Arbeit in der Landwirtschaft sowie einigen Handwerksberufen vertraut werden. (Heimatbuch 52).

„Der Übernahme gingen umfangreiche Um- und Ausbauten voraus, um 90 Zöglingen ein neues Zuhause zu geben. Die Jungen wurden in Lehr- und Dienststellen bei Handwerkern und Bauern der Umgebung vermittelt. 1930 wurde die Anstalt für die Zöglinge verlegt, und Seyda wurde bis Kriegsende wieder Arbeiterkolonie.“ (Heimatbuch 53).

Seelsorger für die Jungen war auch Pastor Voigt aus Gadegast.

 

Eine Folge der schlechten Wirtschaftslage war die Inflation, die 1923 ihren Höhepunkt erreichte. Das „Ansteigen“ der Lehrergehälter macht es deutlich: Für eine Stunde Unterricht gab es im August 1922 86 Reichsmark, von September bis Dezember 165 Mark, im Januar 1923 440 Mark, im Februar 880 Mark, im März 1.100 Mark... (Seydaer Schulchronik 1922/23).

Ein Ei kostete 1923 40.000 Mark! (Geschichte der Kirche in Zemnick).

Schließlich wurden 1 Billion Papiermark gleich einer neuen Reichsmark!

Die Auswirkungen auf die Kirchengemeinde beschreibt Pastor Dr. Graf in der Turmkugel 1929:

 „Kirchliche Abgaben haben wir bis 1924 nicht gehabt, das Opfergeld ist der Geringfügigkeit wegen nicht eingezogen worden, Läutegeld, Haugeld und Rente waren abgelöst. Die Kirche hatte einen Vermögensbestand von über 100.000 M, die Oberpfarre ca. 26.000 M und außerdem die Pächte des Pfarrguts Zwuschen, nach dessen Verkauf, wie schon geschrieben, den Vermögensbarzuwachs. Diakonat, Küsterei, Kantorat hatten ebenfalls einen Fonds. Durch die Inflation sind die so sicher in Staatspapieren angelegten Gelder verschwunden, und so waren die kirchlichen Vertretungen gezwungen, die Kirchensteuer einzuführen, welche dann 1925 zum ersten Male erhoben wurde. Trotzdem dieselbe sehr mäßig war, rief sie viel Unwillen hervor; aber Austritte aus der Kirche haben nicht stattgefunden.“

(Jedenfalls nicht gleich... Gerhardt, Heimatbote 16.9.1927).

 

Eine Gastwirtschaft in Seyda wurde 1919 gekauft, die Raten waren durch die Inflation „schnell“ bezahlt... Ähnlich ging es mit manchen Auszahlungen. Ein Rucksack voller Geld war schnell beschafft!

 

Die drückende Not veranlaßte viele, ihr Glück in den weiter anwachsenden Städten zu suchen. Die Einwohnerzahl sank weiter, auch durch den Geburtenausfall im Ersten Weltkrieg. So zählte Schadewalde 1924 96 Einwohner, 1940 waren es 88.

 

Am Anfang des Jahres 1926 wurde Oberpfarrer Dörge pensioniert. Eine Erinnerung an ihn ist zum Beispiel die, dass er immer seine Predigten auf dem Weinbergsweg am Ortsausgang Richtung Mellnitz memorierte, also auswendig lernte! Nach der Verwaltung des Pfarramts im Auftrag des Konsistoriums durch den pensionierten Pfarrer Arnold erfolgte zum 1. September 1926 die Berufung von Pfarrer Dr. phil. Theodor Graf.

1928 wurde die Superintendentur Zahna, die seit 1878 bestand, aufgelöst, „wegen Ersparniskosten der Verwaltung“, Seyda kam zum Kirchenkreis Jessen. Pastor Voigt aus Gadegast rettete die „Heimatgrüße“ als Evangelisches Monatsblatt (bisher „des Kirchenkreises Zahna“) jedoch noch bis 1936.

 

Im Juli 1926 fand das „Gauturnfest des Sachsengaues“ in Seyda statt, und es gab Überschwemmungen:
„,In der Tat befinden sich von den Kolonieländereien etwa 350 Morgen vollständig unter Wasser. Von den Kartoffeln, Rüben, Klee und Seradella ist nichts mehr zu retten. Da der Mutterboden des Koloniegeländes aus Torf besteht, wird für längere Zeit eine Bearbeitung des Ackers nicht möglich. Die Besichtigung konnte nur in Langstiefeln vorgenommen werden. Verwesende Tierkörper und Pflanzenstoffe verbreiten einen unangenehmen Geruch.´ Im Ganzen ist mit einem Ernteausfall von 850 Morgen zu rechnen, was für Seyda einen großen Schaden bedeutet. In vielen Kellern ist das Wasser infolge der Wolkenbrüche und des anhaltenden Regens noch gestiegen.“
(Bärbel Schiepel in HK 8/1996, S. 5;  nach: Heimatkalender 1927 und SSLB vom 22. und 29.6.).

Dadurch kam es auch zu einer großen Mückenplage beim Beerensammeln, der man mit Mottenkraut Herr zu werden suchte.

 

Zum Alltagsleben in Stadt und Kirchengemeinde gehörte der Frauenverein. Im Stadtblatt, dem „Seydaer Stadt- und Landboten“, der seit 1919 erschien, konnte man am 30. Oktober 1926 lesen: „Seyda, 20. Okt. (E.B.) Am gestrigen Mittwoch fand bei Gastwirt Bergholz die Generalversammlung des Frauenvereins statt. Nachdem der Schriftführer, Pastor Voigt, einen kurzen Rückblick von der durch die Kirchengemeinde Seyda, Gadegast, Zemnick, Morxdorf und Mellnitz am 28.10.1906 vorgenommenen Gründung zum Zweck der „Krankenpflege auf dem Lande“ an - bis zum heutigen Tage, also genau 20 Jahre - gegeben hatte, erstatte er des Näheren Bericht über die Mitgliederzahl und den Kassenbestand. Der Verein hat 130 Mitglieder...“ Der Vorstand wird neu gewählt, Pfarrer Dr. Graf wird Schriftführer.

 

Die alte Zeit nimmt immer mehr Abschied:

„Am 14. Dezember 1927 fuhr die alte Pferdepost das letzte Mal. Sie vermittelte den Post- und Personenverkehr seit 1816. Ein Postillon, der Galauniform trug, blies zur letzten Fahrt die Signale und ein Abschiedsliedchen. Vom 15.12. ab übernimmt die Seydaer Firma Lenz & Wolter mit dem modernen Verkehrsmittel, dem Autoomnibus, die Vermittlung der Postsachen und einen dreimaligen Personenverkehr. Damit ist unser abgelegenes Städtchen an das große Bahnnetz Deutschlands angeschlossen. Die Verabschiedung der alten Pferdepost fand unter reger Beteiligung von Seydaer Bürgern, der Stadt- und Postverwaltung von Zahna und vieler Bewohner Zahnas in feierlicher Weise hier auf dem Marktplatz, in Zahna am Rathause und Postgebäude und später im Rathaussaale statt. Die Schule wohnte der Feierlichkeit auf unserem Marktplatze am 14. Dezember 1927 10 Uhr vormittags bei.“ (Schulchronik Seyda, 1927/28).

1928 wurde auch die Zahnaer Straße neu gepflastert, zum Teil ist dieser Belag heute noch zu sehen.

 

Am 15. August 1929 überquerte das Luftschiff „Graf Zeppelin“ auf seiner Weltreise Elster. „Alt und jung stand auf der Straße und bestaunte dieses Wunderwerk der Technik.“ (Aus den Heimatglocken, Gemeindeblatt für Elster; wieder abgedruckt im HK vom 14.10.99, S.  3).

In den Schulen wurden Aufsätze geschrieben: Was wird sich durchsetzen, der Zeppelin oder das Flugzeug? Und viele dachten, der Zeppelin wäre die Zukunft.

 

Einer, der alle diese Jahre begleitet und geprägt hat, war der Kantor und Lehrer Schmalz. 44 Jahre war er im Schuldienst, von 1909 bis 1953, und hat Generationen von Schulkindern geprägt.

So ist vielen noch in Erinnerung, dass in jedem Jahr am Heiligen Abend die Konfirmanden von der Empore sangen:

 

„Dies ist die Nacht, da mir erschienen

des großen Gottes Freundlichkeit;

das Kind, dem alle Engel dienen,

bringt Licht in meine Dunkelheit,

und dieses Welt- und Himmelslicht

weicht hunderttausend Sonnen nicht.

 

Laß Dich erleuchten, meine Seele,

versäume nicht den Gnadenschein;

der Glanz in dieser kleinen Höhle

streckt sich in alle Welt hinein;

er treibet weg der Höllen Macht,

der Sünden und des Kreuzes Nacht.

 

In diesem Lichte kannst Du sehen

das Licht der klaren Seligkeit;

wenn Sonne, Mond und Stern vergehen;

vielleicht noch in gar kurzer Zeit,

wird dieses Licht mit seinem Schein

Dein Himmel und Dein Alles sein.

 

Laß nur indessen helle scheinen

Dein Glaubens- und Dein Liebeslicht;

mit Gott mußt Du es treulich meinen,

sonst hilft Dir diese Sonne nicht;

willst Du genießen diesen Schein,

so darfst Du nicht mehr dunkel sein.

 

Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,

bestrahle mich mit Deiner Gunst;

Dein Licht sei meine Weihnachtswonne

und lehre mich die Weihnachtskunst,

wie ich im Lichte wandeln soll

und sei des Weihnachtsglanzes voll!“

 

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 40; nach der Melodie „O dass ich tausend Zungen hätte“ gesungen, wie auch das Lied von einem Seydaer 240).

Daheim unter dem Weihnachtsbaum war es üblich, das Lied „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ zu singen.

1928 gab es zum 2. Weihnachtsfeiertag einen Theaterabend. Das übliche Weihnachtskonzert mit der Stadtkapelle wurde mit diesem Abend verbunden.

Das Theaterspielen war damals, als es noch keinen Fernseher gab, sehr beliebt. „Puppen-Richters“ lebten über Generationen im Haus in der Triftstraße 11, sie waren professionelle Puppenspieler und führten viele Märchenspiele auf.

 

Im Jahr der großen Weltwirtschaftskrise, 1929, mußte die Seydaer Turmkuppel abgenommen werden: „Ein orkanartiger Sturm hatte jüngst an der Turmhaube - namentlich auf der Südwestseite - eine Reihe von Schiefersteinen herabgeschleudert und auch viele gelockert, die herabzufallen drohten...“.

Deshalb haben wir von diesem Jahr einen Bericht von Pfarrer Dr. Graf, auch mit einer Abschrift der alten Dokumente seit 1708.

Er berichtet über die Finanzprobleme der Kirchengemeinde: Kirchensteuer muß nun erhoben werden... Es gibt auch einen Mangel an Theologiestudenten in der Provinz Sachsen, 400 Pfarrstellen konnten nicht besetzt werden.

Trotz allem aber wird die Turmspitze wieder vergoldet, auch der Turmknopf und die Zeiger, wenn es auch heißt: es „fällt der Gemeinde schwer“. Er kann schreiben: „Hier in Seyda sind bisher keine Kirchenaustritte erfolgt.“ Doch gibt es eine „große Sektenpropaganda“, die „Weißenberger“ und die „Zeugen Jehovas“ sind rege tätig, aber nur eine kleine Familie gehört zu den Weißenbergern.

Joseph Weißenberg (1855-1941) ist die zentrale Figur der „Johannischen Kirche“, deren Anhänger deshalb auch „Weißenberger“ genannt werden. Er war als Heiler tätig (deshalb ist er in unserer Gegend auch als „der Quarkdoktor“ bekannt gewesen), und er traf prophetische Vorhersagen, die allerdings nicht immer eintrafen. 1926 gründete er die „Johannische Kirche“ und behauptete, als personhafte Offenbarung Gottes in einer Reihe neben Mose und Jesus zu stehen. Bei Trebbin gründete er eine „Friedensstadt“, das „himmlische Jerusalem“. Eine Gemeinde der „Johannischen Kirche“ gibt es heute noch in Elster, im Ganzen hat die Gemeinschaft jetzt ca. 6.000 Mitglieder und ist insbesondere karitativ engagiert.

Die „Zeugen Jehovas“ sind noch in Seyda unterwegs, nachdem sie den Weltuntergang bereits für 1874, 1914, 1915, 1916, 1918, 1925... 1975 und nun aber als „unmittelbar bevorstehend“ angekündigt haben; eine schlimme Sekte, die viele auch heute in totale geistige und materielle Abhängigkeit treibt.

Eine dritte „Sekte“, die in Seyda bisher Anhänger fand, ist die „Neuapostolische Kirche“; bis zur Mitte der 90iger Jahre existierte auch ein Versammlungsraum in Seyda.

Solche Gemeinschaften gab es eigentlich zu allen Zeiten, jedoch ist insbesondere seit 1918 die Auseinandersetzung mit ihnen auf das geistige Feld beschränkt, was auch gut ist. Deshalb aber können sie sich anders ausbreiten als zu Zeiten der Staatskirche, wo es oft als eines der größten Verbrechen angesehen wurde, jemandem das Seelenheil durch eine fremde Lehre unmöglich zu machen (die ewige Seligkeit wog ungleich mehr als zum Beispiel jemandem etwas zu stehlen oder ihn zu belügen). Doch hören wir weiter, was Pastor Dr. Graf 1929 über seine eigene Kirchengemeinde zu berichten hat:

 „... der Kirchenbesuch ist im Vergleich zur Vorkriegszeit erheblich zurückgegangen, er umfaßt hier in Seyda an gewöhnlichen Sonntagen durchschnittlich gerechnet ca. 40-50 erwachsene Gemeindeglieder (vorwiegend Frauen), dazu kommen noch ca. 15 Lehrlinge der Landwirtschaftlichen Lehranstalt und einige Konfirmanden. An den Fest- und Feiertagen ist die Kirche gefüllt.“

„Erschreckend ist der allgemeine Geburtenrückgang in unserm Volk, der auf 1/3 der Vorkriegszeit gesunken ist.“ (Das „Heimatbuch“ nennt auf S. 52 für Seyda im Jahre 1930 1284 Einwohner.).

Der Pastor beklagt auch eine große „Vergnügungs- und Verschwendungssucht“ - ein wenig sind die „Goldenen Zwanziger Jahre“ wohl trotz aller Not auch in Seyda angekommen.

Kurz nach diesem ausführlichen Bericht, dessen großer politischer Teil noch erwähnt werden wird, ist der Pfarrer schwer erkrankt: über 1 ½ Jahre muß er in Krankenhäusern zubringen, im Juli 1931 wird er pensioniert.

(„Pfarrer“ - bezeichnet die Zuständigkeit für einen eingegrenzten Bereich, hier Seyda, Lüttchenseyda, Schadewalde, Morxdorf, Mellnitz; „Pastor“ heißt auf lateinisch „der Hirte“ und sieht auf die Gemeindeglieder, die ein Pastor betreut. Die Begriffe werden meistens beide gleichwertig verwendet (zwischenzeitlich jedoch wurde damit auch einmal die Ausbildung unterschieden), in Seyda sagte man gewöhnlich wohl „Pastor“, wenngleich es immer die „Oberpfarre“ war; beim „Pfarrer“ klingt die Verantwortung auch für die, die nicht Gemeindeglieder sind, ein wenig mit. Dienstbezeichnung ist heute: „Pfarrer“.)

 

Seyda erlebte seine erste „Vakanzzeit“, also eine Zeit ohne einen festen Pfarrer. Von Juli 1931 bis zum Juli 1932 waren in Seyda tätig: Herr Pfarrer in Ruhe Dr. Rausch aus Prettin, Herr P. Küsel (Pfarrer in Mügeln und Verwalter der Arbeiterkolonie Seyda; die Pfarrvikare Schmidt und Mücksch (in der Ausbildung). Außerdem wirkten als Vertreter Pastor Voigt aus Gadegast und „Herr P. Springborn, ein 83jähriger, aber noch sehr energischer, fleißiger Herr im Ruhestande aus Jüterbog, der mit voller Hingebung und starkem Willen beseelt war, die unsittlichen Zustände dieser Gemeinde, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelten, zu bessern.“ (Seydaer Schulchronik 1932).

Trotz dieser Schwierigkeiten konnte 1931 Strom in die  Kirche gelegt werden, insbesondere für das elektrische Gebläse der Orgel. Der Blasebalg blieb aber auch noch weiter mechanisch funktionsfähig: heute noch kann man sehen, wo die Füße hineingestellt werden mußten; mancher Konfirmand hat dort schwitzend Luft für die Orgelpfeifen produziert und wurde durch die „Klingel“ erinnert, stärker zu treten.

1931 konnten endlich auch die Prospektpfeifen der Orgel erneuert werden, die - wie im ganzen Land - mit den Glocken als Metallspende im Weltkrieg 1917 abgegeben werden mußten. Zinnpfeifen, wie sie im Original gewesen waren, konnte man sich (bis heute) nicht leisten, sie sind aus Zinkblech gefertigt.

 

Bevor nun von ganz dunklen Zeiten der deutschen und damit der Seydaer Geschichte berichtet werden muß, soll noch etwas Heiteres aus diesen Jahren erzählt werden. Waren es doch für viele einfach auch Kinder- und Jugendjahre, von denen sie glückliche Stunden in Erinnerung haben.

Die „Heimatgrüße“ berichten vom 28. Juni 1931: „Unser Frauenverein, der im Herbst sein 25jähriges Stiftungsfest feiern wird, hatte heute eine seiner beliebten Sommertagungen im Schützenhause, zu der uns auch der Gründer des Vereins, Herr Pfarrer Heinecke aus Berlin, besuchte, der einige Tage seines Urlaubes in Seyda bei seiner Schwester verbringt. Herr Pastor Heinecke erzählte in längeren Ausführungen aus seinen Erfahrungen aus dem Leben eines Großstadtpfarrers. Er hängt noch mit großer Liebe an seiner alten Gemeinde Seyda, wie er denn überhaupt viel Sinn für Heimat und Heimatkunde besitzt und gezeigt hat, durch die Gründung des Heimatmuseums in Seyda, das sich zur Zeit in einem Klassenraum der Seydaer Stadtschule befindet. Sein humorvolles Gedicht auf Seyda, das er zum besten gab, und das vom Frauenverein, der gern Heimatlieder singt, sogleich mitgesungen wurde, soll auf mehrfachen Wunsch hier ein Plätzchen finden.

 

Ferientage in Seyda

Melodie: Im schönsten Wiesengrunde

 

Zwei Stunden ab von Zahna

Ist meiner Heimat Haus.

Bis Zahna fährt die Bahne,

Dort steigt man aus.

 

Dich mein stilles Tal,

Grüß ich tausendmal.

Bis Zahna fährt die Bahne,

Dort steigt man aus.

 

Dann wandert man zu Fuße

Zwei Stunden durch den Wald,

Jetzt fährt im Autobusse

Man heim gar bald.

 

Quer durch die Gad´sche Heide

Bringt mich der Postillion,

Da kann das liebe Seyde

Ich sehen schon.

 

Nun geht’s von Bergesrücken

Durch Gadegast im Nu

Vorbei an Wiesenstücken

Auf Seyda zu.

 

Vom Kirchturm winkt die Fahne,

Dort grüßt die Molkerei.

Wie schade, daß die Bahne

Nicht fährt vorbei!

 

Das Auto fährt gar schnelle;

jetzt biegt´s ins Städtchen ein

Bald werde ich zur Stelle

Bei Muttern sein!

 

Schon seh ich meine Lieben

Dort auf dem Marktplatz stehn.

Zu Haus ist keiner blieben.

Die Tücher wehn!

 

Und schöne Blumen schaue

Ich in der Mutter Hand,

S´ sind rote, gelbe, blaue,

Die sie mir band.

 

„Willkommen hier in Seyde!“

So rufen froh sie aus.

Ich fühl aufs neu die Freude:
Ich bin zu Haus!

