Hier: Nachrichten von Mark Friedersdorf (2006 500 Jahre alt) und "Kleine Kirchengeschichte von Naundorf"

Zur Geschichte Mark Friedersdorfs.

Nachrichten aus dem Pfarrarchiv Seyda.

 

Mark Friedersdorf gehört zur Kirchengemeinde  Naundorf. Bis 1997 kam der Pastor aus Seehausen, dann aus Blönsdorf, seit dem Jahr 2000 aus Seyda. Im dortigen Pfarrarchiv liegt nun das älteste vorhandene Kirchenbuch, das „Tauff-Buch der Kirchen in Neuendorff, angefangen dem 15. Decemb. Anno Christi 1686“. So kann man durch diese Eintragungen die Naundorfer Familiengeschichten über 12 Generationen zurückverfolgen.

 

Mark Friedersdorf wird bis ins 19. Jahrhundert hinein als „wüste Mark“ bezeichnet: Das heißt, dort gab es einmal ein Dorf, aber es ist in einem Krieg, vielleicht im Dreißigjährigen Krieg oder schon früher, vollständig zerstört worden. Auch im Naundorfer Kirchenbuch sind erst 1880 zwei Taufen aus Mark Friedersdorf verzeichnet, Sterbefälle seit 1930, Hochzeiten erst seit 1935. Es kann freilich sein, dass frühere Amtshandlungen im Seehausener Kirchenbuch vermerkt worden sind.

 

Um die Naundorfer Kirche herum befindet sich der alte Friedhof. Er wurde vor 20 Jahren geschlossen. Viele schöne alte Grabsteine finden sich dort, auch von den Gutsbesitzern auf Mark Friedersdorf. Baron Gottfried Heinrich Julius von Helldorf starb am 29. Dezember 1944 und wurde dort am 5. Januar 1945 begraben, „im Alter von 67 Jahren, vier Monaten und 20 Tagen“, er war Regierungsrat außer Diensten.

 

Das Gemeindeblatt des Kirchenkreises  „Heimatgrüße“ zitiert im April 1914 für einen heimatgeschichtlichen Beitrag aus dem Staatslexikon Schumann-Schiffner, Zwickau 1883, Band 18, Seite 765: „Von der Wüstung Friedersdorf, worauf 1 Ziegelei und 1 Wind- und Schneidemühle stehen, gehört die 2. Hälfte zu Mellnitz.“

 

Die Familie des Windmüllers Nitzksche hat ihre Kindstaufen, Hochzeiten und Beerdigungen in der Kirchengemeinde Mellnitz vornehmen lassen. So hat Friedrich Ernst Nitzschke am 18. März 1930 seine Goldene Hochzeit „mit der ganzen Gemeinde in Mellnitz gefeiert“, berichtet das Mellnitzer Kirchenbuch.

 

In den Separationsakten der Feldmark Mellnitz von 1860 ist der Windmüller Ernst Nitzsche aus Mark Froedersdorf vermerkt, „eine halbe Hufe auf der Mark Froedersdorf“. Er hat ½ Scheffel Seydaer Gerstenmaß Korn an das Pfarramt in Seehausen zu zahlen. Zur Festlegung von Grenzen wurde als Anlieger auch der „Müllermeister Nitzschke in Friedersdorf“ genannt, 1859.

 

Des weiteren liegt im Pfarrarchiv ein „Extract aus dem Holzbestandregister von der Feldmark Mellnitz und dem dazugehörigen Theile der Mark Friedersdorf für den Oberpfarrer zu Seyda“ vor, der alte Feld- und Flurnamen enthält.

 

Im Seydaer Pfarrarchiv findet sich ein Gerichtsbeschluss über die Zwangsversteigerung des Gutes von „Amtmann Julius Maertens“, Mark Friedersdorf, ein Schreiben vom Amtsgericht Schweinitz 1929 .

Auch in den benachbarten Gütern Mark Zwuschen, Gentha und Ruhlsdorf haben die Besitzer in diesen Zeiten oft gewechselt. Die Böden waren nicht sehr ertragreich.

 

Kleine Kirchengeschichte von Naundorf
Naundorf ist eine flämische Siedlung, von den Flamen, die von der Nordseeküste um das Jahr 1150 hierher kamen, begründet. Das Dorf war zuerst an anderer Stelle, weiter westlich. Aus dem Jahr 1459 ist die erste schriftliche Urkunde mit dem Ortsnamen erhalten.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde auch die Kirche neu aufgebaut und bekam ihre heutige Gestalt. Der Turm ist von 1734, wie die Inschrift der Wetterfahne zeigt. Die Kirche wurde nach dem Vorbild der romanischen Feldsteinkirchen auf dem Fläming gebaut: im Süden, wettergeschützt, die Eingänge für Gemeinde und Pfarrer; die Kirche deutlich unterteilt in Gemeindekirche und Chorraum (man erkennt es an dem Mauervorsprung an der Nordwand), eine Apsis. Dass es nicht eine der bei der Besiedlung durch die Flamen gebaute Kirche ist, erkennt man auch an der fehlenden Isometrie der Steine: es war schon besserer Mörtel vorhanden, so dass die Steine nicht alle gleich groß sein und übereinandergelegt werden mußten.
Der Taufstein erinnert an die Zugehörigkeit zur Superintendentur Seyda und zur Parochie Kurzlipsdorf in alter Zeit. Die lateinische Inschrift weist darauf hin: „Diesen Taufstein zu errichten besorgte Andreas Steinbeiß, Superintendent in Seyda, und Andreas Ott, Pfarrer der Gemeinde, Kurzlipsdorf." Das Superintendenturarchiv in Seyda ist bis zum Jahre 1708 vorhanden, in diesem Jahr vernichtete ein Stadtbrand die alten Akten. Da nach 1708 kein Superintendent Steinbeiß genannt wird, muss der Taufstein also älter sein. (Die Superintendentur in Seyda wurde als Frucht der Kirchenvisitation von Martin Luther und seinen Freunden 1528 eingerichtet.) Auf deutsch sind wichtige Bibelstellen zur Taufe genannt: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden." (Jesus, Mk 16,16) - „Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes." (Jesus, Mk 10,14). „Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde." (1 Joh 1,7).
Der Altar ist ein typisch lutherischer Kanzelaltar, der die wichtigen Heilsmittel unserer Kirche verdeutlicht: Wort (Kanzel) und Sakrament (Altar, Taufe).
An der Kanzel fällt der Glashalter ins Auge: Früher waren die Predigten sehr viel länger, oft über eine Stunde. Damit es nicht zu lange dauerte, gab es eine Sanduhr, die dort stand. Ganz oben über der Kanzel ist, wie es Pfarrer Neugebauer den Kindern erklärte, das „Auge Gottes". Gott selbst kann man nicht darstellen, er ist viel zu groß. Das Dreieck ist ein Zeichen für Gott, der uns auf dreierlei Weise (in der „Trinität") begegnet: Gott, der Vater und Schöpfer; Gott der Sohn und Heiland (Jesus Christus); Gott, der Heilige Geist und Tröster. In den drei Ecken kann man jeweils eine Träne sehen. Die Wolke erinnert daran, wie Gott „in einer Wolke" dem Volk Gottes sichtbar voranging, als er es aus der Sklaverei in Ägypten führte.
Die Figuren am Altar stellen Johannes den Täufer und Petrus dar. Johannes weist auf Christus mit den Worten: „Siehe, das ist Gottes Lamm!". Petrus hat den Schlüssel zum Himmelreich in der Hand, weil er durch das Evangelium Menschen dieses Himmelreich aufschließt. Die Figuren sind hinten abgeflacht, so dass sie früher auch zu einem anderen Altar gehört haben könnten.
Bemerkenswert in der Naundorfer Kirche ist das Gedenkkreuz und das Gedenkbuch für die Gefallenen und Vermißten der Weltkriege links neben dem Altar. Die Kerzen werden am Volkstrauertag und zum Ewigkeitssonntag angezündet. Auf dem alten Friedhof befindet sich ein Gedenkstein für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, 1991 errichtet.
Vor 60 Jahren war die Kirche hellblau ausgemalt, die Decke zum Beispiel als Sternenhimmel mit Engeldarstellungen.
In den 80iger Jahren konnte in die Kirche eine Bankheizung eingebaut werden, und eine Winterkirche im Turm wurde eingerichtet, in der die Gottesdienste in der kalten Jahreszeit wie auch die Christenlehre und die Bibelwoche stattfinden. Der Kirchturm bekam 2002 seine neue Farbe.
Um die Kirche herum befindet sich von Beginn an der alte Friedhof. Lebende und Tote gehören bei Gott zusammen. Auf dem Weg zur Kirche wird man an die Ewigkeit erinnert. Der alte Friedhof wurde vor 20 Jahren geschlossen. Es finden sich noch viele schöne alte Grabsteine dort, so auch von den Gutsbesitzern auf Mark Friedersdorf.

Naundorf hat zusammen mit dem Ortsteil Mark Friedersdorf 199 Einwohner, ungefähr 60% gehören zu unserer Kirchengemeinde.
Schon seit sehr langer Zeit gehörte Naundorf zur Parochie Seehausen, erst im Jahr 2000 gab es einen Wechsel nach Seyda, wegen der Landesgrenzen.
Die wichtigsten Gemeindeveranstaltungen sind zur Zeit:
n der Gottesdienst, den wir alle vierzehn Tage feiern;
n der Gemeindenachmittag einmal im Monat,
n jeden Montag die Christenlehre
n und einmal im Jahr die Bibelwoche.

 Einer muss uns aufnehmen – das hat Jesus gesagt.

 

Der 17. Juni 1953 im Seydaer Pfarrhaus.

Eine Recherche nach 50 Jahren.

 

 

 

„Ich bin ein Fremder gewesen, und Ihr habt mich aufgenommen... Was Ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir getan.“

Jesus Christus, nach Matthäus 25,35.40

 

1953: Das war eine schwere Zeit! Nach Nazi-Diktatur, Krieg, Zusammenbruch kam der „Kalte Krieg“, und er wurde auf beiden Seiten mit äußerster Härte und oft auch mit größter Brutalität geführt. Die Kirchengemeinde in Seyda war mittendrin in diesen Zeiten, und es wurde ihr geschenkt, dass durch sie an einer Stelle das Licht des Evangeliums leuchten konnte wie ein Stern in der dunklen Nacht.

 

„Nun aber bleiben: Glaube, Hoffnung, Liebe: Diese drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“

(1 Kor 13,13 - Pfarrer Hagendorf in seinem letzten Brief nach Seyda)

 

 

 

Den tapferen Frauen

im Seydaer Pfarrhaus

in Dankbarkeit gewidmet

 

Ruth Hagendorf

Gertrud Lent

Renate Mauer

Waltraud Schlauraff

Anka Schaeper

Christel und Lotti Podstawa

 

 

 

 

 

 

Nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 fanden Streikführer aus Wolfen und Bitterfeld Zuflucht im Seydaer Pfarrhaus. Einer von ihnen war Wilhelm Fiebelkorn. Er lebt heute als Lehrer im Ruhestand in Hessen. Von ihm konnte ich erfahren, was sich damals zutrug. Zunächst folgen seine schriftlich niedergelegten „Erinnerungen an die Vorgänge des 17. Juni 1953“. Daraus wird deutlich, um was es ging. Dann hat er mir mündlich erzählt, wie er nach Seyda und von dort in die Freiheit gelangt ist. Dieser Bericht schließt sich an. Deutlich davon abgesetzt habe ich Ergänzungen aus anderen Quellen.

 

Herzlichen Dank an Familie Fiebelkorn für ihre Auskünfte!