 

Zur Ferienzeit drum eil ich

Stets nach der Heimat hin,

Nach Seyde eil ich, weil ich

Da heimisch bin.“

 

(HG 7/1931).

 

„Pfarrer Heinecke war der Onkel der Frau Dr. Nekwasil (später eine bekannte Zahnärztin in Seyda, die noch Erwähnung finden wird). Er gründete am 15. September 1912 den „Heimatverein Seyda und Umgegend“ und im Oktober d. J. das Heimatmuseum. Im Januar 1914 siedelte er nach Berlin um und übernahm dort an der Immanuel-Kirche das Pfarramt.

Der Frauenverein hatte sich damals die Aufgabe gestellt, eine Art Nachbarschaftshilfe für Notbedürftige zu leisten. Kranke wurden z. B. zu Hause gepflegt und betreut. Er tat das wohl gut und ausreichend, so daß beispielsweise die Stadtverordneten die „Bildung eines Wohlfahrtsausschusses“ für die Stadt ablehnten, „da der hiesige Frauenverein voll und ganz seine Pflicht tut“. (Seydaer Stadt- und Landbote 10.1.1920) Der Verein hatte eine große Anzahl von Mitgliedern, organisierte viele Veranstaltungen und bereicherte so das kulturelle Leben der Stadt. (Bärbel Schiepel in: HK 6/1995, S. 4).

 

Die politische Lage stellte sich dem Seydaer Pfarrer 1929 sehr düster da. In seinen Ausführungen wird eine Meinung deutlich, die damals allgemein verbreitet war. Die Schuld für die wirtschaftliche und politische Misere Deutschlands wird nicht bei deren Urhebern, sondern bei der seit 1919 bestehenden Demokratie und ihren Vertretern gesehen. Mit Macht versucht man sich gegen das Neue zu stemmen. Aus der Turmkugel, 1929:

„Seit den letzten Aufzeichnungen von 1908 haben sich welterschütternde Ereignisse zugetragen, namentlich entfacht von dem vierjährigen Weltkrieg, der vom 1. Juli (August! T.M.) bis 9. November 1918 wütete. Es war das grösste und blutigste Völkerringen, das je die Erde sah! Deutschland mit seinen drei Verbündeten (Oesterreich, Bulgarien und Türkei) führte gegen 22 Nationen einen Verteidigungskrieg auf Leben und Tod. Unvergleichliche Heldentaten haben unsere deutschen Heere zu Land und zu Wasser vollbracht und standen bis zuletzt durch Waffen unbesiegt einer zwölffachen Uebermacht gegenüber in der Feinde Länder! Annähernd zwei Millionen deutscher Soldaten haben ihr Leben gelassen zum Schutze des bedrohten Vaterlandes; Aus unserer Kirchengemeinde Seyda starben 123 Krieger den Heldentod! Auch die heimatliche Bevölkerung, die alles Edelmetall wie Gold, Silber, Kupfer usw. auf den Altar des Vaterlandes legte, brachte und erduldete die grössten und schwersten Opfer der Entsagung und Entbehrung! Da Deutschland durch die feindlichen Land- und Seemächte von jeglicher Zufuhr von Lebens- und Existenzmitteln abgeschnitten war, stieg die Not unseres Volkes immer mehr. Alle Lebensmittel wurden proportioniert, d.h. jede Person erhielt - unter strenger staatlicher Kontrolle - nur auf sogenannte Lebensmittelkarten ein bestimmtes, kaum ausreichendes Quantum an Brot, Fleisch, Milch, Butter, Kartoffeln, Mehl usw.; auch die Bekleidungsstücke wurden rationalisiert! ...

Die Flamme der Revolution, von staatsfeindlichen Elementen im Geheimen vorbereitet und geschürt, brach plötzlich hervor... Erdrückend waren und sind die Kriegsentschädigungen und Tribute, die die Siegerstaaten, wie sich unsre Feinde jetzt nannten, in unversöhnlichem Haß im Frieden von Versailles unserm Volk aufbürdeten, dass sie in lügenhafter Weise für die Schuld am Ausbruch des Krieges verantwortlich machen... Alljährlich muß Deutschland über 2 Milliarden Goldmark an die Ententeländer abführen... Deutschland, das einst so reich und blühend war, sinkt auf die Stufe völliger Verarmung und Versklavung herab. Am schlimmsten war die Zeit der sogenannten Inflation, der Geldentwertung, die bald nach dem Zusammenbruch einsetzte und im Jahre 1923 ihren Höhepunkt erreicht hatte...

Man rechnete nur noch nach Milliarden und Billionen. Immer neue, immer höher lautende Geldscheine wurden gedruckt... Infolgedessen verarmten die früher Vermögenden fast völlig... Auch unsere hiesige Kirchengemeinde Seyda, die einst über ein grosses Vermögen verfügte, wurde schwer betroffen. Das Gut Mark Zwuschen, das ca. 1.200 Morgen umfasste und als Pfründe zur Oberpfarre gehörte, war im Jahre 1913 (1908! T.M.), also kurz vor dem Krieg, verkauft, und der Erlös von über 100.000 Reichsmark in mündelsicheren Staatspapieren angelegt worden - ist nun dahin! Zwar besitzt die Gemeinde Seyda noch einige Kirchen- und Pfarrländereien, aber die Einnahmen reichen zur Bestreitung der kirchlichen Bedürfnisse und zum Pfarrgehalt bei weitem nicht aus, so dass jetzt Kirchensteuern erhoben werden müssen, z. Zt. betragen dieselben 6% der Staatseinkommenssteuer, sowie 12 bis 20% der Realgrundsteuern und bedeuten eine weitere Belastung für die durch Abgaben aller Art schon bedrückten Gemeindeglieder... Was die evangelische Kirche anbetrifft, so steigert sich ihre Notlage immer mehr... Schon heute herrscht ein außerordentlicher Mangel an jungen Pfarrern. Die Anzahl der Theologiestudierenden ist auf ¼ der Vorkriegszeit zurückgegangen. Viele Pfarrstellen (in der Provinz Sachsen allein über 400) können nicht mehr besetzt werden... Auch die hiesige 2. Pfarrstelle, das sogenannte Diakonat, ist seit 1921 vakant und wird von dem Inhaber der ersten (Ober)pfarrstelle mitverwaltet... Auch sonst trägt die evangelische Kirche das Kleid der Armut und Not. Während des Krieges wurden auf staatliche Anordnung fast überall die Kirchenglocken und Orgelpfeifen beschlagnahmt und abgenommen, um daraus Kriegsmaterial herzustellen, eine Art Sacrilegium, das sich bitter rächte, denn von jener Zeit an wich der Segen Gottes von unserm Volk. Auch unsere Gemeinde Seyda musste von ihren zwei Kirchenglocken eine abliefern, sowie die Orgelpfeifen; bis heute ist es aber der Gemeinde nicht möglich gewesen, dieselben zu erneuern; doch hoffen wir, dass es uns mit Gottes Hilfe durch jährliche Rücklagen und freiwillige Gabensammlungen bald gelingen wird, wieder eine zweite Kirchenglocke anzuschaffen und die Orgel wiederherzustellen. Auch das Innere der Kirche bedarf dringend einer gründlichen Renovation, doch fehlen uns dazu die erforderlichen Mittel...

Was nun das religiöse und kirchliche Leben anbetrifft, so hat dasselbe durch den Krieg mit seinem unglücklichen Ausgang die schwersten Erschütterungen erlitten. Ein fühlbarer Zug der Gottentfremdung und des Unglaubens sowie eine antireligiöse und antikirchliche Bewegung geht durch unser deutsches Volk... Die Jugend soll ohne Religion erzogen werden, die christliche Glaubens- und Sittenlehre soll durch sogenannte Morallehre ersetzt werden.

Hier in Seyda sind bisher keine Kirchenaustritte erfolgt. Selbst die Arbeiter, die sozialistisch und kommunistisch eingestellt sind, halten an der kirchlichen Sitte der Taufe und Konfirmation sowie der kirchlichen Trauung und Bestattung durch den Pfarrer fest; aber den kirchlichen Gottesdiensten, Abendmahlsfeiern und sonstigen kirchlichen Veranstaltungen bleiben sie möglichst fern. Auch haben hier in Seyda die mannigfachen Sekten, die sich überall regen, und unter denen besonders die V.E.B. (Ernste Bibelforscher) (nennen sich erst seit 1931 „Jehovas Zeugen“) und die Weissenberger große Propaganda machen, bis jetzt keinen Fuß fassen können, nur eine kleine Familie bekennt sich zu der letztgenannten Sekte.

Sehr beklagenswert und folgenschwer ist die immer fortschreitende Entsittlichung unsres Volkes, namentlich des größten Teiles unserer deutschen Jugend. Der Sonntag wird immer mehr entheiligt und immer weniger geachtet; der Kirchenbesuch ist im Vergleich zur Vorkriegszeit erheblich zurückgegangen; er umfaßt hier in Seyda an gewöhnlichen Sonntagen durchschnittlich gerechnet ca. 40-50 erwachsene Gemeindeglieder (vorwiegend Frauen), dazu kommen noch ca. 15 Lehrlinge der Landwirtschaftlichen Lehranstalt und einige Konfirmanden. An den Fest- und Feiertagen ist die Kirche gefüllt. Die Zahl der Abendmahlsgäste in Seyda betrug im vergangenen Jahr 1928 insgesamt 525. In den Filialdörfern Mellnitz und Morxdorf ist der Kirchenbesuch reger. Erschreckend ist der allgemeine Geburtenrückgang in unserm Volk, der auf 1/3 der Vorkriegszeit gesunken ist. Gegenwärtig halten sich die Geburts- und Todesfälle fast das Gleichgewicht...  Die Zahl der unehelichen Geburten wächst. Auch werden die Eheschliessungen reiner Brautleute immer seltener. Die Zahl der Geburten in der Stadt Seyda betrug im letzten Jahr 23, die der Todesfälle 22. Auch ist die Zahl der städtischen Einwohner in den letzten Jahren gegenwärtig auf 1.445 Seelen gesunken. Obgleich Seyda durch die täglich mehrmalige Post- und Personenautoverbindung mit Zahna aus seiner Entlegenheit den Verkehrszentren näher gerückt ist, dürfte wohl in absehbarer Zeit kaum mit einem Wachstum und Aufschwung der Stadt zu rechnen sein.

Was noch besonders am Mark unsres Volkes zehrt, ist eine Vergnügungs- und Verschwendungssucht in solchem Ausmaß, wie man es nie im Vergleich zu der früheren schlichten und sparsamen Lebensweise des deutschen Volkes für möglich gehalten hätte. Trotz aller Notlage und der herrschenden Teuerung fröhnt der überwiegende Teil unsres Volkes einer Genußsucht, wie man sie früher noch nicht kannte. Daß diese Zustände der wachsenden Gottentfremdung, des Abfalls vom Glauben und die Entsittlichung unser Volk immer mehr dem Verderben entgegentreiben müssen, muß jeden ernsten und wahren Vaterlandsfreund mit schwerer Besorgnis erfüllen. Wir können nur Gott bitten, daß er sich unsres armen, verblendeten Volkes erbarme und es mit seines heiligen Geistes Kraft zur religiösen Wiedergeburt und zur sittlichen Erneuerung erwecke.

Wir wollen auch angesichts aller schwerer Bedrängnisse und Zustände unserer Evangelischen Kirche nicht verzweifeln, sondern mit dem Psalm 46 bekennen und rühmen: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ Auch wollen wir festhalten an der Verheißung des Herrn unserer Kirche Jesu Christi, daß die Pforten der Hölle seine Gemeinde nicht überwältigen sollen, wenn dieselbe nur festgegründet bleibt in dem Glauben an ihn, den hochgelobten Sohn Gottes (Mt 16,18).

Ganz besonders sei unsere evangelische Kirchengemeinde und Stadt Seyda der Gnade, dem Schutz und Segen Gottes befohlen. Geschrieben und unterzeichnet

Seyda, den 24. Mai 1929

Pfarrer Dr. phil. Theodor Graf (seit dem 1. September 1926 in die hiesige Pfarrstelle berufen).“

 

Unter diesen Voraussetzungen kann man sich vorstellen, wie 1933 ein „Führer“ bejubelt wurde, der eine umfassende Erneuerung versprach...

 

Die „Heimatgrüße“ spiegeln das Empfinden der Zeit wider. So können wir 1933 aus der Feder von Pastor Voigt lesen:

„Vor 12 Jahren, in der April-Nummer der Heimatgrüße von 1922, hatten wir ein Gedicht von Pastor Bahr, ein Stoßgebet aus dem Herzen des Volkes, an die Spitze gestellt, das um seiner unglaublich buchstäblichen Erfüllung und Erhörung willen hier noch einmal abgedruckt sein mag. Es ist überschrieben:


Ein Mann!

 

Ein Mann tut uns not mit stahlharter Stirn,

Ein Mann, mit flammender, zündender Rede,

Ein Mann, der Welten trägt im Gehirn,

Ein Mann, der siegreich besteht jede Fehde;

 

Ein Mann, der die Liebe zum Vaterland,

Die Ehre aufpeitscht mit gewaltigen Hieben,

Ein Mann, der ins Herz wirft den Feuerbrand,

Daß Feigheit und Selbstsucht in Funken zerstieben;

 

Ein Mann wie Luther, ein Riesenheld,

Ein   F ü h r e r   in Nacht und Sturm und Wetter,

Ein Mann, den segnet die deutsche Welt,

Du, Herrgott im Himmel, o send uns den Retter!“

 

Kein Mensch wußte damals: „wie mag das zugehen?“ oder: „wer mag das sein?“ - Der Mann, der Führer selbst kannte seine Bestimmung noch nicht. Aber Gott hatte Sein Werkzeug, den Retter Deutschlands, schon bereit: Adolf Hitler; und 12 Jahre später, als die Not aufs höchste gestiegen war, da hat Er ihn uns gegeben. Wer nun noch zweifelt, daß Gott Gebete erhört, wer nun noch bestreitet, daß Gott auch heute noch Wunder tut, dem ist nicht zu helfen, der will eben nicht sehen...“

 

Es gehört zu den dunkelsten Kapiteln unseres Volkes und auch unserer Kirche, dass viele diesem Ver-Führer gefolgt sind, der so vielfaches Leid nicht nur über unser Land, sondern über die Völker Europas gebracht hat. In einer Geschichte der Kirche von Seyda soll das nicht verschwiegen werden. Die Katastrophe, die darauf folgte, war noch größer als die erste, und ihre Folgen zeigen sich noch heute, über ein halbes Jahrhundert später.

 

So, wie es sich der Pastor Voigt wünschte, dass auch die Kirche durch diesen Führer neu geordnet würde, trat es nicht ein. Denn es gab mutige Leute in der Kirche, die das verhindert haben. Sie gründeten die „Bekennende Kirche“ und installierten neben der verordneten Kirchenleitung eine „provisorische“, die sich nicht wie alle anderen Organisationen „gleichschalten“ ließ. Auch der Pastor Mücksch, der 1932 ins Amt in Seyda kam, aber schon bald wieder wegging, gehörte zu dieser „Bekennenden Kirche“. Pastor Hagendorf, seit 1936 in Seyda, soll erst auch ein Anhänger der neuen „Bewegung“ gewesen sein, wurde dann aber doch noch wegen kritischer Äußerungen inhaftiert. Davon wird noch die Rede sein.

 

Im Jahr 1933 jedenfalls war es schwierig und für viele wohl fast unmöglich, die Absichten des Adolf Hitler zu durchschauen. Er traf mit seinen Reden genau diesen Ton: Deutschland sollte wieder aus seiner „Schmach“ geführt werden, mit dem „Parteiengezänk“ sollte Schluß sein, „Brot und Arbeit“ sollte es geben, „Deutschland“ sollte wieder etwas gelten. Von Anfang an aber setzte er seine Ziele mit unmenschlichen Mitteln und brutaler Gewalt durch.

 

Die Hoffnung, dass der „Nationalsozialismus“ eine Verbesserung der Lage des Landes und auch ganz persönlich bringen würde, ergriff viele. Das kam auch in Seyda bei verschiedenen Feierlichkeiten zum Ausdruck. Im August 1933 konnte endlich die zweite Glocke wieder ersetzt werden, die im Weltkrieg abgegeben worden war. Das schien wie ein Zeichen einer neuen, besseren Zeit zu sein. Auf der Glocke war zu lesen:

 

„1917 O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort 1933

Wach auf, Wach auf, du deutsches Land

du hast genug geschlafen

Bedenk, was Gott an dich gewandt,

wozu er dich geschaffen

Bedenk, was Gott dir hat gesandt

und dir vertraut sein höchstes Pfand,

drum magst du wohl aufwachen!“

 

Die Glocke wurde auf einem mit Blumen geschmückten Wagen durch die Stadt gefahren und dann - alle Schulkinder mußten anfassen - an einem Strick den Turm hinaufgezogen. Die „Heimatgrüße“ berichteten:

„Seyda, 22. August. Das diesjährige Kinderfest erhielt in diesem Jahre dadurch eine ganz besondere Note, daß es seinen Anfang mit der Einholung unserer neuen zweiten Glocke nahm. Der Rollwagen mit der festlich geschmückten Glocke nahm in der Triftstraße Aufstellung. Dort versammelten sich die kirchlichen Körperschaften und die SA. Die Glocke selbst wurde geleitet von jungen Mädchen des Jugendbundes. Auf dem Marktplatz erwartete eine große Menge den Wagen mit der Glocke, der dann am Denkmal (Kaiser Wilhelms am Eingang der Bergstraße zum Markt) hielt. Die Kapelle intonierte zu Beginn das Lied „Lobe den Herrn“. Die Menge sang gemeinsam die ersten 3 Strophen dieses Liedes. Schulkinder, Knaben und Mädchen in bunter Reihe, trugen Stellen aus Schillers unsterblichem „Lied von der Glocke“ vor. Pfarrer Mücksch ergriff dann das Wort, indem er etwa folgendes ausführte: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute!“ Das sind die gewaltigen Grundtöne, die sich heute zu einem vollen Zusammenklang vereinen und immer weiter klingen sollen: Freude und Friede. Unter dem Zeichen der Freude steht heute unsere Stadt...

Der eherne Mund der Glocke will unser Volk aufrütteln mit dem Mahnen zum Worte Gottes. Die Glocke will unser Leben begleiten. Wenn wir unsere Kinder zur Taufe tragen, wenn zwei Menschen ihre Hände zu gemeinsamem Lebensweg ineinander legen, sie wird ihre Sprache vom Gotteswort und von seinem ewigen Ernst sprechen. Sie will unsere Gemeinde am Sonntag zur heiligen Feierstunde rufen. Und sie wird auch einmal über dem offenen Grabe ihre Stimme erheben, das auf Deinen letzten Gang wartet. Wenn die Glocke läutet, so wollen wir bedenken, was uns anvertraut ist. Ein Unterpfand zur Freude und zum Frieden. Darum: „Wach auf, wach auf du deutsches Land, du hast genug geschlafen!“

Anschließend an die Rede von Pfarrer Mücksch formierte sich der Zug der Kinder zum Schulfest im Schützenhause. Dort auf dem Platze, bei herrlichstem Sonnenschein, hielt Hauptlehrer Brantin eine Ansprache an die Jugend, die von hohem vaterländischen und deutschen Geist erfüllt war. Er forderte die Kinder auf, an dem großen Ziel unseres unvergleichlichen Führers Adolf Hitler mitzuarbeiten, um Deutschland wieder zur Einheit und Größe zu führen. Auch an die Alten, denen vielleicht noch die vergangenen 14 Jahre zu sehr in den Gliedern steckten, richtete er die Mahnung und Aufforderung, nach besten Kräften am Aufbau unseres lieben deutschen Vaterlandes mitzuhelfen. Seine Rede klang aus in dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes und des Horst Wesselliedes...“ (HG 9/1933).

Eine feierliche Glockenweihe fand im September statt. Generalsuperintendent Lohmann, der als „Bischof“ fungierte, hielt die Festpredigt: an einem Tag zunächst bei der Glockenweihe in Gadegast, dann in Seyda.

Der Glockenschlag strukturierte weiter das Leben: den Schulbeginn, die Mittagszeit, das Abendläuten, der Wochenschluß, die fröhlichen und traurigen Anlässe des Lebens. Aber auch das Tönen der Sirene an der Schneidemühle (Glücksburger Straße 1) gehört nun zum Alltag in Seyda.

 

Hitler festigte seine Macht. Im August 1934 starb der alte Reichspräsident Hindenburg, wohl einer von denen, die noch die Macht gehabt hätten, den Nationalsozialismus zu stoppen. Noch am gleichen Tage leisteten Offiziere und Mannschaften der deutschen Wehrmacht ihren Treueeid auf Hitler. „Die Armee wurde aufgerufen, nicht auf die Verfassung oder das Vaterland, sondern auf Hitler persönlich zu schwören: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“... Die nationalsozialistische Revolution war vollendet: Hitler war Diktator von Deutschland geworden.“ (Alan Bullock: Hitler, S. 291).

 

Im Rausch des Aufbruchs wurden wohl die „Nebenerscheinungen“ verdrängt: Das Verschwinden „unliebsamer“ Personen, das Verbot von Büchern, die wachsende Diskriminierung der Juden, die Planung des Krieges.

 

In der Evangelischen Kirche gab es einen regelrechten „Kirchenkampf“ zwischen Anhängern der „Deutschen Christen“, die Hitler folgten (und zum Beispiel das „jüdische“ Alte Testament zurücksetzten) und der „Bekennenden Kirche“, die sich gegen eine Vereinnahmung und „Gleichschaltung“ der Kirche durch Hitler zur Wehr setzte.  Ein Dokument davon steht heute noch in unserem Evangelischen Gesangbuch, die „Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen“ vom 29. bis 31. Mai 1934. Darin heißt es zum Beispiel: „4. ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen. 5. ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 810).

In Berlin-Dahlem war Martin Niemöller Pastor. In seiner Gemeinde wurde in dieser bedrängten Zeit begonnen, das alte Glaubensbekenntnis („Ich glaube an Gott, den Vater...“) laut durch die Gemeinde mitzusprechen. Bis dahin hatte es der Pfarrer in jedem Gottesdienst allein gesagt. Das ist heute allgemein, auch in Seyda üblich. (Vgl: Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer.).

In dieser Zeit wurden auch die „Bibelwochen“ eingeführt, auch sie gehören heute zur Tradition, im ganzen Land und in Seyda und den umliegenden Ortschaften. Man fragte in der Kirche neu nach dem, was uns trägt und hält.

 

Etwa die Hälfte der evangelischen Pfarrerschaft in Deutschland blieb indifferent gegenüber „DC“ und „BK“, in der Bekennenden Kirche waren etwa 2.000 Pfarrer, Mitglieder bei den Deutschen Christen etwa 5.000. (Für die Kirchenprovinz Sachsen: „Bereits Ende 1937 hatte eine Erhebung ergeben, daß von 990 amtierenden Pfarrern 319 zur Bekennenden Kirche rechneten, 524 als neutral und gruppenungebunden anzusehen waren und 147 zu den Deutschen Christen gehörten. Von den etwa 2.000 Kirchgemeinden der Kirchenprovinz hatten sich insgesamt 46 Gemeinden offiziell der Bekennenden Kirche angeschlossen. Von den zwei Millionen Kirchengliedern hatten 16.217 die Mitgliederverpflichtung unterschrieben.“ (Meier: Der evangelische Kirchenkampf III, S. 319). In den „Heimatgrüßen“ beispielsweise, dem Evangelischen Monatsblatt unserer Orte, wurde offen Werbung für die „Deutschen Christen“ gemacht. Man sah hier die Möglichkeit, die gesamte „Volksgemeinschaft“ wieder zurück zur Kirche zu führen. „Echte deutsche Menschen feiern hier Gottesdienst unter dem Bilde des Heilandes und durch ihn in ihrem Wesen geläutert... Kirche und deutsches Volk müssen eine Einheit bilden. Deutsche Menschen werden im Gottesdienst in ihrem Wesen geadelt. Das deutsche Volk braucht die Kirche und den christlichen Gottesdienst, weil überall die Macht der Unterwelt des Satans in Lüge und Gier auf die Seele des Menschen ihre Machtansprüche geltend macht und darum die erlösende Kraft des Heilandes so nötig ist. Das deutsche Volk braucht den Gottesdienst, sonst geht es in Sünde und Elend zugrunde.“ (Pastor Ostermann in den HG 1/1936, S. 360.).

Walter Mücksch, Pfarrer in Seyda, war im „erweiterten Bruderrat“ der Bekennenden Kirche, zusammen mit Pfarrer Martin Jentzsch (der in Seyda als Sohn des zweiten Geistlichen geboren wurde und das Lied Nr. 418 in unserem Gesangbuch gedichtet hat). (Meier: Der evangelische Kirchenkampf III, Anm. 873, S. 658).

Im Jahr 1935 fand der Eintritt des Frauenvereins in die „Evangelische Frauenhilfe“ statt. Das war eine Schutzfunktion, um nicht von den Nationalsozialisten und ihren Organisationen vereinnahmt zu werden.

Alle Pfarrer hatten 1938 einen „Treueeid auf Hitler“ abzugeben! Auf Initiative nicht des NS-Staates, sondern der „DC“, wurde allgemein angenommen, weil man damit den Vorwurf der Staatsfeindschaft und der politischen Unzuverlässigkeit abwehren wollte. Zum Kaiser als der „Obrigkeit“ zu stehen war ja auch selbstverständlich gewesen. Die „Wertung des Pfarrerstandes in der Öffentlichkeit litte darunter, daß die Pfarrer als einzige als Träger eines öffentlichen Amtes in unsrem Volke nicht auf den Führer vereidigt seien“ sagte ein Kirchenvertreter. (Meier: Der evangelische Kirchenkampf III, S. 44f).

 

Dennoch merkte Hitler bald, dass es ihm nicht gelang, die Kirchen ganz in seinen Staat einzugliedern. Er zeigte deutlich, dass er den christlichen Glauben scharf ablehnte. „In Hitlers Augen war das Christentum eine Sklavenreligion; insbesondere verachtete er seine Ethik. Er erklärte, die Lehre des Christentums sei eine Auflehnung gegen das Naturgesetz, das die Auswahl durch Kampf und Überleben der Besten vorsehe.“ (Alan Bullock: Hitler, S. 371). Das hatte zur Folge, dass sich Nationalsozialisten auch in Seyda von der Kirche distanzieren mußten. Es gab die ersten Trauungen, die nur auf dem Standesamt durchgeführt wurden, sowie auch erste Kirchenaustritte.

Der Religionsunterricht wurde mit nationalsozialistischen Inhalten gefüllt (weshalb manche Gemeinden die „Christenlehre“ im Kirchenraum einführten, die es später auch in Seyda gab). 1932 fand das letzte Krippenspiel in der Schule statt, unter Leiter von Kantor und Lehrer Schmalz. Die Maria war Martha Hähner, später viele Jahrzehnte Kirchenälteste in Seyda.

 

Im Krieg wird Hitler noch deutlicher: „Das Übel, das uns am Lebensmark frißt“, bemerkte er im Februar 1942, „sind die Geistlichen beider Konfessionen. Im Augenblick kann ich ihnen nicht die Antwort geben, die sie verdient haben... Aber es ist alles notiert. Die Zeit wird kommen, in der ich mit ihnen abrechnen werde. Sie werden bestimmt noch von mir hören, und dann lasse ich mich nicht von Paragraphen aufhalten.“ (Hitler´s Table Talk 1941-1944. Übers. von Norman Cameron und R.H.Stevens, London 1953, S. 304 In: Allan Bullock: Hitler, S. 371).

 

In Seyda also war die Begeisterung wie fast überall im Land zunächst allgemein; an manchem Hausneubau wurde im Giebel ein Hakenkreuz angebracht. Die Hakenkreuzfahnen kamen bis in die Kirche.

 

Im September 1933 wird der Beschluß gefaßt, Maurer- und Zimmererarbeiten am Kirchturm vorzunehmen. Das Uhrziffernblatt wird neu angestrichen: Es ist damals noch schwarz auf weißem Grund, so dass man es auch vom Feld aus größerer Entfernung sehen kann.

1934 finden im Pfarrhaus Renovierungsarbeiten statt, der im Mai ordinierte Pastor Heinrich Ostermann kommt nach Seyda. Unter seiner Leitung beginnt 1935 endlich die lang ersehnte Kirchenrenovierung! Das Kirchenblatt berichtet: „Am 26. August ist mit den Erneuerungsarbeiten in unserer Kirche begonnen worden. Zuerst mußte die Orgel auseinandergenommen und die einzelnen Teile sicher verpackt werden, um sie so vor Staub und Schmutz zu bewahren. Wie nötig diese Arbeit war, sah man wenige Tage später, als die Handwerker mächtige Gerüste im Kircheninnern aufgerichtet hatten und nun die ganze morsche Decke abrissen. Da war die Kirche bald von dichten Staubwolken erfüllt, und sie glich einem Trümmerfeld. Nach diesem Zerstörungswerk setzte sogleich eine lebhafte Aufbautätigkeit ein. Oben auf den Gerüsten ist jetzt ein Pochen und Hämmern den ganzen Tag. Eine neue Decke wird hergestellt, der Fußboden wird erneuert, eine Heizungsanlage und elektrische Beleuchtung kommen in die Kirche. Wände und Gestühl erhalten neuen Anstrich und der schöne Barockaltar wird sachverständig aufgefrischt.

Die Gottesdienste finden während der Kirchenerneuerung im Heim der Hitlerjugend in der Schule statt. Dort stehen - nebenbei bemerkt - keine Schulbänke, wie mancher irrtümlich geglaubt hat, sondern große und breite Bänke für Erwachsene: dieselben, die bisher im Gemeinderaum im Pfarrhause gestanden haben.

Doch wir wollen uns darauf besinnen, daß bei unsern Gottesdiensten nicht der Raum die Hauptsache ist, sondern vielmehr die gemeinsame Anbetung Gottes durch treue Gemeindemitglieder, die sich regelmäßig durch das Wort Gottes Kraft für die Seele holen wollen. Gott schenke uns Seydaern solche gesegneten Gottesdienste.“ (HG 9/1936).

 

Im Dezember bereits waren die Arbeiten beendet:
„Die Kirchengemeinde Seyda hat dieses Jahr ein ganz besonders schönes und großes Weihnachtsgeschenk bekommen, die erneuerte Kirche. Am 4. Adventssonntag erlebten wir die feierliche Wiedereinführung des schönen, schmucken Gotteshauses. Den Weiheakt vollzog Herr Pfarrer Ohlert-Schweinitz, der als Superintendenturvertreter die Glückwünsche der Kirchenbehörde überbrachte. Auch Herr Pfarrer Voigt-Gadegast richtete herzliche Grußworte an die zahlreich versammelten Gemeindeglieder. An die Einweihung schloß sich der erste Gottesdienst an, in dem der Ortspfarrer Ostermann über das Schriftwort des 4. Advent aus dem Philipperbrief sprach: „Freuet euch in dem Herrn allewege...“ Ein Grund größter Freude ist es für die Gemeinde Seyda, daß sie nun wieder im erneuerten und geheizten Gotteshause zusammenkommen kann, um hier gemeinsam Gott anzubeten und Gottes Wort zu hören. Der Ortspfarrer wies besonders auf die Sprüche und Symbole (Sinnbilder) an den Emporen hin, die alle die Grundtatsachen unseres evangelischen Glaubens aussprechen und darstellen. Bibel, Kelch, Kreuz, Luther- und Melanchthonwappen, an der Orgelempore 2 Posaunen mit dem Wort: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Die angebrachten Bibelsprüche sollen ein Christenherz stärken, aufrichten, erheben und - vor Gott demütigen. Wenn die Gemeinde in einer wahren christlichen Glaubensgemeinschaft ihre Gottesdienste hier feiert, kann sie Gottes Segen erhoffen.

Am Nachmittage des Einweihungstages feierten wir das Heilige Abendmahl, zu dem sich wieder eine große Gemeinde versammelt hatte. Und dann kam Weihnachten, das diesmal so besonders innig und froh gefeiert wurde, da wir unsere schöne, helle, warme Kirche haben.

Im Pfarrbezirk Seyda waren im Jahre 1935: 45 Taufen; 20 Trauungen; 26 Bestattungen.“ (HG 1/1936).

 

Ja, auch eine warme Kirche hatten die Seydaer nun: Die Heizungsanlage wurde eingebaut, auch die Konfirmanden hatten beim Heizen mitzuhelfen. 5 Zentner Kohle (250 kg) wurden für ein Wochenende gebraucht. Herr Kirchendiener Schulze fing am Sonnabend um 17 Uhr nach dem Läuten mit dem Heizen an und schob die ganze Nacht nach. 1941, als die Kohlen rationiert worden sind, hörte auch das Heizen der Kirche auf. Es wird berichtet, dass es vorn am Altar sehr warm wurde (dort sind die Luftschächte) und der Pfarrer sich den Schweiß von der Stirn wischen mußte, während in anderen Bankreihen kaum Wärme zu spüren war, da die warme Luft nach oben zog.

Die elektrische Beleuchtung kam nun vollständig in die Kirche, der Deckenputz wurde erneuert (bis dahin schmückte ein „Sternenhimmel“ die Kirche), der Fußboden und die Wände wurden ausgebessert, die gesamte Kirche erfuhr einen Innenanstrich.

Diesen führte Meister Richard Mechel sen. aus, der lange auf dem Amtshof wohnte. An der Rückseite des Kreuzes kann man es lesen: „R. Mechel, Maler, 1935.“

Die Gesamtkosten beliefen sich auf 11.200 Reichsmark, davon wurden 6.000 RM als Kredit aufgenommen mit einer jährlichen Tilgungsrate von 500 RM; 3.000 RM Patronatsgeld (Staatsleistung), 2.200 RM eigenes Vermögen. Ein „Nachspiel“ hatten die Arbeiten noch: wegen Bevorteilung von Baubetrieben durch den Kirchenrat und mangelhafte Ausführung der Arbeiten kam es zum Prozeß (SSLB 23.7.1936).

 

Die Sprüche an der Empore der Kirche sollen noch einmal erwähnt werden. Da ist auf der rechten Seite Paulus zitiert: „Sooft Ihr von diesem Brot eßt und aus diesem Kelch trinkt, verkündet Ihr des Herrn Tod, bis er kommt.“ (1 Kor 11,26). Darin enthalten ist der Verweis auf die Feier des Abendmahles und die unerschütterliche Hoffnung: Jesus wird wiederkommen. Daneben steht das erste Gebot, was eine Orientierungshilfe und ein Rettungsanker sein will: „Ich bin der Herr, Dein Gott! Du sollst keine andern Götter haben.“ (2 Mose 20,1f). Dann ist Paulus zitiert mit dem Wort vom Kreuz: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber ist´s eine Gotteskraft.“ (1 Kor 1,18). Unter der Orgel, wo auch der Chor Platz hat, steht das Wort aus dem Psalter: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ (Ps 98,1). „Wachet und betet!“, die Aufforderung Jesu an seine Jünger kurz vor seiner Gefangennahme, ihm beizustehen, ist auf der linken Emporenseite angeschrieben (Mt 26,41: „Wachet und betet, dass Ihr nicht in Anfechtung fallt!“). „Stehet im Glauben!“ ist ein Wort des Apostels Paulus (1 Kor 16,13f): „Wachet, stehet im Glauben, seid mutig und seid stark! Alle Eure Dinge laßt in der Liebe geschehen!“.

Ganz vorn sind dann die Wappen von Luther (die Lutherrose mit dem, was ihm wichtig war, im Mittelpunkt: Die Liebe Gottes in Jesus Christus) und Melanchthon zu sehen (wie die Israeliten auf die eherne Schlange schauen sollten, so sollen wir auf Christus schauen, um gerettet zu werden; 4 Mose 21,8), dazu die Liedverse Luthers: „Eine feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 362).

An den Rückwänden der Kirche, rechts und links vom Ausgang, stand bis zur Kirchenrenovierung 1995 geschrieben: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Ehre wohnt!“ (Ps 26,8; links), und „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“ (1 Kor 3,11).

Im Eingangsbereich steht noch heute die Mahnung des Propheten Jeremia: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ (Jer 22,29); darunter die griechischen Buchstaben für „CH“ und „R“ (Christus) und der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabeths: Alpha und Omega: Jesus Christus ist der Anfang und das Ende von allem.

 

Mit der neugemalten Kirche hoffte man nun auch auf eine Erneuerung des Glaubensmutes in der Masse der Bevölkerung. Pastor Ostermann schreibt in den Heimatgrüßen: „Das  Sprichwort ,Leere Kirche - volle Gefängnisse´ birgt eine tiefe Wahrheit, denn man hat die Beobachtung gemacht, daß eine Gemeinde, die leere Kirchen hat, dafür umsomehr die Gefängnisse bevölkert. Aber in kirchlichen Gemeinden mit vollen Gottesdiensten ist das Gemeindeleben gesegnet: Es gibt mehr Elternachtung, mehr wohlgeratene Kinder, mehr friedfertige Ehen, mehr hilfreiche Nachbarn, mehr Herzensbildung und treue fromme Menschen...“ (HG 1/1936, S. 360. Pastor Ostermann ging 1936 nach Belgern, 1945 fiel er als Sanitätssoldat in der Eifel, er hinterließ eine Frau mit vier Kindern.)

 

Ganz nebenbei, in einem unteren Absatz, kann man in den „Heimatgrüßen“ im Zusammenhang mit einer Volkszählung in Deutschland lesen: „Nicht unbeträchtlich hat sich die Zahl der Israeliten vermindert (um 11,5%).“ (HG 9/1935, S. 342).

Es ist Zeit, nach dem jüdischen Leben in Seyda zu fragen! Schon immer hatte man ja, zum Beispiel zu Weihnachten, von Christus als „Davids Sohn“ gesungen; schon immer wurde aus dem Alten Testament gelesen und gelehrt, der Mose steht oben an unserem Altar; und auf dem alten Ölbild von Superintendent Hilliger kann man hebräische Schriftzeichen entdecken: Er verstand die Sprache der Juden.

Bis heute rätselhaft ist die Herkunft des Davidssterns über der Kirchtür. Ein Tischlermeister hat festgestellt, dass er aufgrund der schon mechanischen Bearbeitung nicht älter als 120 Jahre sein kann.

Im Jahre 1910 wird in einer Erhebung für Seyda „1 Jude“ registriert. Alte Leute berichten von jüdischen fliegenden Händlern, die früher oft durch Seyda kamen. In unserer Gegend, auf dem Lande, konnten sich Juden früher kaum ansiedeln. Durch die Vorschriften der christlichen Zünfte hatten sie keine Möglichkeit, mit einem Handwerk Fuß zu fassen, das Bodenrecht verwehrte ihnen die Landwirtschaft.

Eine Frau, Rosalie Israel, ist am 18.11.1865 in Schadewalde geboren worden, eine Jüdin, die später in Düsseldorf heiratete und bis an ihr Lebensende den Sabbat gehalten und gefeiert hat.

Die Schwiegermutter eines Seyd´schen, nach dem damaligen verbrecherischen Sprachgebrauch „Halbjüdin“ genannt, wurde vom Pastor 1943 in Seyda beerdigt. Ein Geschäftsmann will einen Juden in seinem Wagen aus Seyda hinausgeschmuggelt haben. - Das sind die wenigen Nachrichten, die etwas über Juden in Seyda vor 1945 sagen. In Jessen gab es einen jüdischen Anwalt, der bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Gefahr erkannte und 1934 seine Familie in die Schweiz brachte, selbst aber nicht mehr rechtzeitig das Land verlassen konnte und Selbstmord beging. Ein Todesmarsch aus dem KZ Lichtenburg ging in den letzten Kriegstagen durch das Stadtgebiet. Mit ihm kam Dr. Weidauer, ein jüdischer Arzt, nach Seyda. Von ihm soll noch im nächsten Band berichtet werden.