 

Thomas Meinhof, Pfarrer in Seyda

1.12.2003

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wilhelm Fiebelkorn berichtet:

 

Vorgeschichte

Es ist der 16. Juni 1953. Ein frühsommerlicher Nachmittag. Meine schulischen Vorbereitungen habe ich erledigt. Um mich zu entspannen, unternehme ich eine Radtour von Bitterfeld nach dem 5 Kilometer entfernten Friedersdorf. Meine Frau mit den beiden Kindern hält sich bei ihren Eltern auf. Dort schlendere ich in Begleitung eines Bekannten durch das Dorf. Ein mir bekannter Handwerksmeister spricht mich an: „Herr Fiebelkorn, wissen Sie schon das Neueste?“ Ich verneine. Was soll es schon Neues geben nach Stalins Tod? Die Regierung hat nachgegeben in Punkto Kirchenfragen, eine Sache, die uns alle bewegte, denn wir sahen die beiden Kirchen als das Bollwerk gegen den Bolschewismus an. Auf der anderen Seite waren die Preis-, Steuern- und Normschrauben wieder angezogen worden. Auf Protest der Arbeiter wurde die Normsteigerung wieder zurückgenommen. Ich schaute den Fragenden wartend und mit der Schulter zuckend an. „Was ist?“ fragte ich. „In Berlin streiken die Bauarbeiter der Stalinallee. Der RIAS (Rundfunk Im Amerikanischen Sektor, aus West-Berlin) hat das gemeldet. Alle Stunden gibt er Berichte. Der nächste ist um 17 Uhr fällig.“ Ungläubig hörte ich ihn an. „Komm mit“, wurde er vertraulich, „der RIAS läuft bei mir. Er geht nicht mehr aus.“ Ein Schauer von Gefühlen durchzog mich. „Ich kann es gar nicht glauben! Das muss ich hören! Eher geht die Welt unter, als dass der deutsche Arbeiter streikt,“ warf ich ein, um nur etwas zu sagen. (Ein Zitat von Lenin. Er spottete, die deutschen Revolutionäre würden bei der Besetzung eines Bahnhofs vorher eine Fahrkarte lösen.) Dann waren wir bei ihm. Im Zimmer befanden sich seine Frau und Kinder sowie auch noch einige mit der Familie befreundete Nachbarn. Dann kam die Meldung. Ich war wie betäubt von der in mir aufsteigenden Begeisterung. Ich war glücklich: „Seit heute morgen um 10 Uhr streiken die Bauarbeiter der Stalinallee. Sie gingen auf die Straße und protestierten gegen die Normerhöhung. Auf dem Marsch zum Ostberliner Ministerium schlossen sich im Nu Tausende und Abertausende von Menschen an. Ihre Teilnehmer werden auf Zehntausende geschätzt. Aus diesem Proteststreik ist eine Volkslawine geworden. Aus der Unzufriedenheit über die Normerhöhung wurden in Sprechchören auch Unmutsäußerungen gegenüber der Regierung in Ostberlin laut. Einige Forderungen der Sprechchöre: ´Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille! Wir fordern den Rücktritt des Ulbricht-Regimes! Wir fordern ein Ende der Norm, Steuern- und Preisspirale!´“

So ähnlich kam damals die Meldung durch den RIAS. Ich konnte es nicht fassen. Wir sprachen noch etwas. Was, weiß ich nicht mehr, vielleicht so: „Dazu sind die mitteldeutschen Arbeiter gar nicht imstande. In West-Berlin herrscht Freiheit. Da erlauben sich die Menschen mehr. Das färbt ab.“ Einige Zeit später verließ ich den Handwerksmeister, schickte ein Kind mit meinem Fahrrad zu den Schwiegereltern und suchte im Dorf das Gespräch mit den Leuten. Mehr oder weniger hatte es sich schon herumgesprochen. Ich fragte den einen und den anderen: „Wie wollt Ihr Euch verhalten? Wollt Ihr Euch nicht solidarisch mit den Bauarbeitern erklären? Die wollen morgen weiterstreiken!“ Achselzucken war alles. Ein bisschen in Rage sagte ich denen: „Dann meckert mir in Zukunft nicht die Ohren voll. Dazu spreche ich Euch das Recht ab.“ Einige wenige meinten: „Wollen sehen, was morgen im Betrieb los ist. Allein können wir nichts machen.“ – „Ich rufe Euch dann an und höre.“

Zu Hause erzählte ich begeistert die Neuigkeit. Schwiegermutter und Frau sahen mich betroffen an und baten mich, meinen Mund zu halten.

 

Der 17. Juni, vor dem Unterricht

Am anderen Morgen stand ich sehr früh auf. Um sechs Uhr fuhr ich schon los. Ich war hochgestimmt und erwartete, dass die Arbeiter wie auf ein Kommando die Arbeit niederlegen und nach Bitterfeld marschieren würden. Ich führte beim Hausmeister, den ich unter einem Vorwand abschieben konnte, mehrere Telefonate mit dem EKB und AGFA-Wolfen. Die Antworten waren nicht gerade so, dass sie meine Begeisterung steigern konnten; im Gegenteil. Missmutig gab ich meine Bemühungen auf. Dann trafen die ersten Lehrer ein. Ich sprach sie an, erzählte ihnen von den Vorgängen in Ost-Berlin; alle waren wenig gesprächig. Man ließ mich stehen. Das war ihnen ein zu gefährlicher Gesprächsstoff. Ein Kollege meinte zu mir im Weggehen: „Willi, des Brot ich eß´, des Lied ich sing!“

 

In der Klasse

Enttäuscht und resigniert ging ich in die Klasse. Nach der ersten Begrüßung kam die jeden Morgen von mir gestellte Frage: „Was gibt es Neues?“ Mit dieser täglichen Frage wurden wichtige Tagesereignisse kurz besprochen. – Keine Antwort. Die Schüler waren nicht nur verschlossen, sondern abwehrend still. Eine Haltung, die ich von ihnen nicht gewohnt war. Wir hatten ein offenes Verhältnis miteinander. Sie wussten, wie ich mich für jeden von ihnen einsetzte bzw. eingesetzt hatte. Ich dachte in diesem Augenblick an Gernoth, den ich aus dem Gefängnis geholt hatte, in dem er sich aber frei bewegen konnte. Man hatte ihn dort untergebracht, weil seine Mutter wegen Republikflucht zu 1 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Jürgen hatte wohl von zu Hause die strikte Anweisung, auf keinen Fall über die Vorgänge in Berlin zu sprechen. Ich stellte die Aufgabe, einen Aufsatz über Gerhard Hauptmanns „Die Weber“ zu schreiben. Selbst hatte ich nicht die innere Sammlung zum Unterrichten. Immer wieder schaute ich sinnend zum Fenster hinaus. Gegen 8.30 Uhr kam ein kleiner Zug FDJ-ler mit Schalmeien-Spielmannszug. Verbittert drehte ich mich um und dachte: „Der Deutsche ist zum Streik nicht fähig.“

 

9.30 Uhr, die Arbeiter kommen

Dann aber, es war so gegen 9.30 Uhr, schob sich eine schwarze Wand wogend vorwärts über die Bahnüberführung dicht an unserer Schule. Die Arbeiter kamen! Vor Erregung schlug mein Herz bis zum Hals. Ich sah, dass die Arbeiter sich gegenseitig untergehakt hatten. Ein jeder zog und schob jeden. Die Fühlung, die Masse, machte sie stark und mutig. Vor der schwarzen Menschenmasse ging ein einzelner Mann: Paul Othma.

Mit gepresster Stimme rief ich den Schülern zu: „Eure Väter, die Arbeiter, kommen. Sie streiken!“ Im Nu sprangen alle auf und standen an den Fenstern. Darauf rief ich: „Für heute ist der Unterricht zu Ende. Läutet die Feuerglocke! Alle sollen es hören! Schreit durch die Gänge: Die Arbeiter streiken! Dann geht nach unten. Da lernt Ihr heute mehr Geschichte als sonst!“

 

Ich war wie in einem Rausch. Zuerst stand ich an der Hoftür. Schüler stürmten aus der Schule. Fenster wurden aufgerissen. Einige Lehrer standen plötzlich neben mir. „Machen wir mit?“ fragte ich sie. Sie standen da, offenbar von dem Ereignis völlig überrascht, unfähig, etwas zu sagen. Vielleicht dachten sie in diesem Augenblick weiter als ich. Sie blieben passiv.

Mit einem inneren Ruck löste ich mich aus der Lehrer- und Schülerschar, trat auf die Spitze des Zuges zu und rief der ersten Reihe entgegen: „Ich bin auch einer von Euch! Ich denke wie Ihr! Ich erkläre mich mit Euch solidarisch! Ich will mit Euch marschieren!“

„Lehrer sind 100%ige!“ rief einer. Othma rief mir zu: „Reihe Dich ein!“ Ein anderer rief: „Gleich in die zweite Reihe! Wenn es knallt, dann bist Du auch dran!“

Ich beteiligte mich an den Sprechchören. Als ich merkte, dass diese sich wiederholten, formulierte ich neue. Das war die Aufgabe, die ich mir nun selbst stellte. Wir kamen an der Feuerwehr vorbei. Arbeiter rissen die bolschewistischen Embleme ab. Ich sah es mit innerer Genugtuung. In diesem Augenblick formulierte ich die erste gegen die Regierung gerichtete Forderung: „Wir fordern den Rücktritt des Ulbricht-Regimes!“ Eine Stimme erscholl von hinten: „Nicht so scharf! Wir streiken gegen die Norm-, Preis- und Steuerschraube!“ Mich kümmerte das nicht. Die Begeisterung riss mich mit. Ich schrie meinen angestauten Zorn gegen die korrupten kommunistischen Funktionäre heraus. Sie sollten weg. Ganz weg! „Rücktritt der SED-Regierung!“ Kaum ein Fenster der Wohnstraßen blieb geschlossen. Alle waren offen. Frauen warfen Blumen auf die Streikenden. Viele winkten, da die Taschentücher zu klein waren, mit Bettlaken. Von dieser Flut der Begeisterung wurden alle angesteckt. Die Bitterfelder Einwohner reihten sich ein. Geschäfte schlossen, die Besitzer und Angestellten gingen mit. Die Stadt befand sich in einem Begeisterungstaumel. Nicht nur von mir, sondern von allen Seiten wurden nun politische Forderungen erhoben, von den Sprechchören angenommen und durch die Straßen geschrieen. Othma, der vorher rückwärts gegangen war, um den Zug im Auge zu behalten, ging nun selbst vorwärts. Er führte den Zug der Streikenden auf die Binnengartenwiese.

 

Auf der Binnengartenwiese, 10.30 Uhr

Ein Lautsprecherwagen der AGFA stand uns zur Verfügung. Othma sprach. Er redete u.a. über diesen erhebenden Tag, der eine einzigartige Solidarität der Arbeiter zeigte.

Was war nun weiter zu tun? Wie sollte es weiter gehen? Der nächste Schritt bahnte sich an. Ein Streikender sagte plötzlich neben mir: „Im Rathaus befindet sich der Anschluss für den Stadtfunk.“ Das teilte ich Othma mit und bat ihn, die Menge ein wenig hinzuhalten. Ich hätte die Absicht, den Stadtfunkanschluss zu holen. Mit zehn Mann liefen wir zum Rathaus. Die Tür war verschlossen. Wir pochten dagegen. Eine Frauenstimme hinter der Tür fragte nach unserem Begehr. Wir forderten das Öffnen des Rathauses und die Herausgabe des Anschlusses für den Stadtfunk. Das wurde uns verweigert. Ich rief: „Dann brechen wir die Tür auf!“ Darauf die Frau: „Wir haben Kinder für unseren Schutz als Geiseln eingeschlossen!“ Ich: „Passiert denen etwas, geht es Euch schlecht!“ – „Wir machen nicht auf!“ schallte es zurück. „Dann holen wir alle!“ Aufgrund dieser Drohung wurde uns geöffnet. „Wo sind die Kinder?“ war meine erste Frage. „Das haben wir nur aus Angst gesagt“, antwortete die Frau. Man händigte uns den Stadtfunkanschluss aus, und ab ging es zum Platz. In ein paar Minuten war der Anschluss hergestellt. Das Mikrofon wurde auf das Dach eines Traktors gestellt. Othma und andere sprachen zu den Menschen. In der Zwischenzeit schrieb ich mir eine Rededisposition auf. Als ich auf den Traktor steigen wollte, drängte sich der gerade herabsteigende Sowada an mich und sagte: „Gib her! Ich erledige das sofort für Dich!“ Ich lehnte das ab mit den Worten, ohne Böses zu denken: „Ein jeder muss das, was er heute sagt, selbst verantworten.“

Als ich dann auf den Traktor stieg, wusste ich: Ich spiele mit vollem Einsatz. Siegen wir, dann ist alles in Ordnung. Bleibt der Russe und das Ulbricht-Regime an der Macht, dann ist Heimat, Arbeit, Freiheit, unter Umständen das Leben in Gefahr. Dann gibt es nur noch eines: Flucht nach West-Berlin. Das waren meine tatsächlichen Gedanken, als ich vor dem Mikrofon stand.