 

Pastor Hagendorf, 1936 als Vikar nach Seyda gekommen, war es, der sich schützend vor den Davidsstern in der Kirche stellte. Die Nazis wollten ihn herausschlagen. Der Pastor wehrte sich dagegen mit den Worten: „Der Stern ist schon viel länger dort oben als Ihr da seid!“ So blieb er erhalten. (Erinnerung eines Konfirmanden).

 

Im 20. Jahrhundert haben die Machthaber oft gewechselt, und so ist es in manchen Orten nötig gewesen, die Straßennamen regelmäßig zu ändern. In Seyda war das nicht der Fall, die alten Bezeichnungen sind im wesentlichen geblieben, nur zwei Fälle sind bekannt: die Kirchstraße wurde zur „Schulstraße“. Die Schule steht nun nicht mehr dort, wohl aber ist die Kirche an ihrer Stelle geblieben.

Die Bewohner der „Kuhgasse“, die so benannt war, weil die Kühe dort ihren Weg auf die Weiden gingen, verlangten nach der Änderung des Namens. Sie wurde in „Triftstraße“ umbenannt. Die „Trift“ bezeichnet den „Weideabtrieb“, was dem alten Straßennamen nahe kommt. Als man dann nach einer Straße suchte, die man „Adolf-Hitler-Straße“ nennen könnte, schlug man der Behörde in Schweinitz diese Straße vor. Der Antrag soll abgelehnt worden sein: Man könnte doch nicht die ehemalige „Kuhgasse“ mit diesem Namen schmücken.

 

Neben den politischen Ereignissen gab es natürlich das ganz normale Leben:

Im Juni 1936 wurde das erste Mal die „Goldene Konfirmation“ in Seyda begangen: also die Feier zum 50. Jahrestag der Konfirmation. Das ist bis heute ein wichtiges Fest, an dem auch viele aus der Ferne kommen, um die Heimat wiederzusehen. Der größte Teil des Lebenswerkes ist vollbracht, man schaut gemeinsam zurück und fragt auch nach seinen Wurzeln und nach dem, was bleibt.

Pastor Hagendorf schrieb noch im hohen Alter, 1993, „seinen“ Konfirmanden ein Grußwort zur Goldenen Konfirmation: „,Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen.´ (1 Kor 13,13). Ich habe mich immer bemüht, den Konfirmanden das doppelte Liebesgebot Jesu: Gottesliebe und Nächstenliebe und vor allem mit der Bibel, dem Gesangbuch und dem Katechismus zu aktualisieren. Und wenn es geschenkt wurde, daß dieses Gebot konkretisiert wurde, war das Ziel erreicht.

Vergessen Sie bitte nicht, bei der Feierstunde des vortrefflichen Kantors und Organisten Karl Schmalz zu gedenken. Sie, die Goldenen Konfirmanden und die ganze Gemeinde einschließlich der Dörfer grüßen wir sehr herzlich und wünschen eine recht schöne Feier mit vielen guten Erinnerungen. Ihr Hagendorf.“ (Fredeburg, am 8.9.1993).

 

Im November 1936 wurde die Eiserne Hochzeit des Tischlermeisters Freiwald gefeiert, natürlich in der Kirche: Ein damals - und auch heute noch - sehr seltenes Fest! (vgl. HG 11/1936).

 

1937 wurde das Pfarrhaus umfassend saniert: mit Wasserleitung, Tischler-, Installations-, Elektro-, Maler- und Maurerarbeiten; auch ein Fliesenleger und ein „Töpfer“ waren da (Töpfer wurden in Seyda die Ofensetzer genannt) sowie die Telefontechniker.

1938 ist ein gebrauchtes Klavier für den (bis dahin einzigen vorderen) Gemeinderaum angeschafft worden, dort fand auch der Konfirmandenunterricht statt.

 

Am 7. Juli 1939 wurde der Vertrag in der „Küster-Schul-Auseinandersetzung“ unterzeichnet: Eine Folge der Trennung von Staat und Kirche nach 1918. Die Schulangelegenheiten, für die bisher beide zuständig waren, waren nun ganz Sache des Staates; das Vermögen wurde aufgeteilt.

 

Am 1. April 1940 wurde die Uhren erstmals auf „Sommerzeit“ eine Stunde vorgestellt, um das Tageslicht besser auszunutzen.

 

Ein Brief des berühmten Musikdirektors Schulze, der Generationen von Seydaer Bläsern ausgebildet hat, und dem die „Seydaer Blasmusikanten“ in ihrem Kern auch heute noch ihr Können verdanken, sei hier abgedruckt, hat doch dieser Musikdirektor unseren Taufstein in der Kirche „gerettet“, wie man lesen kann:

 

„Seyda, den 11. März 1941

An den wohllöblich Gemeinde Kirchenrat der Stadt Seyda, Betr. die Zuschrift vom 12ten Februar...

...Hiermit gestatte ich mir noch mitzuteilen: Der jetzige Taufstein in hiesiger Kirche, war über 20 Jahre mein Eigentum, diesen hatte ich bei einer Auktion, wo Abrauch von alten Brettern und andere alten Gegenstände von der Kirche aus verkauft wurden, wurde der alte Taufstein mitverkauft, da in der Kirche schon ein Neuer gesetzt war, der alte Taufstein wurde von mir erworben, der Stein wurde in meinen kleinen Hausgarten aufgestellt, wurde gehegt und mit Blumen umrahmt; nach diesen vorerwähnten Jahren wurde ich vom Kirchenrat resp. („respektum ago“ = „eingehend betrachtet“, „genauer gesagt“) Pfarramt ersucht, doch den Taufstein an hiesige Kirche zurückgeben zu wollen, da doch dieser altertümliche Taufstein einen hohen Wert für die Kirche hatte, für mich hatte aber dieser auch einen hohen Wert, da doch meine Vorahnen seit 300 Jahren, bis zu meines Vaters Familie daran getauft worden sind, habe aber dennoch den Stein der Kirche zurück gegeben und geschenkt, am Fuße dieses Steines steht mein Name, daß dieser von mir geschenkt worden ist. Da ich gegen die Kirche so human war und den Taufstein schenkend zurück gab, möchte ich bitten, die Gebühr von 30,00 RM für die vorn erwähnte Grabstelle mir zu erlassen...“

 

Die kleine Waldbahn Seyda-Linda, von deren Bau bereits berichtet wurde, verschwindet wegen der Anlage des Fliegerübungsplatzes Glücksburg. Nun konnte man fast täglich Militärflugzeuge über der Heide sehen, die das Bombenwerfen übten. Über Jahrzehnte war die Heide in weiten Teilen unzugänglich und einer großen Zerstörung durch Kriegsgerät ausgesetzt. Die Militarisierung der Gesellschaft nahm immer mehr zu (schon im Ersten Weltkrieg führte der Lehrer Wehrertüchtigung mit den Schülern durch, vgl. die Schulchronik). Deutsche Truppen marschierten in Österreich ein, dann in die Tschechei. Der allgemeine Jubel war groß.

 

Der „Reichsarbeitsdienst“ („RAD“) wurde am 26. Juni 1935 deutschlandweit ins Leben gerufen. Im Frühling 1939 baute er den Militärflugplatz in Mark Zwuschen. Zuerst wurde freilich erklärt, er diene zivilen Zwecken; genauso, wie Mädchen aus Österreich und der Slowakei in unsere Gegend angeworben worden sind, um in einer „Schokoladenfabrik“ zu arbeiten: sie fuhren dann aber zur Munitionsherstellung nach Treuenbrietzen. Einige sind in Seyda geblieben, bis heute.

Das Jahr 1939 brachte eine Rekordernte. Über Nacht aber wurde der „RAD“ abgezogen und in Güterwagen „nach Osten“ gefahren, ohne Bekanntgabe eines konkreten Zieles. Das war am  27. August 1939.

Am 1. September begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall Deutschlands auf Polen. Durch die Radiolautsprecher auch in Seyda klang das freilich ganz anders: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen...“

Der Krieg hatte begonnen, der unermessliches Leid über die Völker und auch über unser Volk gebracht hat. Wieder mußten Väter, Männer, Söhne in den Krieg ziehen. Doch das war erst der Anfang des Schreckens.

 

Pfarrer Hagendorf wurde plötzlich, zu Palmarum 1940, eingezogen. Die übliche Konfirmandenprüfung in der Kirche, die eine Woche vorher wie immer stattfinden sollte, wurde gestrichen, und dafür gleich Konfirmation gefeiert. Der Pfarrer schrieb noch vorher in das Poesiealbum einer Schülerin:

 „,Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.´ (Heb 13,8).

Palmarum 1940     Hagendorf, Pfr.“

Lehrer Brandis schrieb zur gleichen Zeit ein Zitat vom alten Fritz ein: „Es ist nicht notwendig, dass ich lebe, sondern dass ich meine Pflicht tue.“

 

Im Klassenzimmer 1940 hing groß das Bild vom Alten Fritz (auf einem Stuhl sitzend); darunter waren im Kleinformat in einem Rahmen zusammen Göring, Hitler und Goebbels zu sehen (das alles an der Rückwand); links daneben ein Bild von der Seeschlacht im Skagerrak im 1. Weltkrieg („1916 zwischen Deutschen und Engländern die größte Seeschlacht der Weltgeschichte... Der Erfolg lag auf deutscher Seite.“ Brockhaus 1927.); rechts daneben ein Bild von den Befreiungskriegen in unserer Gegend. An der Nordwand des Klassenzimmers hing eine Weltkarte wo man sehen konnte, wo überall Deutsche wohnen (die es zu befreien galt); über allen schwebte das Modell eines Zeppelins als Symbol für den technischen Fortschritt.

 

Im Jahre 1944 macht der Pfarrer (auf Heimaturlaub?) eine kritische politische Bemerkung über den Gartenzaun: Deshalb (oder wegen einer anderen Sache?) wird er inhaftiert (in Halle), ist bei Kriegsende deshalb nicht in Seyda, sondern wird von den Amerikanern befreit. Weil er nicht gleich zurück in die „russische Zone“ konnte, kam er erst 1946 nach Hause.

 

Am 20. Juli 1944 schlug ein Attentat auf Hitler fehl, viele Menschen, die im Widerstand gegen Hitler waren, wurden (wie auch viele vor ihnen) umgebracht. Dr. Goerdeler, früherer Oberbürgermeister von Leipzig, sollte nach der Beseitigung Hitlers Reichskanzler werden. Er konnte sich nach dem Attentat am 20. Juli 1944 für einige Tage im Gutshaus Gerbisbach verstecken, wurde dann aber für die ausgesetzte Belohnung von einer Million Reichsmark verraten und im Februar 1945 hingerichtet. (Däumichen, K.: Dr. Goerdeler verbarg sich im Dorf Gerbisbach bei Jessen. In: Heimatkalender 2.000, 114-117).

 

Im Herbst 1944 künden große Flüchtlingsströme auch durch Seyda das Ende des Krieges und den Zusammenbruch an. Ein Flüchtlingslager wurde am Schützenhaus eingerichtet. Tiefflieger beschießen die Bevölkerung. Immer mehr Bombenflüchtlinge aus Berlin kommen nach Seyda. Am Tage und in der Nacht kann man die Fliegerverbände sehen, die Dresden und Berlin anfliegen und die Städte in Schutt und Asche legen. Und viele, viele Männer sind gefallen: Eltern und Frauen bleiben allein, Kinder wachsen ohne Vater auf.

 

Seyda meldet einen guten Stand des Getreides, die Kartoffeln zeichnen sich durch Größe und reichen Ansatz aus, die Pflaumenbäume hängen zum Brechen voll.“ so meldet es das „Schweinitzer Kreisblatt“ im Sommer 1944.

 

Das Quellen- und Literaturverzeichnis befindet sich am Ende des letzten Bandes.

 

 

 

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Unser Kirchturm – ein Wahrzeichen unserer Stadt, ein gutes Stück Heimat, eine Erinnerung an viele Feste unseres Lebens, der „Zeigefinger Gottes“, der die Gegenwart Gottes mitten in unserer Stadt verdeutlichen soll; 150 Jahre alt ist er in diesem Jahr.

Er ist stehen geblieben – durch stürmische Zeiten hindurch, und in der Turmkugel ist viel davon zu lesen.

In dieser kleinen Broschüre wird davon berichtet.

Wenn dafür Spenden einkommen, so sind sie für die Sanierung der neuerlichen Putzschäden am Kirchturm bestimmt.

 

 

 

 

Der

Kirchturm

in

Seyda.

 

 

Zum 150. Geburtstag 2004.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ich hebe meine Augen auf... – woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Psalm 121

 

Natürlich hat Seyda schon viel länger einen Kirchturm! Bis zum großen Stadtbrand sogar noch einen viel größeren, als der jetzige. Auf dem Kirchenschiff stand damals noch ein kleiner Turm, mit dem „Vesperglöckchen“. Auf dem Bild im linken Turmaufgang kann man das sehen, früher war es groß in der Sparkasse auf dem Markt an die Wand gemalt.

Der große Brand zerstörte all diese Pracht im August des Jahres 1708. Durch eine „Liebessteuer“ und ein „Liebesopfer“ sächsischer Städte konnte Seyda wieder aufgebaut werden. So wurde die Kirche 1711 wieder eingeweiht. Ein kleiner Turm aus Fachwerk kam auf das Dach, ein Bild von vor 200 Jahren zeigt dies: das war eine Notlösung. Ständig musste er repariert werden. Auch ein Neubau wurde immer mal wieder ins Auge gefasst. So noch 1813, unter sächsischer Regentschaft, im Jahr der Befreiungskriege, wo wir sogar eine Zeichnung für einen zukünftigen Turm haben!

Durch die Kriegswirren – die große Linde auf dem Kirchplatz erinnert daran, dass die Sachsen auf der falschen Seite mit Napoleon kämpften und durch Russen und Preußen „befreit“ wurden – kam es nicht zu einer Erneuerung des Turmes. So war auch für das Jahr 1854 wieder nur eine Reparatur geplant.

 

Ein Baumeister Dalichow aus Jüterbog schrieb:

„Sr. Hochwürden dem königlichen Superintendenten Herrn Jacoby zu Seyda

Auf das von Euer Hochwürden bei mir Gestern eingegangene verehrte Schreiben, mit der Aufforderung zur Besichtigung und Aufnahme der Reparaturen des dortigen Kirchthurmes nach Seyda zu kommen, habe ich die Ehre ganz gehorsahmst zu erwiedern, dass ich in den ersten Tagen nächster Woche, wenn es die Witterung irgend gestattet, bestimmt in Seyda sein werde, indem meine Zeit für diese Sache bereits bestimmt, und ich mir vorgenommen habe zu kommen.

Mit steter Hochachtung verharret

Euer Hochwürden ganz Ergebenster J. Dalichow

Jüterbogk, de. 10. Jan. 1853.“

 

Eine ganze Akte voll Schriftverkehr folgt, schließlich folgt ein Beschluss:

„Nachdem von Seiten des Kirchenvorstandes und der Gemeinde der Stadt Seyda die Ueberzeugung gewonnen, dass eine Reparatur des Thurmes nicht ausführbar sei, kamen sämtliche Mitglieder dahin überein, dass die Aufführung eines neuen Thurmes unerlässlich ist, und beschlossen danach mit Berücksichtigung jeder Ersparniß soweit es die Solidität gestattet, die Aufführung eines neuen Thurmes unter nachstehenden Bedingungen zu veranschlagen.

Da es in der Kirche an Raum fehlt (es gab 392 Plätze, wurde vorher berechnet), so ist der Thurm wie an beiliegender Zeichnung besorgt äußerlich des Abendgiebels von 14 Fuß Quadrat projectirt, und so angenommen, dass er mit der Giebelwand der Kirche nicht verbunden, sondern nur angestoßen wird.“

Der Turm wurde also vor die Kirche gesetzt, gegen „Abend“, also nach Westen, wie es üblich ist.

„Neben dem Thurme liegen zwei kleine Hallen, welche die Aufgangstreppen zu den Emporen und dem Thurme enthalten. Der Thurm selbst ist bis zur äußersten Spitze der wieder zu verwendenden Fahne 90 Fuß 4 Zoll hoch, und mit einer achteckigen Pyramide, gedeckt mit Schiefer, bedacht, und mit einfachen verziehrten Oeffnungen dem Style der Kirche gemäß projectiert...

Es ist darauf Bedacht zu nehmen,  „dass anstatt der früheren daselbst befindlichen Unterstützungen des Thurmes, mehr neue Sitze angebracht werden...“

(Findbuch Pfarrarchiv Seyda Nr. 905.)

Es wird dazu bemerkt, dass auch die Orgelempore gleich neu gebaut werden muss.

Schließlich, im August 1854, also relativ schnell, ist das Werk geschafft. Superintendent Jacobi schreibt, wie es üblich ist, für die Turmkugel einen Bericht.

 

Nachricht des Sup. Jacobi vom 1.8.1854

„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Unsere Hilfe war im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Am 28. August 1708 war bei einer ausgebrochenen Feuersbrunst nebst der geistlichen und Schulgebäuden auch das hiesige Kirchhaus bis auf die Mauern nebst Turm niedergebrannt. Durch Kollekten und Geschenke aus der Churfürstlichen Bank wurde unter Gottes gnädigem Beistand dasselbe wieder hergestellt und am 1. Advent 1711 der erste Gottesdienst wieder gehalten. Der Turm in Holz wurde 1712 vollendet. Die 2 noch vorhandenen Glocken konnten erst im Jahre 1717 beschafft werden.

Im Jahre 1830 wurde mit dem Thurme eine Hauptreparatur vorgenommen, nachdem kleinere nicht viel ausgeführt hatten. Im Jahre 1853 stellte sich nun heraus, dass wiederum der größte Teil desselben, in Bedachung und Läutewerk schadhaft geworden war, weshalb zur Ausbesserung die Pläne gemacht der Aufsichtsbehörde vorgelegt und nach erlangter Genehmigung der Baumeister Dalichow in Jüterbog zur Ausführung übergeben worden. Nebst einer in Massivbau auszuführenden Vorhalle beliefen sich die Anschlagskosten auf ca. 1400 M. In der Osterwoche 1854 wurde mit Abtragung des Thurmes, der Bedachung und obersten Etage vorgegangen. Da fand sich’s, dass von dem Holzwerk fast gar nichts (oder ¼) mehr brauchbar und ein Reparaturbau kaum ausführbar war. Es musste daher zum Neubau des Thurmes, Ausbau des Theils der Kirche vor dem Thurm aufgestanden und Umdeckung des Kirchdaches geschritten werden. Die Anschlagsumme betrug ca. 2600 M. Hinzugekommene Veränderungen und Bauten, wie Verankerung des Kirchhauses, da die südliche Umfassungsmauer 1 ½ Fuß ausgewiesen war, sowie größere Stück der Thurmmauer, Um- u. Neubau der Seiten.. und innere Erneuerung. Stieg die Bausumme höher und erklärte am Ende der Baumeister Dalichow die sämtlichen Bauten für 3050 auszuführen. Die Genehmigung steht noch zu erörtern.  – Zur Aufbringung dieser Summe ist der Kirchen..., eventuell die Kirchfahrt verpflichtet. Das Kirchen... besitzt zur Zeit gegen 4000 in Preußischen Staatsschuldscheinen, welche gegenseitig 83 ¼ a 100 stehen. Um Verluste zu vermeiden, wurden 1000 geborgt. 700 tragen die Gemeinden Seyda, Lüttchenseyda und Schadewalde bei, so jedoch, dass 300 später, wenn sich das wieder erholt, zurückgezahlt werden sollen. Zu obiger Summe kommt nun noch der Kostenbetrag zur Wiederherstellung der alten Orgel und Uhr und neuen Zifferblättern, der wohl 120 erfordern dürfte. Schwere Opfer, die das ganze Kapitalvermögen der Kirche aufzuzehren drohen! Zu Ende 1854 war der Thurmbau unter Gottes Hülfe und Schutz soweit vorgerückt, dass der Knopf mit neuer Fahne den 14. August aufgesetzt werden konnte. Der Knopf war durch freiwillige Beträge von Gemeindegliedern für 27 vergoldet worden, zur Zierde unseres Städtchens und zum Lob der Bewohner, die in dieser drückenden Zeit und bei Armuth doch willig ihr Schärflein gebracht haben; doch haben viele, die recht gut gekonnt, keinen Heller gegeben, viele sehr wenig.

In die blecherne Kapsel vom Jahre 1712 wurde eingelegt und in den Thurmknopf gethan:

1.        Die eigenhändige Nachricht des sel. Sup. Gormann vom J: 1712

2.        Kurze Nachricht von Superintendent Camenz von 1830

3.        Münzsorten vom Jahre 1830, wie sie auch jetzt noch gebräuchlich

4.        Die gegenwärtige Schrift des derzeitigen Superintendenten Jacobi.

 

Schriftliche Nachrichten des vormaligen Bürgermeisters Ruperti vom J. 1830 sind nicht wieder mit eingelegt, sondern ins Archiv genommen worden, da sie unwahre Raisonnement über Preußen enthalten.“

Dieser Bürgermeister hatte über die Preußen gejammert und seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, doch bald endlich wieder zu Sachsen gehören zu dürfen. Seit 1815 wurde Seyda von Preußen regiert. „Ich kann als patriotischer Sachse nicht unterlassen, den Wunsch und auch die feste Überzeugung auszusprechen, dass die so höchst ungerechter Weise erfolgte Zerstückelung des gesegneten Königreiches Sachsen über lang oder kurz einen Rächer finden, Sachsen wieder in seinem alten Umfang hergestellt und vielleicht, Gott gebe es, noch mehr abgerundet und ergänzt glorreich fortblühen wird! Möchten wenigstens meine Söhne dieses herrliche Ereignis erleben und möchte es ohne zu großes Blutvergießen herbeigeführt werden können!“

(vgl. ausführlich „Die Geschichte der Kirche in Seyda“, Band 4)

Doch hören wir weiter, was Superintendent Jacobi über die Zeit schreibt, in der der Turm gebaut wurde:

 

Was wir zu unserer Zeit erlebt haben, werden der Nachwelt die Geschichtsbücher melden. Hier fehlt der Raum dazu und die Hand sträubt sich, darauf zu greifen.

Das Jahr 1848 ist das Jahr des Schimpfes und der Schande des deutschen und preußischen Volkes geworden. Wie eine Windsbraut über ein schönes Land, flott sind Ereignisse über uns gekommen, welche die Völker bis auf den Grund..., das staatliche und kirchliche Leben wurde in seiner tiefsten Wurzel erschüttert, das Unterste zu Oben gekehrt und alle Ordnung gebrochen. Vernunft und Wahrheit und Wirklichkeit räumten das Feld den Geistern der Lust und der Hölle. Unser bedächtiges, treues und frommes Volk hat die übrigen an Raserei fast überboten. Was sonst in Jahrhunderten nicht geschah, sollte an einem Tage da fertig werden. Aus dem Absolutismus kopfüber in die breiteste Grundlage der Demokratie, aus dem Kastenwesen in die unterschiedsloseste Gleichheit, aus den strengen Mechanismen der Verwaltung in völlige Gesetzlosigkeit, aus religiösem Leichtsinn und Indifferentismus in Gottesleugnung und Lästerung.

Gesetze und Rechte wurden mit Füßen getreten. Nichtachtung des Eigentums hat sich in den Schriften kundgegeben und selbst in die gesetzgebenden Körperschaften sind die kommunistischen Gelüste eingedrungen. An die Stelle der noch herrschenden Kirchlichkeit war Kirchenfeindschaft und offenbare Gottlosigkeit getreten, und wer sich dagegen aussprach, wurde verhöhnt. Das traf in Sonderheit die Geistlichen, die nun Pfaffen hießen, deren erbitterte Feinde die Lehrer mit waren. Freche schamlose Natürlichkeit (Emanzipation des Fleisches) hat Sitte und Zucht vertrieben, allen Lastern wurde offen gefröhnt, alle Verbrechen: Raub, Brand und Meuchelmord wurden begangen, sogar öffentlich gepriesen, besungen und bezahlt; kannibalische Rohheit zog ein in die Schichten der höchsten Bildung und feinen Gesinnung.

Seinen Ruhm und seinen Stolz hatte unser Volk in den Staub gezogen und seine Schande in den Himmel erhoben. Die ehrwürdigen Denkmäler tapferer Väter hat es geschändet, seinen sieghaften Herren hat es mit Schmach bedacht, seine besten Fürsten hat es beschimpft und dafür den Volksheilsrednern der Gasse mit ihrem meuterischen Gerede, die es um Freiheit, Lohn und Wohlstand betrogen, Weihrauch geopfert. Ja, das treue, fromme, sittsame deutsche Volk hat die Wege seines Gottes verlassen und ist in die Bahn des Verderbens geraten – Als der Greul der Verwüstung im März 1848 in Berlin selbst bestand und fortschritt in die Provinzen, wo die Amtsleute, die Wächter des Gesetzes und der Ordnung, Besonnenheit und Mut verloren, die Zügel entfielen meist den zitternden Händen, da griffen auf den Gassen die Buben danach. Jungparlamente und Klubs u. Sicherheitsausschüsse u. Bürgerwehren,  lastlose Knaben und bärtige Großredenhelden maßen sich der Gesetzgebung u. Regierung an. Da wurde der König beschimpft, Ministerhotels gestürmt, die Häuser geplündert und verbrannt, .. u. Messer drohten Tod dem, der in das wilde Geschrei nicht einstimmte. Nicht ... Abnahme des Handels u. des Gewerbes, ungeheure, wachsende Arbeitslosigkeit u. Verarmung vermochten nicht aus dem Thümmel zu reißen, unter wüsten Scherben vergaß man das Elend des armen Volkes, bis endlich entschlossene Männer, Graf Brandenburg und Mant... an ihrem Volk die Barmherzigkeit übten, die unsauberen Geister auszutreiben und Gesetz und Obrigkeit wieder aufrichteten.

Christus ist das Leben der Welt! Neues Feuer, neuer Glaube, neue Liebe durchdringt die Kirche wieder.

So sind wir auch fröhlich in Hoffnung. Doch die Nachwehen des Jahres der Schmach und der Schande dauern noch fort und unsere Kinder werden wohl auch noch büßen müssen. Neue Gefahr droht den Völkern, auch unserem Vaterlande, von Osten durch den russisch-türkischen Krieg, nachdem England und Frankreich nebst Österreich und Preußen im Anschlusse gegen Russland Partei ergriffen haben. Unsere Staatsausgaben haben die Höhe von 104 Millionen Thalern erreicht, während es im Jahre 1848 nur 65 Millionen waren, während der große Teil des Volkes immer mehr verarmte. Das Jahr 1848 nahm auch den Kirchen- und Schuldienern die Steuerfreiheit .In meiner bisherigen Stellung zahle ich 42 u. 10 M 15 ks Zinszuschlag. Zur allgemeinen Noth kommt das theure Brot. Schon nach der Ernte des vorigen Jahres kostete der Scheffel Roggen, Berliner Maaß 3 M u. stieg derselbe im Laufe dieses Jahres auf 4 M. Die Kartoffeln waren meist schon im Januar aufgezehrt. Daher große Noth unter den Armen u. Ansprüche an die Wohltätigkeit, die kaum zu befriedigen waren. Ich allein habe 250 M zum Opfer gebracht. Der Weizen kostet über 5 M, Gerste 2, Hafer bis 2, Kartoffeln 1 u. darüber. Ebenso steigen auch die Fleischmassen u. übrigen Bedürfnisse im Preise. Nun hat Gott durch die Liebe reichen Segen gegeben, obgleich durch Regen und Überschwemmungen viel Schaden entstanden, und die Preise  fangen an zu fallen.

Unser Städtchen Seyda gehört zum landwirtschaftlichen Kreis Schweinitz im Regierungsbezirk Merseburg. In Bezug auf Justiz gehören wir zum Kreisgericht Wittenberg. Doch ist hier eine besondere Kreisgerichts-Commission, welcher der Kreisgerichtsrath Gräber vorsteht. Das Ehemalige Rentamt ist nach Verkauf der hiesigen, königlichen Domäne im Jahr 1830 mit dem in Wittenberg verbunden worden. Mit dem Gebäude ist für die Domäne 20.500 M. gelöst worden. Die Verwaltung der Stadt steht aus 1 Bürgermeister und 2 Assessoren, welche das Magistratskollegium bilden. Zur Seite desselben steht das Stadtverordnetenkollegium mit 6 Räthen. Die Schule besteht aus 3 Klasse mit getheiltem Unterricht. Eine vierte Klasse hat sich längst schon nöthig gemacht; doch fehlts an Mitteln dazu. An der Kirche steht der Superintendent – als Pfarrer u. ein Diakonus, welcher Pfarrer zugleich in Mellnitz und Morxdorf ist. Mit seinem Antritt hier anfangs des Jahres 1852 besorgt der Superintendent auch die liturgischen Funktionen beim Gottesdienst, welche bis dahin dem Diakonus oblagen.

Zur Ephori Seyda gehören zu dieser Zeit folgende Parochien:

1.      Seyda: Pfarrer u. Sup. Friedrich Christoph Jacobi, Diakonus Oscar Wilhelm Leberecht Nietzsche, Lehrer sind hier: Kantor Wartenberg, Mädchenlehrer Gothe, Küster und Elementarlehrer Andrag.

2.      Gadegast mit fil. (Filia – Tochter, die Tochtergemeinde) Zemnigk: Pfarrer Ferdinand Gottfried Fensch.

3.      Kurzlipsdorf mit fil. Naundorf: Pfarrer August Lebrecht Karl.

4.      Mügeln mit fil. Lindwerder: Pfarrer Dr. Johann Julius Ferdinand Wichmann.

5.      Oehna mit fil. Gölsdorf u. Zellendorf: Pfarrer Karl August Bischoff.

6.      Seehausen: Pfarrer Johann August ...

 

14 Schulstellen

 

Scr. Et subsc. Manu propriu

(geschrieben und unterschrieben mit eigener Hand)

Friedrich Christoph Jacobi Pfr. u. Sup.

Geboren den 24 Febr 1801 zu Wie… in Thüringen, von 1833 bis Jul. 1840 Pfarrer in Rothenberge mit Bansdorf und Billerode, Ephorie Eckartsberge, von 1840 bis 1851 Pfarrer und Superintendent in Eckartsberge. Seit Januar 1852 hier.

Nec temere, nec timide!

(vielleicht: “Weder ohne Grund, noch furchtlos!“)

Seyda, d. 1.ten August 1854.

 

Kirchenvorsteher waren:

Herr Kobelius, Kanzelist bei der Gerichts-Kommission

Herr Med. pract. Dietrich.

Bürgermeister: Herr Voigt, zugleich Post.. und Polizei...

Assessoren: Herr Gastgeber Schulze, Herr Bäckermeister Hofmann... Tüllmann.

 

Bauleute waren:

Baumeister: Maurermeister Dalichow aus Jüterbog

Maurerpolier: Kohl, dahier

Zimmerpolier: ... bzw. jun., von hier

Die Gesellen der Maurer waren von Jüterbog, der Zimmerleute von hier, der Schieferdecker aus Berlin, Karl Baamann, gebürtig aus Löhrste.“

(Findbuch Pfarrarchiv Seyda Nr.  95.)

 

Dieser Bericht stellt natürlich eine recht einseitige Beschreibung der Verhältnisse dar: eine Ablehnung des Neuen. In einschlägigen Geschichtswerken wird man die rechte Einordnung dafür finden, das ist hier nicht zu leisten. Vgl. auch „Die Geschichte der Kirche in Seyda“, Band 4.

 

Es wird deutlich, dass es nicht einfache Zeiten waren, und dass die Gemeinde dennoch die Kraft fand, diesen Turm zu bauen. Auch mit dem Grund, mehr Sitzplätze in der Kirche zu schaffen (der alte Turm auf dem Dach brauchte entsprechende Abstützungen, so dass Platz dafür verloren ging). Natürlich, um einen festen Ort für die Glocken zu haben, die in Freud und Leid zu Gebet und Gottesdienst rufen. Und sicher auch aus dem Grund, ein Wahrzeichen zu setzen, „zur Zierde unseres Städtchens und zum Lob der Bewohner“, so schreibt es der Superintendent: dass man also auch von ferne sehen kann, dass die Seyda es ernst mit Gott meinen, dass sie „gottesfürchtig“ sind, was als eine durchaus lobenswerte Tugend galt.

 

Die Idee mit der Vergoldung des Turmknopfes kam allerdings von außerhalb: Der Königliche Regierungs-Baurat Ritter aus Merseburg verfügte nach Besichtigung: Der Knopf ist nicht etwa vom alten Turm wieder zu verwenden, sondern neu zu fertigen, und zwar „auf Kosten milder Beiträge der Gemeinde zu vergolden“.

 

Ein gewaltiger Sturm zu Neujahr 1855 hatte die Turmfahne so gebogen, dass sie im Sommer desselben Jahres wieder abgenommen und geändert werden musste. Da der Knopf bei der Abnahme sehr beschädigt wurde, musste Baumeister Dalichow ihn neu errichten, auf seine Kosten.

(Schriftverkehr Sup. Seyda, den 2ten Oktober 1855)

 

Mit welcher Liebe damals gebaut wurde, kann man noch heute entdecken. Die großen Kirchentüren! Der Schlüssel – ein einziger ist uns noch im Original erhalten, nämlich der, den die katholischen Christen 1945 für ihre Gottesdienste bekamen, und der 1994 zurückgegeben wurde – dieser Schlüssel hat in seinem Bart einen Stern: Wie in der dunklen Nacht ein Stern leuchtet, so soll uns Gottes Wort, was wir in der Kirche hören, trösten und aufrichten.

Die Engel über den Kreuzen an der Kirchtür hat Meister Bernhardt im Jahre 1993 wieder hergestellt. „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ (Psalm 91,11). Der Segen Gottes wird in dieser Kirche ausgesprochen, für die Brautleute, die über diese Schwelle gehen, für die Konfirmanden, und für alle, die in Freud und Leid zum Gottesdienst kommen.

An der Kirchtür sind auch die Symbole für Glauben, Liebe und Hoffnung angebracht – in den Beschlägen finden sich Anker, Herz und Kreuz. Paulus hat über das geschrieben, was alle Zeit bleibt: „Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ (1 Kor 13,13).

 

Wie alt der Davidsstern ist, der über der Kirchtür als Fenster angebracht ist, konnte noch nicht ermittelt werden. Die Holzbearbeitung spricht dafür, dass er schon mit Maschinen angefertigt sein könnte, also vielleicht nicht ganz ursprünglich ist. Er erinnert an den großen König des alten Gottesvolkes der Juden, David – und an diese Wurzel unseres Glaubens. Jesus selbst kommt aus diesem Volk, zu Weihnachten singen wir es: „Hosianna! Davids Sohn!“

Es ist eine Besonderheit unserer Kirche, dass wir diesen Stern haben – und vor allem, dass er auch die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hat. Damals, als die Juden verfolgt und ermordet worden sind, soll auch Seydaer Hitlerjugend versucht haben, den Stern aus der Kirche zu entfernen. Pastor Hagendorf stellte sich vor ihn, und mit der Bemerkung: „Der ist älter als ihr!“ schickte er die Jungs wieder nach Hause. Der Stern blieb, Pastor Hagendorf kam später, wohl aufgrund kritischer Äußerungen, ins Gefängnis.

 

Im Turm hingen über 100 Jahre lang die Gewichte der Turmuhr. Einige von ihnen kann man noch auf dem Kirchenschiff betrachten. Mindestens einmal ist auch ein Strick gerissen, und die Gewichte sausten durch die Böden hindurch und hinterließen Löcher in den Decken.

Die mechanische Turmuhr wurde 1896 von dem Uhrmacherbetrieb Wencke aus Bockenem bei Hannover für 1.650 RM angefertigt.

Einmal in der Woche wurde sie an den drei Wellen aufgezogen. Lange Zeit tat diesen Dienst Uhrmachermeister Willy Thiele aus der Triftstraße. Die Gewichte hingen an langen Seilen den ganzen Turm hinunter. Nach der Turmuhr richteten sich die Bauern bei ihrer Arbeit auf dem Feld. Man konnte sie mit dem damals noch schwarz-weiß gehaltenen Ziffernblatt auch von großer Entfernung aus erkennen.

 

Jedoch ist schon im Kostenangebot von 1854 eine Turmuhr enthalten. Die Uhr veränderte das Leben in Seyda beträchtlich. Richtete sich doch das Leben vorher nach der Sonne – nun aber ging es „pünktlich“ und nach dem Glockenklang: die Schule, der Arbeitsbeginn, die Mittagspause, der Arbeitsschluss. Das war neu – in Zeiten, wo man noch mit der Kreide für jeden Tag einen Strich über die Tür malte, um nicht zu verpassen, wann Sonntag war. Da wurde dann abgelöscht und wieder neu begonnen.

 

Der Turm hat das Aufblühen des Städtchens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt: Den Bau der neuen Schule  1881 nebenan, den Neubau der Orgel, der durch den größeren Platz nun möglich war, 1881; auch die Errichtung der „Arbeiterkolonie“ 1883.

Die Glocken des Turmes läuteten früh zur Schule und zum Abendgebet, zu den Feiertagen, aber auch bei Sturm und Unwetter, Feuer und Krieg. Die alte Glocke von 1717, die auch heute noch im Turm aufgehängt ist, trägt folgende Inschrift:

Jahr und Tag

Da Dir Dein Schall durch das Feuer benommen

war das 1708 der 28. August und also ein Unglück

daß Du das große Jubelfest A(nno) 1717 D(omini) 31. Oktober in Seyda

nicht intimiren konntest.

Doch ist das Glück noch größer -

daß Du in eben dießen Jahr D(omini) 28. November Deinen Thon wieder bekommen und

den Freudenthon Evangelischer Christen ins Künftige zu vermehren

Deine Stelle bewahre Gott vor Feuer und übrigen Unglück

die Dir aufs Neue wiederum verschaffet

Herr ANDREAS GORMANN P(astor) und SUPTERINT(endent) Wiauch

Herr GUSTAV Friedrich PACKBUSCH Ambtmann alda

 

Diese Glocke wurde 1717 aus Bronze gegossen, sie ist 540 kg schwer und hat einen Durchmesser von 95 cm.

Zur gleichen Zeit wurde noch eine andere Glocke in den Turm gehängt, die jedoch 1917 für Rüstungszwecke abgeliefert werden mußte. Auch sie hatte eine Inschrift:

 

 1708  SOLI DEO GLORIA 1717

Gott lasse niemals uns zum Schrecken hören summen,

erhalte rein sein Wort, stürz aller Feinde Brummen,

Wend ab Pest, Krieg und Feuer, so geht’s mit gutem Klang,

Und du Mensch, bringest Gott mit Freuden Lobgesang.

 

(„Soli deo gloria“ heißt „Gott allein die Ehre“).

 

Leider ist uns der Bericht des großen Heimatforschers, Pastor Heinecke, von 1908 für die Turmkugel nicht überliefert. Bekannt ist aber sein Heimatlied für Seyda, in dem auch der Kirchturm Erwähnung findet:

 

Nun geht’s von Bergesrücken

Durch Gadegast im Nu

Vorbei an Wiesenstücken

Auf Seyda zu.

 

Vom Kirchturm winkt die Fahne,

Dort grüßt die Molkerei.

Wie schade, daß die Bahne

Nicht fährt vorbei!

 

Das Auto fährt gar schnelle;

jetzt biegt´s ins Städtchen ein

Bald werde ich zur Stelle

Bei Muttern sein!

 

Schon seh ich meine Lieben

Dort auf dem Marktplatz stehn.

Zu Haus ist keiner blieben.

Die Tücher wehn!

(HG 7/1931).

 

Welche Fahne damals vom Kirchturm wehte, oder ob es einfach poetisch gemeint ist, das ist schwer zu sagen.