Ich überlegte mir die Anrede. „Genossen und Genossinnen“ konnte ich selbst nicht mehr hören. Darum begann ich mit gepresster Stimme, weil ich selbst nicht wusste, was richtig wäre, mit folgenden Worten: „Deutsche Schwestern und Brüder! Seit acht Jahren warten wir auf die versprochene Einheit und Freiheit, auf ein demokratisches Deutschland. Statt der Demokratie erleben wir eine Neuauflage der Diktatur. Statt der braunen herrscht heute die rote. Nur die Farbe, nicht aber die Art hat sich verändert. Die Angst lastet auf uns. Heute nun sind wir endlich frei. Heute haben wir unsere Geschicke selbst in die Hand genommen. Heute sind wir frei und wollen frei sein. In den Schulen soll nicht mehr der Marxismus, sondern auch der Idealismus gelehrt werden, damit sich die heranwachsende Jugend ihr eigenes Weltbild aufbauen kann. Wir wollen nicht mehr für die Zukunft arbeiten, wir wollen nicht mehr für die Zukunft unserer Kinder arbeiten, wir wollen für uns arbeiten. Wenn es uns gut geht, dann geht es auch unseren Kindern gut, dann ist auch die Zukunft gesichert. Wir erheben die folgenden Forderungen:

  1. Ende der Norm-, Preis- und Steuerschraube!
  2. Beseitigung der Schlagbäume an der Zonengrenze und freier Reiseverkehr in beide Teile Deutschlands
  3. Rücktritt der Ulbricht-Regierung!
  4. Zulassung der im Westen befindlichen demokratischen Parteien!
  5. Wahl einer gesamtdeutschen Regierung auf demokratischer Basis!
  6. Wahl einer provisorischen Regierung für die Sowjetische Besatzungszone bis zur Neuwahl! Die Bundesregierung wird bis zur Neuwahl die Interessen der SBZ bei den vier „Hohen Kommissaren“ vertreten.
  7. Sofortige Freilassung aller politisch, religiös und aus sogenannten wirtschaftlichen Gründen Verfolgten
  8. Meinungs- und Pressefreiheit
  9. Auflösung der SED und Auflösung der Volksarmee
  10. Fortführung des Generalstreiks. Keine Repressalien gegen Streikende
  11. Das Deutschland-Lied ist ab sofort unsere National-Hymne

Über alle Punkte wurde einzeln abgestimmt, weil ich der Meinung war, dass die Menschen wissen sollten, was gefordert wurde. Sie sollten bewusst die Hand heben. Meine Forderungen wurden einstimmig mit der Zustimmung der rund 45.000 Menschen verabschiedet.

 

Danach forderte ich die Streikenden auf, Gruppen zu bilden, die in andere Städte fahren sollten. Sie sollten dort mit den Betrieben Kontakt aufnehmen, damit der für den 18. Juni geplante Generalstreik Erfolg hätte. Insbesondere sollten sie unseren Forderungen den richtigen Nachdruck verleihen. Anschließend wurde von mir die Anweisung erteilt: das Krankenhauspersonal, das E-Werk-, Wasser- und Gaswerkpersonal sowie das Versorgungspersonal bleiben in Arbeit. Die Belegschaften übernehmen die Betriebe. Es wird weiter gestreikt. Während dieser Anweisungen gab es den ersten Zwischenfall: Der Kulturdirektor Hellwig vom EKB hatte sich mit Gewalt an den Traktor gedrängt und wollte über das Mikrofon zur Menge reden. Ich lehnte sein Ansinnen mit den Bemerkungen ab: „Herr Hellwig, wir kennen uns doch. Bei der letzten geheimen Wahl haben Sie aus 32% Ja-Stimmen 68 2/3 % gemacht. Sie haben acht Jahre lang gelogen, Sie haben die Wahl gefälscht, Sie sind ein Wahlfälscher! Für solche Arbeiterlumpen und Arbeiterverräter ist hier oben kein Platz mehr.“

 

Einige Männer packten ihn und wollten ihn durchprügeln. Das unterband ich mit den Worten: „Wer ein Verbrechen begangen hat, soll vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Wir machen uns an einer solchen Kreatur nicht die Finger schmutzig. Acht Jahre lang haben wir auf die Demokratie gewartet. Demokratie bedeutet Humanität und Toleranz, aber auch Freiheit und Recht. Wir wollen nicht mit Blut beginnen. Hitler begann mit Blut und endete unter Mitnahme von Millionen im Blut. Macht eine Gasse und lasst ihn laufen!“

Um die Forderungen auch zur Durchführung zu bringen, musste ein Streikkomitee gewählt werden. Ich schlug vor, dass der Führer Paul Othma ins Komitee gewählt werden sollte. Begeistert fand er die Zustimmung aller. Die einzelnen Betriebe sollten einen Mann nach vorne schicken, der dann gewählt werden sollte. Ich wollte mit dieser Schauwahl verhindern, dass sich trübe Elemente einschlichen. Othma übernahm die weitere Wahl. Zu den Männern gehörte auch Sowada. An irgendeiner Stelle wurde auch ich von Paul Othma hochgerufen, vorgestellt, vorgeschlagen und gewählt. 18 waren es insgesamt.

 

Eine Polizeiaktion führt zur nicht geplanten Wende

Nachdem ich das Deutschlandlied zu unserer Nationalhymne erklärt hatte, sangen wir sie jetzt. Darauf wollte ich die Streikkundgebung gerade beenden, als sich ein Zwischenfall ereignete. Irgend jemand rief: „Man verhaftet am Rande des Platzes Streikteilnehmer!“ In diesem Augenblick standen Göricke, Sowada und Othma hinter mir auf dem Dach des Traktors. Göricke wandte sich mit einer Spontanforderung an mich: „Die holen wir raus! Die befreien wir!“ Ich teilte den Tausenden dieses Ereignis und die Forderung mit und fragte sie: „Wollen wir zulassen, dass man unsere Brüder verhaftet? Wir holen sie raus! Wir befreien sie!“ Ich wusste, dass ich mit dieser Forderung jetzt gegen die bestehende Staatsmacht vorging. Diese sahen wir aber alle schon schwinden. Wir glaubten an unsere gerechte Sache. Jubelnder Beifall, wütende Zustimmung war die Antwort der Menge. Ich gab dann den Einsatz: „Die links auf dem Platze Stehenden marschieren zum Kreispolizeiamt!“ Sowada zu mir: „Ich übernehme die Führung.“ Der Menge rief ich zu: „Der Streikführer Sowada übernimmt das Kreispolizeiamt. Ich übernehme das Gefängnis. X übernimmt das SSD-Gebäude (Staatssicherheitsdienst) rechts am Bahnhof.“ Beim Runtersteigen vom Dach sagte Othma zu mir: „Ich gehe mit zum Polizeiamt.“ Seine Gründe nannte er nicht. Erst viel später erfuhr ich, warum er mitgehen wollte. Sowada war früher einmal bei der Polizei gewesen. Es sagte mir aber nichts. Die Lawine rollte. Die Menschenwogen wälzten sich ihren Zielen entgegen. Als ich in die Leninstraße (früher Lindenstraße) kam, kippten Arbeiter einen Polizeibereitschaftswagen um. Einige Polizisten verschwanden in voller Ausrüstung. Sie wurden von keinem Arbeiter irgendwie belästigt. Ich eilte, so schnell wie nur möglich, zum Gefängnis.

 

Sturm auf das Gefängnis

Die Toreinfahrt zum Gefängnis stand offen. Der Hof hatte eine rechte Winkelform; etwas zurück lag der Eingang zum Gefängnisgebäude. Im Abstand von fünf bis sieben Metern standen wir nun. An der Rückseite kletterten einige die Mauern hoch. Das konnte ich nicht sehen. Zwischen uns und einer von der Gefängnisverwaltung vorgeschobenen Inhaftierten, an ihren beiden Seiten standen Gefängnisbeamte mit angelegtem Gewehr, entspann sich folgender Disput: Frau: „Wenn Ihr nicht verschwindet, soll ich Euch sagen, dann wird geschossen. Die Gefängnisverwaltung will auch so alle Inhaftierten freilassen.“ – „Es werden nur wenige getroffen, dann kann ich für deren Leben, das so nicht in Gefahr ist, nicht mehr garantieren!“ rief ich hoch. Schnell gab ich einigen kräftigen Männern die Anweisung, vorzuspringen. Dann befänden sie sich im toten Winkel der Gewehre. Auf ein Zeichen sprangen sie vor. Von rückwärts kamen da schon einige mit Brechstangen an, und die Tür wurde aufgebrochen. Die Masse strömte herein.

(mündlich erzählte Herr Fiebelkorn es so: „Und ich hab das Gefängnis übernommen, die wollten nicht aufmachen, da habe ich gesagt: „Gut!“ Von hinten, dann mit aller Gewalt, mit unserer Körperkraft, drückten wir die Tür ein. Und als wir dann am Gefängnis dran waren, da sagten sie: „Wenn Ihr noch weiterkommt, schießen wir!“ Sag ich: „Ist gut: Einige werdet Ihr von uns treffen. Ich werde am Anfang mit dabei sein. Aber dann seid Ihr dran. Und dann sterbt Ihr!“ – Die haben nicht geschossen.“

 

Als ich das Gefängnis betrat, trat mit ein Gefangenenaufseher entgegen mit der Bemerkung, dass man ihn geschlagen und am Kopf verletzt habe. Er sah mir aber recht gesund aus. Als man auf meine Anweisung den Verband abnahm, hatte er eine kaum sichtbare Schramme. Er muss wohl gegen etwas gestolpert sein. Dann betrat ich das Büro. Einige Streikende hatten Stricke mit Schlingen in der Hand. Flugge, der Staatsanwalt, den ich von anderen Dingen her kannte, erkannte mich und rief: „Herr Fiebelkorn, helfen Sie mir und uns. Wir haben nur unsere Pflicht erfüllt. Mord ist doch nicht in Ihrem Sinne!?“ – Mit einem Satz war ich auf dem Schreibtisch, unterband Übergriffe. Die Stricke wurden verschlossen, dann sagte ich zu Herrn Flugge: „Verstehen kann ich die Arbeiter, Mord wollen wir aber nicht.“ Flugge: „Die Strafakten habe ich hier schon geordnet. Hier sind drei Stapel: Der erste enthält, die zur Entlassung kommenden, der zweite die Zweifelsfälle und der dritte die, die bleiben sollen.“ Es waren insgesamt 86 Akten. Ich blätterte mit einigen Streikenden die Akten durch, und wir entschieden die Entlassung von 80 Häftlingen. Sechs sollten bleiben, denn diese waren wegen krimineller Delikte eingesperrt. Es gab bei den Betroffenen bittere Tränen. Sie erklärten sich für unschuldig. Sie mussten vorerst in ihre Zellen. Zweiunddreißig andere blieben in meiner Erinnerung. Es waren zwei Gruppen. Die erste sollte am 17. Juni eine 15jährige Zuchthausstrafe in Waldheim antreten, die andere Gruppe von Männern sollte am 19. Juni nach Workuta. Der Streik hat ihren Abtransport verhindert. Sie hatten sich in einer Gastwirtschaft mit einem Funktionär erst gestritten und dann geprügelt. Der Funktionär gab in der Gerichtsverhandlung an, dass diese die Partei und die Funktionäre beleidigt hätten. Da er diese verteidigte, seien sie über ihn hergefallen. Ergebnis: 15 Jahre Waldheim. Die Gründe für die Verurteilung der anderen: Beleidigung der UdSSR.

Sie alle fielen sich vor Freude und weinend um den Hals. Einer fragte, was er nun machen solle. „Bin ich frei? Kann ich nach Hause?“ – „Fahrt nach West-Berlin und wartet ab“, war meine Antwort. Streikende kamen und berichteten, dass die Zellen alle auf und leer seien. Flugge unterschrieb die bereits vorbereiteten Entlassungsurkunden. Dann kam der Gefängnisdirektor und meinte, dass die Versorgung der sechs Kriminellen nicht sichergestellt sei. Man solle sie beurlauben. Man wolle sie, wenn sich alles beruhigt habe, wieder zur Strafverbüßung holen. Plötzlich fiel mir das Frauenzuchthauslager gegenüber dem EKB ein. Ich forderte Flugge auf, telefonisch die Entlassung der Frauen anzuordnen. Flugge kam dieser Aufforderung sofort nach. Streikende fuhren auf meine Anweisung sofort dort hin. Das Überraschende ist hier, dass die Frauen nicht gingen, obwohl sie es durften. Sie wollten von Flugge unterschriebene Entlassungspapiere haben. Wie ich später erfuhr, sind die Frauen drei Tage später ordnungsgemäß entlassen worden. Es handelte sich um Berlinfahrerinnen, die Lebensmittel eingekauft hatten und wegen Devisenvergehen verurteilt worden waren. Die Waffen, zwei Gewehre und einige Pistolen, kamen unter Verschluss. Dann verließ ich das Gefängnis. Den Beamten wurde kein Haar weiter gekrümmt.