Unsere heutige Kirchenfahne zeigt das violette Kreuz auf weißem Kreuz. Sie soll aber erst in den dreißiger Jahren, zuerst wohl von den „Deutschen Christen“, eingeführt worden sein.

Die Vorrichtung zum Aufhängen der Fahne wurde Ende der 90iger Jahre durch Meister Bernhardt aus Schadewalde angebracht und gestiftet. Leider ist kurz darauf bei einem starken Sturm das dicke Wasserrohr, was die Fahnenstange darstellte, wie ein Streichholz abgeknickt: solche Kräfte wirken am Kirchturm!

 

Anlässlich einer Dachreparatur in der Pfingstwoche 1929 wurde der Knopf des Kirchturms erneut geöffnet, und Pfarrer Dr. Graf schrieb folgenden Bericht zur Wiedereinlage:

Ein orkanartiger Sturm hatte jüngst an der Turmhaube – namentlich auf der Südwestseite – eine Reihe von Schiefersteinen herabgeschleudert und auch viele gelockert, die herabzufallen drohten und für Passanten der Kirchenwege eine Gefahr bildeten. Bei den Ausbesserungsarbeiten, die vom G(emeinde) K(irchen) R(at) dem Dachdeckermeister Paul Meyer aus Leipzig übertragen waren, stellte es sich heraus, das auch der Turmknopf einige Defekte aufwies, namentlich zeigte er ca. 10 Löcher, welcher von Gewehrkugeln herrührten, die früher von unberufener Hand wahrscheinlich auf Eulen und Raubvögel, die sich auf der Turmspitze niederließen, abgeschossen waren. Durch diese Kugellöcher war nun Regen in den Turmknopf gesickert und hatte die alten darin aufbewahrten Urkunden, die bei der letzten Kuppelöffnung im Jahre 1908 ohne eine blecherne Schutzkapsel wieder hineingelegt waren, stark beschädigt. Die Blätter waren zum Teil so verwittert und vermodert, dass die Schrift stellenweise ausgewischt und unleserlich war, auch zerfielen einige Blätter bei noch so vorsichtigem Anfassen in der Hand. Um den Inhalt der alten Turmurkunden der Nachwelt zu erhalten, hat der unterfertigte Pfarrer dieselben, soweit es möglich war, wortgetreu abgeschrieben und davon zwei Abschriften anfertigen lassen, und zwar von den Aufzeichnungen:

1.      des Sup. Gormann vom 13. September 1712,

2.      des Sup. Camenz vom 10. Oktober 1830,

3.      des Sup. Jacobi vom 1. August 1854.

 

Je eine Abschrift wurde den alten, verwitterten Originalurkunden beigefügt und wird mit diesen in eine Blechbüchse verpackt heute wieder in den Turmknopf gelegt. Das andere Exemplar der Abschriften wird dem Kirchenarchiv eingegliedert. Die letzte Turmschrifteinlage, angefertigt von dem damaligen Diakonus Heinecke im Jahre 1908, ist im Original beigegeben, weil das Manuskript noch sehr gut erhalten ist, einmal weil es jüngeren Datums ist, sodann weil es in Glas verpackt gegen die Witterungsverhältnisse geschützt war. Auch die alten kleinen Kupfermünzen werden wieder eingelegt.

 

Und nun folgt wieder eine Beschreibung der Zeit, die hier ungekürzt wiedergegeben werden soll – trotz einiger sachlicher Fehler sowie in dem Bewusstsein, dass sich aus heutiger Sicht manches anders darstellt. Es ist ein Zeitdokument, was die Stimmung beschreibt, die damals herrschte, und die der Nährboden war für die große Annahme, die Hitler finden konnte, und den schlimmen Krieg, der darauf folgte.

„Seit den letzten Aufzeichnungen von 1908 haben sich welterschütternde Ereignisse zugetragen, namentlich entfacht von dem vierjährigen Weltkrieg, der vom 1. Juli (August! T.M.) bis 9. November 1918 wütete. Es war das grösste und blutigste Völkerringen, das je die Erde sah! Deutschland mit seinen drei Verbündeten (Oesterreich, Bulgarien und Türkei) führte gegen 22 Nationen einen Verteidigungskrieg auf Leben und Tod. Unvergleichliche Heldentaten haben unsere deutschen Heere zu Land und zu Wasser vollbracht und standen bis zuletzt durch Waffen unbesiegt einer zwölffachen Uebermacht gegenüber in der Feinde Länder! Annähernd zwei Millionen deutscher Soldaten haben ihr Leben gelassen zum Schutze des bedrohten Vaterlandes; Aus unserer Kirchengemeinde Seyda starben 123 Krieger den Heldentod!

(Diese Zahl stimmt nicht mit den Toten auf der Gefallenentafel überein.)

Auch die heimatliche Bevölkerung, die alles Edelmetall wie Gold, Silber, Kupfer usw. auf den Altar des Vaterlandes legte, brachte und erduldete die grössten und schwersten Opfer der Entsagung und Entbehrung! Da Deutschland durch die feindlichen Land- und Seemächte von jeglicher Zufuhr von Lebens- und Existenzmitteln abgeschnitten war, stieg die Not unseres Volkes immer mehr. Alle Lebensmittel wurden proportioniert, d.h. jede Person erhielt - unter strenger staatlicher Kontrolle - nur auf sogenannte Lebensmittelkarten ein bestimmtes, kaum ausreichendes Quantum an Brot, Fleisch, Milch, Butter, Kartoffeln, Mehl usw.; auch die Bekleidungsstücke wurden rationalisiert! Der teuflische Plan der Entente, wie sich die alliierten feindlichen Mächte nannten, Deutschland durch Aushungern niederzuzwingen, wirkte sich immer fühlbarer und drückender aus. Die Kräfte unseres Volkes – sowohl die leiblichen und die seelischen – erschöpften sich immer mehr, während die Feinde aus allen ihren Ländern stets neue Hilfsquellen auch an Kriegs- und Menschenmaterial zuströmten. Nach über 4jährigem heldenmütigsten, in der Geschichte einzig dastehenden Ringen kam es am 9. November 1918 zu einem innerlichen Zusammenbruch Deutschlands, der katastrophale Wirkungen nach sich zog.

Die Flamme der Revolution, von staatsfeindlichen Elementen im Geheimen vorbereitet und geschürt, brach plötzlich hervor, breitete sich mit Sturmeseile über ganz Deutschland aus und griff auch auf den größten Teil unserer Truppen über, die die Waffen niederlegten und im aufgelösten Zustand zurückfluteten. Nur die unbesiegten Fronttruppen aus dem Westen kehrten unter Führung des greisen Generalfeldmarschalls von Hindenburg in Zucht und Ordnung zurück; nur diesen ist es zu verdanken, dass der drohende Bürgerkrieg verhütet wurde. Das deutsche Kaiserreich geht in Trümmer. Kaiser Wilhelm II. wurde zur Abdankung gezwungen und nahm seine Zuflucht nach Thorn in Holland, wo er „in Verbannung“ lebt, ähnlich wie früher Napoleon I. auf St. Helena. Alle deutschen regierenden Fürsten wurden entthront, Deutschland wurde zur „Republik“ erklärt, bestehend aus den einzelnen „Freistaaten“. Der erste vom deutschen Volke gewählte Reichspräsident war der Führer der Sozialdemokratie, Fritz, (Friedrich Ebert, T.M.) der 1925 starb. Sein Nachfolger, ebenfalls durch Volksabstimmung gewählt, ist der oben genannte Gen. Feldm. Von Hindenburg, der ruhmreichste Heerführer im Weltkrieg, der trotz seines hohen Alters von 78 Jahren das schwere, verantwortungsvolle Amt des Reichspräsidenten übernahm und dasselbe mit großer Umsicht und Tatkraft versieht. Erdrückend waren und sind die Kriegsentschädigungen und Tribute, die die Siegerstaaten, wie sich unsre Feinde jetzt nannten, in unversöhnlichem Hass im Frieden von Versailles unserm Volk aufbürdeten, dass sie in lügenhafter Weise für die Schuld am Ausbruch des Krieges verantwortlich machen. Von den schweren Friedensbedingungen, die uns auferlegt wurden, seien nur einige erwähnt: Wegnahme ehemaliger deutscher Reichsgebiete, wie Elsaß-Lothringen (an Frankreich), der Provinz Posen, ebenso der sog. polnische Korridor, der Polen mit der Ostsee verbindet und West- und Ostpreussen vom deutschen Reiche trennt, einen Teil Oberschlesiens mit den reichen Kohlengruben, ebenfalls an Polen, den nördlichsten Teil von Schleswig-Holstein an Dänemark usw., Verbot der allgemeinen Wehrpflicht (Deutschland darf nur eine kleine Reichswehr von 100.000 Mann unterhalten, während die Ententestaaten immer weiter rüsten). Raub unserer sämtlichen deutschen Kolonien. Besatzung des linken Rheinufers mit feindlichen Truppen auf 5 bis 15 Jahre. Die Höhe der Kriegstributionen steht bis heute noch nicht endgültig fest, doch dürften sich dieselben auf über hundert Milliarden Goldmark belaufen. Alljährlich muss Deutschland über 2 Milliarden Goldmark an die Ententeländer abführen, so dass noch Generationen unseres Volkes unter dieser ungeheuren Schuldenlast seufzen und harte Frondienst leisten müssen. Die Vermögenssubstanz unseres Volkes schmilzt immer mehr zusammen; Deutschland, das einst so reich und blühend war, sinkt auf die Stufe völliger Verarmung und Versklavung herab. Am schlimmsten war die Zeit der sogenannten Inflation, der Geldentwertung, die bald nach dem Zusammenbruch einsetzte und im Jahre 1923 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Alles wurde nach dem amerikanischen Dollar, der seinen stabilen Friedenskurs bewahrt hatte, bemessen. Die deutsche Friedensmark, die früher den Wert eines ¼ Dollars hatte, verlor von Tag zu Tag an Kaufkraft; ihr Kursrückgang vollzog sich rapid und in erschreckender Weise, sie entsprach zunächst 100, dann 1000, dann 10000, 100000, dann einer Million Papiermark, zuletzt gleich einer Milliarde, dann hundert Milliarden und endlich einer Billion, gleich tausend Milliarden. Man rechnete nur noch nach Milliarden und Billionen. Immer neue, immer höher lautende Geldscheine wurden gedruckt, die früheren wurden als wertlos weggeworfen oder die Kinder spielten damit. Wir legen in den Turmknopf einige dieser Inflationsgeldscheine bei, die von Deutschland in größter Not zeugen und der Nachwelt als Kuriosa erscheinen werden. Am schlimmsten litten die Beamten unter dieser Geldentwertung, denn sie erhielten ihr Monatsgehalt, als es völlig entwertet war. Auch die alten, noch aus der Vorkriegszeit stammenden Banknoten über 100 und 1000 Friedensmark wurden als wertlos bezeichnet. Erst gegen Ende von 1923 kam es zu einer sogenannten Stabilisierung, indem 1 Billion Papiermark gleich einer neuen Reichsmark oder neuen Goldmark festgesetzt wurde. Nun erst zeigte sich die ganze verheerende Wirkung der Inflation, der ungeheure Vermögensverlust des Volkes sowie des einzelnen. Die Staatsregierung erklärte auch die früheren mündelsicheren Anleihen als entwertet und speiste die Altbesitzer, d.h. diejenigen, die ihren Besitz an Wertpapieren usw. bis 1922 nachweisen konnten, mit einer sogenannten Aufwertung, d.h. einer Entschädigung bis 12 ½ % ab, aber erst zahlbar durch Auslosung im Laufe von 30 Jahren! Wer also sein Vermögen früher in „sicheren“ Staatsanleihen, preussischen Konsols, Provinzial- und Städteanleihen angelegt hatte, verlor also glatt 87 ½ % seines ehemaligen Besitzstandes, während der Rest ihm möglicherweise erst in Jahrzehnten ausgezahlt wird.

Dem Beispiel des Staates folgten die Banken, die Sparkassen, die die Einlagen auch nur bis 12 ½ % aufwerteten, nur den alten Hypothekforderungen wurde eine Aufwertung bis zu 25 % zugesprochen. Infolgedessen verarmten die früher Vermögenden fast völlig; auch diejenigen, die sich für das Alter Ersparnisse zurückgelegt hatten, gingen derselben verlustig und sind heute nur auf kleine Staatsrenten, die kaum zum notdürftigsten Lebensunterhalt ausreichen, angewiesen.

Auch unsere hiesige Kirchengemeinde Seyda, die einst über ein grosses Vermögen verfügte, wurde schwer betroffen. Das Gut Mark Zwuschen, das ca. 1.200 Morgen umfasste und als Pfründe zur Oberpfarre gehörte, war im Jahre 1913 (1908! T.M.), also kurz vor dem Krieg, verkauft, und der Erlös von über 100.000 Reichsmark in mündelsicheren Staatspapieren angelegt worden - ist nun dahin! Zwar besitzt die Gemeinde Seyda noch einige Kirchen- und Pfarrländereien, aber die Einnahmen reichen zur Bestreitung der kirchlichen Bedürfnisse und zum Pfarrgehalt bei weitem nicht aus, so dass jetzt Kirchensteuern erhoben werden müssen, z. Zt. betragen dieselben 6% der Staatseinkommenssteuer, sowie 12 bis 20% der Realgrundsteuern und bedeuten eine weitere Belastung für die durch Abgaben aller Art schon bedrückten Gemeindeglieder. Die Steuerschraube ist bis zum äussersten angezogen und erfasst alle Einkünfte und jeden Vermögensbestand, sodass an Ersparnisse nicht mehr zu denken ist. Auch zehren die Kriegsschulden alles auf. Trotz der Stabilisierung der deutschen Reichsmark herrscht eine allgemeine Preissteigerung; alles ist heute doppelt, ja dreifach so teuer wie in der Vorkriegszeit.

Was die evangelische Kirche anbetrifft, so steigert sich ihre Notlage immer mehr. Auf Betreiben der sozialistischen Parteien ist die Trennung von Staat und Kirche vollzogen worden! An Stelle der Landesfürsten, die früher das Amt eines summus episcopus bekleideten, ist jetzt der sogenannte Kirchensenat getreten. Dann folgt der E(vangelische) O(berkirchen) R(at), dem die Konsistorien unterstehen! – Gegenwärtig leistet der Staat noch einen grösseren Zuschuss zur Besoldung der Geistlichen. Wenn aber einmal dieser Zuschuss aufhört, dann wird die Gehaltsfrage zu einem äusserst schwierigen Problem sich gestalten. Schon heute herrscht ein außerordentlicher Mangel an jungen Pfarrern. Die Anzahl der Theologiestudierenden ist auf ¼ der Vorkriegszeit zurückgegangen. Viele Pfarrstellen (in der Provinz Sachsen allein über 400) können nicht mehr besetzt werden und müssen von Nachbargeistlichen mitversorgt werden. Auch die hiesige 2. Pfarrstelle, das sogenannte Diakonat, ist seit 1921 vakant und wird von dem Inhaber der ersten (Ober)pfarrstelle mitverwaltet. Ob es je wieder zur Neubesetzung des Diakonats kommen wird, erscheint sehr fraglich. Auch ist die frühere Superintendentur Seyda seit etwa 30 Jahren eingegangen, die Gemeinden wurden der Sup. Zahna zugeteilt, doch ist auch die Sup. Zahna voriges Jahr (1928) hauptsächlich wegen Ersparnis der Verwaltungskosten aufgelöst worden. Seyda ist gegenwärtig der Ephorie Jessen angeschlossen, der auch die frühere Sup. Prettin angegliedert wurde. An der Spitze des Kirchenkreises Jessen steht der fast 70jährige Oberpfarrer und Sup. Hosch in Jessen.

Auch sonst trägt die evangelische Kirche das Kleid der Armut und Not. Während des Krieges wurden auf staatliche Anordnung fast überall die Kirchenglocken und Orgelpfeifen beschlagnahmt und abgenommen, um daraus Kriegsmaterial herzustellen, eine Art Sacrilegium, das sich bitter rächte, denn von jener Zeit an wich der Segen Gottes von unserm Volk. Auch unsere Gemeinde Seyda musste von ihren zwei Kirchenglocken eine abliefern, sowie die Orgelpfeifen; bis heute ist es aber der Gemeinde nicht möglich gewesen, dieselben zu erneuern; doch hoffen wir, dass es uns mit Gottes Hilfe durch jährliche Rücklagen und freiwillige Gabensammlungen bald gelingen wird, wieder eine zweite Kirchenglocke anzuschaffen und die Orgel wiederherzustellen. Auch das Innere der Kirche bedarf dringend einer gründlichen Renovation, doch fehlen uns dazu die erforderlichen Mittel...

Was nun das religiöse und kirchliche Leben anbetrifft, so hat dasselbe durch den Krieg mit seinem unglücklichen Ausgang die schwersten Erschütterungen erlitten. Ein fühlbarer Zug der Gottentfremdung und des Unglaubens sowie eine antireligiöse und antikirchliche Bewegung geht durch unser deutsches Volk... Die Jugend soll ohne Religion erzogen werden, die christliche Glaubens- und Sittenlehre soll durch sogenannte Morallehre ersetzt werden.

Hier in Seyda sind bisher keine Kirchenaustritte erfolgt. Selbst die Arbeiter, die sozialistisch und kommunistisch eingestellt sind, halten an der kirchlichen Sitte der Taufe und Konfirmation sowie der kirchlichen Trauung und Bestattung durch den Pfarrer fest; aber den kirchlichen Gottesdiensten, Abendmahlsfeiern und sonstigen kirchlichen Veranstaltungen bleiben sie möglichst fern. Auch haben hier in Seyda die mannigfachen Sekten, die sich überall regen, und unter denen besonders die V.E.B. (Ernste Bibelforscher) (nennen sich erst seit 1931 „Jehovas Zeugen“) und die Weissenberger große Propaganda machen, bis jetzt keinen Fuß fassen können, nur eine kleine Familie bekennt sich zu der letztgenannten Sekte.

Sehr beklagenswert und folgenschwer ist die immer fortschreitende Entsittlichung unsres Volkes, namentlich des größten Teiles unserer deutschen Jugend. Der Sonntag wird immer mehr entheiligt und immer weniger geachtet; der Kirchenbesuch ist im Vergleich zur Vorkriegszeit erheblich zurückgegangen; er umfasst hier in Seyda an gewöhnlichen Sonntagen durchschnittlich gerechnet ca. 40-50 erwachsene Gemeindeglieder (vorwiegend Frauen), dazu kommen noch ca. 15 Lehrlinge der Landwirtschaftlichen Lehranstalt und einige Konfirmanden. An den Fest- und Feiertagen ist die Kirche gefüllt. Die Zahl der Abendmahlsgäste in Seyda betrug im vergangenen Jahr 1928 insgesamt 525. In den Filialdörfern Mellnitz und Morxdorf ist der Kirchenbesuch reger. Erschreckend ist der allgemeine Geburtenrückgang in unserm Volk, der auf 1/3 der Vorkriegszeit gesunken ist. Gegenwärtig halten sich die Geburts- und Todesfälle fast das Gleichgewicht...  Die Zahl der unehelichen Geburten wächst. Auch werden die Eheschliessungen reiner Brautleute immer seltener. Die Zahl der Geburten in der Stadt Seyda betrug im letzten Jahr 23, die der Todesfälle 22. Auch ist die Zahl der städtischen Einwohner in den letzten Jahren gegenwärtig auf 1.445 Seelen gesunken. Obgleich Seyda durch die täglich mehrmalige Post- und Personenautoverbindung mit Zahna aus seiner Entlegenheit den Verkehrszentren näher gerückt ist, dürfte wohl in absehbarer Zeit kaum mit einem Wachstum und Aufschwung der Stadt zu rechnen sein.

Was noch besonders am Mark unsres Volkes zehrt, ist eine Vergnügungs- und Verschwendungssucht in solchem Ausmaß, wie man es nie im Vergleich zu der früheren schlichten und sparsamen Lebensweise des deutschen Volkes für möglich gehalten hätte. Trotz aller Notlage und der herrschenden Teuerung fröhnt der überwiegende Teil unsres Volkes einer Genusssucht, wie man sie früher noch nicht kannte. Dass diese Zustände der wachsenden Gottentfremdung, des Abfalls vom Glauben und die Entsittlichung unser Volk immer mehr dem Verderben entgegentreiben müssen, muss jeden ernsten und wahren Vaterlandsfreund mit schwerer Besorgnis erfüllen. Wir können nur Gott bitten, dass er sich unsres armen, verblendeten Volkes erbarme und es mit seines heiligen Geistes Kraft zur religiösen Wiedergeburt und zur sittlichen Erneuerung erwecke.

Wir wollen auch angesichts aller schwerer Bedrängnisse und Zustände unserer Evangelischen Kirche nicht verzweifeln, sondern mit dem Psalm 46 bekennen und rühmen: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ Auch wollen wir festhalten an der Verheißung des Herrn unserer Kirche Jesu Christi, dass die Pforten der Hölle seine Gemeinde nicht überwältigen sollen, wenn dieselbe nur festgegründet bleibt in dem Glauben an ihn, den hochgelobten Sohn Gottes (Mt 16,18).

Ganz besonders sei unsere evangelische Kirchengemeinde und Stadt Seyda der Gnade, dem Schutz und Segen Gottes befohlen. Geschrieben und unterzeichnet

Seyda, den 24. Mai 1929

Pfarrer Dr. phil. Theodor Graf (seit dem 1. September 1926 in die hiesige Pfarrstelle berufen).“

 (Es folgt eine Liste der Körperschaften und der Kirchenbeamten. Quelle ist eine Abschrift aus dem Pfarrarchiv, Findbuch Nr. 95, in dem die Namen dazu auch nicht genannt sind.)

 

Der Blitzableiter kam im Jahre 1931 auf den Turm, auf amtliche Verfügung hin, und auch auf Drängen des Bürgermeisters Wienicke.

 

Die Hoffnung, dass der „Nationalsozialismus“ eine Verbesserung der Lage des Landes und auch ganz persönlich bringen würde, ergriff viele. Das kam auch in Seyda bei verschiedenen Feierlichkeiten zum Ausdruck. Im August 1933 konnte endlich die zweite Glocke wieder ersetzt werden, die im Weltkrieg abgegeben worden war. Das schien wie ein Zeichen einer neuen, besseren Zeit zu sein. Auf der Glocke war zu lesen:

 

„1917 O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort 1933

Wach auf, Wach auf, du deutsches Land

du hast genug geschlafen

Bedenk, was Gott an dich gewandt,

wozu er dich geschaffen

Bedenk, was Gott dir hat gesandt

und dir vertraut sein höchstes Pfand,

drum magst du wohl aufwachen!“

 

Die Glocke wurde auf einem mit Blumen geschmückten Wagen durch die Stadt gefahren und dann - alle Schulkinder mußten anfassen - an einem Strick den Turm hinaufgezogen. Die „Heimatgrüße“ berichteten:

„Seyda, 22. August. Das diesjährige Kinderfest erhielt in diesem Jahre dadurch eine ganz besondere Note, dass es seinen Anfang mit der Einholung unserer neuen zweiten Glocke nahm. Der Rollwagen mit der festlich geschmückten Glocke nahm in der Triftstraße Aufstellung. Dort versammelten sich die kirchlichen Körperschaften und die SA. Die Glocke selbst wurde geleitet von jungen Mädchen des Jugendbundes. Auf dem Marktplatz erwartete eine große Menge den Wagen mit der Glocke, der dann am Denkmal (Kaiser Wilhelms am Eingang der Bergstraße zum Markt) hielt. Die Kapelle intonierte zu Beginn das Lied „Lobe den Herrn“. Die Menge sang gemeinsam die ersten 3 Strophen dieses Liedes. Schulkinder, Knaben und Mädchen in bunter Reihe, trugen Stellen aus Schillers unsterblichem „Lied von der Glocke“ vor. Pfarrer Mücksch ergriff dann das Wort, indem er etwa folgendes ausführte: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute!“ Das sind die gewaltigen Grundtöne, die sich heute zu einem vollen Zusammenklang vereinen und immer weiter klingen sollen: Freude und Friede. Unter dem Zeichen der Freude steht heute unsere Stadt...

Der eherne Mund der Glocke will unser Volk aufrütteln mit dem Mahnen zum Worte Gottes. Die Glocke will unser Leben begleiten. Wenn wir unsere Kinder zur Taufe tragen, wenn zwei Menschen ihre Hände zu gemeinsamem Lebensweg ineinander legen, sie wird ihre Sprache vom Gotteswort und von seinem ewigen Ernst sprechen. Sie will unsere Gemeinde am Sonntag zur heiligen Feierstunde rufen. Und sie wird auch einmal über dem offenen Grabe ihre Stimme erheben, das auf Deinen letzten Gang wartet. Wenn die Glocke läutet, so wollen wir bedenken, was uns anvertraut ist. Ein Unterpfand zur Freude und zum Frieden. Darum: „Wach auf, wach auf du deutsches Land, du hast genug geschlafen!“

(HG 9/1933).

Diese Glocke wurde 1944 wieder abgehängt, sie musste zu Rüstungszwecken abgegeben werden.

An ihre Stelle trat eine Glocke aus Stahl, 1956 gefertigt, mit der Inschrift: „Lasst Euch versöhnen mit Gott!“

Dieses Wort des Paulus war hineingesprochen in eine Zeit nach schlimmsten Kriegserfahrungen: Deutschland hatte wiederum einen Weltkrieg entfacht und millionenfaches Leid in viele Völker getragen, schließlich war es zurückgekommen bis in die Heimat, nach Seyda. 1956 – das war auch die Zeit des Kalten Krieges, der Unversöhnlichkeit zwischen den Machtblöcken in Ost und West. Und es war die Zeit, als die Kirche mehr und mehr ins Abseits kam. Die Zahlen sprechen für sich: 1950: 70 Konfirmanden. 1960: 3. Die Kirche wurde als Vertreterin des Alten an den Rand gedrängt; sichtbares Zeichen dafür waren auch die großen Putzschäden, die nach Jahrzehnten am Kirchturm entstanden, und das Abblättern der Farbe im Inneren und an der Kirchtür.

 

Im Jahre 1935 war die Kirche neu ausgemalt worden, so auch der Vorraum zur Kirche, im Turm. „O Land, Land, Land höre des Herrn Wort“ – das sind Worte aus dem Propheten Jeremia. Pastor Ostermann, der die Sprüche für die Kirche wohl aussuchte, schrieb unter anderem im Gemeindeblatt davon, dass sich durch die Abwendung von Gott und der Kirche die Gefängnisse füllten, die Familien zerbrechen würden, viel Leid entstünde. Die Buchstaben Alpha und Omega sowie CHi und Rho weisen daraufhin, dass CHRistus der Anfang und das Ende von allen Dingen ist. Das ist eine sehr tröstliche Mitteilung. Dietrich Bonhoeffer entwickelte in diesen Jahren den Gedanken von dem „Letztem“ und dem „Vorletztem“: Jesus Christus spricht das letzte, das endgültige, entscheidende Wort über unser Leben, zeitlich und qualitativ.

Unter der Treppe hat sich auch der Malermeister Richard Mechel verewigt, damals, 1935.

 

Freilich gab es auch in DDR-Zeiten Anstrengungen, die Kirche zu erhalten. Der Orgelmotor mit dem großen Blasebalg, der die Luft ausgleicht, kam in die erste Etage des Turmes, in den fünfziger Jahren. 1966 sollten die Ziffernblätter der Turmuhr einmal erneuert werden, das war nicht möglich, 1981 wurde wieder ein solcher Antrag gestellt. Schließlich blieb die Uhr stehen.

 

Einen schönen Holzschnitt hat Diakon Solbrig in diesen Zeiten von der Kirche angefertigt. Er fand und findet vielfältig Verwendung. Wenn der Kirchturm auch äußerlich nicht gut aussah, so gab es doch auch in Seyda etliche Leute, die ihre Kirche lieb hatten und am Glauben festhielten.

 

Die Wende kam, 1990.

Pfarrer Podstawa, der früher Schlosser gewesen war, rüstete selbst den Kirchturm ein. Frau Gertraude Lenz und Herr Otto Lehmann halfen ihm dabei.

Der Kirchturm bekam neuen Putz und frische Farbe, und die Turmkugel mit dem Kreuz wurden erneuert. Pfarrer Podstawa schrieb für die Turmkugel:

„Am Mittwoch, den 1. Juli 1992, wird durch die Firma Paditz aus Lommatzsch in Sachsen die Bekrönung des völlig renovierten Turmes der Seydaer Kirche durchgeführt. Dies war seit 1933 die erste gründliche Erneuerung – also seit fast 60 Jahren.

Was wurde alles getan, und welche Firmen beteiligten sich daran? Der Turm erhielt ein neues, zugleich in Kupferblech eingefasstes, Schieferdach. Er wurde verputzt und gestrichen, Fenster und Schallluken wurden erneuert, eine vergoldete Turmkugel mit Kreuz hergestellt, neue Zifferblätter für die Turmuhr.

Daran mitgearbeitet haben die Firmen: Baugeschäft Günter Sommer – Seyda, Zimmerei Otto Werner & Sohn, Gadegast, Dachdeckerei Wilfried Meusel – Morxdorf, Elektromeister Bittner – Elster (Blitzschutz), Malerei PGH aus Jessen, Tischlereimeister Schudde – Seyda und die oben erwähnte Kupferklempnerei Ernst Paditz & Sohn aus Lommatzsch bei Meißen.

Die Bauzeit war von März bis Juni 1992.

An vielen Kirchen wurde in dieser Zeit gebaut. Warum eigentlich erst jetzt? Was war geschehen? Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler Deutschlands gewählt. Seine Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP, „Nazis“) wurde einzigste Partei in Deutschland - das „3. Reich“ war entstanden. Deutschland sollte in der Welt etwas Einzigartiges darstellen. Viele glaubten daran, hegten neue Hoffnungen nach Inflation und Niedergang. Aber die Nazis hatten ein Programm: Ausrottung des Judentums, jeglicher Opposition und anderer Rassen - Mißbrauch des Christentums. Um diese Ziele durchzusetzen, begann man 1939 einen Krieg, der sich zum 2. Weltkrieg entwickelte und 52 Millionen Menschen das Leben kostete. 6 Millionen Juden wurden in Konzentrationslagern ermordet und viele andere mit ihnen. Fazit: Die ganze Welt stellte sich gegen Deutschland - 1945 wurde es besiegt. Unter den Siegermächten USA, England, Frankreich und der Sowjetunion wurde Deutschland in 2 Gebiete aufgeteilt: Ost und West. Der Osten wurde von Rußland und seiner Kommunistischen Partei beherrscht, der Westen besonders von Amerika beeinflußt. Es entstanden zwei wirtschaftspolitische und militärische Zonen: Die Bundesrepublik Deutschland mit der „Nato“ und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit dem Warschauer Pakt. Es waren „2 Welten“ entstanden - die Zeit des Kalten Krieges. Die Menschen in Europa - und besonders in Deutschland - litten darunter. Mitten durch Deutschland ging eine Grenze. Diese Grenze wurde 1961 durch eine Mauer und Stacheldrahtzäune befestigt und somit auch unüberwindbar. Auf flüchtende Menschen wurde geschossen. Einwohner hüben und drüben konnten sich kaum oder gar nicht begegnen. Sie lebten sich auseinander. Auch mit den Kirchen war es ähnlich. Man versuchte, die Einheit zu wahren, aber es gelang auf Dauer nicht. So gab es einen Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR und die Evangelische Kirche in Deutschland (West). Fast niemand glaubte, daß sich daran noch einmal etwas ändern könnte. Doch Gottes Gedanken und Wege sind nicht unsere Wege. Da tauchte im großen Rußland ein Mann auf - namens Michael Gorbatschow. Er übte nicht nur harte Kritik an der Art des Kommunismus in seinem Land, sondern er veränderte auch. So entstand eine Bewegung, durch die das Weltreich des Kommunismus, „die große Sowjetunion“ auseinanderbrach.

Im November 1989 wurde die DDR - unter Beeinflussung dieser Vorgänge - durch eine friedliche Revolution nach 40 Jahren verändert. Am 3. Oktober 1990 hörte sie auf zu existieren. Es gab eine einheitliche Währung, die D-Mark, und Deutschland erlangte wieder seine Einheit und Souveränität. Vieles hat sich verändert: zum Guten wie zum weniger Guten - Menschen sind erleichtert, aber auch verängstigt und unsicher. Viele Menschen haben keine Arbeit, soziale Nöte greifen um sich.

Im Rahmen eines großen Bau- und Erneuerungsprogramms in den 5 neuen Bundesländern konnten auch die Kirchen in Seyda und Morxdorf teilweise renoviert werden.

An der friedlichen Revolution hatten die Kirchen großen Anteil - heute ist die Kirche weithin nicht gefragt.

Wir hoffen aber, daß wir nicht „Museen“ ausbauen, sondern Kirchen, in denen sich die Gemeinde trifft und nach dem Evangelium lebt.

Seyda, im Juli 1992

Wo der Herr nicht das Haus baut,

so arbeiten umsonst, die daran bauen!            Psalm 127,1

Podstawa, Pfarrer.“

 

Der Kirchturm kostete 1992 ohne Uhr insgesamt 122.000 DM, davon waren 71.500 DM Fördermittel. Von der Stadtverwaltung Seyda und die Sammlung der Abgeordneten kamen 18.404 DM, die Kirchengemeinde steuerte Geld und Sachleistungen (Gerüst!) in Höhe von 32.096 DM bei.

Die Stadtverordneten waren persönlich mit der Sammelbüchse unterwegs gewesen und sammelten dabei 3.404 DM!

An der Kirchturmbekrönung nahm auch Bürgermeister und Schuldirektor Benesch mit der 9. Klasse der Seydaer Schule teil. Es war übrigens die letzte Schulklasse, die ihren Abschluss in Seyda absolvierte.

 

Im März 1993, in Zeiten der Vakanz, schrieb der Gemeindekirchenrat Seyda unter Federführung von Superintendent Sommer aus Jessen folgenden Brief:

„Wann wird der Seydaer Kirchturm schlagen?

1992 wurden die Arbeiten am Seydaer Kirchturm fortgesetzt und bis auf kleinere Restarbeiten abgeschlossen – so stellt sich einem Betrachter, der den Turm anschaut, die Lage dar. Sogar die Ziffernblätter sind schon angebracht. So viel kann doch gar nicht mehr fehlen...

Genau hier aber liegt das Problem.

 

1. Die Zifferblätter und auch schon die Zeiger sind von der Kirchengemeinde aus Spenden und Gemeindebeiträgen bezahlt worden                        10.600,- DM

2. Die offenen Kosten für das Uhrwerk einer Funkuhr, das Schlagwerk und die Antriebe mit Zubehör und Montage betragen

laut Kostenangebot 10.106,20 DM.

Elektroinstallation für Uhr ca. + 2.000 DM

Unvorhergesehenes + 1.400 DM.

Summe der noch entstehenden Kosten: 13.500 DM.

Abzüglich schon vorhandener Uhrspenden: 7.300 DM.

Ungedeckt und noch zu sammeln sind: 6.200 DM.

 

Damit sich der Wunsch vieler Seydaer erfüllt und die Turmuhr wieder geht und schlägt, muss das Sammlungsergebnis vom Herbst noch einmal nachgebessert werden. 6.000 DM müssten doch gemeinsam in der Stadt aufzubringen sein.

 

Da in den Häusern erst kürzlich gesammelt wurde, richtet sich unsere Hilfsbitte heute direkt an die Geschäftsleute, Firmen, Vereine, Verbände und Institutionen von Seyda. Wir wissen wohl, dass sich einige bereits an den Sammlungen beteiligt hatten. Doch der für Seyda lohnende Zweck und auch die Überschaubarkeit der Aufgabe ermutigen uns, die Hilfsbitte zu stellen...“

 

Der Wunsch wurde Wirklichkeit. Im Frühjahr 1994 kam auch noch eine Läuteanlage dazu. Der Gemeindekirchenrat konnte eine neue Läuteordnung beraten. Das Abendläuten um 18 Uhr wurde wieder eingeführt!

Thomas Schudde, damals Konfirmand, baute den Kasten zur Steuerung der Läuteanlage.

 

Im Jahre 1994 kam eine Gruppe aus Handwerkern und Studenten aus Mainz zu Besuch, um beim Kirchenbau mit anzupacken. Eine umfassende Sanierung der Kirche war geplant. Der Anfang waren die Arbeiten am Turm, und der einwöchige Einsatz der Mainzer, die zusammen mit Seydaer Jugendlichen den Vorraum zur Kirche renovierten.

Im Liedheft der Kirchengemeinde steht ein Lied aus Mainz:
“Ich will einziehn in sein Tor mit dem Herzen voller Dank,

ich will treten in den Vorhof mit Preis! Denn ich weiß: Dies ist der Tag, den der Herr gemacht! Ich will mich freu´n, er hat mich froh gemacht!“

 

Der Pfarrer war zu einem Geburtstagsbesuch und fragte den Jubilanten nach seinem beruflichen Leben. Er antwortete, eigentlich wäre er ja mit 14 am liebsten Kirchenmaler geworden, aber das hätte nicht geklappt. „Kann ja noch werden!“ sagte der Pfarrer. Und so kam es, dass Herr Harald Freiwald aus der Triftstraße die Schriften und Symbole im Vorraum der Kirche erst abzeichnete und dann fein neu wieder aufbrachte, so dass sie jetzt wieder gut zu lesen sind.

Die Kirchtür wurde bereits 1993, im Zusammenhang mit den Türen im Pfarrhaus, gestrichen. Der Maler kam dazu extra eine Stunde früher als sonst, um diese Sonderarbeit zu erledigen. (Halb fünf!) Meister Bernhardt besserte die Engel aus, und Meister Hirsch jun. die Holzknöpfe. Der Originalschlüssel fand sich an, wie schon berichtet. Nun schmückt die Tür auch wieder oft eine Girlande, zur Konfirmation, zu den Hochzeiten und zur Goldenen Konfirmation.

 

1998 wurde der Kirchturm auch von innen renoviert. ABM, von der Stadt Seyda unter maßgeblichem Einsatz von Herrn Bürgermeister Benesch zur Verfügung gestellt, taten diese Arbeit –wie auch die Verschönerung des ganzen Kirchplatzes.

Eine Ausstellung zur Stadt- und Kirchengeschichte wurde von Frau Irmgard Grützbach aus Ruhlsdorf angefertigt. Der Turm konnte nun ohne Weiteres besichtigt werden – und das taten und tun viele: Seydaer, Besucher, Schulklassen, Touristen.

Man muss nur beachten, dass die Uhr zu jeder Viertelstunde schlägt, so dass man dann nicht genau neben der Glocke steht!

 

Der Turm ist in seinem  unteren Bereich der Vorraum zur Kirche. Schön, dass er oft auch durch Blumen geschmückt ist. Was zeigt dem Besucher sonst, dass er willkommen ist – und dass es hier eine gute Nachricht für das Leben gibt?

 

150 Jahre nach seiner Errichtung feiert die Kirchengemeinde ein kleines „Kirchturm-Fest“, mit Gästen aus Naundorf, Seehausen, Blönsdorf, Mügeln, Jessen – und aus Polen. Wir wollen Gott Dank sagen, dass er uns Zeichen seiner Treue schenkt, wie diesen Turm. Wir wollen Gott Dank sagen, dass er mitten unter uns, in unserer Nähe ist, wie dieser Turm.

Eine Kaffeetafel gibt es, dazu ein kleines Theaterstück um die Geschichte vom Turmbau zu Babel und die Pfingstgeschichte. Dann ein kleines Kirchturm-Quiz, und eine Dankandacht in der Kirche, mit Chorgesang und Orgelspiel.