(Bei seinem mündlichen Bericht erzählte Herr Fiebelkorn auch von den Umständen in den Zellen: Gefangene mussten im Wasser stehen!)

 

Am Tor kletterte ich auf den Pfeiler und verkündete, dass das Gefängnis geräumt sei. „Die Insassen sind vom Staatsanwalt Flugge selbst entlassen worden. Die Kriminellen hat die Gefängnisverwaltung von sich aus nach Hause geschickt.“ Inhaftierte Streikende waren nicht im Gefängnis. Bei den letzten Worten werde ich an der Hose gezupft. Ein Arbeiter spricht zu mir herauf: „Du sollst ins Rathaus kommen!“ Das bedeutete, dass die Streikenden das Rathaus besetzt hatten.

 

Im Rathaus, ca. 13.30 Uhr

Als ich dort erschien, war das Rathaus voll von Menschen. Am T-Tisch saßen die gewählten Kreisstreikführer. Es herrschte eine unruhige Atmosphäre. Wie ich gar bald erfasste, ging es um die Wahl eines Vorsitzenden. Ich trat an den Tisch und gab bekannt, dass das Gefängnis geöffnet sei, dass die Gefangenen ordentlich vom Staatsanwalt Flugge entlassen worden seien und dass er auch verfügt habe, die Insassen des Frauenzuchthauslagers zu entlassen. Das wurde mit großem Beifall aufgenommen. Ich hatte meinen Bericht kaum beendet, da schlug mich der Kreisstreikführer Heinz Göricke zum Vorsitzenden und Sprecher des Kreisstreikkomitees vor. Ich war völlig überrascht. Man stimmte ab, und ich war gewählt. Wie ich merkte, war meine Wahl eine Lösung für alle. Ich nahm meinen Platz am Rednerpult ein und sagte u.a.: „Ich bin glücklich, das Vertrauen zu besitzen. Ich sehe meine Stellung aber nicht als die eines über alles bestimmenden Führers an, sondern als die eines Gleichberechtigten unter 18.“ Einige im Saal Befindliche, darunter der ehemalige Schulrat Selle, quittierten meine Wahl mit unverhohlener Begeisterung.

Nachdem sich die Erregung ein wenig gelegt hatte, ging ich zur Tagesordnung über. Da waren die auf dem Platz erhobenen Punkte, die auf eine Realisierung warteten. Meine erste Amtshandlung war die Bekanntgabe, dass sich der zweite Bürgermeister zur Verfügung gestellt habe. Er wurde im Amt belassen. Da ich ihm aber nicht das Vertrauen entgegenbringen konnte, wurden vier sachkundige Streikende bestimmt, die ihn überwachten. Dann schlug ich vor, einen provisorischen Oberbürgermeister zu wählen. Ich schlug Herrn Seele vor. Das Komitee beschloss einstimmig seine Einsetzung, Er nahm an. Zum provisorischen Landrat wurde Herr Lieber gewählt. Er war im Finanzamt tätig. Dann warf ich die Frage auf, wie wir mit den anderen mitteldeutschen Städten in Verbindung treten könnten, denn ein Telefonat sei nicht der richtige Weg. Herr Geye von der Bauunion meldete sich zu Wort und sagte, dass sie über einen großen Wagenpark verfügten, und dass Streikende mit den Autos nach Halle, Leipzig, Magdeburg, Leuna und Dessau fahren könnten. Gleichzeitig schlug er eine motorisierte Stadt-Warnsicherung vor. Geye übernahm die Durchführung dieses Einsatzes. Lieber, Streikführer vom Finanzamt, schlug vor, mit einigen Streikenden zur Zeitung zu gehen, um ein Streikblatt drucken zu lassen.

Eine große Gefahr sah ich im Alkoholkonsum. Deshalb schlug ich dem Komitee vor, ein generelles Ausschankverbot zu erlassen. Daneben wurde auch die Schließung der Banken bis auf weiteres beschlossen. Viele notwendige Verordnungen sind mir entfallen. Es waren aber solche, die der Sicherheit und Ordnung dienten. Alle Verordnungen wurden sofort über den Stadtfunk bekannt gegeben. In der Zwischenzeit hatte sich die Menschenmenge im Sitzungssaal merklich gelichtet. Man hatte einen Überblick über die Anwesenden. Eine wichtige Frage hing über unserem Tun und Vorhaben: Wie verhält sich der Russe? Wir betrachteten den Streik als eine innerdeutsche Angelegenheit, die in keiner Weise die Interessen der Besatzungsmacht berührte. Um auch hier Klarheit zu schaffen, um einige Bedenken aus dem Wege zu räumen, verfasste ich verschiedene Telegramme. Ihr Wortlauf war sinngemäß folgender:

 

An die Regierung der DDR, Berlin-Ost-Wilhelmstraße

 

Im Auftrage der Bevölkerung von Stadt und Kreis Bitterfeld teilen wir Ihnen mit, dass Sie für abgesetzt erklärt worden sind. Die Verwaltung übernimmt eine noch zu wählende provisorische ostdeutsche Regierung.

 

Das Kreisstreikkomitee

des Kreises Bitterfeld

gez. Fiebelkorn, Vorsitzender und Sprecher

 

 

An den

Hohen Kommissar der UdSSR

 

Eure Exzellenz!

Wir, die Werktätigen, haben heute die Regierung der DDR abgesetzt, weil diese die Interessen der arbeitenden Menschen nicht vertritt. Unser Streik richtet sich nicht gegen die UdSSR. Wir erwarten, dass Sie sich mit den fortschrittlichen Arbeitern der DDR solidarisch und zur Zusammenarbeit bereit erklären.

 

Das Kreisstreikkomitee

des Kreises Bitterfeld

gez. Fiebelkorn, Vorsitzender und Sprecher

 

 

Gleichlautende Telegramme gingen an die Hohen Kommissare der USA, Frankreichs und Großbritanniens:

Eure Exzellenz!

Wir bitten Sie, sich bei Ihrer Regierung zu verwenden, dass diese gegenüber der UdSSR und in der UNO ihren Einfluss geltend macht, dass unser Streik keine faschistische Erhebung ist, sondern ein demokratisches Begehren der mitteldeutschen Bevölkerung. Sie will die Einheit in Freiheit, auf die sie seit acht Jahren wartet und die ihr vorenthalten worden ist.

 

Das Kreisstreikkomitee

des Kreises Bitterfeld

gez. Fiebelkorn, Vorsitzender und Sprecher

 

Die Besorgung dieser Telegramme übernahmen Sowada, Beyer und Göricke. Als sie zurückkehrten, teilte uns Sowada mit, dass er erst Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Die Telegramme sind durchgegeben und ihre Annahme ist bestätigt worden. Gleichzeitig habe er die Post besetzen lassen. Damit wir auch von der Bahnseite keine Überraschung erlebten, schlug ich die Besetzung des Bahnhofes vor. Eisenbahner erklärten sich für diese Aufgabe bereit. Sie richteten auch eine Nachrichtenstafette ein, falls das Telefon unbrauchbar sein sollte. Ihre Order lautete, den Verkehr sofort stillzulegen, wenn Truppen mit der Eisenbahn transportiert werden sollten. Alle Signale sollten auf Halt gestellt werden. Dazu ist es aber nicht gekommen, denn die Russen kamen später mit Panzern.

In einem weiteren Telegramm wurde auch der UNO-Präsident gebeten, sich für die Freiheit der mitteldeutschen Bevölkerung bei allen Regierungen zu verwenden. Die Übermittlung übernahm Herr Lieber. Alle Telegramme fanden die Zustimmung der Anwesenden, jetzt aber nicht mehr vollzähligen Kreisstreikführer. Diese waren zum Teil im Einsatz, organisierten und griffen, wo es notwendig war, an verschiedenen Stellen der Stadt und in den Betrieben ein. Sie beauftragten z.B. Betriebsstreikführer, dafür zu sorgen, dass besondere Öfen nicht ausgingen usw. Nachdem die anstehenden hauptsächlichen Forderungen und einiges mehr erfüllt waren und die Dinge liefen, trat eine gewisse Entspannung ein. Man war beruhigter und wartete ab.

Um diese Zeit gab es einen Zwischenfall. Ich bemerkte eine Frau, die bei uns am Tisch saß und alles, was wir beschlossen oder besprochen hatten, mit protokollierte. Sie stellte sich als Frau Schrepel vor. Ich fragte sie: „Von wem haben Sie den Auftrag?“ – „Von niemand. Es muss aber doch einer da sein, der alles schriftlich festhält, denn es kann vieles in Vergessenheit geraten.“ Das leuchtete mir ein. Es war richtig. Mein Misstrauen war aber da. Ein wenig später trat sie an mich heran und wies auf zwei an der Tür sitzende Männer und sagte: „Die zwei sind vom SSD. Sie spionieren!“ Gleich ging ich auf die Männer zu. „Was wollen Sie hier?“ – „Ich denke, es herrscht Freiheit der Person. Wir sind hier, um uns zu orientieren. Dass wir Agenten sind, das hat Ihnen die blonde Russenhure, die NKWD-Agentin, gesagt“, verteidigte sich einer. Ich dachte: Auch gut. Wenn wir die Macht haben, dann räumen wir mit diesem gefährlichen Spuk auf. Die beiden Männer verließen den Saal. Frau Schrepel musste alle ihre Unterlagen abgeben. 1957 sollte ich als Zeuge in Lüneburg diese politischen Krähen wiedersehen. Frau Schrepel hielt sich noch eine Zeitlang im Rathaus auf und ist dann, von keinem bemerkt, verschwunden.

 

Gegen 15.30 Uhr erschien eine Delegation aus einem der Wolfener Werke. Ein Angestellter stellte sich und die Delegation vor und sagte: „Ich komme im Auftrage der Verwaltung und der Ingenieure unseres Werkes und teile Ihnen mit, dass auch wir uns mit den Streikenden solidarisch erklären. Wir erwarten von Ihnen sofort und laufend Anweisungen, damit wir unsere Arbeit aufeinander abstimmen können.“ Diese Delegation wurde von mir über alle getroffenen Maßnahmen unterrichtet. Dann fuhr sie ins Werk zurück, um die dort Wartenden zu unterrichten. Ein wenig später kam ein Streikender mit der Frage: „Ein Russe fragt an, ob er mit dem EKB telefonieren dürfe.“ Er bekam die Erlaubnis mit der Einschränkung: „Ja, aber nur in deutscher Sprache.“ Der Streikführer wiederum bekam den Auftrag: „Überwachung des Gesprächs. Sobald es gefährlich wird, sobald der Russe einen für die Streikenden gefährlichen Auftrag gibt, dann unterbrich das Gespräch.“

Gleich darauf gab es eine Bewegung am Eingang. Es wurde laut und erregt. Ich fragte nach der Ursache. Die Antwort:

 

Ausnahmezustand für Berlin und die ganze SBZ erklärt!

Wer dagegen verstoße, habe mit harten Strafen zu rechnen. Alles war wie gelähmt. Der Sitzungssaal füllte sich wieder mit den Kreisstreikführern. Ich besprach mit Paul Othma die neue Situation. Was wir sagten, weiß ich heute nicht mehr. Ich war bedrückt und erkannte die auf uns zukommende Gefahr. Mit unterdrückter Erregung analysierte ich die neu entstandene Lage und unterbreitete den Streikführern folgenden Vorschlag: „Wir müssen aufgeben. Es gibt für uns nur noch einen Weg, wenn wir nicht nach Sibirien oder an die Wand gehen wollen: Flucht nach West-Berlin!“ – Schweigen. Dann stand betont langsam der Kreisstreikführer Heinz Göricke auf und sagte: „Wenn Gefahr droht, dann kneift die Intelligenz, dann lässt sie den Arbeiter im Stich, denn dann haben sie vor Angst die Hosen voll! Wir streiken weiter!“ – Ich antwortete: „Das soll keiner von mir sagen. Ich bleibe im Rathaus, bis der Russe kommt. Ich erwarte aber, dass alle Kreisstreikführer mit mir ausharren!“ – Ein irrationaler Beschluss: Warten auf den Henker, warten, dass er uns alle abführte. Ich kann mir vorstellen, dass Göricke den Ernst der Lage nicht richtig einschätzte. Den meisten war diese bestimmt klar. Ich schlug eine Pause vor. Wir wollten abwarten und sehen, wie sich die Lage veränderte. Kuriere wurden ausgeschickt mit dem Auftrag, die Stadtwachen von der neuen Lage zu unterrichten. Diese sollten auf anrollende Panzer achten und uns, falls sie kämen, sofort im Rathaus Nachricht geben. Dann stand plötzlich Sowada auf und ging aus dem Sitzungssaal, um gleich wieder zurückzukehren mit dem Vorschlag: „Es muss einer nach West-Berlin fahren, um dem RIAS Mitteilung von den hiesigen Vorkommnissen zu machen.“ Ich war gar nicht damit einverstanden. Ich wollte, dass er sich an den unmöglichen Beschluss hielt: Alles bleibt, bis der Russe kommt.

Paul Othma stieß mich an und sagte: „Lass ihn fahren. Ihn hältst Du sowieso nicht. So hat er den legalen Auftrag und kann nach West-Berlin fahren.“ Da sprach aber schon Sowada: „Ich habe ein Motorrad. Ich bin schnell da. Dann kann ich über den RIAS oder Leute vom RIAS selbst den Generalstreik für die ganze Zone durchgeben.“ Er bekam mit Zustimmung der übrigen Streikführer den Auftrag, als Kurier nach West-Berlin zu fahren.

Das war gegen 16.35 Uhr. Da Sitzungspause war, unterhielten sich die Anwesenden in kleinen Gruppen. Ich benützte die Zeit, um Othma klar zu machen, dass die von mir erhobene Forderung: „Alles bleibt hier!“ reiner Selbstmord wäre. Ich schlug ihm vor, die Streikführer in die Betriebe zu schicken. Sie sollten die Arbeiter dort über die neue Lage unterrichten. Im Werk, in der Masse, seien sie sicherer. Mir ging es darum, die Streikführer aus dem Rathaus zu bekommen. Othma willigte ein. Die Streikführer bekamen den Auftrag, in die Betriebe zu gehen, den Arbeitern die neue Lage zu schildern und neue Order abzuwarten. Der neue Vorschlag wurde mit Zustimmung angenommen. Die Kreisstreikführer verließen den Sitzungssaal, um in ihre Betriebe zu gehen. Vier von ihnen blieben bei mir zurück. Othma verabschiedete sich von mir: „Dann bis morgen!“

Kurz darauf erschienen einige Kriminalbeamte. Allerdings nicht, um jemand zu verhaften. Sie wollten nur die Ausweise und die Erkennungsmarken wiederhaben. Einer von ihnen sagte, dass ein Streikender ihn erkannt und ihm diese Dinge abgenommen hatte. Die Gegenstände lagen bei mir auf dem Pult. Ich hatte sie schon ganz vergessen und händigte sie nun den Beamten aus. Was sollte es noch? Es ging, das fühlte ich untrüglich, seinem Ende zu. Die Beamten aber gingen nicht, sondern blieben. Arbeiter waren genügend da. Angst vor einer Verhaftung brauchten wir nicht zu haben.

 

17 Uhr: Die sowjetischen Panzer kommen

Gegen 17 Uhr kam dann die Mitteilung: „In Bitterfeld rollen Panzer und Mannschaftswagen ein. Der Russe besetzt Bitterfeld.“ Dann überschlugen sich die Meldungen: „Der Russe hat den Bahnhof besetzt! Der Russe hat das Gefängnis besetzt! Auf dem Dach des Gefängnisses sind MG postiert. Der Russe biegt mit seinen Panzern auf den Rathausplatz ein!“ Innerlich aufgeregt, äußerlich ruhig, gab ich meine letzten Anweisungen an die vier noch ausharrenden Streikführer: „Haut ab! Hinten über die Mauer! Lasst Euch nicht vom Russen schnappen!“ Dann ging ich. Hinter mir zwei Kriminalbeamte. Die anderen beiden mit Dienstausweis und Erkennungsmarke waren inzwischen gegangen. Einer fragte: „Warum laufen die denn so?“ Gemeint waren die vier Streikführer. „Ihnen tut doch niemand etwas!“ Ich wusste nicht, woran ich war und erwiderte: „Ich kann es verstehen. Wahrscheinlich laufen sie um ihre Freiheit und das Leben!“

Ich ging die Treppe hinunter. Im ersten Stock ein Krach und Auflauf. Ein sowjetischer Offizier (Major?) sieht mich, schreit mich an: „Was, Du Schwein hier? Du Schwein raus!“ Erleichtert ging ich die Treppe weiter hinunter. Was tun? Die beiden Beamten gingen hinter mir. Wollten die mich unten vor der Tür verhaften? Am Portal blieb ich stehen. Ich tat so, als ob ich auf die Proklamation des Ausnahmezustandes hörte. Ich war so unentschlossen, so unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, so regten mich die beiden Beamten, die wie Kletten an mir hingen, auf. Dann plötzlich erscholl wieder die schreiende Stimme des Offiziers: „Wo sein Fiebelkorn? Wo sein der Chief?“ Wir, die Beamten und ich, guckten uns an. Wortlos drehten sich die beiden um und gingen nach oben, und ich stieg die Rathausvortreppe hinunter.

Vor dem Portal standen zwei Mannschaftswagen, voll besetzt mit Sowjetarmisten. Auf dem Vorplatz des Rathauses saßen die Arbeiter im Schneidersitz auf dem Boden. Still waren sie und ruhig und – wie ich es damals sah – herausfordernd still. Ich ging durch die Arbeiter und verließ den Platz. Mein erster Gedanke war: „Zur Schule, das Fahrrad holen, nach Hause und umziehen und dann versuchen, nach Berlin durchzukommen.“ Ich holte das Fahrrad und fuhr von der Schule in Richtung Anhaltsiedlung, die Dessauer Straße entlang. Als ich an die Bahnüberführung kam, hielt kreischend ein Auto. Es war mit Streikführern besetzt. Schnell teilte ich ihnen mit, dass der Russe das Rathaus besetzt und Soldaten und Panzer an besonderen Punkten postiert habe. Außerdem habe der Russe den Auftrag, mich zu verhaften. Sie forderten mich auf, einzusteigen. Ein Junge, der mich kannte, und der wusste, wo ich wohnte (Nestler), brachte mein Fahrrad nach Hause. Ich stieg in den Wagen und fuhr mit den Streikführern, die eigentlich zu mir ins Rathaus kommen wollten, nach Wolfen. Hier traf ich Othma wieder. Ich erstattete ihm Bericht. Othma: „Ist das alles?“ – „Ja“, war meine Antwort.

Dann riet ich allen anwesenden Streikführern dringend, aufzugeben und sich nach West-Berlin abzusetzen. Othma entgegnete: „Unsere Forderung war und ist: Streik! Weiter streiken! Wir bleiben! Ich habe als 12jähriger in Schlesien den Männern, die da kämpften, die Munition gebracht. Ich habe da auch nicht gekniffen. Hier ist das noch etwas anderes. Hier kämpfen wir nicht mit Waffen, sondern mit Geist. Was will der Russe? Das ist eine deutsche Angelegenheit. Wir haben mit ihm nichts zu schaffen. Wir schaden ihm ja nicht als Besatzungsmacht!“ Davon war ich nicht überzeugt. Ich fragte: „Wie soll es weitergehen?“ Othma entgegnete: „Wir streiken in den Betrieben. Hier sind wir in Massen. Die Masse gibt uns Mut!“ Ich war nicht so optimistisch. Leider sollte ich recht behalten. Gegen 20 Uhr fuhr ein Streikauto nach Bitterfeld. Der Autofahrer behauptete, dass er eine wichtige Angelegenheit zu erledigen habe. Othma sagte: „Willi“, gemeint war ich, „fahre mich, damit er, der Fahrer, keine Dummheit macht, und komme dann mit ihm wieder heraus.“ Ich nickte. Othma tat mir leid, aber auch die anderen. Hier enttäuschte ich ihn. In der Anhaltsiedlung hielt der Fahrer. Er sagte, dass er bald wiederkäme. „Gut“, sagte ich, „warte auf mich, wenn Du eher da bist als ich. Ich will schnell essen.“ Mein Gedanke war nur: Umziehen! Andere Kleider an, dass man mich nicht so schnell identifiziert. Das Umkleiden muss sehr schnell vor sich gegangen sein. Übereilt verließ ich das Haus. Die Hauswirtin hörte ich noch rumoren. Dann war ich weg. An Brot habe ich nicht gedacht. Die Erregung ließ keinen Hunger aufkommen. Ich steuerte auf das Auto zu. Ich sah es noch da stehen. Hatte ich überhaupt noch die Absicht, mit zurück zu fahren? Sah ich schon Gespenster? Am Ende der Straße tauchten Männer auf. Sie liefen auf das Auto zu und zogen den Fahrer heraus. Ich sprang schnell in eine Hausnische und verschwand. Nicht über die Hauptstraße, sondern über einen Feldweg, ging ich in die Stadt zurück. In einer Querstraße der Feldstraße suchte ich ein mir bekanntes Rentnerehepaar auf. Dort wollte ich übernachten. Als die beiden von meinem Ansinnen erfuhren, lehnten sie es ab mit dem Hinweis: „Das können wir nicht machen. Wir sind auf unsere Rente angewiesen.“ Es war 20.50 Uhr. Ich stand wieder vor der Haustür. „Wohin?“ dachte ich. Die Straßen waren menschenleer. Ich war unfähig, das Nächstliegende zu denken. Plötzlich hörte ich das Knattern eines Motorrades. Ich drückte mich in den Türschatten. Auf dem Krad saßen ein Mann und eine Frau. Es hielt vor der Tür, vor der ich stand. Da erkannte ich Sowada. Eine Frau, Kochhilfe im EKB, stieg ab. Sowada wollte wieder losfahren. „Nimm mich mit!“ bat ich. „Steig auf!“ sagte er. „Wohin willst Du?“ fragte ich. „Ich weiß selbst nicht, wohin!“ antwortete Sowada. „Sieh zu, dass wir erst einmal aus Bitterfeld in Richtung Wittenberg herauskommen. Wir können beide bei Freunden übernachten.“ Die Muldebrücke war noch nicht gesperrt. Wir kamen unbehelligt rüber und übernachteten in Mühlbeck. Ein Freund und seine Eltern nahmen uns auf. Zuerst bekamen wir Essen vorgesetzt. Anschließend wurden die Ereignisse des Tages noch einmal durchgesprochen. Es stellte sich heraus, dass mein Freund auch dabei gewesen war. Die nächste Frage war natürlich: „Wie geht es nun weiter?“ Ich sagte: „Wir müssen den Morgen abwarten.“ Gegen 23 Uhr trennte sich Sowada von uns. Er wollte bei einem Bekannten in Friedersdorf übernachten. Wir legten uns zur Ruhe. Ich fühlte mich erleichtert und sicher. Zu einer durchschlafenen Nacht sollte es jedoch nicht kommen. Gegen 3 Uhr früh klopfte es an die Tortür. Erschreckt wachte ich auf. Die Mutter des Freundes rief, dass man an das Tor poche. Ich nahm meine Sachen, um durch ein Loch in der Dachgiebelwand zu entkommen. Da rief aber schon mein Freund: „Bleib, es ist Horst Sowada!“ Atemlos und erregt kam er ins Zimmer. „Ich bin durch das Hinterfenster in den Garten entwischt. Man ist hinter mir her!“ Angst stieg auf. Gespannt warteten wir auf jedes Geräusch. Ist Horst den Verfolgern unerkannt und ohne Spur entkommen?

Mit der Morgendämmerung des 18. Juni legte sich die Erregung. Die ersten Arbeiterbusse fuhren. Sie waren mit Arbeitern besetzt, die zur ersten Schicht fuhren. Ein Funke glomm in mir auf: Weitermachen! Gegen 6 Uhr fuhr mein Freund in die Stadt. „Ich will erst einmal die Lage peilen. Dann könnt Ihr Euch entscheiden, was Ihr tun wollt“, sagte er. Gegen 8 Uhr kam er zurück. Ernst sah er aus. „Willy, Du musst weg! Der Stadtfunk plärrt alle paar Minuten Deinen Namen. Er fordert die Arbeiter, aber auch die Kinder, auf, sich an Dich zu klammern, wenn Sie Dich sehen. Sie sollen diesen `anglo-amerikanischen Agenten und Faschisten, der im Dienste des westdeutschen Kapitalismus steht, der die Jugend schon einmal in den Tod geführt und diese nun ein zweites Mal in den Tod führen will, ergreifen und der Polizei übergeben. Ergreift ihn! Führt ihn der gerechten Strafe entgegen!`“ So sinngemäß habe ich das wiedergegeben. Mich beruhigte nur eines: Hier in Mühlbeck suchte man mich nicht. Man vermutete mich in Bitterfeld. Gleichzeitig wurde meine Gewissheit bestätigt, dass es für mich wie für alle Streikführer nur eine Chance gab, unsere Freiheit und unser Leben zu behalten: Wir mussten nach West-Berlin fliehen. Ich hoffte sehr, dass die anderen ebenso dachten und diesen Weg gehen würden. Ganz besonders dachte ich an Othma. Hoffentlich würde sein kluger Menschenverstand an die Stelle des Heroismus treten!