 

In diesem Jahr hat unser Kirchturm „Geschwister“ bekommen: Im April wurde ein 27 Meter hoher Turm im Bereich des Agrarbetriebs errichtet. Er dient der Herstellung von Alkohol für Treibstoffe. Daneben ist wenige Wochen später ein Mast für Telefondienste errichtet worden. So ist der Kirchturm mit seinen 30 Metern auch nach 150 Jahren immer noch der höchste Turm in Seyda. Gott will auch, dass wir unseren Blick erheben können, neuen Mut bekommen. Daran kann uns der Kirchturm auch erinnern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Kirchturm – ein Wahrzeichen unserer Stadt, ein gutes Stück Heimat, eine Erinnerung an viele Feste unseres Lebens, der „Zeigefinger Gottes“, der die Gegenwart Gottes mitten in unserer Stadt verdeutlichen soll; 150 Jahre alt ist er in diesem Jahr.

Er ist stehen geblieben – durch stürmische Zeiten hindurch, und in der Turmkugel ist viel davon zu lesen.

In dieser kleinen Broschüre wird davon berichtet.

Wenn dafür Spenden einkommen, so sind sie für die Sanierung der neuerlichen Putzschäden am Kirchturm bestimmt.

 

 

Bilder:

Altes Bild: Kirche vor 1854.

Solbrig-Holzschnitt

Entwurf Kirchturm 1813

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Willkommen

Ämilia!

In Seyda!

In unserer Kirchengemeinde!

 

Gott, der Herr, spricht:

„Fürchte Dich nicht!

Ich habe Dich erlöst.

Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen.

Du bist mein!“

Jes 43,1b

 

 

Eine kleine Untersuchung zum Namen „Ämilia“ in den Seydaer Kirchenbüchern. Für Ämilia Fritzsche, geboren am  8.9.2003.

 

 

 

 

 

Der Name Emilie und Emilia kommt besonders im 19. Jahrhundert in allen Schichten der Bevölkerung vor. Das erste Mal 1810 – das letzte Mal 1932. Die Seydaer Kirchenbücher beginnen 1708, nach dem Stadtbrand.

 

1806 verlor Preußen die Schlacht bei Jena und Auerstedt. Französische Truppen kamen ins Land. Damit auch neue Sitten, Gebräuche, Namen... Neue Zeiten – neue Namen!

 

Die ältere Form des Namens ist Emilia, 4mal bei Geburten genannt, und zwar unter den zeitlich ersten fünf Einträgen, und dann nicht wieder.

Auffällig ist, dass insbesondere die Müller ihre Töchter oft Emilie nennen. Zweimal nennen Frauen, die Emilie heißen, ihre Söhne Emil!

1845, 1856 und 1864 wurden besonders viele Töchter in Seyda Emilie genannt. Mit dem Ersten Weltkrieg reißt die Kette plötzlich ab, nur noch vereinzelt kommt der Name vor, in Seyda bis 1932. Und nun ist er wieder da!

 

Ämilius – ein alter römischer Name (Ämilius Paulus – Vater und Sohn waren Feldherren, 216 und 168 v. Chr.). Lateinisch „aemulor“, „ich eifere nach“. Emilia ist auch eine italienische Landschaft, zwischen Appennin, Po und Adria, nach der von Placentia nach Arminum führenden Römerstraße Via Aemilia genannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Maria Regina Emilia Richter wird am 8.12.1810 in Seyda geboren und am gleichen Tag getauft, der Vater war Müller in Seyda.

 

Eine Emilia Sonneberg wurde am 25.9.1813 in Seyda geboren und am gleichen Tag getauft, der Vater war Kürschner in Seyda.

 

Eine Emilie Müller wird am 7.9.1815 in Seyda geboren und am gleichen Tag getauft.

 

Eine Luisa Emilia Bölcke wird am 27.12.1815 in Seyda geboren, am 29.12. getauft. Der Vater war „gewesener Grenadier“.

 

Eine Emilia Sophia Brumme wurde am 29.1.1822 in Seyda geboren, am 3.2.1822 getauft, der Vater war Gastwirt.

 

Eine Emilie Richter wird am 4.2.1822 in Seyda geboren und am 10.2. getauft, der Vater war Leineweber.

 

Eine Johanna Auguste Emilie Lüdicke wurde am 21.2.1822 in Seyda geboren, 25.2. getauft, der Vater war Seiler.

 

Eine Emilie Billig wird am 30.12.1825 geboren und am 6.1. getauft, unehelich, der Vater war Papierfabrikant, die Mutter aus Seyda. Sie hatte dann selbst einige uneheliche Kinder.

 

Die Frau des Stadtrichters und „Einnehmers“ Christian August Schwanebeck hieß 1827 und 1831 Emilia Carolina geb. Ziegler.

 

Der Mädchenschulmeister in Seyda Johann Christian Ziercke nannte seine Tochter 1827 Emilie Friederike.

 

Die Tochter des Seydaer Nagelschmieds Johann Gottfried Schröder wurde 1833 Emilie Augusta Schröder genannt.

 

Caroline Friederike Emilie Gerhardt, geb. 1835, war die Tochter des Schwarz-, Schön- und Waidfärbers in Seyda.

 

Der Sattler Martin Heinrich nannte seine Tochter 1837 Auguste Emilie.

 

Louis Hennig, Handelsmann in Seyda, bekam 1839 eine Tochter: Marie Emilie.

 

Die Fleischerstochter Emilie Caroline Eule wurde 1840 geboren.

 

Der Windmüller in Seyda Johann August Gaebelt nannte 1840 seine Tochter Johanne Sophie Emilie.

 

Der Tischler Johann Christian Mechel nannte seine Tochter 1841 Auguste Emilie.

 

Der Stellmachermeister Johann Gottlob Wohlrath hatte 1843 eine Tochter bekommen und nannte sie Emilie Amalie.

 

Der Seiler Hinze hatte die Tochter Emilie Auguste, 1844 geboren.

Der Schneider Weise die Tochter Johanne Emilie, 1845.

Der Böttcher Schulze 1845 die Tochter Emilie Wilhelmine.

 

Der Windmühlenbesitzer Johann Carl Scheer nannte seine Tochter Emilie Auguste, 1845.

 

Der Weißgerber Kralisch hatte die Tochter Amalie Emilie, 1845.

Auch der Ackerbürger Dümchen nannte seine Tochter Friederike Emilie.

 

Die uneheliche Tochter der Böttcherstochter Johanne Sophie Hofmann wurde Emilie Auguste genannt, 1846.

 

Auch der Windmühlenbesitzer Hermann nannte seine Tochter Caroline Emilie.

 

1847 wurde die Schuhmacherstochter Auguste Emilie Joel geboren.

 

Der Weißbäcker Carl Gottlob Rettig hatte 1847 die Tochter Emma Auguste Emilie.

 

Marie Emilie Bergmann war Leineweberstochter in Seyda, 1847.

 

Henriette Emilie Baumann war Handarbeitstochter, 1847.

 

Emilie Pauline Angermann war die Tochter eines Fleischers, 1847.

 

Der Leineweber Johann Friedrich Kampfhenkel bekam 1849 die Tochter Emilie Christiane.

 

Die Bäckerstochter Auguste Emilie Brumme wurde 1849 geboren.

 

Kantor und Knabenlehrer Wartenberg nannte 1850 seine Tochter Emilie.

 

Der Königlich Preußische Actuarius bei der Gerichtskommission Schuermann hatte 1850 und 1852 eine Frau, die Henriette Charlotte Emilie hieß.

 

Tischlerstochter Mathilde Emilie Hanf wurde 1850 geboren.

Leineweberstochter Emilie Auguste Scheffler 1850.

Emilie August Zimmermann war Leinewebermeisterstochter in Seyda, ihre Mutter hieß Emilie Sophie geb. Brumme.

 

Der Bäcker Rettig hatte 1851 die Tochter Ernestine Emilie.

Auguste Emilie Brumme, 1852 geboren, war Ackerbürgerstochter.

 

Tischlermeisterstochter Mechels Tochter hieß 1853 Emilie Louise.

Der Webermeister Zimmermann hatte 1853 eine Frau Emilie geb. Brumme.

Emilie Anna Lindner, geb. 1855, war die Tochter eines Webermeisters.

 

Minna Emilie Eule war die Tochter des Schneidermeisters in Seyda, 1855.

 

Emilie Minna Klug die Tochter des Nagelschmiedmeisters, 1855.

 

Marie Emilie Wartenberg war Tochter des Schmiedemeisters, 1856.

 

Die Frau des Mühlenbesitzers am Mittelbusch hieß 1856 Emilie Bollmann geb. Geßmann.

Und der Windmühlenbesitzer Paul (die älteste erhaltene Mühle in Seyda) nannte seine Tochter 1856 Emilie Friederike.

 

1856 wird die Kürschnermeisterstochter Henriette Emilie Schulze geboren.

Marie Emilie Bott ist im gleichen Jahr geboren, der Vater war Sattlermeister.

Friedrike Emilie Adler wurde unehelich geboren, 1856.

 

Emilie Amande Zimmermann, geb. 1857, war Tochter des Webermeisters (Mutter: Emilie Sophie geb. Brumme.

 

Johanne Emilie Richter, 1857, Vater Leinewebermeister.

Johanne Emilie Hedwig Andrag, 1857, Vater Lehrer und Küster.

 

Die Frau des Torfgräbereibesitzers Müller aus Seyda hieß 1858 Emilie Wilhelmine geb. Nauck.

 

Anne Emilie Schlüter, 1858, Vater Maurergeselle.

 

Der schon bekannte Actuarius bei der Gerichtskommission hatte 1858 eine Tochter Holdine Aroline... (Mutter. Henriette Charlotte Emilie geb. Fischer)... und 1860 die Tochter Auguste Emmy Hedwig.

 

Johanne Amilie geb. Böllig war die Frau eines Arbeitsmannes und bekam 1858 die Tochter Emilie Auguste Schwefler.

 

Louise Emilie Freydank, 1859, Vater Polizeidiener.

 

Emma Emilie Scheffler, 1859, Vater Webermeister.

Emilie Bertha Sprange, 1859, Vater Webermeister.

Marie Louise Emilie Pötzsch, 1860, Vater Drechslermeister.

 

Anna Emilies Capetos Vater war Hüfner in Lüttchenseyda, 1861 geboren.

 

Die Emilie Auguste Richter, geboren unehelich 1862, war die Enkelin eines Holzschlägers.

 

Der Tischlermeister Hanf bekam 1862 die Tochter Emma Emilie.

 

Der Webermeister Tauscher bekam 1863 die Tochter Emilie Minna, seine Frau war Caroline Emilie geb. Eule.

 

Schmiedemeister Fänger hatte 1863 die Tochter Anna Emilie.

 

Marie Emilie Deutsch, 1864 geboren, war Handarbeiterstochter.

Emilie Hermine Helene Lüdecke, 1864, Vater Seilermeister.

Emilie Auguste Lenz, 1864, Vater Handarbeiter.

Emma Emilie Dalicho, 1864, Vater Maurer.

Minna Emilie Wergner, 1864, Vater Handarbeiter.

Minna Emilie Schade, 1864, Vater Handarbeiter.

 

Emilie Anna Lenz, 1866, Vater Webermeister.

Pauline Emilie Tauscher, 1866, Vater Webermeister, Mutter Karoline Emilie geb. Eule.

 

Der Fleischermeister Hecht hatte 1867 eine Frau Pauline Emilie geb. Kegler.

 

Hermine Clara Emilie Lüdecke, 1867, Vater Seilermeister.

Anna Emilie Minna Hirsch, 1867, Vater Ackerbürger.

 

Henriette Emilie Baumann bekam 1868 eine uneheliche Tochter, sie selbst war eine Handarbeitstochter.

 

Anne Emilie Lenz, 1868, Vater Handarbeiter.

 

Emma Emilie Peisker, 1871, Vater Häusler.

Marie Emilie Anna Hirsch, 1871, Vater Ackerbürger.

 

Der Diakon Hornburg hatte 1872 und 1873 und 1874 eine Frau Emilie Franziska Therese geb. Schirlitz.

 

Anna Emilie Rühlicke, 1872, Vater Hüfner in Schadewalde.

Emilie Anna Schlüter, 1873, Vater Hüfner in Schadewalde.

 

Emilie Mathilde Hanf heiratete einen Schuhmacher Lorenz und bekam 1873 ihr erstes Kind.

Emilie Anna Lindner heiratete auch einen Schuhmacher, beide Schuhmachersfrauen bekamen 1877 und 1878 je ein Kind.

 

Emilie Wilhelmine Schulze, Tochter des Böttchermeisters, bekam 1873 unehelich einen Sohn.

 

Der Pferdehändler Alicke hatte eine Tochter Emilie, die 1873 unehelich eine Tochter Johanne Emilie zur Welt brachte.

 

Emilie Auguste geb. Scheffler hat den Maurer Köhler geheiratet und bekam 1874 ihr erstes Kind.

 

Der Ackerbürger und Standesbeamte in Lüttchenseyda, Danneberg, bekam 1875 die Tochter Emilie Bertha.

 

Der Kaufmann Otto Johannes Richter hatte 1876 eine Frau Louise Emilie Albertine geb. Beelitz, sie bekamen 1877 den Sohn Richard Bernhold Ludwig Johannes Richter...

Der Schuhmacher Ernst Louis Kohl hatte 1876 eine Frau Emilie Anna geb. Linderer.

 

Die Tochter des Polizeidieners Christian Freidank brachte 1876 eine Louise Emilie Freidank unehelich zur Welt.

 

Der Schneidermeister Polenz hatte eine Frau, die Therese Emilie geb. Müller hieß, 1879.

 

Minna Emilie Bertha Belicke, 1879, Vater Handarbeiter.

 

Der Häusler Hannemann hatte 1880 die Frau Caroline Auguste Emilie geb. Schüler.

 

Wilhelmine Emilie Retzke, 1880, Vater Häusler in Schadewalde.

 

 

Emilie Marie Hedwig, Hecht, 1881, Vater Maurer.

 

Der Klempnermeister Carl Preisegott Nitzschke hatte 1881 eine Frau Friederike Emilie geb. Zachow.

 

Emilie Emma Schlüter, Tochter von Emilie Schlüter, die eine Maurertochter war, unehelich 1881 geboren.

 

 

Die Anna Emilie geb. Capito war 1881 mit Johann Gottlob Letz verheiratet.

Der Heilgehilfe August Carl Chemnitz hatte eine Frau Caroline Emilie geb. Harnisch, 1881.

 

 

Marie Emilie Dümichen, 1882, Vater Hüfner in Schadewalde.

Anna Emilie Gertrud Lenz, 1882, Mutter Anna Emilie geb. Thümichen, Vater Musiker.

Emilie Anna Krahlisch, 1882, Vater Handarbeiter.

 

Emilie Bertha Letz, 1883, Vater Hüfner in Lüttchenseyda.

 

Der Schießhauswirt Friedrich Louis Hähner hatte 1883 eine Frau Emma Emilie geb. Haupt. Ihr Sohn: Friedrich Paul Hähner.

 

Emilie Anna Lehmann, 1883, Mutter: Marie Emilie geb. Murge; Vater Handarbeiter.

 

 

Friederike Emilie Dorothee Mechel, 1885, Vater Hausvater. (Arbeiterkolonie?)

 

Emilie Auguste Lenz heiratete 1885 den Handarbeiter Hilgendorf aus Zahna.

 

Das Ehepaar Carl Preisegott Nitzschke und Friederike Emilie geb. Zachow nannte seinen Sohn 1887 Richard Emil.

 

Hilma Emilie Marie Zierold, 1889, Mutter: Emilie Pauline geb. Dornau, Vater Maurer und Zimmermeister.

Und Emilie Frieda Elsbeth Zierold, 1893, dito.

 

Die Frau des Dr. med., praktischer Arzt in Seyda Matzdorff, hieß 1894 Emilie Friederike Auguste geb. Hädrich.

 

Marie Emilie geb. Höhne war 1894 die Frau des Ackerbürgers Richter.

Auguste Emilie geb. Kunze war 1895 die Frau des Barbiers Friedrich in Seyda.

Sie bekamen 1897 die Tochter Emilie Hedwig Martha.

 

Anna Emilie geschiedene Lenz wurde 1895 die Frau des Schneidermeisters.

Die Frau des Arbeiters Gräfe war 1895 Johanne Emilie geb. Lipsdorf.

 

Friedrich Wilhelm Reinhold Freyer, geb. 1898, war der Sohn von Auguste Emilie Freyer, unehelich, die Mutter eine Handeslmanntochter.

 

Emilie Martha            , Richter, 1898 geboren, Mutter Marie Emilie geb. Höhne, Vater Ackerbürger.

 

Der Arbeiter Andreas Friedrich Lehnert war 1898 mit Emma Emilie geb. Lindemann verheiratet.

 

Der Stellmachermeister Friedrich Hermann Eichelbaum mit Anna Emilie geb. Rülicke, 1898.

Sie bekamen 1901 die Tochter Emilie Martha Eichelbaum.

 

Der Hüfner Hecht aus Schadewalde hatte 1901 eine Frau Emilie Anna geb. Schlüter. Sie bekam Zwillinge.

 

Der Schneider Zuzel hatte 1905 eine Frau Emilie Anna geb. Freidank.

 

Emilie Erna Schulze, 1905, Vater Zimmermann.

 

Der Ackerbürger Freidank hatte 1907 die Frau Emilie Marie geb. Schüler.

Der Musikdirigent Friedrich Julius Paul Schulze (Retter des Taufsteins, Musikdirektor) hatte 1907 die Frau Anna Emilie Bertha geb. Müller.

 

 

Ernst Otto Richter, Zimmermann, hatte 1909 zur Frau: Emilie Anna geb. Lehmann.

 

Emilie Anna Margarethe Moebius, geb.1910, Vater Maurer, Mutter Emilie Anna geb. Bräsigk.

 

Die ledige Wäscherin Emilie Laurien bekam 1911 in Seyda eine Tochter.

 

Richard Wilhelm Schlüter, Hüfner in Lüttchenseyda, hatte 1913 die Frau Emilie Ida geb. Lehmann.

Ernst Otto Richter, Zimmermann in Seyda, war 1913 mit Emilie Anna geb. Lehmann verheiratet.

 

Der Ofensetzer Wilhelm Otto Nauck hatte 1919 eine Frau Emilie Martha.

 

Emilie Berta Magdalene Sieble, 1924, Vater Eisenbahnbetriebsassistenz.

 

Der Arbeiter Gottlieb Friedrich Keller hatte eine Frau Emilie Emma geb. Ettlich, 1926.

 

Hermann Richard Hans Rösler (wohnt in Seyda, Glücksburger Straße 7), wurde 1927 geboren. Sein Vater war der Fleischermeister Hans Rudolf Rösler, seine Mutter Emilie Martha geb. Eichelbaum.

 

Anna Emilie Brigitta Gräfe, 1929, Vater Landwirt in Seyda.

Emilie Gerda Richter, geboren am 17. März 1932, getauft 2. Juni 1932 in Seyda, Vater Landwirt – bisher die letzte Eintragung einer Emilie im Seydaer Kirchenbuch!

 

 

Exkurs: „Emilie“ in Morxdorf:

In Morxdorf gibt es noch heute Frau Emilie Agnes Wäldchen geb. Barth, geb. 18.10.1921.

 

Emilie Auguste Richter, 1844, aus Morxdorf (1 Jahr)

Emilie Anna Kohl, geb. 1887 in Morxdorf, Vater Häusler; heiratet einen Zimmermann und hat viele Kinder (Barth – Omnitz). Auch eine Emilie Agnes Barth, geb. 1921.

 

1871 wird ein Sohn nach seinem Vater und seiner Mutter genannt:

Karl Gottlieb Emil Senst, Vater: Johann Gottlieb, Mutter: Friederike Emilie, Vater Ortsrichter in Morxdorf

 

Eine Elsbeth Emilie Bartoloff wird am 24.7.1923 in Morxdorf geboren und dort am 2.9.1923 getauft. Der Vater besaß die Mühle. Die Mutter hieß Marie Emilie geb. Fischer.

 

 

 

 

 

 

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