Die Mutter des Freundes machte uns Brote. Es hatte angefangen zu regnen. Die Kirchturmuhr in Friedersdorf schlug neunmal, als wir uns auf das Motorrad setzten. Ich dachte an die Frau, die Schwiegermutter und die Kinder. Es stieg heiß auf. Ich wusste jedoch sehr genau, was ich tat. Ich musste den Weg gehen. Einen Blick noch schickte ich in die Richtung meiner Angehörigen. Ich sagte innerlich: „Auf Wiedersehen!“, dann stieg ich auf das Motorrad, und ab ging es. Es ist ein Glück, dass man nicht weiß, was einem unterwegs alles so begegnet. Wir gedachten, am Abend in West-Berlin zu sein, auch wenn wir Nebenwege, das heißt Feldwege, benutzen wollten. Die Hauptstraßen wollten wir meiden. Aber erst am 28. Juni um 16.59 Uhr sollten wir schließlich die Mitte der Glienicker Brücke in Richtung West-Berlin überschreiten.“

 

Am 25. November 2003 konnte ich Herrn Fiebelkorn und seine Frau in seinem Haus in Hessen besuchen. Wir saßen gemütlich im Wohnzimmer, bei Kaffee und Kuchen, und sie erzählten mir von den Ereignissen:

(Frau Fiebelkorn:) Mein Mann war nicht immer Lehrer, er ist erst 15 Jahre zur See gefahren.

(Herr Fiebelkorn:) Vom Schiffsjungen zum Kapitän, Deutschlands jüngster Kapitän! Und dann wurde ich 44 im Sommer zur Marine eingezogen, ich war vorher in Kiel, Seenot-Rettungsdienst, wir mussten abgeschossene Flugzeugbesatzungen, die sich per Fallschirm gerettet haben, herausfischen, ob Deutsche oder Briten, spielte keine Rolle.

Herr Fiebelkorn erzählte, wie er das Kriegsende überlebte als Kapitän eines Schiffes auf der Ostsee, wie er für seine gesamte Besatzung in Flensburg Entlassungspapiere besorgen konnte und heil nach Hause kam.

 

Wie sind Sie damals auf Seyda gekommen?

(Frau Fiebelkorn:) Wir haben vorher Seyda nie gesehen.

(Herr Fiebelkorn:) Sowada und ich trafen uns am 17. Juni abends vor einem Haus in Bitterfeld, er kam mit dem Motorrad, darauf saß eine Frau, und die hat er da am Haus abgesetzt, da sag ich: „Da kann ich ja bei dir hinten aufsteigen!“ Da sagt er: „Wohin?“, sag ich: „Naja, erst mal bis Mühlbeck, und da können wir übernachten, da hab ich Bekannte“, weil ja der Ausnahmezustand war.

Um 20 Uhr durfte kein Deutscher mehr auf der Straße sein, wer auf der Straße war, wurde erschossen. Aber die hatten alle mit sich selbst zu tun, wir kamen gut über die Brücke, es war noch kein Posten da, und übernachteten in Mühlbeck. Und von Mühlbeck, da sagte der Bekannte. „Ihr könnt nicht zurück: Du wirst schon (gemeint war ich): Du wirst ständig ausgerufen: Die Kinder sollen sich an Dich klammern, Du bist ein Faschist, Du wolltest sie wieder in den Krieg führen.“

So sind wir dann mit dem Motorrad losgefahren Richtung Wittenberg, nicht auf der Hauptstraße, sondern die Landwege gefahren

(Frau Fiebelkorn:) Rechts und links waren ja die russischen Kasernen an der Elbe!

(Herr Fiebelkorn:) Wir setzten dann über. Ist da die Schwarze Elster? Etwa 30 oder 40 Km östlich von Wittenberg.

Ein Fährmann, der dort die Leute übersetzte, und als wir ihn bezahlen wollten, winkte er ab: „Ihr braucht das Geld für viel Wichtigeres als für mich!“ Und dann sind wir mit dem Motorrad weiter gefahren, und dann war der Tank leer. Und dann sagte Sowada: „Vielleicht können wir von einer LPG Benzin holen!“ Und die guckten uns an und guckten das Motorrad an und sagten: „Wir haben kein Benzin!“ Da mussten wir das Motorrad stehen lassen – das heißt also: Die wollten billig zu einem Motorrad kommen.

Und da gings zu Fuß weiter.

Da sagte ich: „Gut! Gehen wir erst mal auf Richtung Seyda, immer nach Norden, damit wir an Ost-Berlin herankommen, da ist die Kontrolle wahrscheinlich nicht so groß.“ Und da sagte dann Sowada zu mir: „Das können wir nicht. Wir müssen unterwegs irgendwo unterkommen!“ - denn der Ausnahmezustand galt ja für die ganze Sowjetzone!

Und da sagte ich: „Weißt Du, wer uns Obdach geben muss! Direkt muss! Ein Pfarrer! Und wenn es nur für eine Nacht ist. Das hat Jesus verlangt!“

Und uns überholte ein Pferdefuhrwerk, und ich rief ihn an, er sollte mal halten. Und fragte, wohin er führe, ob er uns mitnehmen wollte: Hinten Schweinehälften drauf. Dann haben wir zwischen den Schweinehälften gelegen, und wir fuhren bis Seyda. Er sagte: „Ich fahre nur bis Seyda.“ Ich sagte: „Dann fahren Sie bis zur Kirche.“ Da guckte er erst so und sagte: „Aber kein Geld! Ihr braucht das Geld wichtiger als ich!“

„Vergiss, dass Du uns gefahren hast! Meinetwegen in 10 oder 12 Tagen kannst Du darüber reden!“

Und dann sag ich: „So! Jetzt gehen wir zum Pfarrer!“ Hagendorf, etwa ihre Größe, ein bisschen breiter, und betrieb Landwirtschaft – das wissen Sie.

Und ich drängte ihn direkt rein und sagte ihm: „Wir werden gesucht! Mein Name ist so, und das ist der...“ Naja, dann hat er einen Amtsbruder in Bitterfeld angerufen, und der bestätigte, dass Fiebelkorn gesucht wird und dass auf seinen Kopf 50.000 West-Mark stünden; vor allem, ich sollte am 20. Juni mittags 12 Uhr zur Abschreckung öffentlich standrechtlich erschossen werden. Wusste ich aber vorher nicht, auch nicht das mit der Belohnung.

Und da sagte er: „Ich traue Ihnen nicht. Ich bin Vater von 6 Kindern!“ Da mussten wir auf der Bibel schwören, dass ich ich bin. Und dann hat er sich mit einem Pfarrer in Verbindung gesetzt, der Verbindung mit West-Berlin hatte, und der sagte: „Da brauchen wir Passbilder von ihnen!“ Und da schickte er einen, der von uns die Passbilder holte, und die wurden dann in neue Ausweise in West-Berlin geklebt. Dieser gehörte zu einer Gruppe, die nannte sich die Kampfgruppe Marlies. Sie kämpft nicht mit Waffen, sondern gegen das System, und hat sich zur Aufgabe gestellt, Flüchtlinge nach West-Berlin zu bringen. Das war dieser Kampf gegen das System. Und das dauerte insgesamt 10 Tage. Zwischendurch bekam Pfarrer Hagendorf doch kalte Füße, als am 22. Juni ein Flüchtling aus Bitterfeld im Norddeutschen Rundfunk in Hamburg gesendet wurde: „Ich habe mit anderen von einem gewissen Abstand gesehen, wie Fiebelkorn mit vier oder drei anderen Männern und zwei Frauen hinterm Rathaus erschossen worden ist.“

Und da kam Pfarrer Hagendorf noch mal an, und ich sagte: „Um Gottes Willen! Ich bin ich!“ Und da mussten wir noch mal schwören auf der Bibel, und dann erst – ach so, da hatte der andere Pfarrer gesagt: „Schmeiß die raus, die wollen dich reinlegen!“ – und dann hat sich der Pfarrer breitschlagen lassen von Hagendorf und hat noch einmal einen von der Kampfgruppe Marlies nach West-Berlin geschickt, und dann erst – so lange hat das gedauert, dann erst kamen die neuen Ausweise. Und die brachten sie zu uns, und da wurde festgelegt: Die Kampfgruppe Marlies übernimmt die Einschleusung nach Berlin.

Mit dem Fahrrad – Pfarrer Hagendorf besorgte auch Fahrräder, mit dem Fahrrad fuhren wir dann los – mit einem Korb mit Heidelbeeren und Obst – mit zwei Motorrädern. Ein Motorrad fuhr voraus, und das andere kam dann zurück, und stellte es ab und die Vorderreifen in die Richtung, in die wir dann fahren sollten. Die hatten keinen Kontakt weiter mit uns. Und wenn wir dann eingebogen sind, dann war der andere schon voraus und zeigte den neuen Weg und fuhr dann weiter. Und so wurden wir dann bis kurz vor Berlin, ein Vorort von Berlin, wo die S-Bahn aufhört, geschleust, und dann mussten wir in einen Zug steigen. Und da wurde dann gesagt: „In dem Zug bleibt Ihr sitzen bis zur Glienicker Brücke. Es steigen nachher in Ost-Berlin die West-Berliner Arbeiter, die in Ost-Berlin in den Osram-Werken arbeiten, ein, und mit dem Schwarm geht ihr dann an den Posten vorbei, zeigt bloß eure Ausweise, und so sind wir dann in dem Schwarm der West-Berliner Arbeiter nach West-Berlin gekommen.

 

Aber – die West-Berliner Gruppe, die nicht wussten: leben wir, oder leben wir nicht, sind wir Agenten, oder sind wir keine Agenten, haben dann an den Posten auf der Westseite – amerikanischer Sektor, einen Flüchtling gestellt, der uns wirklich kennen wollte, und wenn der den Posten anstößt, das heißt: Wir sind wir! Tut er’s nicht: Und jetzt kommt das Haarige: Wir wären keine 500 Meter in West-Berlin reingekommen, dann hätten sie uns umgelegt. Das war damals so üblich.

 

Also wir sind dann heil nach West-Berlin reingekommen, na ja, und dann waren wir da. Die haben aber auch ihre Leute dagehabt, im Auffanglager, ich war noch nicht 3 Tage da, da setzte der erste Entführungsversuch ein. Und sechs Wochen später in Charlottenburg –

(Frau Fiebelkorn:) Es war alle drei mal eine Buchhändlerin von Bitterfeld, die sowjetischer Spion war und ihr Mann auch, und auch DDR-Spion – und als die am 17. im Rathaus saßen, da hat die stenographiert... 

(Herr Fiebelkorn:) ...und alle Namen aufgeschrieben, die zum engeren und erweiterten Kreisvorstand des 17. Juni gehörten.

(Frau Fiebelkorn:) Und dann sind die Tage später von der SED festgenommen worden und verhört worden und bestraft worden, bestraft in sofern, dass sie eben noch eine Chance hat und noch mal nach Berlin fahren muss und Fiebelkorn ob tot oder lebend in den Ostsektor bringt. Und das hat wieder nicht geklappt. Und dann hat mein Mann aber Angst gekriegt und hat sich ausfliegen lassen nach Hamburg.

(Herr Fiebelkorn:) In Hamburg wurde dann wieder versucht, mich zu entführen, ich habe dann unterdessen meine Bewerbung geschrieben, aber im Allgemeinen wollten die Kultusminister der einzelnen Länder nicht viel mit uns zu tun haben. Geantwortet haben damals Hessen, und als ich dann schon in Hessen war, Nordrhein- Westfalen...

Und in Hessen, in Weilburg, versuchte das aus Thüringen ein Ehepaar, im Auftrag, mich zu entführen. Und die Schrepel ist dann irgendwie, durch irgendeine Sache eingesperrt worden, auch ihr Mann...

(Frau Fiebelkorn:) Die Schrepel war nun hier drüben, sie habt drüben ihre Sache abgesessen, und war nun hier mir ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn. Und die waren sonntags mit einem kleinen VW unterwegs und mussten tanken. Und kamen an eine Tankstelle bei Lüneburg, und da ist ein Tankwart, den sie kennt, den sie verraten hat am 17., der deshalb ins Gefängnis gekommen ist! Und dann hat sie meinen Mann als Zeugen angegeben, dass sie am 17. selber gearbeitet hat, hat das umgedreht. Ach, da haben wir Angst gehabt. Da wurde bundesweit Fiebelkorn gesucht... Und wir wussten nicht, warum. Ich habe gesagt: Das kann eine alte Sache sein...

Jedenfalls wurden der Frau Schrepel die zwei Jahre in Halle angerechnet, sie wurde aber nicht als Flüchtling anerkannt.

(Herr Fiebelkorn:) Dann hatte ich meine Ruhe, das war das letzte.

 

(Frau Fiebelkorn:) Das ganze hat aber ein Jahr gedauert, und ich konnte erst nach einem Jahr mit den Kindern flüchten.

(Herr Fiebelkorn:) Sie stand ja unter Aufsicht.

(Frau Fiebelkorn:) Ich hatte Untersuchungsverhandlungen, 14 Tage, meine Kinder waren bei meinen Eltern. Die Tochter war damals 7 Jahre, der Junge 2. Nun konnten wir auch nicht flüchten, sondern nur die Ferien nützen. So sind wir in den Osterferien dann geflüchtet, mein Bruder hat eine Fahrkarte von Leipzig geholt, nach Rügen, da ist die Patentante von unserer Tochter. Da habe ich gesagt, wenn es klappt, fahren wir nach Rügen, und dann eben wieder zurück. Und dann hat es schon auf der Hintour geklappt. Ich habe sehr große Angst gehabt. Die S-Bahn fuhr noch durch ganz Berlin. Da war keine Mauer, das war ja 54, 61 ist die Mauer erst gebaut. Naja, und dann kamen wir da ins Lager, was ganz furchtbar war, eine Fabrikhalle mit 12 Doppelbetten, unten die Mütter mit Kleinkindern, oben die größeren Kinder. In der ersten Nacht fiel unsere Heike schon von oben runter, die anderen waren ja schon ein Vierteljahr und länger dort, und die hatten sich alle Bretter besorgt, dass sie da ein bisschen anstellen konnten. Es war ja nichts. In der zweiten Nacht hat sie gefroren, da habe ich ihr meinen Pelzmantel hochgegeben, den hat sie mir dann ganz bebrochen, und das war alles noch in West-Berlin nicht so geordnet wie heute... Ich hatte noch einen kranken Fuß, der operiert werden musste. Da bin ich mit Pelzmantel und in Hausschuhen geflüchtet, anders ging´s nicht, dann bekamen wir so 20 Mark, da habe ich mir als erstes ein paar richtige Hausschuhe gekauft, und nachher kamen wir in das neue Lager, da waren zwar auch 6 Betten drin, aber wir drei hatten´s nur belegt.  Überall in den Lagern gab´s keine Milch, und der Junge war noch gewöhnt, eine Flasche Milch am Tag zu trinken. Also beide Kinder hatten Magenverstimmung, und uns ging´s auch so nicht gut, und das musste ich aber verhindern, dass das rauskam, denn vor dem Flug wurden wir untersucht, und wenn ich das gesagt hätte, wären wir nicht weggekommen.

 

(Herr Fiebelkorn:) Übrigens, was vielleicht für Sie interessant sein kann, betreffs Niemöller...

Ich sollte durchfallen... Und Frau Prof Dr. Riemeck fragte: Steht der Student Fiebelkorn zur Prüfung oder der Sowjetzonenflüchtling? Und meine Arbeit wurde vom ersten mit 6 zensiert, und von einem anderen mit 1...

Ich sollte mit aller Gewalt durchfallen. Weil ich den Niemöller als Mitglied des roten Priestertriumpherats bezeichnet hatte...

(Martin Niemöller war Pfarrer in Berlin und stand im Widerstand gegen Hitler, später wurde er Bischof in Westdeutschland, trat gegen die Atombewaffnung auf und pflegte gute Kontakte mit den Regierenden in der DDR und in der Sowjetunion. In der Lehrerprüfung zum Fach Religion hatte er mitzureden; vorher war er in einer Versammlung mit Herrn Fiebelkorn zusammengeraten, weil er andere Ansichten über den Aufbau in der DDR und den 17. Juni hatte. Der Ausdruck „rotes Priestertriumpherat“ bezeichnete den „moskaufreundlichen“ Bischof von Canterbury, den Patriarchen von Moskau und Bischof Niemöller. – Frau Prof. Riemeck hat Ulrike Meinhof großgezogen.)

 

(Frau Fiebelkorn:) Das heißt, uns ging es ganz dreckig. Der Junge 3 Jahre, das Mädchen 7, kein Pfennig Geld. Kriegten wir Fürsorge.

Und wie er dann fertig war mit Studieren, stand er dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, dann musste meine Fürsorge zurückgezahlt werden...

(Herr Fiebelkorn:) Und die Studiengebühren... Wir hatten zum Leben im Monat netto, nach Abzug der Miete 35 Mark!

(Frau Fiebelkorn:) Wir hatten aber immer einen großen Garten... Ich habe beim Bauern gearbeitet, Milch dafür bekommen.

(Herr Fiebelkorn:) Der Schulleiter sagte: „Frisch geschlachtetes darfst Du nicht annehmen, das ist Bestechung!“ Machte ich es auch so. Am nächsten Tag sagte mir der Schulleiter: „Bei mir ist das was anderes: Ich dirigiere den Gesangverein!“

(Frau Fiebelkorn:) Das konntest du nicht!

 

Aber wie kommt es, dass Sie die Streikleitung „dirigiert“ haben?

(Frau Fiebelkorn:) Das war alles ganz spontan.

(Herr Fiebelkorn:) Ja.

(Frau Fiebelkorn:) Wir hatten Gott sei Dank keine Verbindung mit dem Westen. Also, die haben ja ewig meine Wohnung kontrolliert, meine Eltern kontrolliert, aber da war nicht eine Ansichtskarte vom Westen da.

(Herr Fiebelkorn:) Am 16. Juni kam das über den Rundfunk, RIAS, dass die Bauarbeiter in Ost-Berlin gestreikt haben...

Und da habe ich gesagt. Wenn die Arbeiter des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld streiken, dann werde ich mich beteiligen...

Viertel nach Neun: 37000 Menschen schoben sich über die Brücke...

(Er erzählt in Kurzfassung die Ereignisse, wie sie hier bereits berichtet worden sind.)

...Um halb vier etwa wurde dann Ausnahmezustand verkündet. Über die ganze sowjetische Besatzungszone. Dann kam die Ausgangssperre, die ich ja schon eingangs erwähnt hatte, und damit war das mit dem 17. Juni vorbei.... 10 Tage Heulen und Zähneklappern. Da habe ich wieder gelernt zu beten. – Es ist vorbei.

 

Übrigens: die Bevölkerung  vielleicht bis auf 1,2,3,4 Mann – in Seyda stand restlos hinter ihrem Pfarrer. Und die haben verteilt die wichtigsten Bücher nach West-Berlin gebracht, als er im Gefängnis saß, und als die Beerdigung von seinem Vater war, da haben die Frauen sich die Kinder aufgeteilt, als ihre eigenen ausgegeben, und sind dann über Ost-Berlin nach dem Westen gefahren.

 

(Frau Fiebelkorn:) Die älteste Tochter, Meike, hat im Kreis Weilburg (in Westdeutschland) einen Bauern geheiratet und hat auch zwei Söhne gehabt. Sie ist bei einem Autounfall tödlich verunglückt.

 

(Herr Fiebelkorn:) Die älteste hat für uns immer die Zigaretten geholt. Hat dann die eine Verkäuferin gesagt: „Nanu, der Herr Pfarrer raucht also jetzt neuerdings?“  - „Ja!“ hat sie gesagt. Sie hat darüber weiter kein Wort verloren... Dicht gehalten.

 

Wer ihn verraten hat, ist und bleibt weiterhin offen.

Hat einer aus West-Berlin das verraten, der zwar im Widerstandskampf stand, aber eingeschleust war? Ist möglich. Der „Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen“ war durchsetzt.

Möglich ist: Einer der Kampfgruppe Marlies, als sie ihren Erfolg feierten, hat  seinen Namen erwähnt.

Oder hat einer unbewusst in Seyda selbst darüber gesprochen...

Es kann auch sein, dass Sowada ganz ungewollt den Namen Hagendorf bei irgendwelchen vielen Interviews, die er gegeben hat, gefallen worden ist.

Es kann auch von uns gekommen sein.

Sowada ist seit 7 Jahren tot. – Den kann man nicht mehr befragen...

 

Die Frau von Hagendorf, die war ja sehr tapfer. Wer hätte das alles riskiert, wenn man sich das heute überlegt!

 

Wo waren Sie genau in Seyda untergebracht?

 

Wenn wir reinkamen, rechts, da ist gleich die Bibliothek gewesen.

Und dahinter muss auch noch ein Raum gewesen sein. In dem Raum haben wir gewohnt: Sowada und ich...

Pfarrer Hagendorf bat auch darum, dass wir nicht in die Bücherei kommen sollten, weil ja viele kamen, um sich Bücher auszuleihen.

Und einmal war Sowada drüben, wollte sich Bücher abholen, und da kamen zwei Frauen rein, und das war dem Hagendorf sehr peinlich, er hatte sich aber in der Gewalt gehabt und sagte: „Haben Sie denn nun das Nötige gefunden, das sie mitnehmen können für den Vortrag? Wir werden uns nach her noch unterhalten, jetzt will ich erst mal die Frauen abfertigen.“ So hat er die Klippe umrundet.

 

Frau Hagendorf hat gekocht?

Wir sind normal verpflegt worden, ganz normal. Das einzige, was sie mit Sorge betrachtete, war der Zigarettenkonsum.

 

Das wird eine sehr schwere und bedrückende Zeit für Sie gewesen sein! Wenn man nicht weiß: Geht die Tür auf, kommt jemand, was wird? Und für Sie erst, Frau Fiebelkorn!

(Frau Fiebelkorn:)

Für mich, mit den Kindern! Kein Geld, alles war gesperrt. Die katholische Kirche hat uns unterstützt. Mein Mann hatte sich einmal an der Schule für den Religionsunterricht eingesetzt... Sie kamen dann auch einmal zu ihm von der FDJ und sagten, an den Toilettentüren, da hätte es Hakenkreuz-Schmierereien gegeben, es hieß gleich: Das sind Nazis! Mein Mann hat sich dann hingestellt und hat aufgepasst, und als sie wiederkamen, da waren es alles welche von der FDJ...

Verhört worden bin ich von der Polizei, die Kinder hatte ich weiter weg, bei der Mutter, kein Geld – aber ich kann nicht klagen, die Eltern haben uns ja mit allem versorgt, mit Essen, auch mit Anziehen, wir hatten auch einen riesengroßen Garten, wir waren auch Selbstversorger... Ich selber bin schwer kriegsbeschädigt, am Kopf und am rechten Arm...

Wir hatten das Schlafzimmer im 1. Stock, da haben wir wochenlang mit der Wäscheleine geschlafen, weil wir dachten: Wenn sie kommen, dann durchs Fenster runter. War ja Dummheit, wenn zwei zu uns in die Wohnung kamen, waren bestimmt zwei an der Tür...

 

Die Streikleitung von Wolfen und Bitterfeld – kann man das so sagen, war das zusammen, eine Gruppe?

(Herr Fiebelkorn:) Das schloss sich zusammen, dafür sorgte ich, ich war ja auch direkt in Wolfen. Aber nur kurz.

Wolfen - da waren die Ingenieure vorsichtig: Sie sagten: „Wolfen ist Eigentum der Sowjetunion.“  Bis 1953 haben sie für 72 Millionen Mark West Sachen herausgeholt. Sie haben uns natürlich Brot und Getreide geliefert, damit wir nicht verhungerten. Wissen Sie, woher sie das Getreide genommen haben? Das war die Ablieferungsquote an die sowjetische Armee. Die wurde dann Richtung Russland, an die polnische Grenze gefahren. Dort kam dann die sowjetische Sprache – neue Anweisung von einem Ort in der Sowjetunion: Spende nach z.B. „Leipzig - Spenden“. Die Bahner sangen dann: „Nach meiner Heimat zieht´s mich wieder“...

 

Pfarrer Hagendorf – konnten Sie sich mit ihm unterhalten, abends...

 

Er ist ein viel in Anspruch genommener Mann gewesen. Er musste sich die Zeit für uns direkt stehlen.

Der Kontakt mit der Gemeinde! Als wir da waren, ganz besonders. Das es ihn innerlich nicht berührt hat, kann man sich vorstellen, aber er war ein Mann, der sich das nicht anmerken ließ.

Bei 50.000 DM Belohnung, dass sich da kein Judas gefunden hat!

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Auskunft über die Ereignisse gibt auch die Geheimdienstakte, die über Pfarrer Hagendorf geführt worden ist. Am 10. August 1953 wurde sie angelegt, Operation „Äther“, und befasst sich mit einer „Spionagezentrale Blank“ in West-Berlin.

Die Beziehungen, die Pfarrer Hagendorf hatte, werden aufgedeckt: Pfarrer Köhler aus Klöden war sein Freund. Diesen sprach im Mai 1953 bei einer Kirchturmreparatur in Klöden ein Uhrmachermeister aus Wittenberg an, ob er sich nicht an einer „feindlichen Tätigkeit“ mit dieser Organisation beteiligen wolle. Der Pfarrer lehnte ab.

Im vorläufigen Ermittlungsergebnis heißt es am 17.9.:

„Nachdem diese Verbrecher bereits zwei Tage bei Hagendorf verbracht hatten, setzte sich dieser mit dem Pfarrer Köhler, wohnhaft in Klöden, in Verbindung...“ Am 20. Juni, eben zwei Tage, nachdem die beiden Streikleiter in Seyda Zuflucht gefunden hatten, suchte Pfarrer Köhler den Uhrmachermeister auf und bat um Hilfe, sie nach West-Berlin zu bringen. Ende Juni kommt dann ein Brief mit 4 Ausweisen – so steht es in dem Geheimdienstbericht – Pfarrer Köhler hat also scheinbar noch zwei anderen zur Flucht verholfen. Der Pfarrer besuchte die Passbilder – und nach dem Bericht klebte der Uhrmachermeister sie ein.

Pfarrer Hagendorf „brachte dann verabredungsgemäß die zwei Personen

Am 24. August heißt es in einem Schreiben der Staatssicherheits-Bezirksverwaltung Magdeburg an das Ministerium des Inneren in Berlin, Staatssekretariat für Staatssicherheit (Abteilung – IV -): „Nach Rücksprache mit dem Genossen Instrukteur sollen beide Pfarrer festgenommen werden. Um Genehmigung der Festnahme wird gebeten.“

 

Pfarrer Köhler kam gegen Abend mit seinem Auto nach Hause und sah, dass er gerade „abgeholt“ werden sollte. Geistesgegenwärtig kehrte er um, die Geheimdienstleute verfolgten ihn. In Gorsdorf fuhr er auf einen Bauernhof, machte das Tor zu – seine Verfolger fuhren vorbei. Er schaltete das Licht aus und fuhr ihnen hinterher. Sie dachten, er wolle nach West-Berlin, und fuhren deshalb in diese Richtung. Sie kamen nicht auf die Idee, dass er ihnen hinterherfahren könnte! So konnte er fliehen.

 

Die Verhaftung von Pfarrer Hagendorf erfolgte am 17. September 1953. In den Vernehmungen gab er zu, zwei Männer versteckt zu haben. Immer wieder gab es Verhöre. Von einem anderen Beschuldigten heißt es zum Beispiel bei einem wiederholten Verhör, er habe „bisher verschwiegen“, „nähere Einzelheiten über die Verbrechen der vier Personen, die er mit Hilfe der Pfarrer Köhler und Hagendorf nach West-Berlin gebracht hat“, zu nennen. Sie hätten sich in Bitterfeld „aktiv an dem Putschversuch beteiligt, das Rathaus in Bitterfeld mit anderen Personen gestürmt, sowie an Plünderungen und Zerstörungen teilgenommen“. Über die zwei anderen, die nicht in Seyda waren, wird gesagt, sie hätten „Zerstörungen“ an der MTS in Klöden vorgenommen.

Bei gelungener Flucht sollte Pfarrer Hagendorf eine Postkarte erhalten mit dem Inhalt: „Die  zwei Uhren sind repariert.“

 

Wesentliche Ergebnisse der Ermittlungen“: „...Niemals aber wären die amerikanischen Eindringlinge und Okkupanten und ihre neofaschistischen Banditen in Westdeutschland in der Lage, diese verbrecherische Politik durchzuführen, wenn sie nicht von Vaterlandsverrätern, deklassierten, bezahlten Elementen unterstützt würden...

Der Beschuldigte hat durch seine verbrecherischen Handlungen Provokateuren der gerechten Bestrafung entzogen und damit seine feindliche Einstellung gegenüber der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und der friedliebenden Werktätigen aktiv unter Beweis gestellt und nicht zuletzt sein christliches Amt als Pfarrer gröblichst missbraucht.“

 

In der obengenannten Strafsache hat am 30. und 31.3. sowie am 2.4.1954 Termin zur Hauptverhandlung vor dem I. Strafsenat des Bezirksgerichts Magdeburg stattgefunden... Die Hauptverhandlung wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt, jedoch wurde durch Beschluss des Gerichts zwei Konsistorialräten der evangelischen Kirche als Vorgesetzte des angeklagten Pfarrers Hagendorf die Anwesenheit bei dessen Vernehmung (nur bei dessen Vernehmung) gestattet...“

Während für einen anderen in dem Verfahren die Todesstrafe verhängt wurde, waren für Pfarrer Hagendorf 4 Jahre Zuchthaus beantragt. Verurteilt wurde er zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus. Eine Berufung wird abgelehnt: Er ist „zwar nicht zum Teilnehmer an dem Verbrechen anderer geworden, wohl aber Teilnehmer an einer gegen unseren Staat gerichteten Verschwörung. Er hat Boykotthetze gegen unsere staatlichen Einrichtungen sowie Propaganda für nationalsozialistische und militaristische Kräfte, die hinter allen Angriffen gegen den Staat der Arbeiter- und Bauernmacht stehen, getrieben.“

Die „Strafnachricht“ erreichte seine Ehefrau erst Ende August 1954, darin steht, dass er „wegen Verbrechen... zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus“ verurteilt wurde.

 

Die Amnestie zum 5. Republikgeburtstag soll Pfarrer Hagendorf im Herbst 1954 die Entlassung geschenkt haben. Jedoch soll er mit einem Redeverbot belegt worden sein, so dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Aus Anlass eines Sterbefalls durfte er „in den Westen“ reisen und blieb dort, er wurde Pfarrer in Westfalen. Er schrieb an einen Mellnitzer Bauern eine Postkarte: „Gottes Güte ist unendlich. Er schenkt uns heute einen Sohn.“

 

1993 schrieb er seinen alten Konfirmanden, die sich zur Goldenen  Konfirmation trafen, einen Gruß: „`Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe: diese drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.`“ (1 Kor 13) Ich habe mich immer bemüht, den Konfirmanden das doppelte Liebesgebot Jesu: Gottesliebe und Nächstenliebe, zu aktualisieren. Und wenn es geschenkt wurde, dass dieses Gebot konkretisiert wurde, ist das Ziel erreicht.“

 

Anmerkungen  zur Lage in Seyda um den 17. Juni 1953:

Goldkonfirmand Manfred Bloch erzählt (2003) über seinen Vater Gerhard Bloch, 1950 bis Januar  1955 Leiter der Arbeiterkolonie („Diest-Hof“): Der Vater stand im Kampf mit dem Staat um Land, was in die LPG sollte, er brauchte es aber, um die vielen Bewohner des Heimes zu ernähren. Er wurde eingesperrt, nach dem 17.6. ist er freigekommen, weil sie ihm nichts nachweisen konnten. Die Kolonie wurde zeitweise verstaatlicht, eine Leiterin eingesetzt. In einer Nacht, als kein Mann da war, haben die Jungs die drei Fahnenmasten mit dem Hackbeile vor dem 1. Haus abgehackt. – Nach dem 17.6. war Ausnahmezustand, die Eltern waren zur Geburtstagsfeier bei Förster Richter eingeladen. Sie überschritten die Sperrzeit, und schlichen sich durch das Kartoffelfeld. Die Russen entdeckten sie und schossen auf sie.

 

In der Berufsschule in den Baracken hinter dem Schützenhaus hat sich folgendes zugetragen: Der Lehrling Paul Wenzel kommt in die Klasse und ruft: „Jetzt hat der Spuk ein Ende!“ Er nimmt die Bilder von Pieck, Grotewohl u.a. ab. Beifall der Klasse. Ein Lehrer versucht die Jugendlichen zu beschwichtigen. Nach 14 Tagen ist er verschwunden, in den Westen.

 

Aus der Seydaer Schulchronik, von Lehrer Schmalz geschrieben: „Am 15. und 16. Mai 1949 fand die Wahl der Delegierten zum 3. Volkskongress in Seyda und der Ostzone statt. Die Wahl wurde in der Schule eingehend behandelt. Die Schüler der oberen Klassen verfassten Aufsätze und Niederschriften, die von den Lehrern korrigiert und den Eltern zur Unterschrift vorgelegt wurden. (Auftrag) In Seyda hatte die Wahl folgendes Ergebnis: Sonntag, den 15. Mai 1949

Seyda: zur Wahl erschienen:

Erwachsene: 1070 von 1070 Wahlberechtigten.

Jugendliche 56 von 61 Wahlberechtigten

Ja-Stimmen: Erwachsene 596, Jugendliche 34

Nein-Stimmen: Erwachsene 376, Jugendliche 12.

Ungültige Stimmen: Erwachsene: 108, Jugendliche: 10.

Nach angeordneter Revidierung der Stimmen nach Wahlschluss am 16.5.49 ergab sich folgendes Ergebnis:

Ja-Stimmen: 692                Nein-Stimmen: 434                      Ungültig: 40.

...

Am 15.10.1950 Wahl. Wahlbeteiligung 99,14%. 100% davon gaben ihre Stimme den Kandidaten der Nationalen Front.“

 

Viele Menschen auch aus unseren Orten sind in diesen Tagen nach West-Berlin geflohen, insbesondere Bauern. Es gab auch welche, die aufgrund der schlimmen Verhältnisse in den Lagern dort wieder umkehrten und zurückkamen, jedoch war das eher die Ausnahme.

 

Frau Hagendorf organiserte einen LKW, mit dem etliche Seydaer 1954 zum Kirchentag nach Leipzig gefahren sind. Er stand unter der Überschrift: „Seid fröhlich in Hoffnung“.

 

In Jessen gab es – eine Besonderheit am 17. Juni – eine Bauernerhebung. 1.500 Bauern aus der Elbaue zogen nach Jessen. Auch hier wurden Gefangene befreit.

Transparente auf dem Seydaer Markt wurden entfernt.

 

Nachzulesen sind die Ereignisse, insbesondere in Bitterfeld und Wolfen,  auch in dem Buch von Hermann-Josef Rupieper (Hrsg.): „...und das Wichtigste ist doch die Einheit.“ Der 17. Juni 1953 in den Bezirken Halle und Magdeburg. Münster, Hamburg, London 2003.

 

Mehr über Pfarrer Hagendorf kann man im 7. Band der Seydaer Kirchengeschichte erfahren, vgl. auch im Internet unter www.seyda.de.

 

 

 

Brich dem Hungrigen dein Brot.

Die im Elend wandern,

führe in dein Haus hinein!

Trag die Last der andern.

 

Brich dem Hungrigen dein Brot,

du hast´s  auch empfangen.

Denen, die in Angst und Not,

stille Angst und Bangen.

 

Der da ist des Lebens Brot, will sich täglich geben,

tritt hinein in unsre Not, wird des Lebens Leben.

 

Dank sei dir, Herr Jesu Christ,

dass wir dich noch haben

und dass du gekommen bist,

Leib und Seel zu laben.

 

Brich uns Hungrigen dein Brot,

Sündern wie den Frommen,

und hilf, dass an deinen Tisch

wir einst alle kommen.“

 

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 418,

von einem Seydaer Pfarrerssohn gedichtet).

 

 

 

Überliefert ist, dass nach dem niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 die Streikleitung von Wolfen und Bitterfeld im Seydaer Pfarrhaus eine Zuflucht fand. Ihre Flucht gelang. Der Pfarrer wurde einige Wochen später eingesperrt und zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Hier kann man erfahren, was sich in Bitterfeld und Wolfen ereignete, wie die Flüchtenden nach Seyda kamen, was sich im Pfarrhaus zutrug und wie sie frei kamen; was mit Pfarrer Hagendorf geschah. Den Hauptteil bildet der Bericht von Wilhelm Fiebelkorn, der selbst unter denen war, die damals in Seyda Schutz und Hilfe fanden.

 

 

 

 

 

 

Spenden für dieses Heft sollen dem

Christlichen Verein Junger Menschen Seyda e.V.

 zu Gute kommen.





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